Ausgabe November / Dezember 2018 | Kultur

„Es ist eine große ­Motivation, die eigene Stimme zu entdecken“

Martin Lehmann (45) leitet seit 2012 den berühmten Windsbacher Knabenchor. Die Jungen erhalten unter seiner Führung eine umfassende Ausbildung – nicht nur musikalisch. Ein Interview über die Ent­deckung der eigenen Stimme, den Spagat zwischen Schule und Chor und Kompetenzen für die Zukunft.

Text: Juliane Proell

Sechzig bis siebzig Jungen singen pro Jahr beim Chor vor. Wie viele davon sind geeignet beizutreten?

Martin Lehmann: Ungefähr die Hälfte. Von den 30 oder 35 Anwärtern fangen aber nicht alle bei uns an. Die zukünftige Schullaufbahn, das Kind ins Internat zu geben, das spielt in die Entscheidung der Familie und des Kindes mit hinein. In diesem Jahr haben wir 22 neue Sänger aufgenommen.

Was ist für die Kinder das Besondere am Singen?

Lehmann: Es ist eine natürliche Äußerungsform für sie. Für die Jungs ist es eine große Motivation, ihre eigene Stimme zu entdecken. Aber auch mit dem gemeinsamen Arbeitseinsatz zum Erfolg zu kommen, spornt an. Zum Beispiel, wenn am Ende eines Konzertes die Besucher aufstehen, applaudieren und damit den Erfolg für die Sänger spürbar machen. Auch die Schönheit der Musik spielt eine Rolle. Die Kinder lernen, was für musikalische Schätze es zu entdecken gibt.

Viele Kinder kennen das Zaubererinternat aus Harry Potter. Aber wie läuft ein Leben im Internat wirklich ab?

Lehmann: Wir leben nicht im Schloß von Hogwarts, aber dafür ist unsere Campusanlage mit den vier verschiedenen Häusern sehr schön. Die Jungen wohnen eingeteilt nach Altersgruppen dort. Das ist ein bißchen wie in einer großen Familie mit zehn bis zwölf Geschwistern. Pro Gruppe kümmern sich zwei Erzieher um die Kinder. Es ist zu jeder Uhrzeit jemand da. Jedes Haus bietet Freizeitaktivitäten wie Tischtennis, Billard oder Kicker und auch die Außenanlagen stehen den Schülern zur Verfügung. Eine eigene Großküche sorgt für das leibliche Wohl. Jüngere Sänger haben hin und wieder einmal Heimweh. Damit umzugehen, ist für die Kinder erlernbar. Es ist uns jedoch wichtig, die Kinder mit diesen Problemen nicht alleine zu lassen. Wir wollen dem Kind die Nestwärme von zu Hause erhalten.

Wie schaffen es die Schüler, Chor und Schule unter einen Hut zu bringen?

Lehmann: Schule und Chor ist ein Spagat für die Sänger, da sie im Chor viel Zeit verbringen. Deshalb steht ein ganzes Bündel an Maßnahmen zur Verfügung: Die Jungen werden zum Beispiel am Johann-Sebastian-Bach-Gymnasium in eigenen Klassen mit maximal zwanzig Schülern unterrichtet. Dadurch kann auf individuelle Stärken und Schwächen besser eingegangen werden. Zudem gibt es vertiefende Unterrichtszeiten in den Kernfächern wie Mathe, Latein, Deutsch und Englisch, um den Ausfallzeiten auf Konzertreise oder bei CD- sowie TV-Aufnahmen vorzubeugen. Zusätzlich haben wir ein schülergestütztes Nachhilfesystem, d. h. ältere Schüler geben den jüngeren Schülern Nachhilfe.

Welche Kompetenzen erlernen die Sänger während ihrer Zeit beim Windsbacher Knabenchor?

Lehmann: Im Chor müssen sie teamfähig sein, da wir nur durch die gemeinsame Arbeit erfolgreich sind. Zudem lernen die Jungen durch den täglichen Stundenplan eine strukturierte Arbeits- und Lebensweise. Dadurch, daß die Kinder sich zu zweit ein Zimmer teilen, entwickeln sie ihre Sozialkompetenz und lernen, Konflikte auszutragen und zu lösen. Durch die Reisen erfahren sie Weltoffenheit und Selbständigkeit. Hinzu kommt die musikalische Kompetenz. Außerdem lernen sie, daß Arbeit zum Erfolg dazu gehört. Daß nicht alles gleich auf Anhieb funktioniert. Daß sie dranbleiben, proben und sich verbessern müssen. Unsere Jungs sind auf dem Arbeitsmarkt gerne gesehen, gerade weil sie diese Kompetenzen mitbringen.

Der Chor hat schon viel erreicht. Welche Pläne und Veranstaltungen stehen für die Zukunft an?

Lehmann: Unsere Ausbildungsarbeit wird immer Bestand haben. Jedes Jahr wachsen neue Stimmen in den Chor hinein und ältere verlassen uns. Wir haben eine stetige Verjüngung. Das ist auch eine Herausforderung für mich als Leiter. Ebenso ist es uns wichtig, weiterhin musikalischer Leuchtturm unseres Hauptzuschussgebers, der evangelischen Landeskirche Bayerns, und Kulturbotschafter der Europäischen Metropolregion Nürnberg sowie Bayerns zu sein. Mit der zusätzlichen Unterstützung von Sponsoren ist uns die Umsetzung von Projekten möglich – hierauf hoffen wir auch in Zukunft. Ein Beispiel für diese Förderung ist seit vielen Jahren die Nürnberger Versicherung. Sie unterstützt uns in diesem Jahr bei drei Konzerten, eines in St. Lorenz und  zwei Konzerte in der Nürnberger Friedenskirche. Der Chor ist am 17. Dezember 2018 mit Händels „Messiah“ zu Gast und am 21. Dezember 2018 gibt er zusammen mit dem Bläser-Ensemble Salaputia Brass einen Weihnachtsliederabend.

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