Ausgabe September / Oktober 2010 | Adel

Nummer 325 ist kein direkter Vorfahre

Familie von Eyb hat sich in ihrem Schloß eine eigene Welt geschaffen – eine Insel mitten in Dörzbach (Familie von Eyb Teil 2)

Text: Gabriele Antrecht | Fotos: Wolf-Dietrich Weissbach

Mein kleines Dorf“ hat alles, was zu einem Dorf gehört: einen Marktplatz, eine Kirche, ein Rathaus, eine Apotheke und noch vieles mehr. Der Dorfbaukasten enthält sogar ein Schloß. Das gehört natürlich neben die Kirche. Ganz klar. Dörzbach liegt im Jagsttal. Der kleine Ort im Hohenlohekreis in Baden-Württemberg zählt ohne Eingemeindungen rund 1460 Einwohner. In der Mitte des Dorfes – am Marktplatz – steht die Kirche mit einem ursprünglich als Wehrturm angelegten mächtigen Kirchturm. Das Gotteshaus steht also da, wo es hingehört, aber das Schloß scheint zu fehlen. In der Anleitung zum Dorfbausatz heißt es, der Marktplatz schließe sich an die Kirche an und durch einen Torbogen gelange man auf den äußeren Schloßhof. Also biege ich in Dörzbach vor der Kirche rechts auf den Marktplatz ab. Und da ist er, der kleine Torbogen. Er springt mir förmlich ins Auge. Ich durchfahre ihn und komme nach etwa 30 Metern in einer anderen Welt an: auf dem äußeren Schloßhof. Dieser wird von romantischen Fachwerkbauten umgeben. Die ehemaligen Wirtschaftsgebäude sind heute wahre Schmuckstücke. Vom äußeren Schloßhof führt eine steinerne Brücke durch einen weiteren Torbogen zum Schloß. Die Flügel der gigantischen Schloßanlage umrahmen den inneren Schloßhof. Das Schloß liegt also tatsächlich mitten im Dorf. Allerdings gut versteckt.

Die Misthaufen mußten hinter den Häusern verschwinden

Hier soll Friedrich Carl Alexander von Eyb, der Erbauer des Eyerloher Lust-schlößchens, gelebt haben. Das gerade einmal zehn mal zwölf Meter messende „Maison de Plaisance“ steht heute im Fränkischen Freilandmuseum des Bezirks Mittelfranken in Bad Windsheim (wir berichteten). Friedrich Carl Alexander von Eyb war als Hof-Regierungsrat und Kammerherr am Hof des letzten Markgrafen, Christian Friedrich Carl Alexander von Brandenburg-Ansbach, angestelltund lebte in Ansbach. 1778 ließ er sich westlich von Ansbach, am Rande des Dorfes Eyerlohe, auf einem kleinen Schloßgut sein „Sommerhauß“ errichten. Ralf Rossmeissl vom Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim fand im Zuge seiner Recherchen in Eybschen Archiven heraus, daß Friedrich Carl Alexander von Eyb 1782 mit der halben Schloßherrschaft Dörzbach belehnt wurde. Ich wandele auf den Spuren von Friedrich Carl Alexander von Eyb. Sie haben mich in das benachbarte Bundesland, nach Hohenlohe-Franken geführt. Schloß Eyb in Dörzbach befindet sich seit mehr als 400 Jahren im Besitz der damals weitverzweigten Familie von Eyb. Mir geht es zunächst natürlich um die Klärung verwandtschaftlicher Beziehungen. In welchem verwandtschaftlichen Verhältnis stehen die heutigen Schloßherrn zu Friedrich Carl Alexander von Eyb? Meinhard Freiherr von Eyb holt eine Eyb-Chronik. In diesem stattlichen Werk – die von Eyb sind eines der ältesten Adelsgeschlechter Frankens – wird Friedrich Carl Alexander von Eyb unter der Nummer 325 geführt. Freiherr von Eyb stellt zunächst fest: „Also, ein direkter Vorfahre ist er nicht. Eigentlich sind wir gar nicht verwandt.“ Er hangelt sich weiter durch den Stammbaum: „Doch durch den Großvater von Friedrich Carl Alexander besteht eine Verwandtschaft.“

Arnulf (l) und Meinhard von Eyb

Die Sache ist kompliziert: Albrecht Ludwig von Eyb, der Großvater von Friedrich Carl Alexander, ist sozusagen der Stammvater aller heute noch lebender Eybs. Allerdings hat sich das Geschlecht in der Generation nach Albrecht Ludwig nochmals geteilt. Die Linie, der Friedrich Carl Alexander angehörte, ist erloschen. Zum Großvater von Friedrich Carl Alexander fallen Freiherr von Eyb spontan zwei Geschichten ein. Ihm verdanke das Dorf die Gründung seiner ersten Apotheke. 1684 gründete Albrecht Ludwig von Eyb die Apotheke in Dörzbach. „Und zwar aus einem Grund: Er hatte 15 Kinder. Ein Kind war mit Sicherheit immer krank.“ Um nicht ständig jemanden nach Mergentheim zur Apotheke schicken zu müssen, habe er im Dörzbacher Schloß eine Apotheke einrichten lassen. Diese sei einige Jahre später ins Dorf umgezogen. In einem anderen Fall zog Albrecht Ludwig den Unmut der Dorfbevölkerung auf sich, denn er verfügte, daß die Misthaufen von der Straße hinter die Häuser zu verschwinden hätten. Albrecht Ludwig von Eyb war Ritterhauptmann des Kantons Odenwald und Amtmann zu Wassertrüdingen. Er sei eines der bedeutendsten Familienmitglieder überhaupt gewesen, betont Freiherr von Eyb. Die von ihm in Dörzbach gegründete Apotheke gibt es übrigens heute noch. Ihr Name erinnert aber nicht an ihren Gründer. „Als die Apotheke hier ins Haus kam, hatte sie vermutlich keinen Namen. Da war sie wohl einfach die Apotheke“, meint Freiherr von Eyb schmunzelnd. Im Jahr 1230 wird Dörzbach erstmals als Thorcebach (Tor zum Bach) urkundlich erwähnt. Zu dieser Zeit stand vermutlich eine einfache, kleine Turmburg an der Stelle, an der sich heute die gigantische Schloßanlage befindet.

155 Tonnen Ziegel auf dem Dach

Die frühe Baugeschichte des Schlosses liegt im Dunkeln. „Wir vermuten aber, daß die Turmburg zwischen 1370 und 1400 abgebrannt ist“, sagt Freiherr von Eyb. Denn beim Verlegen von Abwasserleitungen im Schloßhof sei offenbar geworden, daß in 3,80 Metern Tiefe alles verkohlt ist. Folglich könnte zwischen 1380 und 1430 der älteste Bau des heutigen Komplexes errichtet worden sein. „Das alles läßt sich aber nicht so leicht rekonstruieren, denn das Schloß ist aus permanenten Erweiterungen entstanden.“ Als Besitzer der Burg werden zuerst die Herren von Thorcebach genannt. Nachdem dieses Geschlecht ausgestorben war, erlebte die Burg eine wechselvolle, durch zahlreiche Besitzerwechsel geprägte Geschichte. Vom späten 14. Jahrhundert an waren die Herren von Berlichingen Besitzer der Burg, die wie so viele Burgen, in der Renaissancezeit zu einem Schloß ausgebaut wurde. Seit 1601 ist das Schloß im Besitz der Familie von Eyb. „Eingezogen sind unsere Vorfahren am 18. Dezember 1601.“

Schloß Dörzbach vom Park aus gesehen – im Vordergrund die Ruine der einstigen Orangerie

Die Schloßanlage umrahmt den inneren Schloßhof. Die Anlage ist 50 Meter lang und 40 Meter breit. „Wir haben 155 Tonnen Ziegel auf dem Dach, und die liegen auf rund elf Kilometern Dachlatten“, rechnet Freiherr von Eyb vor. „Das sind so die Dimensionen, mit denen wir rechnen müssen, wenn wir etwas machen.“ Er kann noch mehr aufbieten, zum Beispiel über 60 Kilometer Leitungen, die innerhalb des Schlosses verlegt wurden oder 780 Meter laufende Mauern, … Das Schloß wurde von 1985 bis 1990 von außen saniert. Für die Dacheindeckung mit Biberschwanzziegeln in Doppeldeckung nahm Familie von Eyb der Ziegelei sage und schreibe acht Lastzüge und 14 Tage Produktion ab. Das sind schwindelerregende Größenordnungen. „Wir bekamen mehr als die Regelförderung. Wir waren in einem Schwerpunktprogramm der Denkmalpflege des Landes. So konnten wir das dann meistern, auch dank der Förderung durch die Denkmalstiftung.“ Meinhard Freiherr von Eyb hat zwei Geschwister. Seine Schwester ist in Heidelberg verheiratet, sein Bruder lebt mit seiner Frau ebenfalls im Schloß. Gemeinsam mit seinem Bruder Arnulf Freiherr von Eyb erhält er heute das Schloß.

„Für mich war es eigentlich nicht so klar, daß ich einmal nach Dörzbach zurückkehren würde“, meint Meinhard von Eyb, der früher deutschlandweit Antiquitäten restaurierte. Mit seiner fahrenden Werkstatt war er von Garmisch-Partenkirchen bis Lüneburg unterwegs. „Das war eigentlich ein schönes Leben.“ Nachdem er seinen Beruf aus gesundheitlichen Gründen aufgeben mußte, führte er zusammen mit einem Freund in Stuttgart ein Immobilienbüro. 1986 kehrte er schließlich nach Dörzbach zurück und ist dort seither für die Hausverwaltung zuständig. Für seinen Bruder stand eigentlich von Anfang an fest, daß er einmal in den kleinen Ort an der Jagst zurückkehren würde, um das Schloß zu erhalten. Seit 1989 lebt Arnulf von Eyb wieder in Dörzbach. Er und seine Frau Cornelia sind Rechtsanwälte. Die Kanzlei Eyb, die selbstverständlich im Schloß untergebracht ist, ist ein Familienbetrieb: Auch Meinhard von Eyb arbeitet in der Kanzlei mit und ist dort unter anderem für Technik und Rechnungswesen verantwortlich.

Schubertiade im Schloßsaal

Idylle pur – die Fassade im Schloßhof

Beide Brüder setzen sich für den Erhalt des Schlosses ein. „Viele Dinge teilen wir uns, denn einer allein könnte das gar nicht schaffen.“ Arnulf Freiherr von Eyb wurde vor kurzem als CDU-Landtagskandidat für den Wahlkreis Hohenlohe nominiert. „Jetzt beginnt der Wahlkampf, da hat mein Bruder für das Schloß natürlich erst einmal überhaupt keine Zeit.“ Die Familie von Eyb erhält das Schloß unter anderem dadurch, daß sie Wohnraum im Schloß vermietet. „Wir haben die Wohnungen so umgebaut, daß sie für Städter interessant sind. Wir inserieren meistens in Stuttgarter Zeitungen.“ Einmal aber inserierten sie auch in einer Frankfurter Zeitung. Auf diese Annonce hin meldete sich sogar ein Herr aus New York. „Da habe ich gedacht, aus New York, das kann ich einfach nicht richtig glauben“, erinnert sich Meinhard von Eyb. Aber der New Yorker kam, besichtigte die Wohnung und sagte sofort zu. „Unsere Mieter suchen hier das, was sie in der Großstadt nicht finden können: Ruhe und ein naturbelassenes Umfeld.“ An das Südschloß schließt sich ein herrlicher Garten an, der sich bis zur Jagst erstreckt. Auf dem Gelände leben Blindschleichen, Ringelnattern, Glattnattern und Eidechsen. Die größte Ringelnatter, die in diesem Garten gesichtet wurde, war ungefähr 1,30 Meter lang und armdick. „Es gibt hier ein ungeschriebenes Gesetz, was das Rasenmähen angeht: Gemäht wird nicht von außen nach innen, sondern von innen nach außen, damit die Tiere flüchten können.“

Mächtige, alte Bäume stehen im Garten und im Nordpark. Sie wurden vom Ururgroßvater der heutigen Schloßherren gepflanzt. Besonders eindrucksvoll ist eine etwa 160 Jahre alte Blutbuche im Nordpark. „Wir hatten über Jahre einen Pianisten als Mieter und so kamen wir zur Musik“, erzählt Meinhard von Eyb. Seit nunmehr 15 Jahren findet im Innenhof des Schlosses und im Schloßsaal die Schubertiade statt. Das kammermusikalische Festival findet mittlerweile weit über die Grenzen Baden-Württembergs hinaus Beachtung. Durch solche Veranstaltungen lerne man interessante Leute kennen, meint von Eyb. Überhaupt scheint sich die Familie gern interessante Leute ins Haus zu holen. An den Wänden des Schloßsaals hängen Bronzebildwerke eines früheren Mieters. Irgendwie haben sich die von Eybs in ihrem Schloß eine eigene Welt geschaffen. Am Tag des offenen Denkmals führen sie Interessierte durch das Schloß. „Das ist uns wichtig. Denn wir sind, wie gesagt, durch öffentliche Gelder gefördert worden.“ In diesem Jahr fällt der Tag des off enen Denkmals mit der Schubertiade zusammen.

Selbst der Schloßgraben ist idyllisch

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