Ausgabe November / Dezember 2018 | Stadt-Land-Fluß

Karge Idylle

Eingebettet zwischen Hügeln bezaubert das fränkische Dorf Thuisbrunn bei Gräfenberg heute wieder Wanderer und überhaupt alle, die die Fränkische Schweiz lieben.

Text: Michaela Moritz

Burgen wurden damals von Rittern bewohnt und verwaltet, die meist im Dienst eines Fürstbischofs, Markgrafen oder Burggrafen standen. Diese hier wurde, wie viele andere auch, bei verschiedenen Kämpfen und Kriegen immer wieder abgebrannt und danach neu aufgebaut. Im Jahr 1535 war es ein richtiggehendes Schloß mit Schloßkapelle.

Das Interessante an diesem Schloß, das heute weitgehend nur noch Ruine ist, ist die Lage: Es befindet sich auf einem Hügel in der Mitte einer kreisförmigen Kette von weiteren Hügeln. Nur zu einer Seite hin öffnet sich der Hügelkreis zu einem Tal. Um den Burg­hügel herum siedelte sich nach und nach das Dorf Thuisbrunn an. Es liegt da wie in einem riesigen Natur-Burggraben, denn unmittelbar dahinter erheben sich die nächsten steilen Berghänge.

Arkadien in Franken

In einer Bestandsaufnahme über Thuisbrunn im Jahr 1742 heißt es: „Eigentliche Wiesen und Weiden gibt es gar nicht. Auch Hut und Weide sind schlecht, voller Felsen und Klippen, weshalb sie niemals ausgemessen worden sind.“

Die Lage Thuisbrunns bot also eine denkbar schlechte landschaftliche Voraussetzung für ein Dorf. Es lag zwar geschützt zwischen den Hügeln, doch Ackerbau konnte so gut wie gar nicht betrieben werden. So war man gezwungen, aus den steilen und felsigen Berghängen das Beste zu machen, und das war, sie als Weideland für Tiere zu nutzen. Ein steiler Berghang heißt im Fränkischen „Leite“. In Thuis­brunn gibt es noch heute etliche Flurbezeichnungen mit dem Zusatz „Leite“: Pfarrleite, Kantorsleite, Förstersleite, Schmiedleite, Knockleite, Knolleite … Sie sind nach ihrer Lage benannt – am Haus des Pfarrers, Kantors, Försters und so weiter – oder nach dem Namen ihres Nutzers.

Man kann davon ausgehen, daß auf fast alle diese Leiten Schafe, Ziegen, Rinder, manchmal vielleicht auch Schweine getrieben wurden. An der sogenannten Hirtenleite stand das Hirtenhaus, in dem der Gemeindehirte wohnte. Offensichtlich war es ein einziger Mann, der für die Beweidung sämtlicher Leiten zuständig war.

Aus der Not geboren entstand in Thuisbrunn somit eine Hirtenkultur. Ihr ist zu verdanken, daß sich die Hügel rund um das Dorf zu einer garten­ähnlichen Landschaft gestalteten, zu einem Landschafts- und Naturidyll, das den Titel eines kleinen „Arkadien“ verdient im Sinne der idealisierten Hirtenkulturlandschaft im alten Griechenland.

Vorbild für naturnahe Gartenparks

Denn durch die über Jahrhunderte hinweg gepflegte Beweidung wurde der Pflanzenwuchs an den Hängen stets kurzgehalten. Nur die bereits älteren Eichen, Kiefern und Linden blieben stehen und prägten ihre Kronen um so prächtiger aus. Rundum – man könnte von einer Panorama­perspektive sprechen – entstand so, angereichert durch die ebenfalls freigefressenen kleinen Felsformationen, das Bild eines englischen Landschaftsgartens, lange bevor dieser in England erfunden war. Ziemlich sicher standen durch Hirtenkultur gestaltete Landschaften sogar Pate für die Entwicklung des neuen naturnahen Gartenparks im 18. Jahrhundert.

In der Detailansicht entfaltete sich auf den Magerrasenflächen eine für den Spaziergänger faszinierende und beglückende Flora und Fauna, die nur unter der Voraussetzung der Beweidung und nur in Hanglagen möglich ist. Ungehindert starke Sonneneinstrahlung, der Dung der Tiere und ihre Hufeindrücke sind dabei gleichermaßen wichtig. Pflanzen wie Küchenschelle, Felsen-
Hungerblümchen (ein Eiszeit-Relikt), Enzian und Silberdistel, Wacholder, Thymian und wilder Oregano wachsen und duften nur hier, Tiere wie die rotflü­gelige Schnarrschrecke (eine große Heuschrecke) oder das Widderchen (ein Schmetterling) zirpen und flattern nur an solchen Hängen.

Die jeweiligen Hirten im Zusammenspiel mit ihren Herden und den Reaktionen der Natur auf die Beweidung wirkten auf diesen Hügeln, ohne es zu wissen, als Gärtner. Sie schufen – rein zufällig, muß man sagen – einen Landschaftstypus, das heute unter ästhetischen Gesichtspunkten zu betrachten und als schön zu bezeichnen ist.

… über sieben Hügeln

Welch wertvolles Natur- und Landschaftsgebilde hier eigentlich entstanden war, wurde allerdings erst deutlich, als es nicht mehr da war. Anfang des 20. Jahrhunderts stellten die Hirten ihre Tätigkeit, vermutlich wegen mangelnder Lukrativität, ein, und die Hügel rund um Thuisbrunn – wie an vielen anderen Orten in der Fränkischen Schweiz ebenso – begannen zu verbuschen. Junge Baumsprosse verstellten nun die Sicht auf die großen, alten Bäume, in ihren Schatten wuchsen Brennesseln und anderes Hochgras und nahmen den Magerrasen-Spezialgewächsen die Sonne. Verwilderung und Verwaldung setzten ein und tauchten die Hügel in eine Beliebigkeit, die keiner mehr beachtete.

Thuisbrunn Thuisbrunn

Erst in den 1990er Jahren entstand ein Bewußtsein bezüglich des landschaftsprägenden und kulturhi­storischen Werts der alten Hutanger. Man suchte nun gezielt nach Wanderhirten, die bereit waren, ihre Schafe wieder auf die Leiten zu treiben. Zum Teil mähte man die Hänge, gefördert mit EU-Geldern, auch maschinell, um das alte Landschaftsbild wieder herzustellen. Und man legte einen Wanderweg an, der über die „sieben Hügel“ Thuisbrunns führt, den sogenannten Leitenweg.

Thuisbrunn Thuisbrunn

Hierzu kann man auf einer der ihn säumenden Tafeln lesen: „Den Wanderern entlockt der Anblick der blütenreichen Magerrasen oftmals ein staunendes Bewundern. Der moderne (Stadt-)Mensch macht sich heute jedoch wenig Gedanken, wie diese bunten Wiesen erhalten werden können. Ein Wanderweg wie der Thuisbrunner Leitenweg ist daher ein wichtiger Beitrag, um das Verständnis für die Bemühungen zum Erhalt dieser Biotope in der Bevölkerung zu wecken. Denn nur was man kennt und schätzt, will man auch erhalten!“

Was hier etwas betulich formuliert ist, ist nichts anderes als der Bildungscharakter, den dieser Pfad neben aller erbaulichen Wirkung hat: Wer die gut vier Kilometer Landschaft rund um Thuisbrunn entlangflaniert (wobei festeres Schuhwerk zu empfehlen ist/der Fotograf), dem bildet sich in Kopf und Sinnen, wie sich hier Landschaft gebildet hat.

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