Ausgabe März / April 2026 | Blende 8

Ratlos

Text + Fotos: Wolf-Dietrich Weissbach

Blende8 - Ratlos

Antworten gab es bei dem Podiumsgespräch im Jüdischen Kulturzentrum Shalom Ende Februar in Würzburg keine. Die Kernfrage „Was tun gegen Antisemitismus“ wurde einmal mehr der Ratlosigkeit anvertraut – sieht man von dem sicherlich aufrichtig gemeinten Appell „Bildung, Bildung, Bildung“ oder dem Einfordern von Zivilcourage ab. So beschämend es ist: Offensichtlich sind selbst die vermeintlich Gebildeten nicht in der Lage, jeglicher Judenfeindlichkeit so zu begegnen, dass die jüdischen Mitbürger (gegenwärtig ca. 125.000 in Deutschland) ohne Angst vor Anfeindungen unter uns leben können; zumal es gerade auch jüdische Künstler, Dichter und Denker waren und sind, die unsere Kultur, unser „Geistesleben“ – unserer NS-Vergangenheit zum Trotz – bis heute wesentlich mitprägen. Tatsächlich wurde das Podiumsgespräch von persönlichen Erfahrungen mit Antisemitismus bestimmt. Beleidigungen, Diskriminierungen, überhaupt antisemitische Vorfälle seien vor allem seit dem 7. Oktober 2023, dem Hamas-Überfall auf Israel und dem folgenden Gaza-Krieg, durchaus an der Tagesordnung, so Josef Schuster, der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland. Die Stimmung sei insgesamt „gewalttätiger geworden“, ergänzen Anna Novikov, die Leiterin des Johanna-Stahl-Zentrums für jüdische Geschichte und Kultur in Unterfranken, und Oana-Viktoria Heckl von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft.

Ludwig Spaenle, der Antisemitismusbeauftragte der bayerischen Staatsregierung, betont, die Bedrohung sei für Jüdinnen und Juden in Deutschland „nie weg“ gewesen. Mittler­weile komme der Judenhass bei uns sogar wieder aus der Mitte der Gesellschaft. Andererseits gibt es offensichtlich auch keine Instanz, die die Bürger lehrt, zwischen Antisemitismus und berechtigter Kritik an der israelischen Politik zu unterscheiden. (Laut Max-Planck-Gesellschaft sind bis Ende 2025 weit über 100.000 Palästinenser und 1983 Israelis im Gaza-Krieg ums Leben gekommen.) Darüber hinaus deutet einiges darauf hin, dass die zentrale Frage für sich genommen gar nicht beantwortet werden kann. Jedenfalls nicht mehr.

Wie es scheint, wird unsere Welt womöglich von sog. Multikrisen bzw. Metakrisen bestimmt. Also Krisen der verschiedensten Art (Klima, Wirtschaft, Demokratie bis hin zur Psyche Einzelner), die mehr oder weniger gleichzeitig auftreten und sich wechselseitig verstärken, so dass die Folgen schwerwiegender sind als die Summe der einzelnen Krisen. Laut dem Konzept des französischen Philosophen Edgar Morin und dem britischen Wirtschaftshistorikers Adam Tooze könnte sich mittels Multikrise erhellen, weshalb man z.B. den Erfolg etwa der AfD nicht mit vernünftigen Argumenten erklären kann … so wenig wie den Erfolg von Donald Trump, der sich jedoch zugleich der Multikrise bedient. Wenn alles zusammenhängt und sich gegenseitig in Rückkoppelungsschleifen verstärkt, kann man in solchen Teufelskreisen nämlich auch größtes Chaos erzeugen, Ängste schüren und sich zugleich als derjenige darstellen, der dieses Chaos womöglich beherrscht, allerdings nur zum eigenen Vorteil. Versteht man eine solche radikalisierte Interessenswahrnehmung – vielleicht im Sinne des französischen Rechtsradikalen Eric Zemmour: „Ich sehe nur, was ich glaube.“ – und damit eben auch Antisemitismus, überhaupt Rassismus als Faschismus, dann ist die obige Frage, so banal es klingt, nur mit Menschlichkeit zu beantworten und die gibt es auch ohne Bildung.

(Auf dem Foto (von links nach rechts): Rudolf Neumaier, Geschäftsführer des Bay. Landesvereins für Heimatpflege, Moderator; Ludwig Spaenle; Oana-Viktoria Heckl; Anna Novikov; Josef Schuster)

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