Ausgabe März / April 2026 | Geschichte(n)

Wenn Tote erzählen

Es ist schon faszinierend, wenn Menschen, die Hunderte von Jahren vor uns gelebt haben, ihre Identität preisgeben. Wer schon einmal in das Antlitz der Hildegard von Egisheim, wohl Urgroßmutter des Staufers Friedrich Barbarossa, blicken konnte, wird von dessen ­Lebendigkeit beeindruckt sein. Eine Frau, die vor fast 1000 Jahren gestorben ist, zeigt uns ihr Gesicht. Erhalten hatte sich das durch eine Kalkschicht, mit der man die durch eine Seuche Hingeraffte ­abgedeckt hatte. Einen Blick in eine Zeit, die rund vierhundert Jahre zurückliegt, gewähren uns die Nürnberger „Pestleichen“.

Text: Gunda Krüdener-Ackermann | Fotos: "In Terra Veritas" Bamberg / Stadtarchäologie Nürnberg

Was für ein Glücksfall für die Forschung, als man im Herbst 2023 bei Aushubarbeiten für den Bau eines neuen Seniorenzentrums im Nürnberger Ortsteil St. Johannis auf rund 3000 Skelette stieß! Die C-14-Analyse (Altersbestimmung durch die Zerfallsrate des radioaktiven Kohlenstoffs) und schriftliche Quellen ließen eine eindeutige Datierung der sterblichen Überreste zu: Dieses große Sterben hatte in den Jahren 1632 bis 1634 stattgefunden. Nun sind die eigentlichen Grabungsarbeiten bereits seit einem Jahr abgeschlossen. Es war ganz sicher für die Archäologen eine mühsame Arbeit, dreitausend Skelette zu bergen. In unerträglicher Sommerhitze unter den Grabungszelten, bei schweren Regenfällen im Schlamm stehend, bei Kälte mit klammen Fingern. Ein ehemaliger Supermarkt mit Kühlanlage in Bamberg diente zunächst als Zwischenlager für die geborgenen sterblichen Überreste, bevor diese in Kisten verstaut, jetzt auf weitere Untersuchungen warten.

Der Nürnberger „Pestfriedhof“ machte Furore, gilt er doch bislang als deutschlandweit größtes Gräberfeld dieser Art. Der Begriff „Pestfriedhof“ enthält jedoch zwei Unschärfen: Zunächst einmal intendiert „Friedhof“, dass hier ein planvoll genutztes Areal im Laufe der Zeit mit Gräbern belegt wurde. Das ist mitnichten so, handelt es sich doch um eine recht willkürliche Anordnung von bislang acht aufgelassenen Massengräbern. Weitere sind ganz klar zu vermuten, da jene Seuche nachweislich 25 000 Nürnberger Opfer gefordert hat. Und dann wäre da noch der Begriff „Pest“. Vulgo eher eine Bezeichnung für jede todbringende Seuche. Derzeit klärt das Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig (Max-Planck-Gesellschaft), welcher Erreger nun wirklich für jenes massenhafte Sterben verantwortlich ist. War es hier wirklich das Bakterium Yersinia Pestis, Verursacher der Beulen- und Lungenpest, die Europa als gefürchteter „Schwarzer Tod“ von Mitte des 14. Jahrhunderts bis weit in die Neuzeit immer wieder heimgesucht hat? Oder kommt ein ganz anderes tödliches Virus oder Bakterium in Frage?

Und, wie konnte es geschehen, dass eine Seuche über die Hälfte der damaligen Nürnberger Bevölkerung nahezu ­ungebremst hingerafft hat? Geschichtskennern wird es dämmern. Wir befinden uns mitten im Dreißigjährigen Krieg (1618 – 1648). Im Herbst 1632 war Gustav Adolf mit seinem Schwedenheer im Nürnberger Raum angekommen, um auf Wallensteins Landsknechte bei Zirndorf zu stoßen. Dauerte die eigentliche Schlacht an der Alten Veste nur wenige Stunden, begann bereits mit Ankunft der beiden verfeindeten Heere für die lokale Landbevölkerung der Kahlfraß? Man traf auf eine Landwirtschaft, die sowieso schon empfindlich getroffen war durch die sog. kleine Eiszeit. Besonders Ende des 16. bis weit ins 17. Jahrhundert machte die den Bauern mit ihren Wetterkapriolen schwer zu schaffen. Schon deshalb war die Versorgung der durchziehenden bzw. biwakierenden Heere kaum zu stemmen, waren allein für die „Katholischen“ pro Tag etwa fünfundzwanzig Tonnen Fleisch und fünfunddreißig Tonnen Mehl zu beschaffen. Und auch Gustav Adolf mit seinen rund …

Kleine Eiszeit, Schwedenheer und Wallensteins Landsknechte

… 28 000 Männern wollte alimentiert sein. Gerne „überredete“ man verstockte Bauern zur Herausgabe ihrer letzten Vorräte mit einer „rustikalen Variante“ des modernen Waterboardings, dem berüchtigten „Schwedentrunk“. Wer konnte, packte seine Habseligkeiten und versuchte so schnell wie möglich, dem ganzen Terror hinter den schützenden Mauern der Reichsstadt Nürnberg zu entkommen. Und hier herrschte bald drangvolle Enge. Straßen und Gassen oft voller Fäkalien von Mensch und Tier, die ungebremst das Trinkwasser kontaminierten. Ein idealer Nährboden für Krankheiten aller Art.

Soweit eine knappe Situationsschilderung, die klar macht, warum der Tod – mit welchem Erreger auch immer – bei einer durch Krieg geschwächten, auf engstem Raum zusammengepferchten Bevölkerung in jenen Jahren ein leichtes Spiel hatte. Man geht davon aus, dass in der Stadt ab Herbst 1632 pro Woche durchschnittlich zweihundertvierzig Menschen starben. Die Anlage der Gräber lässt jedoch vermuten, dass das Sterben in jenen zwei Jahren mal abebbte, mal wieder anwuchs oder aber auch, dass die Seuche erst allmählich Fahrt aufnahm. Aus welchen Gründen auch immer, konnte man sich bei Grab Nummer 3 offensichtlich Zeit mit der Bestattung lassen. Hier ruhen auf einer Fläche von 5,5 auf 4,7 Meter fünfhundert ordentlich nebeneinander geschlichtete Skelette, die Zwischenräume mit Säuglingen und Kleinkindern „gefüllt“. Bei den Gräbern Nummer 6 und 8 hingegen fühlt man sich an die in Seuchenzeiten durch die Gassen ziehenden Leichenkarren erinnert, auf die man die Toten geworfen hat, um sie eilends in eine ausgehobene Grube zu kippen. Ohne Leichentücher, teilweise kopfüber, mit in alle Richtungen ragenden Gliedmaßen scheinen hier die Skelette in einer Art danse macabre vereint. Dennoch finden sich gerade bei diesen Toten die meisten Gegenstände aus jener Zeit – ganz sicher keine Grabbeigaben. Vielmehr hat man den Leichen ihre wenigen Habseligkeiten gelassen, fürchtete man sich doch vor Ansteckung. So kann man hier vereinzelt Schmuckstücke, Münzen, aber auch Reste von Kleidungsstücken entdecken. Besonders berührend ein Lederschühchen eines wohl einjährigen Kindes. Aber auch Reste von Leder- und Fellkappen, ja Teile eines gerafften Rockes oder eines Mantels mit zwei Knopfreihen, der vielleicht einer wohlhabenden Frau gehört hat. Ein Fingerhut, ein Bronzelöffel, verschiedene Perlen …

Seuchentod oder letale ­Blutvergiftung?

Sind Funde von Artefakten für die archäologische Forschung besonders wichtig, so gilt das auch für scheinbare Nebensächlichkeiten. Da wäre z. B. der Friedhofskäfer mit dem monströsen Namen Rhizophagus parallelocollis, ein unscheinbares Insekt, das wenig Interesse an den Toten selbst hat. Vielmehr mag er lockeres Erdreich, das ihm frisch aufgeschüttete Gräber in frostfreien Zeiten zuhauf bieten. Aus seinem Fehlen kann wiederum geschlossen werden, dass eine Bestattung im Winter zu verorten ist. Somit ist der kleine Kerl äußerst hilfreich für die jahreszeitliche Einordnung der Gräber, ja für deren Chronologie generell.

Andere Fundstücke stellen die Wissenschaftler zunächst vor Rätsel, vor allem wenn sie lose irgendwo rumliegen, Personen nicht direkt zuordenbar sind. Da gibt es etwa metallene Bänder, deren Zweck zunächst Rätsel aufgibt. Es handelt sich um sog. Fontanellenbänder, die rein gar nichts mit den Lücken kleinkindlicher Schädelknochen zu tun haben. Vielmehr offenbaren diese hier den üblichen medizinischen Standard Nürnbergs zur Zeit der Seuche. Immer noch fühlte man sich der Vier-Säfte-Lehre des antiken Arztes Galen verpflichtet, der nun mal schon rund vierzehnhundert Jahre tot war. Krank war der Mensch gemäß dessen Lehre, wenn Blut, Schleim, schwarze und gelbe Galle nicht im Fluss waren. Aus Therapiegründen schnitt man gerne mal eine kleine Rinne in Arm oder Bein, die sog. Fontanelle, platzierte dort einen Fremdkörper, der mittels eines solchen Metallbandes fixiert wurde. Nichts anderes als eigentlich krank machender Eiter floss dann aus einer ständig offenen und entzündeten Wunde. Sarkastisch ausgedrückt hat manch einer vielleicht so den Seuchentod durch eine letale Blutvergiftung umgehen können.

Skelett Nummer 827

Den Grabfunden nach zu urteilen, setzte man zuweilen auch auf Quecksilberpillen als Heilmittel. Wie weit die Nürnberger jener Zeit generell mit diesem Gift kontaminiert waren, mit dieser Frage beschäftigt sich derzeit ein Institut im italienischen Siena. Mit den rund 3 000 Skeletten, die fast 10 % der damaligen Nürnberger Bevölkerung repräsentieren, lässt sich somit eine Menge über viele Facetten des medizinischen Standards sagen. Auch andere Fragen wie nach der Knochen- und Zahngesundheit, Mangelerscheinungen usw. können erforscht werden.

Exemplarisch steht dafür Skelett Nummer 827. Die vorläufigen Untersuchungen ergaben, dass es sich hierbei wohl um eine Frau zwischen dreißig und vierzig Jahren handelt. Mit ihren 1,53 bis 1,56 Metern war sie auch für die damalige Zeit eher klein. Man fand sie in einer leicht sitzenden Position, die rechte Schädeldecke wohl durch Feuchtigkeit beschädigt. Ihre Zähne waren auf den ersten Blick in gutem Zustand, wären da nicht einige durch Karies zerstörte Backenzähne. Ganz sicher lange eine Pein – die täglichen Zahnschmerzen! Auch Entzündungen der Knochenhaut an den Unterarmen und Beinen werden jener Nürnbergerin immer wieder Schmerzen bereitet haben. In jedem Fall alles recht unangenehm, wenn man bedenkt, dass es damals kaum echte Linderung gab.

Derzeit sind die Forschungsarbeiten mit den Nürnberger „Pesttoten“ work in progress. Ziel ist es zunächst, möglichst viel über das Leben und Sterben der Nürnberger jener Jahre zu erfahren. Ganz sicher werden die Toten im Laufe der Zeit immer mehr Geheimnisse preisgeben. Ob sie uns in näherer Zukunft als konkrete Individuen wie jene Hildegard von Egisheim gegenüberstehen, ist dennoch fraglich, waren sie doch in der Regel keine historischen Persönlichkeiten. Vielleicht macht es das geradezu detektivische Zusammenspiel aus Archäologie, Anatomie, Forensik und 3D-Technik dennoch einmal möglich, dass uns Nummer 827 ihr Gesicht zeigt. Gibt es auch Material, um die DNA jener Frau zu entschlüsseln, werden wir sogar ihre Haar- und Augenfarbe erfahren. Und – wer weiß – vielleicht hatte jene Nürnbergerin ja Sommersprossen…?

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