Veilchen: Betörende Botschafterin der Liebe
Text: Sabine Haubner
Die Kinder haben die Veilchen gepflückt,
All, all, die da
blühten am Mühlengraben.
Der Lenz ist da;
sie wollen ihn fest
In ihren kleinen Fäusten haben.
Ein paar einfache Verse nur, und doch hat der Dichter Theodor Storm damit den prallen Frühling eingefangen. Quirlige Kinder, die es hinausdrängt, an den verlockend gurgelnden Mühlengraben. Endlich Sonne, und die Veilchen blühen schon. Entzücken und überschießende Energie. Sie pflücken alle ab, bündeln sie zu duftenden Sträußchen und halten sie fest, ganz fest in ihren Händen – der Frühling darf nicht mehr davonflattern!
Wie keine andere Pflanze steht das duftende Veilchen, Viola odorata, für den erwachenden Frühling. Und das nicht erst seit der Romantik, als Dichter es zum Symbol für Sehnsucht und Liebe erhoben. Im antiken Athen feierte man jedes Jahr ein Frühlingsfest, bei dem alle dreijährigen Kinder einen Kopfschmuck aus Veilchen trugen. Ein Dank an Pan, den Gott des Lebens, dass er die Kinder den harten Winter hat überstehen lassen.
Von der besonderen Beziehung Griechenland-Veilchen ließ sich auch der Dichter Friedrich Hölderlin inspirieren. „Aber silbern/An reinen Tagen/Ist das Licht. Als Zeichen der Liebe/Veilchenblau die Erde.“ So bannte der Antikenbegeisterte die erhebende Wirkung der griechischen Landschaft. Zeitlos schön. Veilchenblau. Für ihn ist es die Farbe der romantischen Gefühle, denn er wusste um den mythischen Hintergrund der intensiv gefärbten Blüten.
Der berüchtigte Schürzenjäger Zeus entbrannte in Leidenschaft für die Nymphe Io. Doch sein Techtelmechtel mit der hinreißenden Schönheit flog auf. Für die Nymphe wurde es gefährlich, denn Zeus’ zornflammende Gattin Hera schwor Rache. Der Untreue verwandelte seine Geliebte kurzerhand in eine weiße Kuh. Um ihr tierisches Dasein zu erleichtern, ließ er überall dort, wohin sie ihre Hufe setzte, duftende Veilchen sprießen.

Das Veilchen ist seit Jahrhunderten Heil- und Gewürzpflanze
Ein Mythos, der weiterlebt, im griechischen Namen der Pflanze „Ion“. Der Gattungsname „Viola“ hat lateinische Wurzeln und heißt ganz einfach „violett“. Er steht für rund 500 Arten, 30 davon erfreuen in Deutschland. Unter ihnen ist das Duftveilchen der unbestrittene Star. Es spielt in Mythologie, Literatur, Kunst, Küche und Garten seine Rolle aus. Ganz schön viel Charisma für eine bescheiden am Boden kauernde Pflanze, die für Sanftmut, Demut und Sittsamkeit steht. Gerade diese Eigenschaften aber hoben die Blume in den höchsten Rang: Sie wurde zum Marienattribut, Schmuck und Symbol der Jungfrau. Und das bei einer so hochattraktiven Konkurrenz wie Rose oder Lilie. Beachtlich.
Gautier de Coincy, Abt von Saint-Medard de Soissons und Lyriker, nahm sie mit hinein in sein Loblied auf Maria, das er um 1300 sang: „Sie ist die Blume, das Veilchen, die aufgeblühte Rose, die einen solchen Duft verbreitet und ausströmt, dass er uns alle sättigt.“
Künstler der Spätgotik schufen ein eigenes Bildthema, in dem diese Blumen Maria zur Zierde gereichen und ihre Tugenden symbolisieren: den Hortus conclusus. Maria ruht in einem himmlischen Paradiesgärtlein, das schützende Mauern umschließen, auf einem blühenden Rasen. Ein samtenes grünes Kissen, aus dem das intensive Dunkelblau des Veilchens hervorsticht.
Als Heil- und Gewürzpflanze wird das duftende Veilchen schon seit über 4000 Jahren kultiviert. Die großen Ärzte der Antike, Hippokrates und Dioskurides, priesen seine medizinische Wirkung und empfahlen die Pflanze gegen Sehstörungen, Kopfschmerzen, Halsschmerzen und Melancholie. Auch die mittelalterliche Klosterheilkunde traute dem kleinen Veilchen viel zu. „Weder die Pracht der Rose noch die Lilie kann die duftenden Veilchen übertreffen in Gestalt und Geruch und Wirkungsmacht“, schrieb der Mönch Odo Magdunensis im 11. Jahrhundert in seinem Kräuterbestseller des Mittelalters, dem „Macer floridus“. Er empfahl es bei Kopfschmerzen, Geschwüren, Husten, Asthma und bei einer abenteuerlichen Indikation: „Falls zufällig ein Schädelknochen durch einen Schlag eingedellt worden ist.“ Ein Mus aus gestampften Veilchen auf die Fußsohle aufgetragen, sollte einen solchen Schaden wieder richten.

… in der goldenen Kapsel
Und die berühmte Äbtissin und Medizinautorin Hildegard von Bingen schätzte den betörenden Frühlingsblüher. Von ihr stammt ein interessantes Rezept für eine Augensalbe. Auch in jüngster Zeit macht das Veilchen medizinisch von sich reden. Der Bochumer Duftforscher Hanns Hatt hat herausgefunden, dass sein Duft nicht nur die Nase erfreut, sondern offenbar auch das Wachstum von Prostatatumoren hemmt. Eine kleine Sensation!
Die heilenden Eigenschaften der leisen Schönen vor allem bei entzündlichen Beschwerden basieren auf den enthaltenen Saponinen, ätherischen Ölen, Salicylverbindungen und Alkaloiden. Das ätherische Öl Parmon sorgt auch für den feinen, süßen Duft der Blüten. Dieser prädestiniert die Pflanze als Botschafterin der Liebe seit Tausenden Jahren.
Schon in der Antike schenkten Männer der Angebeteten Veilchensträuße als Zeichen ihrer Zuneigung. Eine Tradition, für die sich auch Napoleon Bonaparte erwärmte. Seiner Frau Joséphine Beauharnais schickte er regelmäßig Veilchenbuketts, selbst vom Schlachtfeld aus. Treu blieb er ihr freilich nicht, viele Affären sagt man ihm nach. Schließlich entschied die Kinderlosigkeit des Ehepaares über seine Zukunft. 1809 ließ sich Napoleon aus dynastischen Gründen scheiden und ehelichte wenig später die blutjunge Habsburgerin Marie Louise. Vergessen konnte er seine liebreizende Joséphine freilich nie. Nach seinem Tod am 5. Mai 1821 fand man auf Napoleons Brust eine goldene Kapsel. Sie war der Schrein für zwei getrocknete Veilchenblüten, Erinnerung an die unvergleichliche Geliebte.

