Editorial von Wolf-Dietrich Weissbach | Ausgabe Mai / Juni 2022

Liebe Leserin, lieber Leser,

Ist es so kalt oder frieren Sie bloß? Wir wissen: In diesen Tagen kommt die Kälte durchaus oft von innen. Anders hält man bestimmte Nachrichten vermutlich gar nicht mehr aus. Daß sich die Betagten nach der Wärme der guten alten Zeit sehnen, können wir insofern verstehen. Freilich denken sie diese über die letzten siebzig Jahre gespannt, in denen es ihnen so im groben Durchschnitt von Tag zu Tag besser ging. Wie es aussieht, muß man nun klarstellen, daß es damit vorbei sein könnte und daß dreimal genesen, aus dem Krankenhaus entlassen, keineswegs bedeutet, ewig zu leben. 

Man muß auch kein Prophet sein, um zu wissen, daß, wann immer der Ukraine-Krieg vorbei sein wird, es lange dauern dürfte, bis tatsächlich wieder halbwegs entspannte Zeiten in Mitteleuropa anbrechen könnten. Obwohl, sehr lange hat es auch nicht gedauert, bis die Welt den Deutschen einen Hitler und seine Mittäter nachgesehen hatte. Zu denken gibt allerdings, daß sich inzwischen sogar die Jungen mehrheitlich ins Vergangene sehnen. Und dies trotz Metaverse und Virtual Reality. Mag sein, daß es den Digital Natives allmählich dämmert, es könnte irgendwie elementare Werte geben, die ihnen vorenthalten würden. 

Blumenwiesen, Träume, die es wert sind geträumt zu werden, zusammenhängender Baumbestand vulgo: Wälder; eßbare Tiere und so Zeug. Gute Filme etwa, nur noch halb soviele neue Romane, improvisierte Liebe. Vielleicht einen Glauben an den Fortschritt, an eine erstrebenswerte Zukunft, nicht bloß eine, die einfach kommt und die so, wie sie kommt, von niemanden gewollt wird. Einfach etwas, das in ihnen „triggert“. Der Schriftsteller Dietmar Dath bemüht dieses wunderbare Wort, vermutlich, um sich im Zweifel von dummen Aussagen distanzieren zu können: „Fortschritt heißt für mich …, daß es eines Tages so viele Weltanschauungen wie Personen gibt.“ … „daß tatsächlich jede Person eine eigene Philosophie hat“. Das hätten wir eigentlich schon erreicht, es wissen nur noch nicht alle. Sobald sie es wissen, werden sie so modern reden, wie der besagte Schriftsteller und spätestens dann erkennen, daß sie direkt in die Hölle geraten sind. 

Vielleicht sollten wir stattdessen, gerade angesichts eines Krieges, den zu beenden uns nicht gelingt, die Menschen, die wir lieben an Händen halten, nur das Nötigste sprechen. Überhaupt mehr Schweigen als dummes Zeug reden. Vielleicht triggert das ja irgendetwas in uns. Und sollte gerade niemand da sein, den Sie festhalten mögen, können Sie in unserer neuen Ausgabe lesen.

Wolf-Dietrich Weissbach, Chefredakteur

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