Eier-Glaube
Im Mittelalter sollen Nahrungsmittel den Mörtel haltbarer gemacht haben. Wurden fränkische Wahrzeichen aus Quark und Wein erbaut?
Text: Klaus Hanisch | Fotos: Wolf-Dietrich Weissbach

Der Volksmund weiß Bescheid. Seit Jahrzehnten behauptet er eisern, dass die weltberühmte Karlsbrücke in Prag nur deshalb so widerstandsfähig sei, weil Baumeister rohe Eier in den Mörtel mischten. Dies sei auch der Grund dafür, dass sie seit nunmehr schon 660 Jahren wie ein Fels in der Moldau-Brandung stehe. „Ein interessanter Einzelbefund“, schmunzelt Julia Ludwar, Leiterin des Bauarchivs im bayerischen Landesamt für Denkmalpflege. Fragen müsse man sich allerdings, wie wahrscheinlich dieses „Baumaterial“ sei. „Ich denke, bei Großbaustellen wie der Karlsbrücke hätte es Probleme gegeben, ausreichende Mengen von diesem sehr hochwertigen Lebensmittel in jener Zeit zu beschaffen.“ Schon dieser Aspekt lässt sie stark zweifeln.
Aber auch dafür hat der Volksmund eine Erklärung. Weil während des Baus in ganz Prag kein einziges Ei mehr aufzutreiben war, habe Kaiser Karl IV. seine Untertanen extra dazu aufgefordert, aus allen Landesteilen Eier heranzuschaffen. Dabei erwarben sich die Bewohner des tschechischen Ortes Velvary Verdienst und Ruhm, der bis heute anhält. Sie waren nämlich überzeugt davon, dass die Brücke länger erhalten bleibt, wenn sie nicht wie andere Gemeinden rohe Eier nach Prag schicken. Als Maurer ihre Lieferung öffneten, hielten sie deshalb hart gekochte in Händen … Damit widerspreche die Legende selbst der Legende, meint Diplom-Ingenieurin Ludwar. Da sie auch noch um die Lieferung der Eier erweitert werde, war „die Versorgung eben doch wohl nicht in ausreichendem Maße vorhanden, um als Baustoff verwendet zu werden“. Viele Bauwerke aus dem Mittelalter sind heute Wahrzeichen von Städten. Besonders in Franken. Etwa die Nürnberger Burg. Oder die Obere Brücke im Weltkulturerbe Bamberg. Wie auch die Alte Mainbrücke in Würzburg. Und sie verbinden Völker. Selbst wer nur wenige Stunden Zeit für Prag hat, will zumindest auf der Karlsbrücke gewesen sein. Deshalb gehen an manchen Tagen rund 30 000 Menschen, unter ihnen zahlreiche Franken, über deren Kopfsteinpflaster – wohl aber nicht über Mörtel aus Eiern. Oder doch?
Gänzlich ausschließen will Julia Ludwar dies nicht. Vielleicht habe es ja damals an der Karlsbrücke tatsächlich eine Art von Bauprogramm mit Eiern gegeben. „Wir kennen verschiedenste Arten von Zusätzen in Mörteln, um ihn fester und widerstandsfähig gegen Wasser zu machen“, erklärt sie. So habe man etwa Ziegelmehl verwendet, das Mörtel sehr härtet. „Doch das war relativ leicht verfügbar oder konnte verfügbar gemacht werden.“
Mineralische Zusätze, wie Ziegel- oder Steinmehle, wurden sicher zugegeben. Organische Stoffe seien zwar nicht völlig ausgeschlossen. „Aber wir haben dafür bisher noch keinen schlagkräftigen Beweis gefunden“, konstatiert die Bauleiterin in Thierhaupten. Auch in Fachlexika ist nachzulesen, dass „im mittelalterlichen Bauwesen große Mengen an Mörtel, einem Gemisch aus Sand und Kalkteig, als Bindemittel beim Mauerbau und als Verputzstoff“ benötigt wurden. Und dass allerlei zur Verbesserung der Mörteleigenschaften beigemengt worden sei, so auch „Eier, Milch, Quark, Molkewasser, Ochsenblut, Bier, Wein, Essig, Salz oder Urin“. Sie waren aber „zum Teil eher symbolisch“, wie die Nachschlagewerke angeben. Wenn schon nicht Brücken, sind dann möglicherweise andere fränkische Wahrzeichen und Sehenswürdigkeiten aus dem Mittelalter auf Eiern gebaut? Für diese Anfrage beriet sich Julia Ludwar mit weiteren Fachleuten ihres Amtes. Gemeinsames Ergebnis: „Kein Befund für Eier in irgendeinem fränkischen Mörtel.“ Allerdings schränkt sie ein: „Zumindest bis jetzt nicht.“ Dies sei nämlich eine Momentaufnahme: „Es gibt nichts, was es nicht doch geben könnte.“
Wissenschaftler begannen 2012 im österreichischen Friesach mit dem Bau einer mittelalterlichen Burg, um mehr über alte Bautechniken zu erfahren und dabei auch eine Formel für den Mörtel zu entdecken. Gleich zu Beginn ihres Experiments schlossen sie aber als reine „Mythen der Zeit“ aus, darin Beigaben von Urin, Blut, Salz oder Eiern zu finden. Obwohl sie Genaues erst in etwa 30 Jahren berichten können, denn so lange soll ihr Projekt ohne Strom und moderne Hilfsmittel andauern. Waren es daher nicht Eier, die dem Mörtel zugefügt wurden – sondern Blut? „Blut ist mir aus Legenden auch bekannt“, bestätigt Julia Ludwar. Allerdings nicht im Mörtel. „Stattdessen kennen wir Farben, zum Beispiel Kasein-Farben, mit Quark als Zusatz, um bestimmte Eigenschaften zu befördern.“ Gleichwohl will sie auch ihn „nicht mit einem hochfesten Mauermörtel in Verbindung bringen, rein vom Gefühl her.“
Bei Farben mache ein früheres Aushärten Sinn, beim Mörtel sei dies technisch nicht wünschenswert. „Denn das hat nichts mit der Endfestigkeit zu tun, die man erreichen will, sondern mit dem Verhalten und Abbinden, also wie schnell diese Festigkeit erreicht wird“, so Ludwar. Auf Farben wies Mitte 2017 auch der Kunsthistoriker Jan Royt in der Debatte um die Karlsbrücke hin – um daraus jedoch eine Begründung für die Eier abzuleiten. Wie Kasein und Quark binden auch Eier und Eiweiß hervorragend. „Mittelalterliche Maler haben das Ei als gutes Bindemittel genutzt“, stellte der Mann von der Prager Karluniversität fest. Und darum auch die Baumeister der Brücke, so seine feste Überzeugung. Schließlich soll es rund um die Karlsbrücke noch lange sauer gerochen haben, wie die Legende weiter besagt. Wobei dieser Quark jedoch nicht aus Velvary kam, sondern aus dem nahen Beroun …
Auch dies beeindruckt die Expertin des bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege nicht. Zwar könne man Quark „als gesichert ansehen“, zumindest prinzipiell. Allerdings hätten Kühe früher wahrscheinlich nicht mal halb so viel Milch gegeben wie heute. Und es wurden weitaus weniger Tiere gehalten. Daher war Quark – wie Eier – ein Lebensmittel von hoher Qualität. „Wenn er für Bauarbeiten zugesetzt worden sein sollte, dann nur für feinere, also etwa für Dekorationsmalerei“, geht Ludwar ins Detail. Im heutigen Prag sind die Meinungen bezüglich Eiern in der Karlsbrücke gespalten. Der Architekt Jaroslav Vokoun sprach sich zum 650. Jubiläum der Karlsbrücke für Eidotter im Mörtel aus. Vor allem wegen dessen Bindekraft und weil das Bauwerk unbedingt fester und haltbarer sein sollte als sein Vorgänger, der bei Moldauüberschwemmungen Mitte des 14. Jahrhunderts zerstört wurde.
Auch andere behaupten standhaft, dass der Eier-Glaube keineswegs ein Aberglaube sei. Dies beweise sich schon darin, dass größere Schäden an der Brücke viele Jahrzehnte nach dem Bau erst 1890 auftraten. Selbst beim Jahrhundert-Hochwasser 2002 habe sie sich als äußerst wehrhaft erwiesen. Dem widersprach allerdings ein tschechischer Bauleiter im Sommer 2008 heftig. „Wahr ist lediglich, dass die Bauarbeiter seinerzeit teilweise mit Naturalien entlohnt wurden, darunter mit Eiern“, wurde der Mann zitiert.
Im Juni 2013 geisterte eine Meldung durch die Medien, wonach nicht Eier im Mörtel gefunden wurden, wohl aber große Mengen von Wein. Wie ihn schon die Römer verwendet hätten. Damit bekommt „in vino veritas“ eine ganz neue Bedeutung. Ein hervorragendes Stichwort für Franken! Die Festung Marienberg in Würzburg, eines der eindrucksvollsten Baudenkmäler aus früheren Jahrhunderten, auf Wein gegründet? „Können wir leider nicht mit eindeutigen Belegen dienen“, heißt es auch dazu aus dem Landesamt für Denkmalpflege. Und die alten Römer – wieder nur eine Legende mehr? Könne man nicht sagen. „Ich möchte auch das nicht komplett ausschließen“, so Julia Ludwar.
Denn nicht nur Quark ist als Beimengung bekannt. Sondern auch alle Arten von Tierhaaren. Sehr oft Kälberhaare. „Wo heute Kunststoffgitter eingesetzt werden, hat man früher diese Haare benutzt, um eine gewisse Zugfestigkeit in den Mörtel zu bringen“, klärt sie auf, „das sind ganz übliche Geschichten, die wir öfter gefunden haben.“ Selbst Kuhmist gehört dazu, weil er in großen Mengen verfügbar war. Wurde etwa der Bamberger Dom auch mit Kuhmist errichtet? „Kuhmist wurde eher in Lehm bei Fachwerkbauten verwendet, um Schimmelbildung zu vermeiden. Und Lehmputz würde ich am Bamberger Dom nicht unbedingt erwarten“, lacht die Bauexpertin.
Als im Jubiläumsjahr 2007 umfangreiche Sanierungsarbeiten an der Karlsbrücke begannen, wollte man der Legende endlich auf den Grund gehen. Anfang 2008 machte die Nachricht die Runde: „Eier im Mörtel der Prager Karlsbrücke nachgewiesen“. Wissenschaftler der Universität für Chemie und Technologie in Prag entdeckten mit Hilfe der Massenspektrometrie in mittelalterlichen Mörtelproben proteinhaltige Bindemittel. „Man kann relativ genau nachweisen, dass es sich dabei um Eiweiße aus Eiern, aber auch aus Milch oder Quark handelt“, erläuterte Štěpánka Kučková.
Eier könnten demnach nicht nur den Mörtel härter gemacht, sondern durch Beimengung der Proteine auch das Abbinden verzögert haben. Dies verschaffte den Maurern mehr Zeit, Steinquader in die richtige Position zu bringen. Ihre Methode sei so zuverlässig wie der Vergleich von Fingerabdrücken, posaunten die Forscher in die Welt hinaus. Zumal sie durch eine Untersuchung des Labors für strukturelle Biologie an der Südböhmischen Universität in Budweis bestätigt wurden. Auch dort fanden sich Eierproteine im Mörtel. „Die Fundamente der Karlsbrücke enthalten tatsächlich Eier, wie es die Legende besagt“, legte daraufhin der damalige Prager Oberbürgermeister Pavel Bém ein für alle Mal fest. Trotz ihrer Zweifel will Julia Ludwar den Prager Wissenschaftlern nicht völlig widersprechen. Denn früher wurde tatsächlich viel experimentiert. „Zusätze in Baustellenmischungen, wie man heute sagt, haben eine lange Tradition“, führt sie aus, „jeder Baumeister hatte sein eigenes Rezept.“ Dies setze sich bis heute fort. „Man merkt es bei jeder Kirchenmalerfirma, die irgendeinen Zusatz in ihre Farben gibt.“ Daher gilt für sie: „Ich würde Spekulationen nicht komplett von der Hand weisen.“ Mit Zusätzen sei immer gearbeitet worden. „Aber Eier – sofern sie bei uns vorgekommen sein sollten – wurden doch eher auf kleineren Baustellen eingesetzt, rein von der Plausibilität her“, bekräftigt Ludwar noch einmal.
Nur: In Franken gibt es bisher (noch) keine Nachweise von Eiern im Mörtel. Oder für eine Zugabe von Frankenwein. Als Baumaterial wurden und werden Eier hier lediglich für die Errichtung von Osterbrunnen genutzt. Gemäß einem uralten Brauch aus der Fränkischen Schweiz schmücken bemalte Ostereier öffentliche Plätze. Meist sind dies Brunnen in Dörfern. Zuweilen aber auch gewässernahe Einrichtungen – wie Brücken …

