Ausgabe März / April 2022 | Politik & Gesellschaft

Die Macht der Viren

Am Beispiel Nürnberg zeigt sich, daß die Reaktionen auf Seuchen sich im Positiven wie im Negativen seit Jahrhunderten gar nicht so sehr unterscheiden.

Text: Gunda Krüdener-Ackermann | Fotos: wellcome- images
Pieter Brueghel, Triumph des Todes (Detail), um 1562
Pieter Brueghel, Triumph des Todes (Detail), um 1562

Wie wir’s dann zuletzt so herrlich weit gebracht“, läßt Goethe in seinem „Faust“ den Famulus Wagner mit Blick auf das Fortschreiten von Erkenntnis selbstzufrieden sinnieren. Und war dies bislang nicht auch unsere Selbstgewißheit, dazu von jeher gebauchpinselt mit den biblischen Labels „Krone der Schöpfung“, „Ebenbild Gottes“? Außerdem in modernen Zeiten, zumindest in unseren Breiten, oft abgeschottet von allem, was uns von Natur wegen molestieren könnte: in vollklimatisierten Räumen, leise surrenden Autos, den Alltag App-optimiert, rundum versorgt von Amazone und Lieferando  … Es könnte alles so schön sein.

Aber plötzlich kommt da so ein klitzekleines Virus um die Ecke, das uns und unser gewohntes Leben aus der Bahn wirft. Dazu heißt es auch noch Corona (lat. Krone), scheint uns aber eher die Narrenkappe aufsetzen zu wollen. Mit seinen ständigen Mutationen zieht es uns wie an einem Nasenring hinter sich her und wirft uns brutal zurück in eine Welt, von der wir uns weitgehend verabschiedet hatten, in die Welt von Ohnmacht und Quarantäne, von Krankheit und plötzlichem Tod. Ja, durch aktuelle Analysen antiken Genmaterials wird allmählich immer deutlicher, daß kleine fiese Viren – so lange von uns erfolgreich verdrängt – wohl hauptverantwortlich für große historische Verwerfungen sein könnten. 

Brachten Viren das römische Weltreich zu Fall?

So mutmaßen moderne Historiker, ob es überhaupt die unverbrauchte Macht germanischer Stämme war, die das römische Weltreich zu Fall brachte? Oder ob nicht vielmehr die in Siedlungen und Großstädten zusammengedrängten Römer der Spätantike für Viren so nutzbar waren wie Monokulturen für Schädlinge und die Menschen permanent schwächten? Verwundert reiben wir uns die Augen. Sollten Viren also auch das Zeug haben, die brave new world unserer Tage ins Wanken zu bringen? Und zeigen uns Pandemien nicht andererseits urplötzlich, wie irrational, ja atavistisch moderne Menschen reagieren können?

Umgekehrt beweist ein Blick auf die Reaktionen und Maßnahmen der Altvorderen durchaus moderne Ansätze der Seuchenbekämpfung. Ein historischer Blick auf den Mikrokosmos Nürnberg zum Beispiel zeigt deutlich, daß die heutigen Reaktionen auf Seuchen sich von den damaligen im Positiven wie im Negativen gar nicht so sehr unterscheiden. Im Laufe der Jahrhunderte hat die Stadt kaum eine der kursierenden Plagen ausgelassen. Das fing schon mit der Malaria in den sumpfigen Flußauen der Pegnitz an. Da behalf man sich allerdings damit, daß man die Juden die Gegend „trockenwohnen“ ließ, bevor man das nun wertvolle innerstädtische Gelände erregerfrei in Besitz nehmen konnte. Im Laufe der Jahrhunderte konnte das städtische Kollektiv Krankheiten nicht mehr so präzise outsourcen. Pest, Typhus, Cholera, Lepra, Syphilis, Tuberkulose mußten weitgehend gemeinsam bewältigt werden. Unter dem Titel „Der Feind in deiner Stadt“ gaben bereits in Vor-Corona-Zeiten die Stadtarchive Münchens, Augsburgs und Nürnbergs einen umfassenden Überblick über Seuchenmaßnahmen vor Ort.

Pieter Brueghel, Triumph des Todes (Detail), um 1562
Pieter Brueghel, Triumph des Todes (Detail), um 1562

Yersinia pestis – der Pesterreger

So zeigt etwa der Umgang mit dem „Schwarzen Tod“, der Nürnberg vom 14. Jahrhundert bis 1713 immer wieder in mehr oder weniger heftigen Wellen heimsuchte, wie man auch ohne die wöchentlichen Bulletins eines Prof. Wieler, schon damals fast modern anmutende Maßnahmen traf. Denn irgendwie ahnte man bereits im ausgehenden Mittelalter, daß das große Sterben wohl etwas mit den katastrophalen Hygiene-Verhältnissen in der Stadt zu tun haben könnte. So verbot der Rat der Stadt u. a. das freie Herumrüsseln der Schweine in den Gassen. Oder man untersagte den Badern, das Blut von den Aderlässen ihrer Kunden einfach in die Pegnitz zu kippen. Zur wenn auch bescheidenen medizinischen Grundversorgung erhöhte man die Anzahl der Stadtärzte und reformierte das Apothekenwesen. Zwar sollte es noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts dauern, bis der Arzt Alexandre Yersin den Pesterreger entdeckte. Aber daß diese Krankheit höchst ansteckend war, konnte man nicht übersehen, infizierte doch die Mutter ihre Kinder, der Meister seine Gesellen  … Und man schloß weiter: die Pestilenz, die könnte doch durchaus noch von den Leichen weitergeben werden?! Deshalb ging man schnell dazu über, die Toten nurmehr außerhalb der Stadtmauern zu begraben. Tagtäglich zogen die Pestkarren durch die Gassen und sammelten die Leichen ein. Abstellplatz dieser Wagen war übrigens der sog. Peststadel, von dem es heute immerhin noch eine Ruine gibt (neben dem Pellerhaus). Friedhöfe außerhalb der Stadtmauern wie der von St. Johannis wurden 1518 erweitert oder entstanden jetzt neu wie der von St. Rochus. 

Super-Spreader-Ereignisse, den modernen Anti-Corona-Demos vergleichbar

Als man in Anbetracht der Leichenberge zu Massenbegräbnissen überging, war der Aufschrei in der Bevölkerung groß. Wie sollte der Herrgott denn so am Tag der Auferstehung die Glieder wieder richtig zusammensetzen? Der Innere Rat Nürnbergs hingegen ging die -Seuche weiterhin rational an: zwischen -Anfang des 16. bis ins 18. Jahrhundert erschienen dreißig gedruckte Bestimmungen zur Pestbekämpfung, die sog. Regimina. Darin gab es etliche nützliche Anweisungen für den Umgang mit der -Seuche: das Reinigen von Pestwäsche in Räucherhäusern, das Sauberhalten der Wohnung, das Vermeiden von Menschenansammlungen. Auch Isolation der Kranken war angesagt. So erwarb die Stadt 1627 ein Privathaus mit dreißig Zimmern, um dort das Krankenpersonal und Pest-Verdachtsfälle unterzubringen. Nicht lange und diese Vorläufer von Krankenhäusern im modernen Sinne wurden auch für Quarantänebehandlungen anderer Plagen wie Syphilis oder Typhus genutzt. In Pestzeiten unterlag auch die Einfuhr von Waren seuchenbedingten Bestimmungen. Fremde wurden erst nach einer Quarantänezeit in die Stadt gelassen. Aber die entsprechenden Reisepapiere ließen sich damals wie heute moderne Impfzertifikate eben auch fälschen. Überhaupt erinnert manches Phänomen von einst durchaus an modernes -Gebaren. Super-Spreader-Ereignisse, den modernen Anti-Corona-Demos vergleichbar, waren dicht gedrängte Bittgottesdienste und Massenprozessionen durch die Stadt. Daß der Sensenmann so wütete, lag eindeutig am sündigen Menschen, noch besser: an den Juden. Die kurze prägnante Formel: Als Christusmörder waren sie ganz klar Brunnenvergifter! Fake-News? Na und? 

Im Vollrausch zwischen Pestleichen

Corona-Virus, begehbares Modell
Corona-Virus, begehbares Modell

Gerne glaubt man natürlich auch damals schon wie heutige Querdenker an böse Verschwörungsmächte und auch an wundersame (Selbst-)Heilungskräfte. Was braucht es Isolation, Masken und all diesen Kram? Es sind die Wunder Gottes, die etwa einen besonders frommen jungen Mann namens Rochus, von nun an Spezialheiliger für die Pest, heilten. Oder – etwas rustikaler: Es war eindeutig eine Überdosis Alkohol, die jenen Nürnberger Dudelsackpfeifer vor Ansteckung bewahrte, hatte er doch unbeschadet eine Nacht zwischen Pestleichen seinen Vollrausch ausgeschlafen. Kreuzfidel hatte er überlebt. Davon zeugt noch heute ein Nürnberger Brunnen mit seinem Standbild. Dazu sprach sich zwischenzeitlich rum, daß es sogar ein echtes Medikament gegen den Schwarzen Tod gab. Zwar konnte es sich dereinst noch nicht um das Antiwurmmittel für Pferde Ivermectin handeln, aber Safran war angesagt! Sauteuer, aber ganz sicher gerade deswegen besonders wirksam! Leisten konnten sich dieses „Heilmittel“ sowieso nur begüterte Kreise. Also auch das damals wie heute: reich lebt es sich zumindest potentiell gesünder als arm. Eindeutig im Vorteil waren Besitzer von Landgütern, konnten sie doch den Miasmen, den „üblen Dünsten“ der engen städtischen Gassen entfliehen. Ob es somit die frische Luft oder der Safran war, war schlußendlich zweitrangig. Interessant ist dabei nur, daß es zu allen Zeiten Pandemie-Profiteure gab: Corona bescherte besonders Gewieften etwa durch überteuerte Maskendeals oder PCR-Tests Millionengewinne; dereinst war es manche Nürnberger Patrizierfamilie, die den kostbaren Safran aus dem Orient über Venedig einführte und sich damit die sprichwörtlich goldene Nase verdiente.

… von „denen da oben“ verursacht

Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Seuchenbekämpfung immer effizienter, brachten doch die Wissenschaften ständig neue valide Erkenntnisse. Gerade eben in Coronazeiten wurde in unvorstellbarer Schnelligkeit ein Impfstoff entwickelt. Damit alles im Griff? Schön wär’s! Pandemien verunsichern damals wie heute große Teile der Bevölkerung. Glaubte man etwa 1884 in Neapel, daß die kursierende Cholera durch Massenvergiftungen von „denen da oben“ verursacht wurde, so ist es heute für nicht wenige Bill Gates und seine Kinderblut trinkende Clique, die uns durch Impfungen chippen und beherrschen wollen.

Wollen wir hoffen, daß Corona samt Mutanten nicht Vorboten kommender Zeiten sind, in denen uns ein Virus nach dem anderen heimsucht. Zwischenzeitlich weiß man, daß die globale Vernetzung von Mensch und Tier, auf welche Weise auch immer, der Natur dabei Vorschub leistet. Denn die beschäftigt sich in Dauerschleife rund um den Globus mit nichts anderem als neuen molekularen Experimenten. Sie tut das völlig wertneutral, aber brandgefährlich ist das für unser gesellschaftliches Miteinander und individuelles Überleben.

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