Ausgabe Mai / Juni 2022 | Landleben

Leben und Wohnen im Paradies

Fränkische Vielfalt, soziales Miteinander und zukunftsweisende Ideen prägen Kürnach

Text: Ursula Lux | Fotos: Wolf-Dietrich Weissbach
Daß wir alle von Fischen abstammen
Daß wir alle von Fischen abstammen, will uns vermutlich dieses freundliche Exemplar auf dem Kürnacher Wasserspielplatz im Güßgraben zu verstehen geben.
René Wohlfart, Erster Bürgermeister
René Wohlfart, Erster Bürgermeister

Wenn ein „Reingschmeckter“ Bürgermeister wird, und dann auch noch als „Roter“ die jahrzehntelange CSU-Herrschaft beendet, wenn dieser Bürgermeister zusätzlich auch noch in der Paradiesstraße wohnt – ja, dann kann man schon von annähernd paradiesischen Zuständen ausgehen. 

Aber Spaß beiseite: Was das im Grünen gelegene Dorf Kürnach vor den Toren Würzburgs ausmacht, ist wohl seine fränkische Vielfalt, die das soziale Miteinander des Dorflebens mit einer nahezu urbanen Infrastruktur verbindet. „Wer neu nach Kürnach kommt, findet schnell Anschluß“, betont Bürgermeister René Wohlfart. 

Das beste Beispiel dafür ist wohl der Bürgermeister selbst. Als er 1998 mit seiner Familie in den Geburtsort seiner Frau zog, kam sein erstes Kind gerade in den Kindergarten. Wohlfart wollte „der Gemeinde etwas zurückgeben“ und engagierte sich beim Kinderkleidermarkt, ebenso wie im Dorffestkomitee. Bei beiden übernahm er bald auch Leitungsfunktionen.  

Das Dorffest markiert einen Meilenstein des örtlichen Miteinanders. 1992 wurde es ins Leben gerufen, um die Festlesflut einzudämmen und die Zusammenarbeit der zahlreichen Vereine und Verbände zu intensivieren. Das funktioniert bis heute gut und das Dorffest, das im Laufe der Zeit von der Ortsmitte an den Ortsrand vor die Höllberghalle gewandert ist, zieht bis heute am Wochenende vor den Sommerferien zahlreiche Gäste aus nah und fern an. 

Aber auch außerhalb der Festkultur kann man sich im Ort fränkisch kulinarisch verwöhnen, oder sich mit italienischer Kulinarik in Urlaubsstimmung versetzten lassen. Das Gasthaus Stern, der Gasthof zum Schwan und das Ristorante Montemarco locken ebenfalls Besucher weit über die Ortsgrenzen hinaus an, wie „an den parkenden Autos gut abzulesen“ ist, erklärt Wohlfart. Natürlich gibt es auch ortseigene Spezialitäten wie beispielsweise die „Kürnier Pfeffernüsse“, die immer wieder einmal angeboten werden. „Sie sind hart, aber schmecken gut zum Wein“, stellt der Bürgermeister fest.

Kürnachs neue Ortsmitte punktet u a. mit zwei prächtig rausgeputzten Gasthöfen. Vermutlich fällt es dem Paar gerade schwer, sich zu entscheiden.

Kürnachs neue Ortsmitte punktet u a. mit zwei prächtig rausgeputzten Gasthöfen. Vermutlich fällt es dem Paar gerade schwer, sich zu entscheiden.
Kürnachs neue Ortsmitte punktet u a. mit zwei prächtig rausgeputzten Gasthöfen. Vermutlich fällt es dem Paar gerade schwer, sich zu entscheiden.

Wein, Mühlen und Madonnen

Kürnach hat immer noch einen eigenen Weinberg mitten im Ort.
Kürnach hat immer noch einen eigenen Weinberg mitten im Ort. Damit wird an die Weinbautradition erinnert. Ob den Wein der Bürgermeister oder der Würzburger ­Bischof erhält, konnten wir nicht erfahren.

Die gewachsene Dorfgemeinschaft der Kürnacher hat ihre Wurzeln auch in einer langen und wechselvollen Geschichte, die der Verein Kürnacher Geschichte(n) für die Gemeinde erforscht und bewahrt. Schon in der Jungsteinzeit, also zwischen 4500 und 1800 v. Chr., siedelten Menschen in dieser Region und bewirtschafteten die fruchtbaren Böden des Kürnachtals. 779 wird der Ort „Quirnaha-Mühlbach“, das heutige Kürnach, erstmals urkundlich erwähnt. Die Dorfherren wechselten, waren Kaiser, Ritter, Ministeriale und Kirchenfürsten, lange Zeit aber, vom 12. bis in 19. Jahrhundert hinein, wurde Wein angebaut. Daneben prägten die Landwirtschaft und drei Mühlen das Ortsbild. 

Schon 1292 hatte Kürnach einen eigenen Pfarrer, der vermutlich im damaligen Zisterzienserinnenkloster angesiedelt war, denn eine Pfarrkirche wird erst im 15. Jahrhundert erstmals erwähnt. Die heutige Kirche wurde nach Plänen von Balthasar Neumann dann im 18. Jahrhundert gebaut. Ein Zeichen Kürnacher Frömmigkeit sind bis heute die 23 Hausmadonnen im Ort. 

So wichtig es ist, die eigene Vergangenheit zu kennen, der Blick der Kommune richtet sich heute vor allem auf Gegenwart und Zukunft. Im Ort sollen sich alle Generationen heimisch fühlen können. 

Und so bekam die Grundschule im Ort jüngst eine eigene Schulküche für die Kinder, die die Mittagsbetreuung besuchen. „Eine Frischeküche“, betont der Bürgermeister, eine angestellte Köchin und zwei Küchenhilfen sorgen dort für eine frische und gesunde Ernährung der Kinder. Weiterführende Schulen besuchen die Jugendlichen dann im nahegelegen Würzburg. 

Trotz Corona ist es der Gemeinde auch gelungen, ihr Ferienangebot aufrecht zu erhalten. Zu Beginn der Ferien verwandelt sich der Bolzplatz in ein Hüttendorf, dann wird gesägt und gezimmert aber auch gespielt, getanzt und gebastelt. Eine besondere Attraktion ist der neue Wasserspielplatz, der nicht nur die Kürnacher Kinder begeistert. Beim Bau wurde dort eine Quelle entdeckt, die ins Konzept eingebunden wurde, ebenso wie der Bach Kürnach selbst. Nachdem der neue Wasserspielplatz so gut besucht ist, kam auch der Wunsch nach eigenen Toiletten auf, erinnert sich Wohlfahrt. Die stünden nun im nahegelegenen alten Feuerwehrhaus zur Verfügung. „Man versucht halt immer allen gerecht zu werden, schafft das aber nie“, meint Wohlfahrt. Nun bei den Toiletten ist es ihm gelungen.

Die Kirche St. Michael – rechts ist noch das Kriegerdenkmal zu sehen.
Die Kirche St. Michael – rechts ist noch das Kriegerdenkmal zu sehen.

Zukunftsweisende Konzepte

Die Diskutanten
Die Diskutanten. Zwei stammen von dem Schweizer Künstler Daniel Egli und wechseln ihr Aussehen nur einmal im Jahr. Die beiden anderen sind Kürnachs Bürgermeister René Wohlfart und unsere Mitarbeiterin Ursula Lux.

Um die Belange der Senioren kümmert sich ein eigens eingerichteter Seniorenbeirat. Neben einem Altenheim mit 49 Pflegeplätzen, das das KU (Kommunale Unternehmen des Landkreises) betreibt, erleichtert auch die Gemeinde das Leben der Senioren schrittweise. So wird beispielsweise jedes Jahr eine Bushaltestelle barrierefrei umgebaut. Des weiteren hat die Gemeinde Häuser im Ortskern erstanden, die ebenfalls barrierefrei umgebaut werden sollen, um Wohnraum für Senioren zu haben. Für dieses Vorhaben wird momentan ein Investor gesucht. Der Bürgermeister könnte sich auch gut eine „Senioren-WG“ vorstellen. 

Was in Kürnach fehlt, ist ein Bäcker und ein Metzger, aber hier ist Gisela Bauer in die Bresche gesprungen. Sie hatte einen kleinen Dorfladen mit Geschenkartikeln und Kindersachen. Nach dem Wegzug des Lebensmittelladens aus der Dorfmitte hat sie ihr Geschäft um Lebensmittel und Backwaren erweitert. Eigentlich war dies vor allem für die Senioren der Gemeinde gedacht, aber inzwischen kommen alle Generationen, auch junge Mütter wollten nicht immer ins Auto steigen, um einkaufen zu gehen, erklärt Bauer. Besonders eingeschlagen hätten die Fleisch- und Backwaren, die sie von Bäckereien aus der Umgebung geliefert bekommt. Auch sonst achtet Bauer darauf, möglichst regionale und frische Produkte anzubieten. Einigen Kunden, die selbst nicht mehr mobil sind, bietet sie sogar einen Lieferservice an. „Die Leute sind happy, dass sie innerorts was kriegen“, stellt die Ladenbesitzerin fest. 

Wovon aber alt und jung gleichermaßen profitieren, das sind die Mobilitätsangebote der Gemeinde und des Landkreises. So wird, seit der Lebensmittelmarkt an den Ortsrand gezogen ist, ein von der Gemeinde finanzierter Bürgerbus eingesetzt, der die Bürger zum Einkaufen fährt. Der Bürgerbus übernimmt auch die Fahren zu den Seniorennachmittagen. Und mit dem ÖPNV-Angebot können die Kürnacher zufrieden sein. Im Halbstundentakt sind sie mit Würzburg verbunden. „Der Lumpensammler fährt am Samstag um 0.30 Uhr, da kann man sich doch nicht beschweren“, meint Wohlfahrt. Und für die Kürnacher bleibt der ÖPNV auch bezahlbar, dank der Unterstützung von Gemeinde und Landkreis, kostet ein Jahresticket nur 165 Euro. Den Erfolg sieht Wohlfahrt nicht nur in der eigenen Familie, die Jahreskarten werden von den Kindern und Jugendlichen rege genutzt, sie fahren Bus „und das bleibt ihnen“, da ist sich der Bürgermeister sicher.   

Zukunftsweisend ist für den Bürgermeister auch die Umgestaltung des Friedhofs, die bis zum Herbst diesen Jahres abgeschlossen sein soll. Der Friedhof wird erweitert, um auch neuen Bestattungsformen, wie beispielsweise einer anonymen Bestattung oder einer Baumbestattung, Rechnung tragen zu können. Außerdem hat die Gemeinde zwei Eigentumswohnungen in der Ortsmitte gekauft und praxistauglich umbauen lassen. Ein Angebot für Hausärzte, sich in der Gemeinde niederzulassen. 

Wasserspielplatz
Der Wasserspielplatz hat natürlich auch seine eigene Taucherglocke. Allerdings wurde sie zu einer Rutschbahn umfunktioniert.

Die erweiterte Grundschule bietet Sportanlagen, einen Kindergarten und Mittagsbetreuung.
Die erweiterte Grundschule bietet Sportanlagen, einen Kindergarten und Mittagsbetreuung.

Ein Kürnacher auf der Überholspur

Der Kürnacher Rennfahrer ­Laurin Heinrich
Der Kürnacher Rennfahrer ­Laurin Heinrich

Stolz ist die Gemeinde auch auf ihre erfolgreichen Bürger, der bekannteste dürfte wohl im Moment der 20jährige Laurin Heinrich sein. Er wurde in diesem Jahr zum „Porsche Junior“ ernannt. Das heißt, er bekommt einen Fördervertrag mit der Porsche AG, der jeweils über eine Saison läuft. Neben dem finanziellen Zuschuß erhalten Porsche Junioren eine ähnliche  Betreuung wie die international erfolgreichen Porsche Werksfahrer. Dabei stehen Fitnesstests mit kontinuierlich angepaßten Trainingsplänen ebenso auf dem Programm wie Mediatrainings und Sponsorentermine. Ein Junior-Coach begleitet sie auf ihrem Weg zum professionellen Rennfahrer. Und das ist das Ziel, das Laurin nachdem er sein Abitur abgelegt hat, vor Augen hat. Wenn alles gut läuft, wird man auch über die Gemeinde hinaus noch von ihm hören. 

Laurins Karriere begann ganz klassisch, als er sich als Achtjähriger für Kartfahren begeistern ließ. Mit 15 Jahren startete er dann mit seinem Vater beim ADAC Formel 4 Rennen und die beiden holten den Sieg. Von da an war Laurin nicht mehr aufzuhalten. Er holte einen Cup nach dem anderen. Als er im vergangenen Jahr als einer von elf weltweit ausgewählten Nachwuchsrennfahrern auf der Hochgeschwindigkeitspiste von Monza an den Start ging, siegte er in der Rookie-Wertung des Championats für den besten Nachwuchsfahrer der Saison. 

Heuer startete Laurin Heinrich bereits beim 24h Dubai Rennen, seine größten Herausforderungen aber hat er noch vor sich. Als Porsche Junior wird er noch den Carrera Cup Deutschland und den internationalen Porsche Mobil Supercup bestreiten müssen.

Der Kürnacher Beach
Der Kürnacher Beach – genaugenommen handelt es sich um eine Bachaufweitung, die an warmen Tagen als idyllisches Naherholungsgebiet genutzt wird.

Die neugemachte Pleichfelder Straße
Die neugemachte Pleichfelder Straße mit Blick auf die Ortsmitte, das Rathaus und die nach den Plänen Balthasar-Neumanns erbaute Kirche.

Weitere Publikationen vom Verlag Kendl & Weissbach

Franken-Magazin

Das Franken-Magazin ist eine unabhängige Zeitschrift – ein Regionalmagazin, das alle 2 Monate erscheint und die mehrseitige Reportage zum Mittelpunkt seines Inhalts erklärt. Das Franken-Magazin zeigt Land und Leute liebevoll von ihrer interessantesten Seite.

Unterstützen Sie uns

Unsere Bankverbindung ist:

DE 73 7904 0047 0682 4361 00
Commerzbank Würzburg.

Abonnement / Shop

Das Franken-Magazin finden Sie im Zeitschriftenhandel. Sie können die Artikel hier online lesen oder Sie schließen ein Abo ab und erhalten es immer frisch gedruckt direkt in den Briefkasten. Einzelhefte können Sie ebenfalls direkt im Shop nachbestellen.

Nach oben