Würzburger Forschung, die Geschichte schrieb
Stromspeicher, Impfungen gegen Krebs und medizinische Bildgebung: Vieles, was uns heute alltäglich erscheint, war noch vor vergleichsweise kurzer Zeit ein wissenschaftlicher Paukenschlag. Welche Rolle Nobelpreisträger der Universität Würzburg dabei spielten – und wie ihre Entdeckungen bis heute nachwirken.
Text: Sebastian Hofmann | Fotos: Universitätsbibliothek Würzburg
Ein Knopfdruck, ein leises Surren – und schon erscheint es: ein Bild unseres Kieferknochens, unseres Unterarms oder unseres Oberschenkels. Täglich entstehen weltweit genauso hunderttausende Röntgenaufnahmen – schnell, schmerzfrei und präzise.Was für Patientinnen und Patienten heute medizinische Routine ist, galt 1895 noch als Sensation: Damals, am Abend des 8. November, entdeckte Wilhelm Conrad Röntgen am Physikalischen Institut der Universität Würzburg eine bis dahin unbekannte Strahlung. Diese kann – wie er herausfand – Haut und Muskeln durchdringen und so das menschliche Skelett sichtbar machen. Vor allem für die Medizin war das ein Durchbruch: Erstmals konnten Ärztinnen und Ärzte einen Blick ins Innere des Körpers werfen, ohne ihn dafür aufschneiden zu müssen. Für seine Entdeckung erhielt Röntgen 1901 den Physiknobelpreis – dieser war zugleich der erste Nobelpreis in der Geschichte. Heute sind Röntgenstrahlen aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken, egal ob bei klassischen Röntgenuntersuchungen oder bei der Computertomografie (CT): Sie liefern Bilder aus dem Inneren des Körpers und helfen, krankhaftes Gewebe frühzeitig zu erkennen.
Auch in anderen Bereichen haben es Röntgenstrahlen weit gebracht: Sie durchleuchten unser Gepäck bei der Sicherheitskontrolle an Flughäfen, unterstützen bei der schonenden Untersuchung archäologischer Artefakte und prüfen in der Industrie Materialien auf Fehler. Mit seiner Entdeckung läutete Röntgen nicht nur ein neues technologisches Zeitalter ein, sondern wurde auch der erste in einer Reihe von insgesamt 14 Wissenschaftlern an der Universität Würzburg, die in den folgenden Jahrzehnten mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden.

Der Weg von Salzen und Säuren zu Strom
Zu den prominentesten Würzburger Nobelpreisträgern neben Röntgen gehörte der Chemiker Svante Arrhenius: In den 1880er-Jahren forschte er am Physikalisch-Chemischen Institut Würzburg und beschrieb als Erster systematisch die sogenannte elektrolytische Dissoziation – den Prozess, bei dem sich Salze oder Säuren in Wasser in elektrisch geladene Teilchen, Ionen, aufspalten. Seine Entdeckung legte den Grundstein für die moderne Elektrochemie und wurde 1903 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.
Auf dem Prinzip der elektrolytischen Dissoziation basieren viele Technologien, die uns heute ganz selbstverständlich im Alltag begegnen, zum Beispiel Batterien und Akkus: In deren Inneren befindet sich ein sogenannter Elektrolyt – eine Flüssigkeit, in der Salze und Säuren gelöst sind. Die Ionen darin fließen als Strom durch einen Leiter und sorgen so dafür, dass Energie gespeichert werden kann.
Auch in der Medizin spielt das Prinzip der elektrolytischen Dissoziation eine wichtige Rolle: Salze und Säuren aus unserer Nahrung lösen sich im Blut auf und zerfallen in Ionen wie Natrium, Kalium oder Kalzium. Deren Konzentration kann man heute mit speziellen Bluttests sichtbar machen und so hilfreiche Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand einer Person gewinnen.
Noch unmittelbarer wirkte sich einige Jahrzehnte später eine andere Würzburger Nobel-Entdeckung auf die Medizin aus: die Entdeckung von Humanen Papillomviren (HPV) als Verursacher von Gebärmutterhalskrebs.
Der Grundstein für eine Impfung gegen Krebs
Verantwortlich dafür war der Mediziner Harald zur Hausen, der sich zuvor in Würzburg habilitiert hatte. Lange hatte die Erkrankung bis dahin als unausweichliches Schicksal gegolten – angeblich verursacht durch Hormone, einen ungesunden Lebensstil oder genetische Veranlagung.
In den 1980er Jahren wies zur Hausen schließlich nach, dass tatsächlich bestimmte HPV-Typen dahinterstecken, indem sie menschliche Zellen „umprogrammieren“ und so zu unkontrollierter Zellvermehrung führen können. Die Erkenntnis, dass Viren zu einer Krebserkrankung führen können, stellte nicht nur alte Lehrmeinungen infrage, sondern eröffnete auch gänzlich neue Wege in der Medizin. 2008 erhielt zur Hausen dafür den Medizinnobelpreis. Wenige Jahre zuvor war es einem australisch-chinesischen Wissenschaftsteam gelungen, eine Impfung gegen HPV zu entwickeln. Heute gehört der HPV-Test in Deutschland zur Standardvorsorge bei Frauen ab 35 Jahren. Die Impfung selbst ist in mehr als 100 Ländern zugelassen und gilt als medizinischer Meilenstein. In Australien, wo besonders früh und umfassend geimpft wurde, könnte Gebärmutterhalskrebs schon bald vollkommen verschwinden.

Ausstellung: Nobelpreisgeschichte der Universität Würzburg
Röntgen, Arrhenius und zur Hausen stehen stellvertretend für eine Erfolgsgeschichte, die sich über mehr als 125 Jahre erstreckt: eine Geschichte wissenschaftlicher Neugier, genialer Köpfe und bahnbrechender Forschung aus Würzburg, die ihre Wirkung weit über die Grenzen der Region entfaltet haben und unseren Alltag bis heute prägen.
Anlässlich des 125-jährigen Jubiläums der ersten Nobelpreisverleihung an Röntgen feiert die Julius-Maximilians-Universität 2026 das „Nobelpreisträgerjahr“. Herzstück ist ihre Ausstellung „Ausgezeichnet! 14 Würzburger Nobelpreisträger – geniale Köpfe, die die Welt veränderten“. Sie zeichnet die Entwicklung des Nobelpreises nach, stellt Würzburger Nobelpreisträger und ihre Forschung vor und beleuchtet exzellente Wissenschaft an der Universität Würzburg früher und heute. Zugleich thematisiert sie die Frage, warum sich unter den Würzburger Nobelpreisträgern bislang nur Männer befinden.
Zu sehen ist die Ausstellung das ganze Jahr über an verschiedenen Standorten in Würzburg – im Januar und Februar zum Beispiel im Lichthof der Neuen Universität am Sanderring 2, vom 16. März bis zum 10. April im Mozartareal der Stadt Würzburg, vom 13. April bis zum 7. Mai im Foyer des Zentralen Hörsaal- und Seminargebäudes Z6 am Hubland Süd und vom 15. bis zum 26. Juni im Foyer des Rudolf-Virchow-Zentrums am Campus Grombühl.
Das Nobelpreisträgerjahr wird auch in weiteren Veranstaltungsformaten sichtbar, zum Beispiel beim Tag der Physik am 11. Juli 2026 und bei den Veranstaltungen der Kinderuni stehen die Würzburger Nobelpreisträger im Mittelpunkt. Ergänzend dazu erscheint im Sommer ein exklusiver Buchband, der die 14 ausgezeichneten Wissenschaftler und ihre Entdeckungen porträtiert.

