Ausgabe November / Dezember 2018 | Wissen & Können

A Stück vo dahöm – jedes Wort hat sein Leben

Der Thementag „Fränkische Dialekte“ in Büchold, eine Gemeinschaftsveranstaltung des Frankenbundes und des Vereins zur Bewahrung des unterfränkischen Dialektes, zeigte faszinierende Facetten der fränkischen Mundarten auf und machte Lust auf die lokale Sprache.

Text: Sabine Haubner

Eine Kaffeetafel ohne Kaaseblootz – undenkbar bei Festen, die Eltern, Tanten und Onkel der Autorin im unterfränkischen Grabfeld vereinen. Ein himmlischer Kuchen und am besten, wenn Tante Magda ihren selbstgemachten Kobbeleskaas dazu verarbeitet hat.

Kobbeleskaas, dieses kraftvoll rollende Wort nahm die Sprachwissenschaftlerin Monika Fritz-Scheuplein in den Mund, als sie beim Thementag „Fränkische Dialekte“ am 22. September in Büchold (Lkr. Main-Spessart) einen Überblick der verschiedenen Sprachräume der Region gab. Vielfältig und lebensprall wie Frankens Mundarten war das Programm, das der Frankenbund und der Verein zur Bewahrung des unterfränkischen Dialektes präsentierte: Fachvorträge, Mundartführungen durch den Ort, etwa im Schlepptau des Ausrufers, Dialektkino und -konzert – sowie Kostproben aus dem Asterix auf Meefränggisch von seinem Übersetzer Günther Schunk.

Der Variantenreichtum des ­Ostfränkischen, wie die Dialekte Frankens von der Mundartforschung bezeichnet werden, zeigt Fritz-Scheup­lein vom Unterfränkischen Dialektinstitut (UDI) unter anderem anhand der unverzichtbaren Zutat des Käsekuchens. „Bieberleskaas“ heißt dieser Quark im unterostfränkischen Raum rund um Würzburg, im Norden gibt es neben „Kobbeleskaas“ auch die mundartliche Ausformung „weißer Kaas“. „Ziebeleskääs“ oder -“kees“ wird im oberostfränkischen Raum (Weißenburger Gegend) auf den Hefeteig gelegt. „Kaas“ mag dem Dialektunkundigen ja noch plausibel klingen, aber „Kobbeles“ und „Bieberles“? Die Sprachwissenschaftlerin löst auf: „Sie beziehen sich auf die mundartlichen Bezeichnungen für Küken, denen dieser Quark mit dem Lockruf ‚biibii‘ oder ‚zipzip‘ als Futter gegeben wurde. Wie sagt man denn in Büchold dazu? „Hüaleskas“, weiß Benedikt Feser, Vorsitzender des unterfränkischen Dialektvereins, der sich seit Jahrzehnten für die Bewahrung und Belebung der unterfränkischen Mundart engagiert. Der Einsatz in der Hühneraufzucht schwingt da schon im Laut mit. Die kulinarische Verwertung konnten die Teilnehmer in der Mittagspause testen, denn zum Kaffee gab es Kaaseblootz.    

Im US-Bundesstaat Michigan redet man Mittelfränkisch

Die Dialektsituation des Fränkischen ist nicht so einfach über einen Kamm zu scheren, wie so mancher Auswärtige meinen könnte, wenn er etwa dem Frankentatort folgt. Da liegt die „Doode“ am „Dadord“ und das „r“ wird ausgiebig gerollt. Phonetisch unterhaltsam für den Nichteingeweihten, tatsächlich aber eine gemäßigte Form des Dialekts zum deutschlandweiten Verständnis. Fränkische Zuschauer vermissen da bisweilen die lautlichen Einfärbungen ihrer konkreten Heimat – und wie facettenreich diese sind, hat schon der Kobbeleskaas bewiesen.

„Es gibt eine ganze Reihe von Pa­rallelen und jeder bildet sich ein, das Fränkische schlechthin zu sprechen“, so die Erfahrung von Alfred Klepsch, der seit 2003 das umfangreiche Archiv zum Wortschatz der ostfränkischen Mundarten auswertet. Bis 2012 hieß das Mammutprojekt, das an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg verortet ist, „Ostfränkisches Wörterbuch“. Warum es 2012 in „Fränkisches Wörterbuch“ umbenannt wurde, erklärt der Redaktor Klepsch: „Viele Laien meinten, wir machen ein Wörterbuch nur
für Oberfranken.“ Das ostfränkische Sprachgebiet dehnt sich aber auch auf die beiden anderen nordbayerischen Regierungsbezirke Mittel- und Unterfranken aus – und strenggenommen noch viel weiter. Im US-Bundesstaat Michigan redet man Mittelfränkisch, in einer Handvoll Orten mit Pioniergeist atmenden Namen wie Frankenmuth, Frankenlust und Frankentrost, Gründungen von Missionaren aus Neuendettelsau. Franken gliedert sich in fünf größere Sprachräume, wobei das Unter- und Oberostfränkische flächenmäßig dominieren. Aus diesem Sprachraum wurden bereits 1913 mundartliche Belege im Rahmen des Bayerischen Wörterbuchs gesammelt. „Die Nationalsozialisten haben 1941 dem Projekt dann erst mal den Saft abgedreht“, so Klepsch, „und die Fragebögen lagern bei uns noch im Giftschrank.“ Der Personalmangel erzwingt es, eine Redaktorenstelle, die er sich mit seiner Kollegin Almut König teilt, ist einfach zu wenig für den gigantischen Arbeitsberg. Die Erhebungen wurden 1960 in großem Stil wiederbelebt und bis 2001 insgesamt 48 000 Fragebögen à 60 Fragen, vor allem volkskundlichen Inhalts, verschickt, alles in allem rund 10 Millionen Belege. Seit 2005 werden diese auch in eine Online-Datenbank eingespeist, jedes Wort in seiner Grundform, Bedeutung, im gesprochenen Kontext und mit seinen grammatikalischen Eigenschaften, außerdem sind der Ort und die Gewährsperson vermerkt.

Ein unheimliches Geräusch aus dem Treppenhaus

Dann greift Klepsch in seine Wortschatzkiste und zieht das allgemein bekannte „fei“ hervor. „Der Franke bemüht es mindestens einmal pro Satz“, so Klepsch, aber wo‘s herkommt, wissen die wenigsten. Das Adjektiv „fein“ ist sein Ausgangswort. „Dessen ‚n‘ wurde zunächst nasaliert und fiel dann ganz weg“, erklärt der Linguist. Beide Wortarten im Einsatz bietet der Satz „Des is fei a ganz feins Stöffle“, wobei nicht nur das Textile gemeint sein kann – auch ein süffiges Bier verdient in Franken dieses Prädikat.

Slawischen Ursprungs ist ein Wort, das so was von einheimisch klingt, daß man es kaum glauben mag: der Kren, vom tschechischen „křen“ für Meerrettich.

Benedikt Feser (M) präsentiert das baldige „Haus des Dialekts“ in Büchold den Teilnehmern des „Tages des Dialekts“. Die ihrerseits beobachten ganz genau, ob der Fotograf auch richtig fotografiert.
Benedikt Feser (M) präsentiert das baldige „Haus des Dialekts“ in Büchold den Teilnehmern des „Tages des Dialekts“. Die ihrerseits beobachten ganz genau, ob der Fotograf auch richtig fotografiert.

Es begegnet einem wieder bei der Führung durch das geplante „Haus des Dialektes“ in Büchold und zeigt, wieviel Leben und Geschichte sich an so einem Mundartwort entfalten kann. Das imposante Gebäude „Gasthaus zum Schwarzen Adler“ war fünf Jahrhunderte lang das lebendige Zentrum des Ortes, bis der letzte Wirt 1984 aufgab. Seitdem nagt der Zahn der Zeit sichtbar an ihm. Der Hart­näckigkeit Benedikt Fesers ist es zu verdanken, daß das Gasthaus als ­authentisches Zeugnis der fränkischen Wirtshauskultur erhalten bleibt und mit einem einmaligen Nutzungskonzept wiederbelebt wird. Es soll zu einem Ort werden, an dem regionale Sprache und Lebensart bewahrt, gelebt und weitergegeben werden, unter anderem mit klassischem Ausstellungsinterieur, Veranstaltungen wie Mundartkonzerten und gepflegter Wirtshauskultur. In der noch original ausgestatteten Schankstube schickt er die Zuhörer mit wenigen Sätzen auf Zeitreise. Hier saßen die reichen Bauern an einem anderen Tisch als die einfachen Handwerker und „Heckeschmatzer“, standardsprachlich „arme Kleinbauern“. Wer eine Weste besaß, dem dienten ihre Knöpfe als Anzeiger des Bierkonsums. Eines Abends hörten die Zecher ein unheimliches Geräusch aus dem Treppenhaus: knock, knock, knock. Später erfuhren sie die Ursache – und da kommt der Kren ins Spiel. Im Stockwerk drüber logierte in einem kleinen Gastzimmer ein Handlungsreisender in Sachen Kren, das „Griamannle“. Der war unglücklicherweise verstorben und in Ermangelung eines weiteren Helfers schleifte eine Person den Toten an den Füßen die Treppe hinunter. Den „Gria“ gibt‘s sicher auch einmal im „Haus des Dialekts“ zu kosten, wenn dort in der geplanten Live-Küche „baurisch“, also der ländlichen Tradition entsprechend, gekocht wird.

Gott behüte – bloß nicht am Kloß ersticken

Es gilt sie zu bewahren, die vom Untergang bedrohte Mundart und was sie an wunderbaren Geschichten und alltäglich gelebter Fülle mit sich bringt. Wie man die Dialekt-Spurensuche zeitgemäß im Netz angehen und interaktiv seinen Dialektbeitrag liefern kann, erklärt Almut König, Mitarbeiterin am Fränkischen Wörterbuch. Als Beispiel nimmt sie die „Hütes“, wie die Klöße im nördlichen Unterfranken heißen. Angefangen mit dem ältesten fränkischen Wörterbuch von 1793, dem Hennebergischen Idiotikon, vollzieht sie die Dialektforschung durch die Zeit bis in die 1990er Jahre nach. Und dabei sind so wunderbare etymologische Erklärungsgeschichten wie die des Bayerischen Wörterbuchs zu hören. Demnach soll der Begriff vom Ausruf „Gott behüte“ stammen, den ein Wirt aus dem thüringischen Wasungen ausstieß, als er sah, daß sein Gast fast an einem zu fest geratenen Kloß zu ersticken drohte.

Zur Lust an der lokalen Sprache möchte der mittelfränkische Mundart­autor Helmut Haberkamm verführen. Der preisgekrönte Dichter, Theater- und Romanautor bringt nicht nur mit seinen Werken den Dialekt unter die Menschen, er liefert ihn in Kooperation mit einer Bäckerei aus Neustadt a. d. Aisch direkt an den Frühstückstisch. Auf die Brötchentüten sind Mundartwörter mit Erklärung und im Spracheinsatz gedruckt. Da wär zum Beispiel der „Bolandi“. Das Wort bedeutet „Diener, Knecht“ und wird gerne mal in Rage herausgeschleudert: „Ich bin fei net dei Bolandi, des mußd scho selber machn!“ Warum er im Dialekt schreibt, werde er immer wieder gefragt. „Er hat Klangfülle, hat Musik, einen Rhythmus und Sound, er ist sehr treffend und entspricht der fränkischen Mentalität“, schwärmt Haberkamm. Außerdem hält er ihn für eine wertvolle Komponente in Sachen Schulbildung: „Je mehrsprachiger ein Kind aufwächst, desto höher ist seine Kompetenz, neue Sprachen zu erwerben.“ Familien sollten also ihr Sprachverhalten ändern und mit den Kindern Mundart reden. Es gebe noch andere belebende Ansätze, Dialekt-Rapper aus Treuchtlingen etwa, aber auch neu entstehende Begriffe wie „Nullchegger“ oder „Biersing“.

Deren Verbreitung fördert auch Bertram Popp, Leiter des Oberfränkischen Bauernhofmuseums in Kleinlosnitz. Vor vier Jahren initiierte er zusammen mit Sabine Knieling von extra-radio und dem Bezirk Oberfranken den Wettbewerb „Oberfränkisches Wort des Jahres“, in dem neue Dialektbegriffe und alte Mundartwörter gefragt sind. Das „Wischkästle“ wurde als erstes gekürt, eine sprechende Mundartbezeichnung fürs Smartphone. Heuer machte aus gegebenem klimatischen Anlaß „derschwitzen“ das Rennen. Es heißt so viel wie „durch Schwitzen zugrunde gehen“. Nicht zugrunde gehen darf „Das alte Wirtshaus“, A Stück vo dahöm, beschwor der Liedermacher Siggi Juhasz zum Abschluß in seinem Bücholder Slang-Song. Das Schicksal des Dorfgasthofes „Zum Schwarzen Adler“ erscheint wie ein Omen für die Zukunft des Dialekts: vom Verfall gezeichnet, aber bald mitten im Leben.

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