Ausgabe November / Dezember 2022 | Museum

Festsaal der Vogelkunde

Das Naturkunde-Museum in Bamberg ...

Text: Sabine Haubner | Fotos: Wolf-Dietrich Weissbach
Naturkunde-Museum Bamberg

In den Vitrinen vibriert es vor Leben. Zumindest hat es diesen Anschein für einen flüchtigen Augenwinkelblick.  Mehr als tausend Vögel drängen sich in den Schaukästen, stehen, sitzen auf Ästen, spreizen Flügel, füttern ihre Brut: ein pralles, gefiedertes Gewimmel. Man vermeint leises Zwitschern und Flügelschlagen zu vernehmen. Und würde man die Türen entriegeln, ergössen sich die Bewohner der Lüfte in den Saal, um sich in vielen kostbaren Farben, fröhlich lärmend in den azurblauen Himmel der Decke zu erheben. 

Eine entrückend schöne Vorstellung und ein irritierender Eindruck zugleich, der bei der Besucherin des Vogelsaals im Bamberger Naturkundemuseum entsteht. Anteil daran hat auch das originale Vitrinenglas: mehr als 200 Jahre alt, uneben und lebhaft strukturiert. Es verleiht den Exponaten eine Vitalität, die im Kontrast zu ihrem Zustand steht. Die Tiere sind seit mindestens 100 Jahren tot, doch kunstfertige Präparatoren haben in ihrem Fall den Kampf gegen die Vergänglichkeit für eine ansehnliche Zeitspanne gewonnen.

Faszinierender Parcours

Wer das Bamberger Naturkundemuseum betritt, den erwartet ein faszinierender Parcours durch die Vielfalt und Ästhetik der lebendigen Welt. Seine Sammlungen umfassen rund 180 000 Belege. Aber nicht nur die Naturalien beeindrucken. Allein die Architektur und Ausstattung sind staunenswert. Im Nordflügel des ehemaligen Jesuitenkollegs erstreckt sich der grandiose Vogelsaal über zwei Stockwerke auf 200 Quadratmetern. Von 1792 bis 1794 wurde er unter Franz Ludwig von Erthal, Fürstbischof von Würzburg und Bamberg, als Lehrort der Naturgeschichte neben der Universitätsbibliothek angelegt. Dieser sollte er baulich in nichts nachstehen. Durch Herausnehmen der Zwischendecke und von Wänden gewann der Raum Weite, durch Anlegen einer umlaufenden Galerie neue Perspektiven und Stellflächen. So wollte der Auftraggeber einen möglichst umfassenden Einblick in die Vielfalt der göttlichen Schöpfung gewähren. „In der Anfangsphase war alles drin, was es in der Natur gab“, wußte Dr. Matthias Mäuser, der inzwischen verstorbene Hüter dieser Schatzkammer. Der langjährige Leiter des Naturkundemuseums kannte ihre Geschichte und Geschichten wie kein Zweiter. Die ersten Sammlungsstücke waren Mineralien und Erzproben aus dem Frankenwald und Fichtelgebirge, Lagerstätten, die während der Regierungszeit des Fürstbischofs ausgeschöpft wurden. Später kamen diverse Tierpräparate hinzu. 

Dem geistlichen Initiator war es allerdings nicht vergönnt, diese ersten Naturalien in den vornehmen Schaukästen zu erleben. Als er 1795 verstarb, war sein Kabinett noch unvollendet. Es fehlten die Schränke in der Raummitte und auf der Galerie, und die wenigen naturkundlichen Objekte lagen noch unsystematisch und zufällig nebeneinander.

Grünhelmturako
Grünhelmturako
Helmkasuar
Helmkasuar

Meßgewand gegen Walkiefer

Fast hätte Erthals Lebensende auch das Aus für sein ambitioniertes Wissenschaftsprojekt bedeutet.  Die Umwälzungen der Französischen Revolution schwappten bis nach Bamberg und das Naturalienkabinett wurde zweckentfremdet. Die Franzosen hatten hier eine Sackfabrik eingerichtet. Von den Sammlungsstücken ist viel weggekommen. Das berichten die Annalen des Museums über diese Schattenzeit. Sie dauerte bis zur Säkularisation 1803, die dem Naturalienkabinett einen menschlichen Glücksfall bescherte: Pater Dionysius Linder. Der ehemalige Mönch des Klosters Banz hatte dessen bedeutende naturkundliche Sammlung betreut, die eigentlich sein Eigentum war. In der Säkularisation übergab er sie ans Bamberger Naturalienkabinett mit der Bedingung, ihr Kustos auf Lebenszeit zu sein. Ein leidenschaftlicher Sammler, dessen Leben wohl eher von der Passion für die Schätze der Natur als durch das Feuer des Glaubens bestimmt war. Linder verkaufte oft Kleidungsstücke und verkniff sich den Weingenuß, obwohl er überzeugter Kellermeister des Klosters gewesen war, nur um neue Seltenheiten erwerben zu können. Pointiert wurde seine wahre Passion durch einen wenig ehrfürchtigen Tausch: 1804 bezahlte Lindner mit liturgischen Textilien zwei riesige Unterkieferhälften eines Grönlandwals. Diese setze er spektakulär in seinem Kabinett ein. „Sie waren als Triumphbogen am Eingang zusammengefügt, so daß jeder Besucher durch sie hindurchging“, berichtete Mäuser. Heute betritt man den Raum durch eine schmale Ecktüre, aber die mächtigen Kinnladen des gigantischen Meeressäugers ziehen noch immer staunende Blick auf sich: Sie liegen am Boden zu beiden Seiten der meterlangen Mittelvitrine, hinter deren Scheiben sich die europäische Vogelwelt entfaltet.

Geierperlhuhn
Geierperlhuhn

Knäkente und Steinadler

Hier gibt es altbekannte Federfreunde wie die Amsel, aber auch Entdeckungen, die in der Natur sonst schwer aufzuspüren sind, wie den gut getarnten Zaunkönig oder den kleinen, braun-fleckigen Wasservogel mit dem absonderlichen Namen Knäkente. Selten zu finden, da vom Aussterben bedroht. Vor allem in Franken sind die ehemaligen Brutplätze des Vogels verwaist und sein markanter Ruf, der an den Laut einer hölzernen Knarre erinnert, verstummt. Die imposanteren heimischen Arten dürfen ihre Schwingen auf dem Vitrinendach ausbreiten, so etwa der Steinadler, ein Geschenk des bayerischen Königs Ludwigs I., und ein Schwan. Dazwischen finden sich aber auch exotische Großvögel wie Pelikan und Albatros. Das Ende der „gemischten Landebahn“ markieren an den Stirnseiten zwei pyramiden- beziehungsweise obeliskenförmige Vitrinen. Die schützenden Behausungen für Vogeleier- und -nester bilden geometrische Akzente in der frühklassizistischen Sprache, die dem Saal seine einzigartige Ausstrahlung verleiht. Neben den klaren Formen und antikischen Zierelementen ist die Farbgebung typisch für die Zeit, eine Kombination von Weiß-Blau-Gold. Mäuser hatte sich mit dieser anläßlich der Restaurierung des Saales von 2008 bis 2010 intensiv beschäftigt und herausgefunden, daß unter der weißen Dispersionsfarbe eine strahlende Mehrfarbigkeit verborgen lag. Diese wurde wiederhergestellt, mit beeindruckendem Ergebnis. „Das Bremer Blau der Vitrinenhintergründe gibt dem Raum eine ganz andere Tiefe“, so der ehemalige Leiter. Und es bringt die Exponate so richtig zur Geltung, wie etwa den riesigen Vogel Strauß, der noch von Dionysius Linder 1830 erworben wurde. „Im 19. Jahrhundert war das Exotische begehrt. Der hier war damals eine Sensation.“ Später hat man dem größten Vogel der Welt eine extra hohe Vitrine maßgeschreinert, aus der er heute noch neugierig auf den Betrachter herabäugt. 

Überwältigend exotisch

Dr. Oliver Wings
Dr. Oliver Wings

Die damalige Presse berichtete laufend über die „merkwürdigen“ Neuerwerbungen Linders und verlockte, das erstaunliche Museum zu besuchen. So schreibt etwa der Fränkische Merkur im August 1828, daß das Naturalienkabinett abermals einen ansehnlichen Zuwachs durch die seltensten Naturprodukte aus den entferntesten Ländern erhalten habe. Da werden Säugetiere wie Affen „in den possierlichsten Stellungen“ oder ein „schöner großer Eisbär“ genannt, vor allem aber seltene ausländische Vögel hervorgehoben, die noch heute in den Wandvitrinen der unteren Etage zu finden sind. Völlig überwältigt war der Journalist von einem ostindischen Kasuar von „ungemeiner Größe und Schönheit“, der wegen seines „großen hornigen Kammes auf seinem starken Schnabel und seiner ganzen Gestalt“ sehr imponierte. 

Der emuähnliche Laufvogel lebt auf Neuguinea und beeindruckt nicht nur durch Größe – er kann bis zu 1,70 Meter hoch werden – und ungewöhnliches Aussehen. Mit seinen dolchartigen Krallen kann er auch Menschen lebensgefährlich verletzen. Die Vielfalt exotischer Federträger entfaltet sich in den umlaufenden Schaukästen. Darunter finden sich auch so glamouröse Vertreter wie die Paradiesvögel aus dem tropischen Regenwald Neu Guineas. Vibrierende Farbfontänen mit extravaganten Federkombinationen von sich bauschenden Schwänzen, antennenartigen Einzelfedern und schimmernden Halskrausen. Ein Exemplar des Roten Paradiesvogels etwa präsentiert eine auffällige Farbpalette von Smaragdgrün, Quittengelb und Zimtbraun, hellem Orange und leuchtendem Karminrot.

Dr. Oliver Wings

Der Geowissenschaftler und Paläontologe Dr. Oliver Wings übernimmt zum 1. August 2022 die wissenschaftliche Leitung des Naturkunde-Museums Bamberg. Wings war zuletzt Paläontologe und Kurator der Geowissenschaftlichen Sammlungen und der Geiseltalsammlung an der Universität Halle-Wittenberg und verantwortlich für die geologischen, mineralogischen und paläontologischen Sammlungen der Martin-Luther-Universität. Nach der Promotion 2004 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn zur „Identifikation, Verbreitung und Funktion von Gastrolithen bei Dinosauriern und lebenden Vögeln mit Schwerpunkt auf Straußen“, folgten diverse wissenschaftliche Stationen u. a. als Kurator im Museum für Naturkunde in Berlin. Wings ist Experte für Forschungs- und Grabungsprojekte, er hat weitreichende Erfahrungen in der Betreuung geologischer, mineralogischer und paläontologischer Sammlungen sowie in Konzeption und Umsetzung von Ausstellungsprojekten. In Lehre und Forschung liegt Wings‘ Schwerpunkt in der Erforschung jurassisch terrestrischer Wirbeltiere.

Wings folgt dem 2021 verstorbenen und hoch geschätzten Museumsleiter Dr. Matthias Mäuser.

Die Fülle sprengt den Saal

Diese Schönheit ist eine Erwerbung von Andreas Haupt (1818 – 1893). Auch dieser Kabinettleiter war ein Geistlicher, der als hingebungsvoller Sammler und Wissenschaftler seinen Vorgänger Linder sogar noch überflügelte. In 55 Jahren erweiterte er die Sammlungen um mehrere Tausend Objekte aus allen Bereichen der Naturkunde, von Mineralien und Fossilien über Säugetiere, Vögel, Fische, Amphibien, Muscheln, Korallen bis hin zu getrockneten Pflanzen und Samen. Die Bestände wuchsen und wuchsen, der Hauptsaal platze aus allen Nähten und Haupt sah sich gezwungen, seine angrenzende Dienstwohnung zu opfern und auszulagern. Noch unter ihm begann die Konzentration der Vogelpräparate im Hauptsaal. 

Das ganze Ausmaß der Fülle, 320 000 Objekte, hatte nach seinem Tod der nächste Kustos Georg Fischer zu bewältigen. „Der Saal war brutal vollgestopft. Unten in den Gängen standen zusätzliche Vitrinen, am Geländer der Galerie gab es Ausleger“, beschrieb Mäuser die damalige Situation.  

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde der Wildwuchs zurückgestutzt. Jetzt wirkt das Naturalienkabinett wieder übersichtlich und klar. Anläßlich der Restaurierung wurde das Ausstellungsspektrum wieder an den ursprünglichen Charakter des Naturalienkabinetts angepaßt. Im Aufgang sind Mineralien oder auch die berüchtigten Würzburger Lügensteine aus der Anfangszeit zu sehen. Die Galerie des Vogelsaals zeigt einen Querschnitt durchs ganze Tierreich: im zoologischen System aufwärts, angefangen mit den Schwämmen und Korallen. 

Eine besondere Vogelart ist noch hervorzuheben. Sie wäre beinahe ausgelöscht worden, wurde aber in letzter Sekunde durch ein Recovery-Projekt gerettet: der Kakapo. Ein präpariertes Exemplar kam 1887 in den Vogelsaal und zählt zu den Schätzen des Museums. Der Bestand des neuseeländischen Eulenpapageis, von dem es heute circa 150 Exemplare gibt, war in den 70er Jahren auf 43 Paare zusammengeschrumpft. Dem flugunfähigen Vogel wurden vor allem die Europäer zum Verhängnis, als sie mit Hund, Katze und Hermelin seinen Lebensraum eroberten. „Das Betrübliche an der Geschichte ist, obwohl, oder gerade weil man gewußt hat, daß sie aussterben, hat man sie massenweise gefangen und an die verschiedenen Museen verkauft“, bedauerte Mäuser den Sammelkommerz früherer Zeiten. Wenn ihn bei Schulführungen Kinder fragten: „Habt ihr die umgebracht?“, konnte er – wie natürlich auch sein Nachfolger als Leiter des Naturkundemuseums Dr. Oliver Wings – sie beruhigen. „So was macht man heute grundsätzlich nicht mehr. Unsere Neuzugänge sind einheimische Vögel, die auf natürliche Weise verendet sind.“

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