Frankens vergessener Musiktitan
Zum 100. Todestag des Dirigenten Michael Joseph Balling (1866 – 1925)
Text + Fotos: Ralf Heber

Am 1. September 2025 jährte sich der Todestag des unterfränkischen Bratschisten und Dirigenten Michael Joseph Balling zum 100. Mal. Heute weitgehend vergessen, zählte er zu Lebzeiten zu den bedeutendsten Kulturschaffenden Deutschlands.
In jungen Jahren erarbeitete sich Balling den Ruf eines Virtuosen auf der „Viola alta“, einer damals neu entwickelten Bratsche. Später glänzte er mehrfach als Chefdirigent der Bayreuther Festspiele und pflegte eine enge Freundschaft mit Wagners Witwe Cosima. Auch international feierte Balling Erfolge: Er gründete Neuseelands erstes Musikkonservatorium und leitete das Hallé-Orchester in Manchester, wo er den Briten die Musik Richard Wagners nahebrachte.
Daß er einmal zu einem „Prometheus der Klangkunst“ werden würde, der das Leuchtfeuer Wagners und anderer Komponisten in die Welt hinausträgt, glaubte niemand, als Michael Joseph Balling am 27. August 1866 in Heidingsfeld bei Würzburg in einfache Verhältnisse hineingeboren wurde. Zusammen mit fünf älteren Geschwistern wuchs er auf; sein Vater – ein Lithograf – hatte für ihn eine Ausbildung zum Schuhmacher vorgesehen.
Vom Lithografen-Sohn zum Musikstudenten: Ballings frühe Jahre
Doch es kam anders: Der musikalisch talentierte Balling erhielt nach seiner Schulzeit ein Stipendium und schrieb sich an der Königlichen Musikschule Würzburg ein – zunächst für Gesang. Bei Prof. Hermann Ritter studierte Balling dann von 1880 bis 1883 im Hauptfach die Viola alta; als Nebenfächer kamen Harmonielehre, Chorgesang, Musikgeschichte und Klavier hinzu. Mit 18 Jahren und einem abgeschlossenen Studium folgte Balling als Bratschist einem Ruf ans Mainzer Stadttheater. Vier Jahre später nahm er eine Anstellung am Schweriner Hoftheater an. Mit der Schweriner Zeit fällt auch sein Engagement bei den Bayreuther Festspielen zusammen, bei denen Balling der jüngste Musiker im gesamten Ensemble war.
Als während einer Aufführung einmal ein erfahrener Bratschist seinen Einsatz verpaßte, übernahm der unerfahrenere Balling von der zweiten Reihe aus souverän dessen Part. So fiel er dem Wiener Dirigenten Felix Mottl auf und eine Einladung ins Haus Wahnfried ließ nicht lange auf sich warten. Cosima Wagner bemerkte Ballings Talent und ab sofort wurde er von ihr zu Soiréen geladen, bei denen regelmäßig musiziert wurde – ein Kommen und Gehen der wichtigsten Musiker der Zeit. Für Balling war dies der Beginn einer lebenslangen Beziehung zum Kreis derer, die Wagner verehrten und seine Musik verbreiteten.
1893 bot sich für Balling, der inzwischen eine große Meisterschaft auf seinem Instrument erlangt hatte, eine neue Gelegenheit, sich zu beweisen: Über einen Bekannten erfuhr der junge Franke, daß die neuseeländische Kleinstadt Nelson für ihre Harmonic Society einen neuen Dirigenten suchte. Er bewarb sich und wurde tatsächlich zum musikalischen Direktor berufen.
Kaum in Nelson angekommen, übernahm Balling die Leitung eines Orchesters und gab Konzerte auf der Viola alta. Für die Einwohnerinnen und Einwohner des Provinzstädtchens spielte er Stücke von Wagner und anderen Komponisten und schon bald sollten Konzertauftritte an unterschiedlichsten Orten Neuseelands – und sogar Australiens – folgen. Während dieser Anfangszeit freundete sich Balling mit J.H. Cock und F.G. Gibbs an, beide leidenschaftliche Musikliebhaber und Treuhänder der Harmonic Society. Mit dem Millionär Thomas Cawthron planten sie, in Nelson ein Musikkonservatorium nach deutschem Vorbild zu etablieren. Bereits im Folgejahr – 1894 – wurde Balling Mitbegründer und Direktor der Nelson School of Music, dem ersten Musikkonservatorium Neuseelands. Diese Institution, heute bekannt als Nelson Centre of Musical Arts, existiert noch immer und gilt als eine der besten Musikeinrichtungen des Landes.
Zwischen den Kulturen: Ein Wanderleben auf den großen Bühnen Europas
Nach seinem zweijährigen Aufenthalt in Neuseeland ging Balling 1896 nach Großbritannien, wo er in London und anderen Städten sein Publikum mit der Viola alta bekanntmachte. Wenig später übernahm er die musikalische Leitung bei den Inszenierungen der Komödie Ein Sommernachtstraum von Frank Robert Bensons Shakespeare Company.
Noch im selben Jahr nahm Balling eine Stelle als Chordirigent an der Hamburger Oper an und bekam erneut ein saisonales Engagement in Bayreuth, dieses Mal als Assistent von Felix Mottl. Er dirigierte erstmals Parsifal, Der Ring des Nibelungen sowie Tristan und Isolde. Danach schloß sich eine Tätigkeit als erster Kapellmeister in Lübeck an, gefolgt von einer kürzeren Anstellung in derselben Funktion in Breslau, bis Balling schließlich Generalmusikdirektor an der Großherzoglichen Hofkapelle in Karlsruhe wurde. Parallel dazu leitete er zwischen 1906 und 1909 – inzwischen als Chefdirigent – die Parsifal-Aufführungen in Bayreuth. In diese Zeit fällt auch Ballings erste Heirat mit Mary Meyer, der Witwe des Wagner-Dirigenten Hermann Levi, die er 1908 ehelichte. Um 1910 finden sich ferner Einträge über Gastspiele in Barcelona, Budapest und Rom. Außerdem ging Balling wieder nach Großbritannien, wo er als Dirigent für die in Edinburgh stationierte Denhof Opera Company Der Ring des Nibelungen leitete.
Bei seinen bisherigen Auftritten im Vereinigten Königreich war britischen Schöngeistern Ballings Können nicht verborgen geblieben. So verwunderte es kaum, daß er 1911 als Nachfolger von Hans Richter ans Dirigierpult des renommierten Hallé-Orchesters berufen wurde. Dieses traditionsreiche Ensemble, das damals noch seinen Sitz in der Free Trade Hall hatte, gehört bis heute zu den angesehensten Orchestern auf den britischen Inseln.
Auch in Manchester verfolgte Balling weiterhin seine Agenda, den Menschen die Musik Wagners nahezubringen. Ein Blick auf die Spielpläne aus den Jahren 1911 bis 1914 zeigt die musikalische Vielseitigkeit seines Repertoires: Bachs Goldberg-Variationen, Mozarts Jupitersinfonie, von Webers Der Freischütz – aber immer wieder auch Wagner: Lohengrin, Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg, Parsifal, Die Meistersinger, Der fliegende Holländer, Tristan und Isolde. Wenn jemand die Engländer jemals zum Wagner-Hören brachte, war es zweifelsohne Michael Joseph Balling aus Heidingsfeld am Main!
Der Dirigent als „social worker“: Music for everyone!

Balling begnügte sich jedoch nie damit, Musik nur einem zahlungskräftigen Publikum darzubieten – er wollte den Geist wahrer Musikalität auch jenen vermitteln, denen der Zugang zu Orchestermusik oft verwehrt blieb: der Arbeiterklasse.
Hierzu organisierte er Konzerte, bei denen es den Arbeitern ausdrücklich gestattet war, den Vorstellungen in beschmutzter Berufskleidung beizuwohnen, damit sie direkt nach Schichtende in den Genuss orchestraler Musik kommen konnten. Außerdem regte Balling an, musikinteressierten Menschen aus bildungsfernen Schichten den Erwerb vergünstigter Konzerttickets zu ermöglichen und forderte, daß Konzerte teils mit städtischen Geldern subventioniert werden sollten.
Doch im Sommer 1914 brach der 1. Weltkrieg aus. Die Briten entwickelten zunehmend Ressentiments gegenüber dem Deutschen Reich, sodaß Balling England noch im selben Jahr verlassen mußte. Er zog sich ins bayerische Partenkirchen zurück, wo er den Krieg in seinem Haus aussaß. Die Zeit vertrieb er sich mit Gartenarbeit und dem Anbau von Kartoffeln. Briefe aus diesen Jahren an den Vorsitzenden der Hallé Concerts Society, Gustav Behrens, belegen, wie sehr sich Balling nach Manchester und „seinem“ Orchester zurücksehnte.
1919 begab sich Balling nach Darmstadt, um am Landestheater und im Musikverein den Takt anzugeben. Neben Wagner brachte er besonders die Werke Anton Bruckners auf die Spielpläne und prägte so nachhaltig das kulturelle Leben der Stadt. Er fand große Anerkennung an seiner Wirkungsstätte, auch wenn es zu Spannungen mit dem Intendanten des Landestheaters kam. Vermutlich hätte Balling Darmstadt noch viele Impulse gegeben, wenn seine Gesundheit mitgespielt hätte. Doch am 1. September 1925 starb der Dirigent im Alter von 59 Jahren an einem Herzleiden. Nur wenige Tage zuvor hatte er sein ganzes Herzblut noch einmal in die Aufführung des Nibelungenrings bei den Bayreuther Festspielen gesteckt – diesen Kraftakt sollte er nicht überleben.
Unter hohen Ehren und großer Anteilnahme der Darmstädter wurde Michael Joseph Balling drei Tage nach seinem Ableben auf dem Darmstädter Waldfriedhof beerdigt. Er hinterließ seine zweite Ehefrau Hertha Happel sowie eine Vita, die uns bis heute vor Augen führt: Kunst bereichert die Menschen und entfaltet ihre volle Kraft, wenn Herz, Talent und Hingabe sie tragen.

