Ausgabe Januar / Februar 2026 | Geschichte(n)

Displaced Persons

Deutschland im Mai 1945 war ein in jeder Beziehung zerstörtes Land. Circa 65 Millionen Menschen lebten in vier Besatzungszonen. Etwa 10 Millionen deutsche Kriegsgefangene kamen bis Ende 1946 nach Hause, über 12 Millionen Flüchtlinge und Heimatvertriebene aus den deutschen Ostgebieten suchten Unterkunft und Versorgung, ungefähr 9 Millionen Deutsche waren ausgebombt, ohne Wohnung.

Text: Anne-Marie Greving | Fotos: US Holocaust Memorial Museum - USHMM
Straßenszene im Jüdischen DP-Camp Föhrenwald
Straßenszene im Jüdischen DP-Camp Föhrenwald

Die Siegermächte nahmen sich aber zunächst der Opfer des Nationalsozialismus und des von Deutschland angezettelten Krieges an: ca. 6,5 – 7 Mio. Gefangene, die aus KZ und Zwangsarbeiterlagern befreit wurden, die z.T. ziellos umherirrten oder völlig entkräftet in den Lagern ausharrten. Dies waren verschleppte Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, die als Zwangsarbeiter eingesetzt worden waren, verschleppte KZ-Insassen wie Juden, Homosexuelle, Sinti und Roma, politisch Verfolgte, die auch als Zwangsarbeiter eingesetzt worden waren. Diese Menschen wurden von den Vereinten Nationen als Displaced Persons, entheimatete Menschen, bezeichnet und unter ihren besonderen Schutz gestellt.

Vor dem Hintergrund der Zerstörung und des unermeßlichen Ausmaßes der Nazi-Verbrechen in den Konzentrations- und Zwangsarbeiterlagern, sahen die Alliierten sich vor der Aufgabe, das Chaos sukzessive einzudämmen und die Menschen mit dem Notwendigsten zu versorgen. Die Siegermächte fürchteten eine unmittelbare, unkontrollierbare Bedrohung der öffentlichen Ordnung: Überfälle, Krawalle, Racheakte der befreiten Gefangenen und Arbeitssklaven (ca. 7 Mio. Arbeitssklaven waren zur Ausbeutung nach Deutschland deportiert worden) an der deutschen Bevölkerung schienen eine unmittelbare Gefahr zu sein.

„Lettenlager“, Würzburg Frankfurter Str. 98, 1951
„Lettenlager“, Würzburg Frankfurter Str. 98, 1951. Foto: Stadtarchiv Würzburg

Lettisches DP Camp in Würzburg
Lettisches DP Camp in Würzburg. Foto: Lettisches Nationalarchiv

Die UNRRA (United Nations Relief und Rehabilitation Administration) wurde gegründet und nahm mit bis zu 25.000 Mitarbeitern im Juni 1945 in Europa ihre Hilfstätigkeit auf: sie wurde dem Militärkommando der vier Zonen unterstellt, das Hauptquartier für Deutschland befand sich im Karlsgymnasium in München-Pasing. Die zwei Hauptaufgaben der UNRRA waren:

1. Durch Kriegsereignisse 1939-1945 entwurzelte und von den Nazi’s verschleppte Personen (ehemalige Gefangene der Konzentrationslager, Zwangsarbeiter, Flüchtlinge) zu sammeln, mit Nahrung, Kleidung, Medizin zu versorgen und in vorübergehenden Lagern (Assembly centers) zu betreuen.

Diese Menschen wurden als „DISPLACED PERSONS“ definiert, die unter besonderem Schutz der Vereinten Nationen standen. Es waren ca. 7 Millionen.

Major Samuel S. Kale, 1946, aus: „Letters Home in occupied Germany, S. 39
Major Samuel S. Kale, 1946, aus: „Letters Home in occupied Germany, S. 39

2. Die Militärverwaltung zu unterstützen, die Displaced Persons geordnet in ihre Heimat­länder zurückzuführen, d.h. zu repatriieren.

Bis zum 31.12.1946 arbeitete UNRRA in Europa, dann wurde sie nach und nach von IRO (International Refugee Organisation) als Organisation der UNO abgelöst, die bis 1952/53 die Arbeit fortführte. Schwerpunkt der Tätigkeit wurde allerdings nunmehr die Vermittlung der DPs für die Auswanderung und in Arbeitsstellen in den aufnehmenden Ländern.

Die Repatriierung, besonders die Zwangsrepatriierung, wurde schon 1946 als Arbeitsschwerpunkt aufgegeben. Dies erwies sich allerdings bei den Zwangsarbeitern und bei den Juden aus dem Osten als schwierig. Die Sowjetunion, die baltischen Staaten, Polen, die Tschechoslowakei u.a. hatten natürlich ein Interesse an der Repatriierung der ehemaligen Zwangsarbeiter, denn es fehlten Millionen von Arbeitskräften für den Wiederaufbau. Aber nach der ersten großen Welle von Rückführungen 1945 (ca. 5 Millionen, fast 4 Millionen nur in die Sowjetunion!) weigerten sich viele DPs strikt, in ihre Herkunftsländer im Osten zurückzukehren.

Problematische Repatriierung

Würzburg, Judenbühlweg 17, aus „Letters home in occupied Germany“, S.44
Würzburg, Judenbühlweg 17, aus „Letters home in occupied Germany“, S.44

Was erwartete sie auch dort? Feindseligkeit, Ausgrenzung, Generalverdacht der Kollaboration und in der Sowjetunion Deportation in die Gulags Sibiriens für neue Ausbeutung und Versklavung, zudem gewalttätiger Antisemitismus wie in Polen. Im Lager Wildflecken kam es sogar zu Selbstmorden unter polnischen Zwangsarbeitern vor dem Transport und Flucht aus dem Lager. Hinzu kamen zunehmende politische Differenzen bei den Alliierten, der „eiserne Vorhang“, der Machtbereiche und politische Systeme trennte, senkte sich unerbittlich. Ende 1945 betreute die UNRRA auf dem Gebiet der späteren Bundesrepublik 227 DP-Lager; im Juni 1947 belief sich die Zahl auf 416 nur in der amerikanischen Zone und 272 in der britischen Zone Deutschlands.

In Würzburg gab es 5.000 bis 7.000 DPs, in Unterfranken 1946 ca. 30.000. Das sind Zahlen, die sich ständig veränderten, die im Laufe der ersten Nachkriegsjahre sogar noch anstiegen.

Am 1. Juli 1947 befanden sich immer noch über 600.000 DPs in den drei westlichen Zonen, über die Hälfte in der amerikanischen Zone (336.700).

Den größten Anteil stellten Polen, gefolgt von Juden und Balten. DPs aus den westeuropäischen Nachbarländern waren längst in ihre Heimat zurückgekehrt, z.T. zu Fuß. Offiziell registriert waren im Sommer 1947 ca. 185.000 Juden in den drei westlichen Zonen, etwa 160.000 Juden lebten in der amerikanischen Zone, fast alle in DP-Camps. Die Unterbringung der DPs erfolgte in ehemaligen Kasernen, ehemaligen Kriegsgefangenenlagern, in ehemaligen Konzentrationslagern (Bergen Belsen, Buchenwald, Dachau etc.) oder Zwangsarbeiterlagern, in beschlagnahmten privaten Wohnhäusern, Hotels oder Krankenhäusern.

Sterbenachweis eines lettischen DP in Würzburg 1946
Sterbenachweis eines lettischen DP in Würzburg 1946. Foto: Arolsen Archiv

Grundsätzlich erfolgte die Unterbringung der DPs wegen der angestrebten Repatriierung in den Camps nach Nationen, um so den Aufwand für die Repatriierung möglichst gering zu halten.

Die Errichtung von gemischten DP-Lagern (Juden und Zwangsarbeiter und Flüchtlinge aus dem Osten) war sehr problematisch, da Antisemitismus gerade bei DPs aus dem Osten sehr weit verbreitet und verwurzelt war. Außerdem war es unmöglich, jüdische DPs nach der Shoa mit Kollaborateuren aus den eroberten Ländern (Polen, Ukraine, baltische Staaten usw.) unterzubringen.

Besondere Einrichtungen für Kinder

Der amerikanische Präsident Truman verfügte deshalb schon im August 1945 für die amerikanische Zone, daß nur noch jüdische DP-Camps und andere nationale Camps eingerichtet werden sollten.

Eisausgabe im Jüdischen DP Camp Föhrenwald
Eisausgabe im Jüdischen DP Camp Föhrenwald

Das Verhältnis der deutschen Bevölkerung zu den Displaced Persons war distanziert bis feindselig, die meisten DP-Lager, insbesondere die jüdischen Lager, wurden durch Stacheldrahtzäune und eine Lagerpolizei gesichert bzw. geschützt. Unter den Überlebenden aus NS-Lagern und unter den Flüchtlingen befanden sich ca. 25.000 „unbegleitete“ Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre, verwaist, verwildert, schwerst traumatisiert. Sie hatten weder Kindergärten noch Schulen besucht, kaum soziale Verantwortung und keine festen Moralvorstellungen gelernt. Sie waren nur schwer oder gar nicht zu sozialisieren. Spannungen und Konflikte mit der deutschen Bevölkerung waren deshalb vorprogrammiert. Für diese Kinder wurden besondere Kinder-Einrichtungen wie in Kloster Indersdorf, Prien am Chiemsee und Ansbach geschaffen.

Fliegerhorst Giebelstadt, Jüdisches DP Camp 1948/49
Fliegerhorst Giebelstadt, Jüdisches DP Camp 1948/49

1951 gingen die IRO-Lager in deutsche Verwaltung als „Lager für heimatlose Ausländer“ über, das letzte DP Lager Föhrenwald in Wolfratshausen wurde 1957 endgültig geschlossen. Mit der Einordnung als „heimatlose Ausländer“ hatten die noch verbliebenen DPs einen Anspruch auf Staatsangehörigkeit und auf Entschädigung (bis zum Jahr 2.000) verloren.

Zuständig für die DP-Camps in Unterfranken war Major Samuel Kale, Verbindungsoffizier der US Army für die Displaced Persons. Er wohnte mit seiner großen Familie, die ebenfalls nach Würzburg gekommen war, am Judenbühlweg. In zahlreichen Briefen an seine Familie in den USA schilderten Major Kale, seine Frau und seine Kinder anschaulich ihr Leben und ihre Eindrücke aus dem zerstörten Würzburg. Zuständig für das DP Camp Wildflecken bei Hammelburg mit über 20.000 DPs war Kathryn Hulme, die ihren Dienst im Juni 1945 für die UNRRA mit einem Team von 11 Personen aufnahm. Später arbeitete sie für die IRO und wurde die Verantwortliche für alle DP-Camps in der amerikanischen Zone.

Auch sie berichtet in ihrem Buch „The Wild Place“ ausführlich von ihren Erfahrungen und Erlebnissen, u.a. von der Ankunft von 1.700 jüdischen DPs im Jahr 1948 in Giebelstadt, die dort für ein Jahr unter­gebracht waren.

TOTgeschwiegen …!

Kathryn Hulme, UNRRA, 1945/46
Kathryn Hulme, UNRRA, 1945/46

In Würzburg waren in fünf ehemaligen Wehrmachtskasernen, im ehemaligen jüdischen Altersheim, in der Barackensiedlung „Lettenlager“ in der Frankfurter Straße ca. 5.000 – 7.000 Displaced Persons untergebracht. In Seligenstadt bei Kitzingen (Fliegerhorst) lebten ca. 1.400 bis 1.700 estnische und litauische DPs, ehemalige Zwangsarbeiter bis Sommer 1949. Das Lager Wildflecken war bis 1952 mit bis zu 20.000 Menschen, überwiegend ehemaligen polnischen Zwangsarbeitern belegt. Was ist geblieben von dem Schicksal und den Lebenswegen der Tausenden und Abertausenden von Displaced Persons, die in der Nachkriegszeit nicht nur argwöhnisch betrachtet, sondern angefeindet und ausgegrenzt wurden. Sie waren mit einem Wort: unerwünscht, sie wurden totgeschwiegen. In Wildflecken gibt es einen polnischen Friedhof, es fällt die hohe Zahl der verstorbenen Neugeborenen auf, die nach 1945 ihr Leben ließen und an der mangelnden Hygiene im Lager zumeist an Hirnhautentzündung zu Grunde gingen. In Würzburg gibt es nichts, keine Erinnerung an die Tausenden von Displaced Persons, noch nicht einmal die schon lange geplante und vorbereitete Gedenkstätte für die Zwangsarbeiter. In Seligenstadt bei Kitzingen keine Erwähnung, in Giebelstadt eine kurze Notiz auf einer Gedenktafel im Rahmen des neuen Kulturweges. In Wolfratshausen-Waldram gibt es, entstanden aus einer Bürgerinitiative und der Arbeit eines Bürgervereins, die Gedenkstätte “Badehaus“ des ehemaligen DP Camps Föhrenwald. Kathryn Hulme zieht in ihrem Buch „The Wild Place“ schon 1953 eine resignierte Bilanz über ihre Arbeit in den Hilfsorganisationen der Nachkriegszeit. Selbst vor dem Hintergrund der Katastrophe des 2. Weltkrieges wurde das Problem der verschleppten, entrechteten, heimatlosen Menschen, die unglaublicher Gewalt ausgesetzt waren, nicht aufgearbeitet: „It never ends.“ Vor 80 Jahren und auch heute.

Litauisches DP Camp Seligenstadt bei Kitzingen aus: „Letters Home in occupied Germany“, S. 196
Litauisches DP Camp Seligenstadt bei Kitzingen aus:
„Letters Home in occupied Germany“, S. 196

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