Editorial von Wolf-Dietrich Weissbach | Ausgabe Mai / Juni 2021

Liebe Leserin, lieber Leser,

Keine Frage, es gibt viele verschiedene Arten, sich nicht zu verstehen. Nicht alle sind gleich erfolgreich, weshalb sich viele Ehepaare oft erst nach Jahren scheiden lassen. Aber man kann Streit, Hass, verletzende Gemeinheiten gleich gar für öffentliche Auftritte ja üben. Es nähme nicht einmal wunder, wenn schon Kurse an Volkshochschulen angeboten würden, bei denen es eben nicht auf Konfliktbereinigung hinauslaufen soll. Spezielle Influencer in den Sozialen Medien gibt es bestimmt. Schließlich haben letztere maßgeblich unsere Streitkultur befördert. Und sei es indirekt, vermitteln doch vor allem die kleinen digitalen Prothesen uns Smartphonikern das Gefühl, eigentlich immer alles zu wissen und folglich auch immer recht zu haben. Und damit hätten wir die wichtigste Eskalationsstufe eines „versauten“ (man kann es nicht anders sagen!) gesellschaftlichen Lebens bezeichnet: Die anderen sind alle dümmer als ich, aber sie wollen mich beherrschen, manipulieren, täuschen. Sich dagegen entschieden, mit besonderem Nachdruck zu wehren, ist also voll legitim. Am besten beginnt man deshalb jedes Gespräch, jedes Aufeinandertreffen mit einer Beschimpfung, einer Beleidigung, einer Herabsetzung, um dem anderen von vorneherein seine Grenzen aufzuzeigen. Das hat zudem den Vorteil, dass man sich gar nicht erst anstrengen muss, eigene Positionen zu begründen. Wobei es allerdings ohnehin nicht die geistigen Tätigkeiten, also die zaghaften Denkversuche, sind, die unserem Hirn die meiste Energie abverlangen. Bis zu 90 Prozent der Energie benötigen die grauen Zellen für unbewusste Abläufe und automatische Prozesse und wohl auch für Wut, Zorn und Aggressionen.

Dennoch erscheint es besonders heute den meisten Zeitgenossen ratsam, normale, logische Abhängigkeiten umzukehren. Man ist also bevorzugt nicht etwa zornig, weil man recht hat und der andere aus Borniertheit das nicht einsehen mag, sondern man hat sowieso schon recht, allein weil man zornig ist, was man sonst ja nicht wäre. In den Sozialwissenschaften nennt man das Megalothymia, das thymotische (von gr. Lebenskraft) Streben mancher, vieler Menschen, von anderen Menschen als überlegen anerkannt zu werden und dieses Verlangen in die Tat umzusetzen. Und plötzlich werden aus Freunden und Bekannten hassverzerrte Fratzen und man hat Glück, wenn sie nicht bewaffnet sind. Kommt wieder runter, Leute! Es ist Mai, der Sommer steht uns bevor, wir müssen zusammenhalten, wenn wir das Schlimmste verhindern wollen! Und lachen und glücklich sein wollen wir auch noch bisweilen.

Mit unserem neuen Wendemagazin möchten wir einen kleinen Beitrag leisten. Viel Freude mit der Lektüre!

Wolf-Dietrich Weissbach, Chefredakteur

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