Ausgabe März / April 2022 | Politik & Gesellschaft

Der Krieg vor unserer Haustür

Seit 24. Februar ist Krieg in der Ukraine, ein Krieg, der uns von Tag zu Tag gefährlich näherkommt.

Text: Gunda Krüdener-Ackermann
Säulenheilige helfen auch nicht. Lenin-Säule in Charkiw.
Säulenheilige helfen auch nicht. Lenin-Säule in Charkiw.

Plötzlich kommt ein Henker in die Stadt, errichtet gut sichtbar einen Galgen, den die Einwohner verwundert und neugierig beäugen. Nach und nach greift sich der Henker seine Opfer: einen Fremdarbeiter, einen Oppositionellen, einen Juden, einen Schwarzen. Keiner erhebt Einwände. Der Henker? Nun ja, er wird für sein Tun schon gute Gründe haben, oder? Und der Spuk wird so plötzlich, wie er begonnen hat, sicher auch wieder aufhören?! Doch am Ende stellt sich heraus, daß jener Galgen eigentlich nur für DICH errichtet wurde. Soweit eine Parabel von Maurice Ogden! 

Wie deutlich sie uns doch den Spiegel vorhält. Glaubten wir bislang nur allzu gerne, daß das, was jener Henker Putin seit vielen Jahren veranstaltet, letztendlich nichts mit uns zu tun hat. Eingelullt durch 77 Jahre Frieden. Ein Zustand, von dem wir annehmen, daß er uns fast selbstverständlich zusteht. Was kümmerte uns da schon Grosny in Tschetschenien, das der Henker Putin dem Erdboden gleichmachen ließ? Was kümmert uns, daß seither die dortige Bevölkerung und nun auch die Ukrainer von dem Schlächter Ramsan Kadyrow (übrigens Arbeitskollege von Gerhard Schröder bei Rosneft!) und seinen als Bluthunde berüchtigten Kämpfern tyrannisiert, ja gemetzelt werden? Was kümmert uns Idlib in Syrien, in dem kein Stein mehr auf dem anderen steht? Was kümmern uns Georgien? Die Krim? Der Donbass? Für all das wird der Mann im Kreml ja wohl rationale Gründe gehabt haben, oder?! 

In der Zwischenzeit dämmert uns, daß jener Henker den Galgen für uns aufgestellt haben könnte. Immer deutlicher wird, daß Putin auch die westliche Wertegemeinschaft vernichten will. Er macht das kaputt, was ihm und seinem oligarchischen System gefährlich werden könnte. Somit kann es gut sein, daß nicht enden wollende Flüchtlingsströme auf Dauer die westlichen Staaten destabilisieren. Zwar kommen im Moment – „für manchen beruhigend“ – keine dunkelhäutigen muslimische Flüchtlinge , sondern solche, die so aussehen wie wir. Mitten aus einem Leben herausgerissen, das dem unseren gleicht. Aber machen wir uns nichts vor: 2022 wird wie bereits 2015 wieder große Herausforderungen mit sich bringen. Vor allem für die Kommunen. Auch die fränkischen. 

In der Kleeblattstadt Fürth hatte man auf kommunaler Ebene keine direkten Beziehungen so wie Nürnberg zur ostukrainischen Stadt Charkiw, die Putins Truppen gerade dem Erdboden gleichmachen. Aber, so Oberbürgermeister Dr. Thomas Jung, man ist mit der Ukraine trotzdem bestens vernetzt. Durch das Nehemia-Team e. V., eine internationale Entwicklungsorganisation mit Sitz in Fürth. Bereits seit vielen Jahren unterstützt diese Organisation den demokratischen Aufbau in der Ukraine. Gerade jetzt im März wurde von dort eine Delegation erwartet, die man zu Schulungen in Sachen Rechtsstaatlichkeit und kommunaler Selbstverwaltung eingeladen hatte. Der Krieg hat diese Pläne vereitelt. Was bleibt, sind die dringenden Hilfsappelle an uns alle. Wie andere warnt jedoch auch Dr. Jung vor blindem Aktionismus. Denn spontane Transporte mit einem Kombi, einem Sprinter mögen gut gemeint sein, sind aber zum Scheitern verurteilt. An der polnisch-ukrainischen Grenze ist kein Durchkommen mehr, ja vielmehr werden so die letzten Fluchtwege blockiert. Wer Details über punktgenaue Hilfe für die Ukraine erfahren will, den rät Dr. Jung, sich auf der Homepage des Nehemia-Teams zu informieren: nehemia-team.org

Nachdem bislang schon weit über eine Million Ukrainer ihre Heimat verlassen mußten, stellt sich Kommunen derzeit einmal mehr die dringliche Aufgabe der Wohnraumbeschaffung. In Fürth gibt es eine Börse, von der Bürger mit freiem Wohnraum gebeten werden, sich zu melden. Zusätzlich aktiviert die Stadtverwaltung Hostels und Pensionen. Notfalls müssen auch wieder Turnhallen belegt werden, was in Coronazeiten jedoch, so Oberbürgermeister Dr. Jung, alles andere als unproblematisch ist. Bleiberecht haben die Flüchtlinge zunächst einmal 90 Tage. Da Krieg und Zerstörung sicherlich länger dauern, werden wohl die EU-Richtlinien für Massenflucht in Kraft treten. Das bedeutet für die in Bayern erwarteten 100 000, auf die verschiedenen Bezirke gleichmäßig verteilten Flüchtlinge, eine Aufenthaltsdauer von minde-stens einem Jahr. In einem Land wie dem unseren mit seiner Schulpflicht stellt sich damit noch ein Problem: Wie wird die Beschulung der vielen ukrainischen Kinder, die kein Wort Deutsch sprechen, zu bewältigen sein?

Dr Thomas Jung
Dr. Thomas Jung, Oberbürgermeister Stadt Fürth

Ein weiteres Mal steht also Fürth wie viele andere Kommunen vor der Riesenaufgabe, Integration für alle Beteiligten – für die Einheimischen wie die Flüchtlinge – in den verschieden-sten Bereichen akzeptabel zu gestalten. Auch wenn die Hilfsbereitschaft vieler Bürger derzeit überwältigend ist, wird erst die Zukunft zeigen, ob die Zivilgesellschaft diese neuen Belastungen ohne tiefere Risse übersteht. Dr. Jungs eigener Blick in die Zukunft ist letztlich verhalten. Ja, dieser Krieg wird irgendwann aus welchen Gründen auch immer enden. Nur mit Blick auf die Weltpolitik der letzten Jahre zieht er ein eher negatives Resümee: Vor allem Trump und Putin haben gezeigt, daß wir uns in Zukunft keine Illusionen mehr über „Unberechenbarkeit, Willkür und hemmungslosen Machtwillen“ von manchen Politikern machen sollten. Viele von uns reiben sich noch immer die Augen! Wir müssen aufwachen – leider in einer ganz anderen Welt.

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