Schaut auf das, was Euch verbindet!
Marcus König, Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg
Text: Marcus König | Fotos: Christine Dierenbach / Amt für Kommunikation Stadt Nürnberg
„Schaut nicht auf das, was Euch trennt. Schaut auf das, was Euch verbindet!“ Diese beiden Sätze von Margot Friedländer sind für mich die zentrale Botschaft dieser Zeit. Aus den Worten der 103-Jährigen spricht viel Weisheit. Wir erleben derzeit – massiv verstärkt durch die digitalen Medien – so viel Trennendes, so viel Hass und Hetze, so viel Empört- und Aufgeregtheit. „Seid Mensch, seid vernünftig“, appellierte die im Mai 2025 verstorbene Holocaust-Überlebende Friedländer an ihre Mitbürger. Wo bleibt die Menschlichkeit, wo die Vernunft im Umgang miteinander? Warum verschwindet der Respekt voreinander?

Als Oberbürgermeister der zweitgrößten Stadt in Bayern habe ich oft das Gefühl, daß manche erst auf sich schauen, das Trennende – und ihre eigenen Interessen – in den Vordergrund stellen, nicht das Verbindende. Eine (Stadt-)Gesellschaft kann nur funktionieren, wenn wir aufeinander schauen, wenn wir Rücksicht nehmen. Sei es in der Schule oder am Arbeitsplatz, sei es in der Schlange im Supermarkt oder vor einem Fußball-Spiel, sei es in der Grünanlage, auf dem Spielplatz – oder im Straßenverkehr.
Wir haben in Nürnberg eine auf drei Jahre angelegte Kampagne im Straßenverkehr gestartet. Das Motto lautet: „Respekt hat Effekt“. Das ist wörtlich gemeint. Wer den anderen achtet, sorgt auf den Straßen und Gehwegen nicht nur für mehr Sicherheit. Der Effekt ist auch, daß man sich besser fühlt, wenn Rücksicht mit einem Lächeln und Dankbarkeit quittiert wird. Und bestenfalls ist, so meine Hoffnung, solch ein Verhalten ansteckend.
Es gibt mir auch zu denken, daß unsere gewählten Vertreterinnen und Vertreter in Stadt- und Gemeinderäten, in den Landesparlamenten und im Bundestag zunehmend attackiert werden. Physisch, aber vor allem verbal. Sie und unsere Institutionen werden häufig verächtlich gemacht. Ihnen wird ihre Legitimation abgesprochen. Auch die Medien sind davon betroffen. In anderen Ländern sind es auch schon die Gerichte, die nicht mehr akzeptiert werden. Das ist eine gefährliche Entwicklung. Wir müssen unsere repräsentative Demokratie, unsere demokratischen Institutionen verteidigen. Wir dürfen nicht dabei zuschauen, wie unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung untergraben wird.
Wenn ich all das betrachte, dann bin ich überzeugt davon: Wir brauchen in Deutschland ein verpflichtendes soziales Jahr. Nicht, daß damit die geschilderten Probleme sofort behoben wären. Aber ein wichtiger Effekt – neben der Förderung des sozialen Engagements und der persönlichen Entwicklung – ist die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Wir brauchen wieder mehr Bewußtsein für den unschätzbaren Wert einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft.
Ich freue mich, daß die Menschen in Nürnberg gerne leben. Erst kürzlich haben wir sie unter anderem gefragt, ob sie den Stadtteil mögen, in dem sie wohnen. 82 Prozent haben das bejaht. Als Oberbürgermeister freuen mich solche Ergebnisse sehr. Und in einer neuen Studie hat es Nürnberg in einer bundesweiten Befragung auf Platz 6 der beliebtesten Städte geschafft. Damit das so bleibt: Schaut aufeinander! Sucht das Verbindende!

