Ausgabe März / April 2026 | Natur & Umwelt

Florentinas Garten verheißt den Süden

Die Gärtnerfamilie Hagn hatte vor drei Jahren im Würzburger Hofgarten eine sonnige Idee: Was den Fürstbischöfen gelang, müssten wir doch auch können. Und so kam‘s. Seit zwei Jahren kultivieren sie in Segnitz (Lkr. Kitzingen) unter dem Label „Florentinas Garten“ als einziger Betrieb in Deutschland Zitrusfrüchte unter Glas in Biolandqualität. Die Früchte von 30 verschiedenen Sorten – von Mandarine bis Tigerzitrone – begeistern Konsumenten und Spitzenköche gleichermaßen.

Text: Sabine Haubner | Fotos: Wolf-Dietrich Weissbach
Imposante Köstlichkeit: Die Cedro ist die Königin der Zitronen und fühlt sich auch in Segnitz wohl.
Imposante Köstlichkeit: Die Cedro ist die Königin der Zitronen und fühlt sich auch in Segnitz wohl.

Die erste Begegnung war eher flüchtig. Ein Gemüsestand auf Würzburgs Grünem Markt präsentierte im Oktober verlockende Orangen und Zitronen und überraschte mit der Kennzeichnung: Bio aus Unterfranken. Eine bislang unbekannte Herkunft, die erst mal wieder in Vergessenheit sank. Zwei Monate später dann die Reaktivierung auf dem Sommerhäuser Weihnachtsmarkt. Florentinas Zitrusmobil präsentierte mitten im Winter den fruchtgewordenen Süden: Zitronen, Mandarinen, Blutorangen, pinkfleischige Cara Cara – und ein feines Sortiment an Aufstrichen, Smoothie-Pulvern und Säften. Produkte, die die Sonne im Glas konservieren – nein, nicht die der süditalienischen Küste, sondern der Segnitzer Mainaue im Landkreis Kitzingen.

Und in der entfaltet sich nun, Anfang Januar, das Wunder unter Glas. Lange Reihen von Orangenbäumchen, aus deren dunkelgrün glänzendem Laub die goldenen Früchte hervorleuchten. Verheißungsvoll, die mediterrane Sehnsucht triggernd.

„Wir haben das Dolce Vita hierhergeholt“, erklärt denn auch Simone Hagn und strahlt. Und da dieses nicht so einfach vom Himmel herunterschwebt, steht dahinter ganz schön viel Einsatz. Florentinas Garten, so nennen Florian und Simone Hagn ihr kleines Familienunternehmen, bringt schon die zweite Ernte ein. Dabei wurde der erste und einzige Zitruserzeugerbetrieb Deutschlands, der überdies Bioland-zertifiziert arbeitet, erst 2023 aus der Taufe gehoben. Ein Erfolg, auf den die beiden sichtlich stolz sind. Umso erstaunlicher, weil sie bei 30 Sorten mit unterschiedlichen Ansprüchen kaum Ausfälle haben und die Qualität ihrer Früchte bereits Sternegastronomen in Hamburg und Stuttgart begeistert.

Heute fehlt die Sonne, um die Illusion eines duftenden Orangenhains an der Mittelmeerküste noch anzufüttern. Und doch scheinen die 2.000 Sonnenstunden, mit denen die Gartenbaugemeinde Segnitz verwöhnt wird, den Südfrüchten zu genügen. Kann so etwas funktionieren? Könnte der Klimawandel im Hotspot Unterfranken die Kultivierung exotischer Früchte im Freiland möglich machen, fragen sich seit einigen Jahren die Fachleute der Landesanstalt für Weinbau und Garten­bau in Veitshöchheim (LWG). Auf einem trockenen Maintalstandort experimentieren sie mit Kiwi, Khaki, Indianerbanane und Feige. Kiwibeere und Feige haben sich als aussichtsreiche Kandidaten erwiesen, erklärt Alexander Zimmermann, Versuchsingenieur bei der LWG. „Da können wir schon Empfehlungen für den Anbau rausgeben.“ Für Zitrusfrüchte gibt es solche nicht.

Glücklich und stolz auf ihren Ernteerfolg: Simone und Florian Hagn zwischen reifen Clementinen.
Glücklich und stolz auf ihren Ernteerfolg: Simone und Florian Hagn zwischen reifen Clementinen.

Mainfrankens Zitruspioniere

Die Hagns müssen also ihre eigenen Erfahrungen machen. Das Knowhow bringt Florian Hagn mit. Der Gärtnermeister verfügt offenbar über jede Menge Fingerspitzengefühl und Pioniergeist. Genetisch bedingt. „Die Hagns waren schon immer Vorreiter“, erklärt er. Sein Großvater und Vater wagten als eine der Ersten der Region die Kultivierung von Blühpflanzen und Frisée-Salat. Dann eröffnete sich Florian Hagn vor 25 Jahren mit dem fast ganzjährigen Strauchtomatenanbau unter Glas eine neue Perspektive. Er tüftelte an einem geschlossenen Kreislauf herum und entwickelte ein ressourcenschonendes „Supersystem“. Es lief alles gut, bis 2021 der Preisdruck zu groß und die Kosten durch die Decke gingen. Unrentabel. Hagns schmissen Ende 2022 hin. Wie sollte es nun weitergehen? Damals ahnten sie noch nichts von ihrer exotischen Nische. Florian Hagn pflückt eine reife Blutorange, schält sie geschickt und bietet eine Kostprobe: unglaublich saftig, süßsauer und sehr aromatisch. Eklatant der Unterschied zu einer Supermarktorange. In Segnitz dürfen die Früchte bis zur Vollreife am Baum hängen und werden frisch gepflückt ausgeliefert. Die Supermarkt-Ware hingegen kommt unreif in die Lager und wartet dort wochenlang, bis sie begast und chemisch behandelt in den Verkauf kommt.

Reifeprüfung an offener Frucht. Florian Hagn testet Geschmack und Reifegrad verschiedener Orangensorten.
Reifeprüfung an offener Frucht. Florian Hagn testet Geschmack und Reifegrad verschiedener Orangensorten.

Fürstliche Tugend Orangeriekultur

Vor der Zitrusidee kristallisierte sich eine Lieb­haberei als Einstiegsorientierung heraus: selbstgemachte Marmelade aus wildwachsenden Hagebutten. Die schmeckte den Hagns und ihren Freunden ausnehmend gut. 2019 bestellten sie in Sachsen Pflanzen der Pillnitzer Vitaminrose, einer besonderen Züchtung, deren große Früchte doppelt so viel Vitamin C enthalten wie die normaler Heckenrosen. Erst nach dreijährigem Vorlauf konnte der Züchter liefern. Inzwischen streben auf den Hagebuttenfeldern mannshohe Sträucher an einer Drahtgrundlage wie Spalierobst geleitet nach oben. 2025 konnte die Gärtnerfamilie erstmals ernten. Damit wurden sie Deutschland, einziger kommerzieller Erzeuger dieser speziellen Hagebutten. „Wir probieren noch aus“, meint Simone Hagn, aber das Ergebnis überzeugt schon jetzt: ein leuchtend orangerotes Vitaminpulver, in das die ganzen biologisch kultivierten Früchte wandern. Nach dem Waschen werden sie schonend getrocknet und bei niedrigen Temperaturen gemahlen, damit ihre wertvollen Inhaltsstoffe erhalten bleiben.

Die Zitrusidee kam dem Ehepaar bei einem Spaziergang durch den Würzburger Hofgarten an dessen Orangerie. Simone Hagn liebt Orangerien und Botanische Gärten und wunderte sich: Hier wurden schon vor 250 Jahren Orangen angebaut. Warum macht das heute keiner mehr? Damit war der Ehrgeiz ihres Mannes geweckt: „Wenn die das damals geschafft haben, dann können wir das jetzt erst recht.“

Der Würzburger Fürstbischof Adam Friedrich von Seinsheim frönte der Zitruskultur und ließ 1756 eine Orangerie zur Überwinterung der delikaten Pflanzen bauen. Damals ein Must-have der Eliten. Die Kultivierung der kost­baren Früchte war übrigens auch sinnbildhaft aufgeladen, ein Rückgriff auf die mythologischen goldenen Äpfel der Hesperiden. Zitrusfrüchte mit eigener Hand ziehen und ernten gehörte zu den vornehmsten Tugenden und Künsten. In Franken taten sich darin auch die Fürstbischöfe der Schönbornfamilie hervor. Friedrich Carl von Schönborn erntete in seinen prächtigen Orangeriegebäuden von Schloss Seehof bei Bamberg 1727 so viele Früchte, dass er 3.000 Orangen der fürstlichen Verwandtschaft nach Mainz schicken konnte.

Zitronatzitrone (ital. cedro), kolorierter Kupferstich aus dem barocken Prachtband "Nürnbergische Hesperiden" von Johann Christoph Volkamer.
Zitronatzitrone (ital. cedro), kolorierter Kupferstich aus dem barocken Prachtband „Nürnbergische Hesperiden“ von Johann Christoph Volkamer.

Alles auf neu und nachhaltig

An diese Tradition knüpften die Hagns gewissermaßen an. Und mussten sich dabei wieder neu erfinden. Sie entschieden sich für den Bioanbau und sind seitdem mit Leidenschaft dabei. Das bedeutete auch, dass sie ihre Gewächshäuser mit 1,6 Hektar Fläche wieder mit Boden ausstatten und neue Maschinen – von einer Waschanlage bis zur Hochleistungsmühle – anschaffen mussten. Neben diesem Invest ist menschliches Kapital gefragt: viel ausprobieren und Wis­sen anhäufen. „Wir haben uns mit den klimatischen Bedingungen in Murcia und Valencia beschäftigt und den Klimawandel miteinberechnet.“ Insgesamt eine Herkulesaufgabe, für die sie auch ihre Lebensphilosophie wappnet. „Was wollen wir essen, das ist doch die Frage“, betont Simone Hagn, die sich schon als Kind für gesunden Lebensstil interessierte. Nur nachhaltiges, umweltfreundliches Produzieren kam deshalb in Frage. Zur Düngung verwenden Hagns Pferdemist und Kompost, Schädlinge bekämpfen sie mit selbst gezogenen Nützlingen und die Früchte bleiben unbehandelt. Wer meint, Agrumen unter Glas zu kultivieren sei ein energetischer Sündenfall, täuscht sich. Sie mögen es im Winter eher kühl, 6 bis 10 Grad sind ideal für ihre Fruchtreife. Der CO2-Abdruck der Segnitzer Zitrusfrüchte ist auf jeden Fall kleiner als der importierter. In deren wochenlange Kühllagerung fließt viel Energie. Dazu kommen die Transportemissionen von vielen hundert LKW-Kilometern, wenn nicht gar tausender Flugkilometer. Bei Hagns wird auf Bestellung geerntet und ohne Zwischenlagerung an ausgewählte Hofmärkte und Restaurants geliefert beziehungsweise verschickt. Nicht perfekte oder unverkaufte Früchte verarbeiten sie zu Marmeladen, Schalen- oder Ganzfruchtpulver in der Halle neben dem Zitronenhaus.

Gelbe Limetten und warzige Zitronenkönigin

Auf einem Tisch stehen bereits befüllte Glasflaschen mit vanillegelbem Inhalt. Limettensaft, erklärt Simone Hagn und zeigt im Zitronenhaus eine reife, gelbe Limette. Die grünen im Handel seien unreif, ohne den charakteristischen mild-aromatischen Geschmack. In den Reihen daneben wachsen so erstaunliche Raritäten wie die grüngestreifte Tigerzitrone, die orangefarbene Meyer-Zitrone oder die Königin der Zitronen: die Zitronatzitrone. Eine beeindruckende länglich-ovale Frucht von rund 20 Zentimetern Länge mit gefurchter und warziger Schale. Diese ist ihr Hauptbestandteil und Grundlage von Zitronat. Florian Hagn meint: „Die meisten wissen nicht, was sie damit anfangen sollen.“ Die Spitzenköche schon. Sie verarbeiten sie zu erfrischenden ­Carpaccios und unwiderstehlichen Desserts. In Marktbreit etwa verwöhnt das Restaurant „Alter Esel“ mit einem „Kompott aus Segnitzer Cedri-Zitronen mit Granatapfel­sorbet“. Die Früchte aus Florentinas Garten lassen schmecken, wie wunderschön das Leben ist.

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Franken-Magazin - Ausgabe 07-08-2025

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