Ausgabe November / Dezember 2018 | Brauchtum

Wenn der Nachbar in der Krippe steht

Egbert Schmitt ist ein Mann mit einem besonderen Gespür für Menschen und Gesichter, seinen Mitmenschen verhilft er nicht selten zu einem ­hölzernen Zwilling.

Text: Ursula Lux | Fotos: Wolf-Dietrich Weissbach
Ortshonoratioren

So richtig klassisch gelernt hat Egbert Schmitt das Schnitzen nie. Aber fasziniert hat es ihn von Kindesbeinen an. „Schnitzereien haben mich schon immer magisch angezogen“, erinnert er sich. „Wenn wir im Urlaub im Bayerischen Wald waren, bin ich an keinem Geschäft mit Holzschnitzereien vorbeigekommen.“ – Die horrenden Preise dagegen hätten ihn eher abgeschreckt. Und so begann er mit 30 Jahren einfach nach dem Schnitzmesser zu greifen und anzufangen. „Es war um die Weihnachtszeit, Geld war nicht so viel da, aber eine Familie, und die brauchte eine Weihnachtskrippe, also habe ich halt auf die Schnelle ein paar Holzscheite geholt und angefangen.“ Schmitt hat diese Krippe noch – Maria, Josef und das Kind – in einem Schuhkarton. Mit dem Ergebnis ist er heute nicht mehr so zufrieden, für den Laien ­allerdings ist schon dieses Erstlingswerk gelungen. Entmutigen ließ sich Schmitt nie, er schnitzte einfach drauflos und wurde dabei immer besser. „Ich wollte bewußt keinen Kurs besuchen, sondern meinen eigenen Stil entwickeln“, erklärt er, und dann sei das Ganze „wie eine Sucht geworden“.

Mit den eigenen Eltern begann seine Karriere als Menschenschnitzer

Als die Krippe in der Kirche seiner Heimatgemeinde Hesselbach in die Jahre gekommen war, hat er begonnen, sie zu reparieren. Dabei kam ihm die Idee, der Pfarrgemeinde eine neue Krippe zu schenken. „Aber da sind die mir zuvorgekommen“, erzählt er. Noch bevor er seinen Plan in die Tat umsetzen konnte, hatte die Kirchengemeinde schon eine Rhöner Krippe gekauft. Vielleicht lag es ja auch daran, daß der Prophet im eigenen Land nichts gilt, mutmaßt er manchmal, aber vorbei ist vorbei, ärgern mag er sich darüber nicht mehr. Denn er hat trotzdem eine Krippe gebaut, dann halt fürs eigene Wohnzimmer. Und diese Krippe ist außergewöhnlich. Die Figuren, die da stehen und das Jesuskind bewundern, sind die Menschen aus seinem Dorf: der Altbürgermeister Walter Bötsch, die Tortenbäkkerin Wally Schmitt, der Musiker Häusinger und der Imker Lothar ­Schmitt. „Die sind mittendrin im Geschehen“, das, so Hobbyschnitzer Egbert Schmitt, bewirke doch, daß man sich mit der 2000 Jahre alten Geschichte viel besser identifizieren könne. Und es macht seine Krippe natürlich zu etwas ganz Besonderem: „Es gibt viele schöne Krippen, aber die sagt halt was aus“, meint er.

Aufruhr zum Dorffest

Selbstverständlich stehen auch der Künstler als Hobbyschnitzer, seine drei Kinder als Gesangstrio, seine Frau Traudl als Kerzenverziererin sowie sein Vater, der Schmied, und seine Mutter, die Hausfrau, vor dem Stall von Bethlehem. Mit den eigenen Eltern begann seine Karriere als Menschenschnitzer. Egbert Schmitt wollte eines Tages seinen Vater und seine Mutter schnitzen, weil ihm klar wurde, daß auch sie nicht immer da sein werden. „Wenn man eine gewisse Mimik trifft, dann geht‘s“, stellte er fest.

Die Hesselbacher, die vor der Krippe stehen, erkennen ihre Mitbürger sofort, wenn es auch manchmal Verwechslungen gibt. „Das ist doch der Altbürgermeister“, meint der eine, der andere dagegen: „Der sieht aus wie der Franz Josef Strauß.“ Bei den Festen fotografiert Schmitt „die Leut“ und nach den Fotos werden sie dann geschnitzt. Nur einmal habe ihn ein ehemaliger Schulkollege gefragt, warum er ihn fotografiere, und dann, erzählt Schmitt, „mußte ich mit der Wahrheit rausrücken“. Den hätte er gerne als Kameltreiber in seiner Krippe und er hat ihn auch schon gefragt, aber keine Antwort bekommen. Deshalb ist er bis heute vorsichtig.

Früher Stressbewältigung, heute reines Vergnügen

Ehefrau Traudl findet es „bewundernswert“, was ihr Mann „aus so einem zweidimensionalen Foto rausholt“. Was ihr besonders gut gefällt, ist die Lebendigkeit der Figuren, die ihr Mann schnitzt. „Das eine Kamel in der Krippe lacht, das Christkind langt nach seiner Mutter und spielt mit seinem Füßchen“, so lebendig wie im richtigen Leben. Das allerdings führte auch schon einmal zu einer lu­stigen Episode: Schmitt hatte einen Mann geschnitzt, den er über einen Holzbalken im Garten schauen ließ. Tagelang grüßten die Vorübergehenden, bis sich einer beschwerte, daß der Kerl nie zurückgrüßt, und sich so aufklärte, daß er buchstäblich einen Holzkopf gegrüßt hatte.

Der pensionierte Polizist schnitzt nicht nur Krippenfiguren – auchTänzerinnen haben es ihm angetan.
Der pensionierte Polizist schnitzt nicht nur Krippenfiguren – auchTänzerinnen haben es ihm angetan.

Der ehemalige Polizist Egbert Schmitt hat ein besonderes Gespür für Menschen und Gesichter, sonst hätte er es in seinem Hobby nicht so weit bringen können. Zu seiner aktiven Zeit bei der Polizei war sein Hobby auch ein guter Ausgleich zum Beruf und „Stressbewältigung“ der ganz eigenen Art. So schnitzte er auch seinen Chef bei der Polizei und verpaßte ihm einen beweglichen Arm, mit dem gespielt werden kann, oder er fertigte einen schlafenden Polizisten, der als Buchstütze dient. Wenn früher nur in den Wintermonaten geschnitzt wurde, so wird in den letzten Jahren auch im Sommer das Holz bearbeitet. Und was früher auch der Stressbewältigung für den Polizeibeamten diente, ist jetzt, seit er in Pension ist, ein reines Vergnügen. Die Betonung liegt für ihn freilich auf den Worten Vergnügen und Hobby, Schmitt kann sich nicht vorstellen, „so etwas“ beruflich zu machen. „Ich kann nicht jeden Tag schnitzen, es muß passen“, erklärt er. Er hat es schon erlebt, daß er in seinen Keller ging und es „hat einfach nicht hingehauen“, eine Stunde später, und das selbe Werk war „ein Selbstläufer“. Schnell gingen seine Schnitzarbeiter aber auch über Familie und Dorfgrenzen hinaus. Es sprach es sich herum, daß viel Hesselbacher Bürger hölzerne Zwillinge bekommen hatten, und so blieb es nicht aus, daß auch andere so ein Standbild von sich selbst oder einem nahen Angehörigen wollten. „Als erstes kam ein Ingenieur aus Hambach und fragte, ob ich ihn nicht schnitzen könne“, erinnert sich Schmitt. Seitdem kommen immer wieder Leute. „Der Opa wird 80 und er hat doch schon alles.“ Also bekommt der Hobbyschnitzer ein Foto und den Auftrag, den Opa zu schnitzen. Er macht das gerne, aber das allein füllt ihn auch nicht aus. Immer wieder muß auch einmal was Neues ausprobiert werden.

Weihnachtskrippe

Weihnachtskrippe

Auseinandersetzungen mit den Fragen der Zeit

Und so setzt er oft neue Ideen um. Eine Zeitlang bekamen seine Holzschnitzereien Arme und Beine aus Kupferrohren. „Ich weiß gar nicht mehr, wie ich da drauf gekommen bin“, wundert er sich noch heute. Zur Zeit versucht er sich an Kerbschnitzereien, „das hab‘ ich zu ­Schulzeiten schon einmal gemacht“, erinnert er sich. Dabei werden ­Madonnenfiguren ebenso in Holz ­geritzt wie Beine, die einem imaginären Ziel entgegenlaufen. In einigen seiner Werke setzt sich Schmitt auch philosophisch mit den Herausforderungen unserer Zeit auseinander. Da ist beispielsweise das Bücherregal, auf den Buchrücken stehen Fragewörter, das letzte Buch aber ist aufgeschlagen und enthüllt zwei leere Seiten. „Weil es auf die letzten Fragen keine Antworten gibt“, erklärt der Künstler. In der Ecke seiner Werkstatt steht eine überlebensgroße Frauenfigur, die aus einem Versandkarton herausschaut. „Das ist eine Anspielung auf den wachsenden Online-Versand“, erklärt Schmitt. Alles könne man per Internet haben – am Ende auch den Menschen? fragt er sich.

Wirklicher als die Vorlage

Krippenschnitzer

Einmal bekam er von einem Pensionswirt ein Holzbrett aus Ahorn. „Da war derart der Wurm drin, daß ich‘s nicht im Haus lagern konnte“, erzählt der Hobbykünstler. Dann aber kam die Idee. Aus dem Brett wurden Moses Gesetzestafeln und statt der 10 Gebote steht mit großen Buchstaben darauf „Werte ver Fall“. „Fall großgeschrieben, weil jeder Werteverfall ein eigener Fall ist“, erklärt Schmitt. „Die besten Ideen kommen mir abends im Bett, so kurz vor dem Einschlafen“, beschreibt Schmitt sein künstlerisches Wirken. Dann muß er schnell aufstehen und es „aufschreiben, sonst ist es am nächsten Tag weg“. Ist die Idee erst geboren, geht er möglichst am nächsten Tag gleich ans Werk. Zuerst entstehen immer der Kopf und das Gesicht, „dann arbeite ich mich runter“. Es sei denn, Frau Traudl kommt und findet die Ohren zu groß oder das Gesicht zu dick, flugs landet das Ganze auf dem Abfall und eine neue Figur wird in Angriff genommen. „Das kommt aber relativ selten vor“, betont die bessere Hälfte. Meistens ist sie mit den Werken ihres Mannes sehr zufrieden und vieles davon darf auf keinen Fall verschenkt werden. An fast jedem Stück hängt eine Geschichte. Da ist zum Beispiel der „Hosenscheißer“, der eigentlich eine Frau hätte werden sollen, die Maserung des Fichtenholzstückes hatte Schmitt so gut gefallen. Aber während des Schnitzens wurde aus der geplanten Frau plötzlich ein Junge mit hängenden Mundwinkeln und Händen in der Hosentasche. Den habe ihr Mann früher gerne kleinen Kindern als Mahnung gezeigt. Sie sollten fleißig sein, um nicht auch so ein „Hosenscheißer“ zu werden.

Inzwischen läuft das Haus der Schmitts über vor lauter geschnitzten Figuren. „Man trennt sich halt nicht so gerne“, meint der Hobbyschnitzer und betont: „In jeder Figur steckt ein Stück Herzblut.“

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