Ausgabe November / Dezember 2018 | Natur & Umwelt

Gemeiner Odermennig – Agrimonia eupatoria

Unsere Serie: Heilkräuter vom Magerrasen – Heil aller Welt

Text: Sabine Haubner

23. Internationale Alpenländische Meisterschaft im FingerhakelnWarum diese alte Heilpflanze in Vergessenheit geraten ist und noch auf ihr Comeback wartet, ist schier unerklärlich. Der kleine Wiesenknopf, auch Pimpinelle genannt, verfügt schließlich über so viele Pluspunkte, daß der gesundheitsbewußte Genießer eigentlich nicht an ihm vor­übergehen kann. Spätestens seit dem Mittelalter war der Odermennig als vielseitige Heilpflanze in regem Gebrauch. Seine entzündungshemmenden und adstringierenden Inhaltsstoffe empfehlen ihn für die Saison: als Tee oder Gurgelmittel bei Halsweh und Heiserkeit. „Eine mickrige Königskerze“ ist der spontane Gedanke, wenn man den Gewöhnlichen Odermennig zwischen Juni und September auf besonnten Magerrasen antrifft. Seine kleinen, gelben Blüten sind ähnlich wie bei der imposanteren Heilpflanze an einem langen Stengel ährenartig angeordnet, verwandt sind die beiden deswegen trotzdem nicht. Die Königskerze gehört zu den Braunwurzgewächsen, ihre Miniaturausgabe ist mit der Rose verwandt, kommt aber viel weniger betörend daher. Doch braucht sich der Odermennig weiß Gott nicht in die zweite Reihe zu stellen. Einst genoß er ein wahrhaft königliches Ansehen, wurde von antiken und mittelalterlichen Ärzten geschätzt. „Mannigfach ehrt ihn der Ruf seiner heilsamen Kräfte, besonders zähmt er, zerrieben getrunken, die scheußlichen Schmerzen des Magens“, rühmt ihn um 827 der Reichenauer Abt Walahfrid Strabo in seinem botanischen Gedicht „Hortulus“. Und auch seine volkstümlichen Namen lesen sich wie höchste Ehrentitel: Heil aller Welt, Königskraut, Lebenskraut.

Ein Powerpaket in Sachen Heilkraft, unverständlich, daß es in Vergessenheit geraten ist. Chormitglieder sollten sich gerade jetzt auf dieses Kraut besinnen, wenn sie trotz Erkältung bei Weihnachtskonzerten und -oratorien Stimmkraft beweisen wollen. Ihnen kann der Odermennig, übrigens auch Sängerkraut genannt, als Tee und Gurgellösung gegen Heiserkeit und Halsschmerz helfen. Vor allem die enthaltenen Gerbstoffe (bis zu 10 Prozent) sind für die Wirkung der Pflanze verantwortlich. Sie haben einen positiven Effekt auf Entzündungen von Haut und Schleimhaut, indem sie das irritierte Gewebe adstringieren. Außerdem heilen Flavonoide, Bitterstoffe und ätherische Öle.

Der erste prominente Anhänger dieses pflanzlichen Kosmopoliten lebte in Kleinasien. Mithridates VI. Eupator (132 bis 63 v. Chr.), Herrscher von Pontos, vertraute auf den Odermennig bei Bissen giftiger Tiere und Giftanschlägen. Ihm zu Ehren findet sich im botanischen Namen die Bezeichnung eupatoria. Diese kann aber auch vom griechischen hepar
(= Leber) abgeleitet sein, da die Pflanze seit jeher gegen Leberleiden verwendet wird. Schon der griechische Arzt Dioscurides (um 40 bis 90 v.Chr.) empfahl das Kraut bei dieser Indikation, aber auch bei schlecht heilenden Wunden. Sein Rezept mit altem Schweinefett wurde noch 1600 Jahre später in den Standardkräuterwerken aufgegriffen.

Spätestens im Mittelalter war das vielseitige Rosengewächs in regem Gebrauch, und das nicht nur als Heilpflanze. Die gesundheitlich relevanten Gerbstoffe prädestinieren die Pflanze auch zum Gerben von Leder. Im Zusammenspiel mit den Flavonoiden Quercetin und Apigenin färben sie auch Stoffe gelb.

Dem „Heil aller Welt“ sprachen die Menschen des Mittelalters neben medizinischen auch magische Eigenschaften zu. Die Verquickung beider Einsatzgebiete macht ein Rezept anschaulich, das der kräuterkundigen Äbtissin Hildegard von Bingen (1098 – 1179) zugeschrieben wird. Ein geheimnisvolles Ritual begleitet den Einsatz von Odermennigpillen bei schlechten Säften der Eingeweide. Der Kranke soll fünf bis neun davon nehmen, doch nicht einfach nach Gutdünken. Auf den richtigen Zeitpunkt kommt es dabei an – kurz vor Aufgang der Sonne – und das richtige Verhalten. Der Patient muß sich in einen Lammpelz hüllen, darf sich aber keinesfalls am Feuer wärmen. Sobald die Sonne am Himmel steht,  soll er im Schatten herumspazieren, bis die Wirkung einsetzt.

Der Odermennig wurde auch als mächtiges Hilfsmittel gegen Verwünschungen und Verzauberungen eingesetzt. Ein Rezept für eine von Schadzauber befreiende Kräutermixtur überliefert der Märchenerzähler und Kulturhistoriker Ludwig Bechstein aus den Akten eines Hexenprozesses, der in der thüringischen Rhön abgehalten wurde. Angeklagt war die Geißkäth aus Kaltennordheim und verhört wurden verschiedene Zeugen. Eine dralle Bäuerin schwärzte die alte Frau an, sie habe ihr einen lahmen Arm angehext. Nachdem sie der angeblichen Verursacherin mit einer Anzeige gedroht hatte, kam diese mit einem Bündel Kräuter an, das unter anderem Odermennig, schwarzen Andorn und Teufelsabbiß enthielt. Als sie mit dieser Mischung den Arm der Bäuerin einschmierte, war diese ihre Beschwerden los. Hier half wohl der Aberglaube – und die Kräuter­power dazu.

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