Judengasse, Nummer 10
Die idyllisch über dem Taubertal gelegene ehemalige Reichsstadt Rothenburg ist gewiß nicht arm an touristischen Attraktionen. Man denke etwa an das alljährliche Historienspektakel zu Pfingsten, das beweist, daß man als Schluckspecht im selbstlosen Einsatz für die Heimatstadt unvergessen bleibt. Schließlich soll Altbürgermeister Nusch dereinst 1631 einen riesigen Humpen Wein in sich gekippt haben. Das muß die Truppen Tillys damals im 30jährigen Krieg so beeindruckt haben, daß sie das mit der Eroberung der Stadt besser bleiben ließen.
Text: Gunda Krüdener-Ackermann | Fotos: Kultur Erbe Bayern

Historisch anderweitig Interessierte finden vor Ort auch die leiseren, dennoch nicht weniger spektakulären Attraktionen, die die kleine Stadt auf vielen Gebieten zu etwas Besonderem machen. Für internationale Aufmerksamkeit sorgen etwa derzeit die archäologischen Grabungen auf dem Kapellenplatz, wo man die Spuren der ersten Synagoge Rothenburgs wieder ans Licht bringt.

Und je mehr man forscht und findet, umso deutlicher wird, daß die Tauberstadt dereinst ein bedeutendes jüdisches Zentrum wohl allerersten Ranges war; vielleicht sogar gleichzusetzen mit der berühmten Trias der sog. SchUM-Stätten: Speyer, Worms und Mainz, die gemeinsam als UNESCO-Welterbe mittelalterliche jüdische Geschichte dokumentieren. Rothenburg avancierte im 13. Jahrhundert mit seiner Talmudschule zu einem bedeutenden Sitz jüdischer Gelehrsamkeit. Schüler aus ganz Europa reisten an, um eine der wichtigsten Autoritäten für halachische Rechtsfragen, den „Maharam“ (unser Lehrer) Rabbi Meir ben Baruch (ca. 1215 bis 1293), zu hören. Über 1500 Responsen (Antworten zu Fragen jüdischen Lebens) aus seiner Feder haben sich bis heute erhalten, die beredtes Zeugnis seiner Weisheit in oft kniffeligen rechtlichen Fällen ablegen.
Die ersten Juden in Rothenburg wie auch in anderen fränkischen Orten hatten sich ab dem 12. Jahrhundert hier niedergelassen. Mußten sie sich doch als Verfolgte der christlichen Kreuzzugeuphorie im Laufe der Jahre insbesondere aus den Städten entlang der Rheinroute in Sicherheit bringen. Aber auch ihr Leben in Franken und damit in Rothenburg war immer wieder bedroht: 1298 mit Massakern rund um das sog. Rintfleisch-Pogrom, wo man wie so oft auf den Vorwurf der Hostienschändung zurückgriff. Ein probates antijüdisches „Argument“ dann 1349 die „Schuld an der Pest“ – auch das mit tödlichen Folgen für die hiesige jüdische Gemeinde. Um 1520 dann die Vertreibung durch die brutale Breitenwirkung der antijüdischen Hetzpredigten des Fanatikers Johannes Teuschlein. Danach sollte jüdisches Leben in Rothenburg für 350 Jahre erloschen sein.

Dennoch, es gab in der Stadt auch die Phasen eines gedeihlichen Miteinanders zwischen Juden, deren Bevölkerungsanteil in guten Zeiten rund 10% ausmachte, und Christen – wie eben zur Zeit des Rabbi Meir ben Baruch. Für die erneute Ansiedlung rund zwanzig Jahre nach dem Pest-Pogrom von 1349 – zuvor hatten Juden rund um den heutigen Kapellenplatz gelebt – gab es mit der Aufschüttung des äußeren nordöstlichen Stadtgrabens ein neu geschaffenes Terrain. Im beginnenden 15. Jahrhundert entstand hier die sog. Judengasse, die man sich mitnichten als eine Art Ghetto vorstellen muß. Hier lebten Juden von nun an in der Nachbarschaft christlicher Handwerker – Kesselflickern, Metzgern, Schmieden … Allerdings waren Juden damals hier nicht Besitzer eigener, sondern nurmehr Mieter städtischer Häuser. Mit diesem Mietzins und gerne immer wieder neu erdachten Abgaben für die jüdische Bevölkerung schuf man eine „solide“ Einnahmequelle für das Stadtsäckel etwa zur Finanzierung der zweiten Rothenburger Stadtmauer.
Jahrhunderte später schien dann der Abriß jener Judengasse für die Stadtplaner der Zeit nach 1945 die beste Lösung, war man doch irgendwo froh, sich so des mittelalterlichen sperrigen „G’raffels“ entledigen zu können. Man dachte schließlich modern, wollte wie anderenorts die autofreundliche Stadt. Bedenkenlos hätte man sich so auch beinahe einer imposanten Scheune von 1415 per Abrißbirne entledigt, um im Stadtzentrum für Parkplätze zu sorgen. Einige Rothenburger aber wehrten sich gegen die teilweise Zerstörung ihrer historischen Altstadt. Auch eine ARD-Kultursendung machte weit über die Stadtgrenzen hinaus auf den drohenden Verlust gerade der Judengasse aufmerksam. Immer deutlicher wurde, daß es sich hier um die einzige ihrer Art im gesamten deutschsprachigen Raum handelt. Ein Ensemble von zwölf noch vor 1500 erbauten Häusern stellt hier ein herausragendes Alleinstellungsmerkmal dar. Somit mußten sich die damaligen städtischen Entscheidungsträger von ihren „modernen“ Baumaßnahmen beinahe verschämt verabschieden.
Haus Nummer 10

Besondere Bedeutung sollte in Zukunft das Haus Nummer 10 erlangen, dessen dendrochronologische Untersuchung als Baujahr 1409 ergab. 1975 von seinen letzten Bewohnern verlassen, war es durch jahrzehntelangen Leerstand dem Verfall preisgegeben. Dann eine geradezu sensationelle Entdeckung: Es ist das deutschlandweit einzige bislang bekannte Haus mit einer privaten Mikwe aus dem 15. Jahrhundert. Mit dem günstigen Grundwasserspiegel, der schon damals im Kellergeschoß „lebendiges Wasser“ bot, konnten die dereinst jüdischen Bewohner hier die für sie notwendigen kultischen Reinigungen vollziehen.
Und noch eine bauliche Kostbarkeit hat das Haus zu bieten. Im Obergeschoß eine nahezu vollständig erhaltene Bohlenstube! Ein Beispiel für mittelalterliche Wärmedämmung. Dazu hatte man den Raum mit Holzbohlen ausgekleidet und an den Außenwänden mit Strohlehm isoliert. Als eine Art geschlossene „Holzschachtel“, die obendrein noch beheizt werden konnte, war sie das warme Wohnzimmer des Hauses.
Aber was tun mit diesem Kleinod? Im Laufe der Jahre konnten wechselnde Besitzer ihre persönlichen Pläne wegen der jetzt strengen denkmalpflegerischen Vorgaben nicht realisieren. Um letztendlich einen Teilabbruch des Hauses zu verhindern, hat der „Verein Alt-Rothenburg“ das Anwesen gekauft, war der doch bereits Besitzer der anderen Gebäudehälfte Judengasse Nummer 12. Aber ein weiteres Haus aufwendig zu sanieren, überstieg die finanziellen Möglichkeiten des Vereins. Hier trat zum Glück das „Kulturerbe Bayern“ 2019 als neuer Eigentümer auf den Plan.
Finanziert u.a. durch Spenden und Fördermittel hämmerten, sägten und bohrten ab 2020 Handwerker in dem zweigeschossigen Haus, dessen Fassade ein beeindruckendes Rundbogenportal ziert. Und das unter ganz besonderen Bedingungen und in enger Abstimmung mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege.
Manch einer konnte vor Ort sein eigenes Handwerk mit alten Techniken völlig neu entdecken. Schreiner etwa sägten nicht mehr nur Bretter und Bohlen – hier schon mal zur Anpassung an das uralte Gebälk „paßgenau schief“. Nein! Vor oder nach der Arbeit ging es hinaus an Fluß- und Bachufer, um Weidenruten zu schneiden. Mit denen wurde dann das Flechtwerk der bestehenden schadhaften Wände ergänzt und danach mit Lehm verputzt.
Seit Juni 2024 ist das Haus Judengasse 10 als ein lebendiger „Ort der Begegnung und Inspiration“ nun für Besucher geöffnet. Man lädt hier zum Treffen und Erleben ein. Es werden die Rothenburger sein, denen jetzt die Aufgabe zufällt, diesen Ort immer wieder mit neuem Leben zu erfüllen. Außerdem entstand hier noch eine ganz besondere Wohnung. Im ersten Obergeschoß zusammen mit dem ausgebauten Dach, ausgestattet mit modernsten Facilities, wartet die auf einen passenden, am besten künstlerisch tätigen Bewohner. Könnte man sich denn eine bessere Inspiration vorstellen, als unter sechshundert Jahre altem Dachgebälk zu leben und zu arbeiten – mit Blick auf die Dächer der Stadt und die mächtigen Türme der Jakobskirche?
Mögen auch etwa die alljährlich mit buntem Treiben gefeierte Trinktüchtigkeit des Altbürgermeisters Nusch oder solche „instagrammable Locations“ wie das Plönlein Tausende von Touristen anziehen, so denkt man neuerdings gerade in Rothenburg verstärkt auch an den sog. Heritage Tourisme. So viele jüdische Familien, verstreut in der ganzen Welt, haben ihre Wurzeln in Franken: ob in Städten wie in Rothenburg oder in den vielen jüdischen Landgemeinden Frankens. Das Sichtbarmachen der jüdischen Spuren bleibt auch in Zukunft eine ständige Herausforderung, bei der die gesamte Region nur gewinnen kann.

Hinweis: Die Judengasse 10 mit ihrer Mikwe kann man im Rahmen einer geführten Tour entdecken. Infos unter www.rothenburgmuseum.de

