Ausgabe November / Dezember 2018 | Landleben

Lob, Dank, Preis und Ehr …

Ein Erfahrungsbericht der besonderen, persönlichen Art. Die Kreuzbergwallfahrt eines Ungläubigen.

Text: Lothar Mayer

Reiten, reiten, reiten, durch den Tag, durch die Nacht … So beginnt Rainer Maria Rilkes Erzählung „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“. Der historische Hintergrund ist der erste Türkenkrieg 1663/1664. Ein großes, türkisches Heer war in Ungarn eingedrungen. Kaiser Leopold I. und auch der französische König Ludwig XIV. schickten Soldaten nach Ungarn, die die Türken schließlich besiegten.

23. Internationale Alpenländische Meisterschaft im Fingerhakeln

Auch der junge Cornet aus Langenau zog gegen die Türken ins Feld. Ich habe mich auf der Kreuz­bergwallfahrt im September 2018 zeitweise gefühlt wie einst der junge Cornet. Allerdings muß man gedanklich Reiten durch Gehen, Wallfahren ersetzen. Auch galt es nicht die Türken, sondern nur sich selbst, die eigene Bequemlichkeit zu besiegen. Und die Liebe, auch sie spielte eine Rolle, nämlich die Liebe zu dem heiligen Berg der Franken, zum Kreuzberg.

Einem Mittel- und Oberfranken muß man da schon etwas auf die Sprünge helfen, denn für viele ist diese Zuschreibung mit dem Hesselberg verbunden. Zum Hesselberg in Mittelfranken pilgerten jährlich braune Horden, um sich am Antisemitismus des Frankenführers Julius Streicher zu ergötzen; ein unseliger Zusammenhang. Mir aber geht es ganz ähnlich wie einst Heinrich Heine, der bekannte: „Mon Dieu! Wenn ich doch so viel Glauben in mir hätte, daß ich Berge versetzen könnte – der Johannisberg wäre just derjenige Berg, den ich mir überall nachkommen ließe.“ Ihm ging es in erster Linie um den guten Wein, der im Rheingau wächst, mir viel weniger um das dunkle Bier, das am Kreuzberg gebraut wird, sondern mehr um all die Kindheits- und Jugenderinnerungen, die unlösbar mit dem Kreuzberg verbunden sind. Nach der Aussendungsmesse – sie begann um 5.00 Uhr – startet die Prozession. Das Kreuz vorneweg, ziehen 92 Wallfahrer mit Trompetenklängen und frischem Gesang durch die nachtdunklen, engen Gassen Thüngersheims.

Der erste Tag der Kreuzbergwallfahrt

Die Trompetenstöße verfangen sich in den Mauern und kommen mit leichter Verzögerung zurück. Ein Klangerlebnis am frühen Morgen. Nach dem ersten Aufstieg durch die Weinlage Johannesberg rastet das Kreuz zum ersten Mal an einem kleinen Bildstock und scheint noch ein wenig zu träumen. Darf es auch, denn es geht zunächst um recht weltlich Dinge. Der Wallfahrtsführer Michael Röhm hat das Wort und gibt organisatorische Hinweise. Vor allem Raucher werden gewarnt, daß nicht eine achtlos weggeworfene Zigarettenkippe für eine Spur der Verwüstung durch Unterfranken sorge. Nach monatelanger Trockenheit ein wohlbegründeter Hinweis. Auch die persönlich und vorteilhafterweise täglich zu erledigende Entsorgung des Darmtraktes wird angesprochen: Die Herren rechts, die Damen links lautet die Anordnung, und Wald und Buschwerk gibt es auf der Strecke in ausreichendem Maße.

Die Sonne hatte sich langsam über den Horizont geschoben, und wir starten zu unserer Wallfahrt Richtung Kreuzberg. Zunächst geht es über die schattenlose Hochfläche, die sich zwischen der Taleinsenkung des Mains und dem Gramschatzer Wald aufspannt. Vorbei an abgeernteten Mais­äckern und von der Sonne verbrannten Wiesen. Kaum Getreide auf dieser Strecke, die ja doch zu den Kornkammern Unterfrankens gezählt wird.

Im Laufschritt Gebete und Musik

Musikalisch wird die Prozession von zehn Bläsern begleitet. Vom Flügelhorn bis zur Marsch-Tuba sind fast alle Blechblasinstrumente vertreten; und spielen und gleichzeitig schnell gehen, das will gekonnt sein! Die Leistung der „Kreuzbergmusiker“ – so nennt sich die Truppe – gilt es ebenso zu bewundern, wie jene der Vorbeterin Christel Büttner und des Vorbeters, denen zu keinem Zeitpunkt anzumerken war, daß sie ihre Texte und Gebete im Laufschritt anbieten mußten.

Die Wallfahrer passieren Arnstein auf dem Weg zur Mittagspause in Wülfershausen. In der Pause kann man sich fränkisch-deftig bewirten lassen, ich begnüge mich mit einer Banane und ein wenig Knäckebrot. Um 13.00 Uhr geht es weiter in ­Richtung Endziel der Tagesetappe in Euerdorf. Unterwegs, an einem Zwischenstop bei Wasserlosen, setzt ein  leichter Regen ein, der zunächst gemächlich auf unsere Wallfahrt tropft. Doch es regnet bald stärker, und die Temperatur fällt innerhalb kurzer Zeit, es wird kalt. Die nur luftig bekleideten Wallfahrer drängen sich unter das Vordach der kleinen Kapelle, aber die Aufregung hält sich in Grenzen. Die meisten von ihnen haben schon Schlimmeres erlebt.

Mein Freund und Mitwallfahrer Reinhard erzählt mir, daß es schon Jahre gegeben hat, in denen man beim Verlassen der Kirche in Thüngersheim den Regenschirm öffnen und ihn erst bei der Ankunft wieder schließen konnte.

Nach kurzer Zeit beruhig sich das Wetter, und wir können unsere Wallfahrt trockenen Fußes fortsetzen. Schon zu diesem Zeitpunkt habe ich die Wallfahrt irgendwie als Einheit erlebt, die vielleicht gerade aus der Spannung zwischen den vielen gläubigen Betern und mir, dem ungläubigen Mitläufer, entstehen konnte. Wenn sich zum Gefühl der Einheit zusätzlich Freiheit und ein gewisses Heimatgefühl gesellen, sind die Kriterien echter Spiritualität versammelt, ohne die auch für die Gläubigen – so vermute ich – eine echte Gotteserfahrung nicht möglich ist. Außerirdisches, beseeltes Leuchten in den Gesichtern der Wallfahrer konnte ich zwar nicht entdecken, dafür aber sehr viel Ernst und eine gewisse Hingabe bei der Bewältigung der ungezählten „Rosenkränze“, „Gegrüßet seist du Maria“, „Fünf-Wunden“ und der unterschiedlichen Gesänge. Zu Anfang war mir noch, als täte ich etwas Verbotenes, aber die Gebete  – einem in erzkatholischer Umgebung sozialisierten Menschen wohl vertraut – haben mich gegen die Empfindung der Sonderlichkeit in der Gemeinschaft der Gläubigen gefeit.

Die Gebete erfordern immer noch kaum Aufmerksamkeit, denn sie werden automatisch abgespult. Einer Fürbitte des Vorbeters habe ich mich sehr gerne und mit voller Zustimmung angeschlossen. Er bat darum, daß die Kirche wieder eine Position in der Gesellschaft erringen möge, die ihrer Stimme ein bedeutendes Gewicht verleiht. Das wäre aus unterschiedlichen Gründen wünschenswert, erscheint mir persönlich aber immer aussichtsloser. Denn wer möchte auch schon zu einer Kirche gehören, die sich aufgrund ihres Dogmatismus, ihrer Reformunwilligkeit und ihrer antiintellektuellen Sicht der Gegenwart aus gesellschaftlichen Diskursen verabschieden muß, weil sie von niemandem mehr ernst genommen wird?

Erinnerungssplitter

Eingetaucht ...!
Eingetaucht …!

Schon fast am Ziel der ersten Tagesetappe in Euerdorf angekommen – nach immerhin 45 km – muß eine Wallfahrerin behandelt werden. Ärztinnen sind zur Stelle, kümmern sich.Man wird einfach welk auf den letzten Kilometern. Da auch in Euerdorf das Phänomen des Gasthaussterbens nicht unbekannt ist, war an dem Abend nicht sehr viel zu unternehmen. Alle, die noch etwas Kraft in den Beinen hatten, fanden sich schließlich bei einem Italiener ein. Und bald war ich der Letzte, der unterwegs war. Zeit sich in eigene Gedanken zu vertiefen. Ja, der Kreuzberg, er hatte immer eine besondere Bedeutung in meinem Leben. Wie gerne erinnere ich mich immer noch an die Momente, wenn meine Großmutter ihre Tasche öffnete und mir ein „Moad­stöckje“ (Marktstück) schenkte, das sie von einem Kreuzbergbesuch mitgebracht hatte. Religionsmündig und beweglich geworden, fuhren wir als Jugendliche am Karfreitag regelmäßig auf den Kreuzberg, nicht um geläutert und entlastet durch die heilige ­Beichte zurückzukehren, sondern bestenfalls beseelt von dem starken Kreuz­bergbier. Auch die Zeit als ­Hobby-Entomologe ist wieder gegenwärtig. Am Kreuzberg flog die vielleicht größte und stabilste außeralpine Population des Schwarzen Apollo (Parnassius mnemosyne). Kaum je verpaßte ich in den 90er Jahren die Flugzeit dieses Juwels unter den Tagfaltern. Aber auch an eine sehr große Enttäuschung erinnere mich recht gut. Als die Bernhardiner, die von den Franziskanern bis in die 70er Jahren gehalten wurden, keine mit Schnaps gefüllten Fäßchen um den Hals trugen, wie ich es in einem Bilderbuch gesehen und selbstverständlich auch genauso erwartet hatte, war es das Ende einer Täuschung. Anschließend übermalte ich die Fäßchen in meinem Bilderbuch. Später blieb der Kreuz­berg ein immer wieder gerne aufgesuchtes Ziel. Am 27. Dezember 1989 traf ich z. B. ein Ehepaar aus der thüringischen Rhön. Das Paar hatte die erste Reisemöglichkeit genutzt, um voller Dankbarkeit jenen Platz aufzusuchen, von dem über Jahrzehnte hinweg die Hoffnung auf ein besseres, ein freieres Leben in ihre Wohnung strahlte. Selten zuvor hat der Stahlrohrmast bewegtere Besucher gesehen, als an jenem sonnigen Dezembertag.

Der zweite Tag

Am nächsten Morgen geht es mit Posaunenklängen und kräftigem Gesang gegen 5.45 Uhr weiter. Die Tagesetappe ist mit 35 km angegeben. Besondere Herausforderung: der sehr steile Aufstieg zum Kreuzberg.

Es ist noch stockdunkel und die frühen Pendler warten geduldig an der Saalebrücke, bis die Wallfahrer endlich den Weg frei machen. Es liegt eine schattige Strecke vor uns und nur gelegentlich gibt der Wald den Blick frei. Der Himmel wird heller, hat aber noch nicht endgültig beschlossen, ob er die Sonne durchbrechen lassen sollte oder nicht. Während der Mittagsrast in Aschach besuche ich das Schloß, nutze die saubere Toilette und entspanne dann am Brunnenplatz. Zusammen mit meinem Mitwallfahrer Reinhard gönnen wir uns in der nahen Bäckerei ein Stück Rosinen-Bloatz und eine Tasse Kaffee. Wir erfahren, daß die 82jährige Bäckerin jeden Morgen kurz nach vier Uhr aufstehen muß, um den Laden pünktlich um fünf Uhr öffnen zu können. Sie klagt über die Belastungen durch ihren kranken Mann und auch darüber, daß es an geeignetem Personal fehlt. Sehr irdische Nöte.

Weiter geht es durch abwechslungsreiches Gelände. In den Streuobstwiesen ächzen die Bäume unter der Last der Früchte und immer wieder erscheint der bewaldete Kreuzberg, der Fernsehturm, das Neu­städter Haus und bald erkennt man auch die Walddörfer. Die Erinnerung einer feuchtkalten Verschlossenheit der Walddörfer, die ich bei meinen Wanderfahrten in früheren Jahren gelegentlich verspürte, kehrt zurück. Kaum war Waldberg erreicht, zogen gefährliche Gewitterwolken auf und es begann zu regnen. Nach der kurzen Kaffeepause zeigte sich Petrus aber wieder wohlgestimmt, und wir konnten die letzte Etappe angreifen: die gefürchtete „Kniebreche“. Der tatsächlich sehr steile und steinige Anstieg zum Kreuzberg wurde schließlich aber betend und „das Kreuz verehrend“ spielend bezwungen.

Nach dieser allerletzten Anstrengung geht es auf einem geschotterten Forstweg ebenerdig und zügig dem Ziel der Wallfahrt entgegen.

Mit Posaunenklängen, Glockengeläut und hundertfachem Gesang werden die Wallfahrer begrüßt. Nach der Segnung und der kurzen Ansprache eines Priesters ermahnt der Wallfahrtsführer die Teilnehmer, am Abend nicht mehr Kreuzbergbier zu trinken, als sie mit Würde zu ihrem Bett tragen können. Ja, bei vielen ist der Mut müde geworden und die Sehnsucht nach einer längeren Pause und einem kühlen Bier so groß …

Metapher des Lebens

Zeit für ein Resümee. Die Wallfahrt ist mir zur Metapher des Lebens geworden. Es geht aufwärts und abwärts, es gibt Pausen und steile Anstiege, rutschige, steinige Passagen, die helfende Hand und die „Machtdemonstration“ des Funktionärs, die überzeugten Christen, die Schwer- und Schwerstbeladenen und mich, den „überzeugten“ Agnostiker, den keine Krankheit quält und der in seinem Leben oft das bessere Ende für sich hatte, das aber als unverdientes Geschenk und nicht etwa als Verdienst verbucht. Es ist einfach alles zu haben, außer Mitwallfahrer anderer Hautfarbe; über sie hätte ich mich gefreut. Die Transportfahrzeuge sind ausgeladen. Rucksäcke und anderes Reisegepäck stehen in Reih und Glied vor der Kirche. Man nimmt seinen Koffer, schultert seinen Rucksack und hat einen Sieg errungen, einen Sieg über sich selbst. So einfach kann Siegen sein …

Spätestens jetzt stellt man sich aber die Frage: Warum hat man sich dieser Anstrengung eigentlich ausgesetzt? Als der Cornet auf dem Ritt nach Ungarn einen jungen Franzosen fragte: „Warum sitzt ihr denn im Sattel und reitet durch dieses giftige Land den türkischen Hunden entgegen?“ lächelte der Marquis und antwortete: Um wiederzukehren.

Der Abschied vom und das Wiederkehren in den Alltag war – neben dem Versuch, aus Erinnerungssplittern wieder ein Ganzes zu formen und dem sportlichen Aspekt – sicher ein ganz starkes Motiv für die Teilnahme an der Wallfahrt. Im nächsten Frühjahr (es kam traurig und kalt) ritt ein Kurier des Freiherrn von Pirovano langsam in Langenau ein. Dort hat er eine alte Frau weinen sehen.

So endet die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke. Hätte meine gute Mutter noch erleben dürfen, daß ihr Sohn auf den Kreuzberg gewallt ist, wäre die Hoffnung, daß er vielleicht doch noch zu retten ist und in den Schoß der Mutter Kirche zurückkehrt, in ihr wieder lebendig geworden. Schade, daß sie es nicht mehr erleben konnte.

Für mich endet die Wallfahrt am Kreuzberg. Die meisten Mitwallfahrer ziehen in den nächsten beiden Tagen auf der gleichen Strecke mit den gleichen Zwischenstationen aber mit der frohen Gewißheit zurück, daß nun eigentlich nichts mehr schief gehen kann. In Thüngersheim werden sie jedenfalls wieder mit Glockenklang und einer Messe empfangen.

Und die kleine Öllampe, die zur Aussendungsmesse angezündet wurde, wird nun wieder gelöscht; bis zum nächsten Jahr, bis zur nächsten Kreuzberg-Wallfahrt.

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