Heimat für die Ohren
Zum 9. Mal fand im Nürnberger KunstKulturQuartier das Heimatfilmfestival statt. Das Motto: „Musik im Film. Heimat hören.“
Text: Gunda Krüdener-Ackermann | Fotos: Wolf-Dietrich Weissbach

Die Besucher des Festivals waren eingeladen, in einer beeindruckenden Vielfalt von Spiel- und Dokumentarfilmen Heimat nicht nur mit den Augen, sondern auch mit den Ohren zu entdecken. Denn ein Film ohne Musik ist kaum denkbar. Oft nicht bewusst wahrgenommen, schafft Filmmusik Atmosphäre, lenkt Emotionen, begleitet leitmotivisch Szenen oder Charaktere, kann Wahrnehmungen steuern … Musik, gleich welcher Art, ist beileibe nicht nur Beiwerk, sondern oft auch zentrales erzählerisches Element, ja zuweilen sogar Gegenstand des Films. Somit macht Musik als sich immer wieder neu erfindendes, lebendiges Kulturgut gerade Heimat intensiv erfahrbar, denn das Zusammenspiel von besonderen Klängen und Bildern kann mitnehmen in Regionen und Länder, ja an unverwechselbare Orte. Musik, ob instrumental oder gesungen, das sind ganz klar – wie es der oberfränkische Bezirksheimatpfleger Prof. Dr. Günter Dippold in seinem einführenden Vortrag festhielt– „akustische Zeichen regionaler Zugehörigkeit“. All das in den Einführungsvorträgen theoretisch Ausgeführte konnte man gleich zu Beginn der Filmtage hautnah erspüren.


Eröffnung
Mit dem Tango in ein besseres Leben
Das Prélude erzählt unmissverständlich: Über Argentinien auf der anderen Seite der Erdkugel muss eine ganz besondere Schwermut liegen. So entführt uns die Tragikomödie „Adíos Buenos Aires” von German Kral in die Welt des dunkel-schimmernd melancholischen Tango Argentino, aber auch in die des glücklosen Schuhhändlers Julio Färber. Der will weg aus Buenos Aires, diesem Moloch aus grauen Wolkenkratzern, Chaos auf den Straßen und im alltäglichen Leben. Nichts funktioniert. Julio ist es leid, in diesem Land voller Korruption und Vetternwirtschaft immer sein Leben irgendwo auf der Verliererseite fristen zu müssen. Wir befinden uns im Jahr 2001, als es zu Massenprotesten gegen die Misswirtschaft und den damals drohenden Staatsbankrott kommt. Einblendungen von Originalszenen verorten den Film in jene turbulenten Tage. Julio sieht für sich und seine Tochter die einzige Chance für ein besseres Leben, zurück ins Land seiner Vorfahren, nach Deutschland auszuwandern.
Gerade als er dabei ist, seine Zelte abzubrechen, fährt ihm die allzu forsche Taxifahrerin Mariela das Auto zu Schrott. Kein Problem: Schließlich ist man ja versichert. Eigentlich. Aber die junge, alleinerziehende Mutter spart sich das Geld dafür und fährt auf gut Glück mit gefälschten Papieren. Tito, Julios schlitzohriger Freund, hat eine Autowerkstatt und verspricht, das demolierte Vehikel wieder topfit zu machen. Aber alles, was sich daran noch zu Geld machen lässt, verschwindet: die Scheibenwischer, die Räder, der Motor. In ihrem Unglück sind die kleinen Leute miteinander auf fatale Weise verbunden. Jeder muss zusehen, wo er bleibt, haut sich noch gegenseitig übers Ohr. Wäre da nicht der Tango. Man trifft sich im Club Glorias Argentinas – welche Ironie schon der Name –, dessen Leuchtbuchstaben über dem Eingang von einem Kurzschluss zum nächsten zucken. Wenn Julio mit einem Mal selbstversunken sein Bandoneonspiel beginnt, dann ist sie mit Händen zu greifen – die unendliche Sehnsucht, die Leidenschaft, die Melancholie … Dann sind er und Tito, jetzt Bassist, tief miteinander verbunden. Zusammen mit dem Geiger Atilio und dem dicken Carlos am Klavier, dem ewig glücklosen Lotteriespieler, tauchen sie ein in den Zauber ihrer Musik.

Es kommt natürlich wie es kommen muss: Julio verliebt sich in Mariela: Sie und der Tango lassen ihn wissen, wo seine Heimat wirklich ist. Und hat man nicht doch auch hier eine Chance, wenn auch nur eine aberwitzig kleine? Mariela zeigt Julio beim Steine flitschen auf dem Wasser, dass man sogar die Physik austricksen kann. Hat man nicht auch in Buenos Aires, in Argentinien eine Chance auf ein besseres Leben? Selbst wenn dieses Land „eine einzige Ruine ist“? Aber mit was für einer wunderbaren Musik!

Die subversiven Kräfte der Musik
Völlig anders präsentiert sich der 1972 in der DDR entstandene 24-minütige Schwarzweiß-Streifen „Struga”. Im Gespräch erzählt der Regisseur Konrad Hermann, dass dieser subversiv-anklagende Dokumentarfilm erst nach abgeschlossener Produktion von den kulturpolitischen Kontrollinstanzen als solcher erkannt und schleunigst ausgemustert wurde. Ab damit in den „Giftschrank“! Denn letztendlich konterkarierte das hier Gezeigte den demonstrativ zugewandten Umgang der DDR mit der sorbischen Minderheit, war die doch zuvor im NS-Staat in ihrer Existenz bedroht. In poetischen, fast traumhaften Bildfolgen entlang des Gedichtzyklus „Oh Heimat, dreckiges Schlaraffenland“ von Kito Lorenc, untermalt von der Musik Johann Raupps, entsteht eine besondere Stimmung. Ganz behutsam wird hier die Trauer der Bewohner von an der Struga (Nebenfluss der Spree) gelegenen Dörfern über den Verlust ihrer Heimat nachempfunden. Ohne Worte berichten verschiedene Filmsequenzen von der Zerstörung der dortigen Kulturlandschaft. Ruinen von Häusern, Fenster und Türen aus den Angeln, kaputtes Kindespielzeug, verstreut im alles überwucherndem Gras … Noch biegen sich Bäume und Gräser sanft im Wind. Alte Frauen schreiten geradezu gespenstisch in ihren weißen Hauben und Kutten, alte sorbische Weisen singend, über den Friedhof. Auch mit der geheiligten Ruhe der Toten wird es hier bald vorbei sein – das Band zwischen den Generationen damit durchschnitten! Eine andere Szene, ein wenig Hoffnung machend. Auch hier Musik: Junge Menschen proben in ihrem Jugendclub ein sorbisches Lied. Und immer wieder eingeschobene Sequenzen, in denen beinahe surreal ein Zapusta-Umzug, ein traditioneller sorbischer Faschingszug, musizierend durch die Wälder zieht.

Dann – hier verstummt die Musik – wie Monster aus einer anderen Welt die riesigen Bagger, die sich laut und unersättlich in die Erde fressen und nur noch eine Geisterlandschaft hinterlassen, bereit für den sog. Fortschritt von damals, den Braunkohleabbau. Fazit des Films: Eine solche Gewalt zerstört nicht nur die kulturelle Identität von Menschen, ihre Heimat, sondern auch die Landschaften ganzer Regionen. Vielleicht überlebt wenigstens die sorbische Musiktradition.

Heimat … zuweilen auch Bürde und Last
Der Neuseeländer Hayden Chisholm, selbst Jazz-Saxophonist, scheint besonders fasziniert von der großen Vielfalt zeitgenössischer deutscher Volksmusik. In zwanzig Stationen begibt er sich auf einen dokumentarischen Roadtrip und zeigt in seinem Film „Sound of Heimat”, wieviel Spaß man beim Singen in einer Kölner Kneipe oder beim Jodeln im Allgäu haben kann. Die Volksmusik- und Kabarett-Gruppe der Wellküren, ein Damentrio aus der berühmten Volksmusikantenfamilie des Dorfschullehrers Well und seiner Frau, wiederum beweisen, wie fern von jeglichem folkloristischen Kitsch traditionelle Liedformen gut dazu taugen, etwa Kritik an der Gegenwart zu verpacken. Ganz tief in das Entstehen von Musik dringt der Schweizer Cyrill Schläpfer mit seinem Film „Ur-Musig” von 1993 ein. In einigen abgelegenen Tälern des Appenzeller Landes und der Zentralschweiz hat er jahrhundertealten Musiktraditionen nachgespürt. Er fängt authentische Klänge, unverfälschte Volksmusik ein, vor Urzeiten entstanden im ewigen Jahres- und Tageslauf bäuerlichen Lebens, im Zusammenleben von Mensch und Tier. In allen Lagen des Lebens zu singen und Töne zu zaubern – ganz offensichtlich ein urmenschliches Bedürfnis, das vielen von uns zwischenzeitlich abhandengekommen ist.
Als etwas seltsame Fremdkörper im Programm des Festivals nehmen sich zwei Operettenfilme aus. „Die verkaufte Braut” von Max Ophüls aus dem Jahre 1932, der andere „The Merry Widow” (Franz Lehár, Die lustige Witwe) von Erich von Stroheim, ein Stummfilm aus dem Jahre 1925, durchgehend mit Lehárs Komposition unterlegt. Mit letzterem findet das diesjährige Heimatfilmfestival seinen Abschluss. Mag Ophüls‘ Tonfilm auch ein Meilenstein hin zum modernen Musicalfilm sein, so ist insbesondere hier wie auch bei Stroheim der Umgang mit dem Begriff Heimat etwas befremdlich. Der Balkan, oder was man dafür hält, ist vor allem bei Ophüls die pittoreske Kulisse der Handlung, während die „Lustige Witwe“ in einem Fantasia-Land, dem Fürstentum Monteblanco, spielt.

Wieso eine solche Verortung, mit der der Begriff von Heimat eigentlich konterkariert wird? Vielleicht ist es die Flucht, das sich Wegträumen in eine fremde Exotik, in die lebendige Welt von „Zigeuner“- und Dorfromantik. Dazu passt der Boom der sog. „Leichten Muse“ Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts. Sicher kein Zufall! Denn kann die real erlebte Heimat nicht zuweilen auch Bürde und Last sein? Mit ihren Zwängen und Erwartungen, mit ihrer zuweilen stickigen Enge … Und das gilt ganz sicher nicht nur für jene vergangenen Tage, sondern noch heute für viele Orte auf dieser Welt.

