Ausgabe Mai / Juni 2022 | Politik & Gesellschaft

Gegen die ­Verharmlosung

Wenn Straßennamen zu der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Geschichte auffordern

Text: Ursula Lux
Der umstrittene Mundartdichter ­Nikolaus Fey im Foto
Der umstrittene Mundartdichter ­Nikolaus Fey im Foto

Die Bewältigung des dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte ist mitunter schon mysteriös. Da wird derzeit einer 96jährigen, der Prozeß gemacht, weil sie ab 1943, damals 18jährig, als persönliche Sekretärin des Kommandanten des KZs Stutthof tätig war. Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft wirft der Frau Beihilfe zum Mord in über 11 000 Fällen und Beihilfe zum versuchten Mord in weiteren Fällen vor. Die Frau hat nie selbst gemordet, die Fälle aber liefen alle über ihren Schreibtisch, was den Vorwurf der Beihilfe rechtfertigt. Einem anderen „Beihilfe-Täter“ allerdings werden in Unterfranken sogar Straßennamen gewidmet und sein Andenken wollen viele in Ehren halten. Die Rede ist vom unterfränkischen Schriftsteller und Mundartdichter Nikolaus Fey, der nachweislich „an der Ausgestaltung nationalsozialistischer Propagandainszenierungen mitgewirkt und von der NS-Herrschaft persönlich profitiert“ hat. Feys NS-Vergangenheit wurde aufgedeckt, als die Stadt Würzburg 2016 eine Kommission prüfen ließ, inwieweit Personen, denen die Stadt Straßen gewidmet hat, in das NS-Regime verstrickt waren. Nicht nur in Würzburg gibt es unter anderem eine Nikolaus-Fey-Straße. Rund 20 Orte in Unterfranken haben solche Straßen und daran, ob diese umbenannt werden sollten, scheiden sich die Geister. 

Zur Person

Nikolaus Fey kam am 2. März 1881 in Wiesentheid zur Welt. In München studierte er Geschichte, Kunst- und Literaturgeschichte. 1908 wird er Mitglied der Hetzfelder Flößerzunft, einem Zirkel von Kulturschaffenden aus dem mittelfränkischen Raum. Er veröffentlicht mehrere mundartliche Stücke und Gedichte. Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er schwer verwundet wird, zieht er mit seiner Familie nach Lohr am Main. Schon 1933 tritt Frey der NSDAP bei. Infolgedessen übernimmt er das Amt des unterfränkischen Beauftragten für die Reichsschrifttumskammer und überprüft fortan, ob die Texte anderer Autoren mit der Parteilinie der NSDAP vereinbar sind. Wiederholt überarbeitet er seine eigenen Texte im Sinne der NS-Ideologie. Von 1942 bis 1944 war Fey Mitglied der Regierung des Generalgouvernements in Polen und arbeitete als Referent für die Hauptabteilung Propaganda. Seine Aufgabe dort war, „die kulturellen Traditionen des polnischen Volkes auszulöschen, die „Germanisierung“ des Raumes voranzutreiben und mit antisemitischer Propaganda die Shoa zu flankieren“, so die Würzburger Kommission zur Überprüfung von Straßennamen. Fey war also weit mehr als nur ein Mitläufer. Sein Fall ist deshalb durchaus vergleichbar mit dem der eingangs genannten 96jährigen. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg distanzierte sich Frey nicht von seiner NS-Vergangenheit. Besonders heikel ist die Umbenennung einer Nikolaus-Fey-Straße für seinen Geburtsort Wiesentheid. Hier besaß Fey sogar die Ehrenbürgerwürde, die aber mit seinem Tod 1956 erlosch.

Mal so, mal so!?

Als Namensgeber der Grund- und Mittelschule in Wiesentheid wurde der Name Fey gestrichen, aber im Februar entschied der Gemeinderat dann nach langer Diskussion und Anwohner-Befragung, die Nikolaus-Fey-Straße in der Ortsmitte nicht umzubenennen. Man distanzierte sich zwar ausdrücklich von seinen nationalsozialistischen Aktivitäten, würdigte aber seine Rolle als „patriotischer Verfechter der fränkischen Mundart“. Allerdings will die Gemeinde den Straßennamen mit einem Hinweisschild ergänzen, das auf die NS-Vergangenheit des Heimatdichters hinweist. Anders in Würzburg, wo der Kulturausschuß eine klare Empfehlung für die Umbenennung der Nikolaus-Fey-Straße gab. Umbenannt haben die dem Heimatdichter gewidmeten Straßen unter anderem bereits die Kommunen Alzenau, Bergtheim, Estenfeld und Haßfurt, in Estenfeld sogar gegen den Willen der Anwohner. 

In weiteren Gemeinden laufen Diskussionen oder es wird versucht, das Problem auf den Sankt Nimmerleinstag zu verschieben. Eines jedenfalls haben die Nikolaus-Fey-Straßen in Unterfranken und das Ergebnis der Würzburger Straßennamenkommission bewirkt: Es wird wieder über das unselige geschichtliche Erbe geredet. Bei diesen Diskussionen sollte man aber den momentanen Zeitgeist nicht außer acht lassen. Ein wieder wachsender Judenhaß, eine Wiedererstarkung nationalsozialistischen Gedankengutes und nicht zuletzt eine Partei mit völkischen Ideen sollten zur Wachsamkeit mahnen. Es sollte in der deutschen Gegenwartsgeschichte auch nicht mit zweierlei Maß gemessen werden. Deshalb bleibt mir nur, Joseph Beuys zu zitieren, der gesagt haben soll: „Die Welt ist voller Rätsel, für diese Rätsel aber ist der Mensch die Lösung.“ 

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