Editorial von Wolf-Dietrich Weissbach | Ausgabe März / April 2021

Liebe Leserin, lieber Leser,

Ob mit Gendersternchen und ähnlichen politisch-korrekten Neuerungen die Welt jetzt aber wirklich zu einem besseren Ort wird, Diskriminierung, Rassismus, Sexismus erfolgreich begegnet werden kann? Zweifel sind zumindest berechtigt. Immerhin, die Fachleute streiten und widersprechen sich.

Es erinnert entfernt an die Rechtschreibreform, die, etwa 1996 begonnen, den Nachweis von Sinn bis heute schuldig bleibt. Erinnert sei auch an Eingriffe in Ökosysteme, wie etwa die Ansiedlung des Nilbarsches im afrikanischen Viktoriasee in den 50er Jahren oder – wenn nicht alles täuscht – der Hochwasserschutz in der Lagunenstadt Venedig, was oft genug in Katastrophen mündet. Es hat den Anschein, daß bewußte, verordnete, vielleicht gutgemeinte Eingriffe in gewachsene, natürliche, ökologische und wohl eben auch sprachliche Systeme dazu neigen, gehörig schiefzugehen. Was daran liegen kann, daß die Operateure die Systeme, mit denen sie es aufnehmen, eben doch nicht durchschauen (können) und womöglich Wechselwirkungen vernachlässigen. Und es kann natürlich auch daran liegen, daß solche Projekte politisch torpetiert oder sabotiert werden. Letzteres ist gut vorstellbar angesichts der Tatsache, daß gegenwärtig Haß, Gewalt, Unterdrükkung, Vorteilsnahme und nicht zu vergessen: Dummheit offensichtlich kaum für möglich gehaltene Ausmaße annehmen. Da werden Journalisten, die kritische Fragen stellen, von einem Regierungschef mit Desinfektionsmittel besprüht, Oppositionelle, Kritiker, ja ganze Völker einfach in Lagern weggesperrt. Bei uns bereichern sich Abgeordnete, Sportfunktionäre schamlos. Sicher ist nicht alles gleich verwerflich, es ist nur überhaupt verwerflich und vor allem ist es schlicht unanständig. Und es macht klar – um auf das Gendern zurückzukommen –, wenn jemand etwas gegen Menschen mit anderer Hautfarbe hat, anderer Kultur, anderer Meinung oder was auch immer, wird er sich weder von der Compliance noch von Gendersternchen und im Endeffekt auch nicht von Gesetzen hindern lassen. Sollten Sie sich übrigens noch fragen, was das alles mit Franken zu tun hat? Nun die Kassiererin im Supermarkt kommt aus der Türkei und trägt Kopftuch, der Paketbote ist Afghane, der Pfarrer in der Landgemeinde kommt aus Afrika … Es kann und darf für uns allein darum gehen, uns dem anderen, dem Mitmenschen gegenüber anständig zu verhalten. Und wer sich selbst ehrlich überprüft, weiß: unabsichtlich kränken, beleidigen, gibt es eigentlich nicht. Passiert es etwa aus Unwissenheit dennoch, dann gibt es ein seit Jahrtausenden bewährtes Mittel: Man kann sich entschuldigen. So gesehen ist es unnötig, an der Sprache herumzulaborieren, sie ändert sich von allein und vermutlich sinnvoll.

Wolf-Dietrich Weissbach, Chefredakteur

Wolf-Dietrich Weissbach
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