Ausgabe März / April 2022 | Politik & Gesellschaft

Statt Feindbilder Familienbilder austauschen

Erlangen und Wladimir

Text: Peter Steger
Peter Steger
Vor zwanzig Jahren wurde die Stadt Erlangen für ihr Engagement in Sachen Städtpartnerschaft zu Wladimir in Russland ausgezeichnet.

Als sich Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg 1983 nach Wladimir aufmachte, um mit der ehemaligen Hauptstadt des vorzaristischen Russischen Reiches eine Partnerschaft zu begründen, saßen im dortigen Zentralgefängnis Dissidenten, kämpften sowjetische Truppen in Afghanistan, und es herrschte Kalter Krieg. Dennoch kam die Erlanger Delegation – ganz im Geist der Ostpolitik von Willy Brandt – mit dem Wunsch in die 180 km nordöstlich von Moskau gelegene Stadt, nach Versöhnung und Verständigung mit dem einstigen Feind zu suchen. Dazu strebte man von Beginn an eine Bürgerpartnerschaft an, die freilich viele in Erlangen zunächst nicht für möglich hielten, weil sie glaubten, die Kontakte würden sich auf die Ebene der Funktionäre beschränken. Die Zweifler sollten sich täuschen. Und natürlich gab es von Menschenrechtsorganisationen deutliche Kritik an dem Vorhaben, der man mit dem Hinweis begegnete, man strebe eine Volksdiplomatie an.

Rasch einigten sich die Deutschen mit den Russen zunächst auf eine fünfjährige „Verlobungszeit“, in der es zu einer Vielzahl von kulturellen und sportlichen Begegnungen hier wie dort kam, die rasch zeigten, wie viel die beiden Städte einander geben konnten. Fairy von Lilienfeld, die erste Theologieprofessorin Westdeutschlands und Leiterin des von ihr aufgebauten „Lehrstuhls für Geschichte und Theologie des christlichen Ostens“ an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, gratulierte sogar zu dem „historischen Schatz“, der da den Franken zugefallen sei. Als dann 1986 und 1987 – schon in Zeiten von Perestroika und Glasnost – in beiden Städten Kultur- und Sporttage gefeiert wurden, erlebte die Beziehung eine ungeahnte Blüte. Zu den bereits bestehenden Kontakten zwischen Vereinen und zum Austausch der Hochschulen kamen nun tatsächlich auch die zwischenmenschlichen Kontakte, die familiären Verbindungen, die Freundschaften, die bis heute das Netz der Beziehungen zwischen Erlangen und Wladimir knüpfen. Als sich 1990 große Versorgungsschwierigkeiten in der ganzen UdSSR und eben auch in der Partnerstadt abzeichneten, rief man die Aktion „Hilfe für Wladimir“ ins Leben, die in Koordination durch das BRK Erlangen-Höchstadt nicht nur ganze Lkw-Konvois mit Medikamenten, Lebensmitteln und Verbrauchsgütern in Gang setzte, sondern auch als „Hilfe zur Selbsthilfe“ durch medizinische Schulungen und die Bereitstellung von Gerät Krankenhäuser unterstützte. Gleichzeitig half Erlangen bei der Wärmeversorgung ebenso wie bei der Umstellung des ÖPNV oder der Modernisierung des Klärwerks. Parallel fanden Verwaltungs- und Wirtschaftsseminare statt, um bei der Umstellung vom Sozialismus auf die freie Marktwirtschaft beratend zur Seite zu stehen. Aus dieser Zusammenarbeit entstand eine Vielzahl von Projekten im sozialen und medizinischen Bereich, aber auch eine Reihe von Wirtschaftskooperationen kam so zustande. Bis in die jüngste Zeit hinein setzte sich diese Strukturhilfe fort, die erst 2019 ihren jüngsten Höhepunkt mit der Umstellung der Abfallwirtschaft Wladimirs nach Erlanger Vorbild fand.

Erlangen-Haus – Brücke der Freundschaft

1993 nahm die Idee Gestalt an, in Wladimir ein Dach für die Partnerschaft zu errichten. Schon zwei Jahre später hatten die deutschen und russischen Handwerker das Erlangen-Haus – außen russisch, innen deutsch – fertiggestellt: Aus einer Bauruine war ein Paradebeispiel für Gebäudesanierung geworden, das heute als Hotel Garni sowie vor allem als Sprachlernzentrum des Goethe-Instituts Moskau und Begegnungsstätte der Bürgerpartnerschaft dient. So gut wie alle Austausch-aktivitäten mit Erlangen werden hier vorbereitet und koordiniert. Die Wladimirer Presse nannte das Haus bereits „Brücke der Freundschaft“. 

Ausgezeichnete Partnerschaft

Am 7. März 2002 zeichnete Bundespräsident Johannes Rau im Rahmen eines Wettbewerbs des Deutsch-Russischen Forums die Städtepartnerschaft mit dem „1. Preis für bürgerschaftliches Engagement in Russland“ aus. In der Laudatio war die Rede von einem „leuchtenden Beispiel“ der zivilgesellschaftlichen Zusammenarbeit. Weitere Preise für Projekte sollten folgen. Die deutsche Botschaft sprach von der intensivsten Partnerschaft überhaupt, Dietmar Hahlweg wurde die Ehrendoktorwürde verliehen, um nur einige Höhepunkte zu nennen. 

Erst vor wenigen Wochen gratulierte das Deutsch-Russische Forum erneut zu den Bemühungen um Verständigung, die ihren überzeugendsten Ausdruck in der Aussöhnung der Kriegsgeneration fand, nachzulesen in „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ mit Erinnerungen von Wehrmachtssoldaten an ihre Zeit als Kriegsgefangene in Wladimirer Lagern.

Krisen und Konflikte

In den vier Jahrzehnten wurden Freundschaften und Bünde fürs Leben geschlossen, doch hinterließ natürlich auch die Zeitgeschichte ihre Spuren: vom Afghanistan-Krieg über die Wiedervereinigung zur NATO-Osterweiterung, von den beiden Tschetschenien-Kriegen bis zur Besetzung von Teilen Georgiens durch die russische Armee, vom Jugoslawien-Krieg bis zur Annexion der Krim und zum aktuellen Angriff auf die Ukraine. Dazwischen auch noch Corona … Bis zum Ausbruch der Pandemie gab es mehr als einhundert Austauschmaßnahmen pro Jahr; von einem Tag auf den anderen wurde dann alles auf virtuelle Formate umgestellt. Durchaus erfolgreich in den Bereichen Kultur und sogar Sport. Nun hatten sich alle schon auf die Wiederaufnahme des leibhaftigen Austausches gefreut, bis der Krieg alle Planungen zunichtemachte. Jetzt gilt alle Sorge, die Auswirkungen dieses Konflikts auf allen Ebenen zumindest zu begrenzen. Ohne Zweifel steht die Partnerschaft heute vor ihrer größten Herausforderung. Immer mehr dieser Verbindungen legt man auf Eis, wenn sie nicht ganz gekündigt werden. Erlangen und Wladimir wollen diese letzte Brücke der Verständigung nicht sprengen. Aber es wird wohl lange dauern, bis wir uns auf ihr wieder in der Mitte treffen.

Mehr zur Städtepartnerschaft unter: https://erlangenwladimir.wordpress.com

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