Ausgabe November / Dezember 2025 | Kultur

Rhöner Ansichts-Sachen auf vier Ebenen

Fünfzehn Jahre war das Rhönmuseum für Besucherinnen und Besucher geschlossen. Nach einem Umbau und einer inhaltlichen Neuausrichtung hat es seine Tore jetzt wieder geöffnet. Zu Besuch bei einem Neu-Starter.

Text: Markus Mauritz | Fotos: Rhönmuseum Fladungen

Wackelkopffigur Mädchen mit Blumenstrauß
Wackelkopffigur Mädchen mit Blumenstrauß

Statistiken liefern oft erstaunliche Einsichten. Fladungen hat zwar nur wenig mehr als 2.000 Einwohner, aber gleich zwei herausragende Museen. Umgelegt auf die Zahl der Bürgerinnen und Bürger sei dies „die größte Museumsdichte weit und breit“, befand der unterfränkische Bezirkstagspräsident Stefan Funk, den seine diesjährige Sommertour mit dem Kulturreferat in das vor einem halben Jahr wiedereröffnete Rhönmuseum führte. Und das sei gut so, denn Kultur spiele gerade für den ländlichen Raum eine große Rolle, betonte Funk: „Bei Einschnitten in die Kulturförderung leidet die Lebensqualität, aber eine klamme Haushaltskasse saniert man damit nicht!“

Fünfzehn Jahre lang war das Tra­ditionshaus im Herzen der Fladunger Altstadt für die Öffentlichkeit geschlossen, ehe es nach umfangreichen Umbaumaßnahmen, einer inhaltlichen Neuausrichtung und mit Förderung durch die Unterfränkische Kulturstiftung am 30. März an den Neustart ging. Heutige Museenbesucher hätten eben andere Ansprüche als früher, der Service-Gedanke stehe im Vordergrund, das neue Rhönmuseum sei daher auch nicht mehr chronologisch, sondern nach Themen aufgebaut, wie Museumsleiterin Eva-Maria König betonte, die die Besuchertruppe durch die auf vier Ebenen verteilte Ausstellung führte.

Die Rhön unter einem Dach

Wackelkopffigur Marktgängerin mit Gänsen
Wackelkopffigur Marktgängerin mit Gänsen

Auf jeweils 250 Quadratmetern Fläche wird „die Rhön unter einem Dach“ vorgestellt, wie der Werbeslogan des Museums lautet. Dabei ist der 1628 errichtete Prachtbau selbst ein Stück unterfränkischer Geschichte. Der massive Zweiflügelbau inmitten der romantischen Altstadt war einst Sitz eines Amtmanns und ein Machtsymbol der Würzburger Fürstbischöfe. Ab 1921 diente das Gebäude als Regio­nalmuseum mit einer umfangreichen kultur- und naturhistorischen Sammlung, auf die natürlich auch das „neue“ Rhönmuseum zurückgreift.

Schon im Foyer stimmen Rhöner Stereotypen auf die Ausstellungsstationen ein: ein Rhönrad und dazu ein kurzer Erklär-Film, täuschend echte Rhönschafe in Lebensgröße und ein dichter Wald als gewaltige Fototapete, hinter der sich die Schließfächer verbergen. Dazu sind im großzügig geschnittenen Eingangsbereich des Hauses die Kasse, eine kleine Cafeteria und der Museums-Shop untergebracht. Alles hier darf man berühren, ­bewegen, ­anfassen. „Museen von heute wollen alle Sinne ansprechen“, erklärt die Museums-Chefin.

Das Stockwerk darüber gilt dem Blick auf die Rhön von außen beziehungsweise von oben. Denn in einer der Videoinstallationen kann man einen Segelflug über die malerische Landschaft im Dreiländereck aus Bayern, Hessen und Thüringen nachempfinden. Schließlich haben sich die Fladunger Museums-Macher seit jeher einer grenzübergreifenden Perspektive auf die Rhön verpflichtet gefühlt. Von außen kamen aber auch die Missionare wie etwa im 8. Jahrhundert Bonifatius, der im Gebiet um das spätere Fulda Klöster und Kirchen gründete, oder Kilian, der auf dem sogenannten Kreuzberg ein Kruzifix errichtet haben soll.

Fast echte Rhönschafe
Fast echte Rhönschafe

Goethe, Schiller und Hölderlin …

Kostüm eines Spanmannes, zusammengesetzt aus tausend gehobelten Pappelspänen
Kostüm eines Spanmannes, zusammengesetzt aus tausend gehobelten Pappelspänen

Von außen kamen zudem Forscher und Sammler wie Otto Arnold, Franz Xaver Heller oder Franz Anton Jäger, es kamen Maler wie Erich Heckel, Paul Klüber oder Julius von Kreyfelt, und auch Goethe bereiste die Rhön, Schiller war dort und Hölderlin arbeitete als Hauslehrer im „Land der offenen Fernen“, wie die Rhön in Tourismusprospekten gern genannt wird. Dank der Pflanzen- und Insekten-Sammlungen aus dem 19. Jahrhundert lassen sich etwa die Auswirkungen des Klimawandels auf die Rhöner Fauna und Flora erkennen. So finden sich in alten Herbarien deutlich weniger Orchideen als zum Beispiel im heutigen Biosphärenreservat Rhön tatsächlich blühen. Auch Pilze, die ursprünglich typisch waren für den Mittelmeerraum, gedeihen mittlerweile in der urwüchsigen Landschaft rund um Fladungen. Der reiche Sammlungsbestand macht das Museum auch weit über die Röhner Grenzen hinaus bedeutend.

Im zweiten Stock wendet sich der Blick. Er geht nun nach innen – zu den Befindlichkeiten der Rhöner, ihren Bräuchen und Traditionen, ihren Lebensgewohnheiten und ihren Kunstfertigkeiten. So hat sich in der Rhön zum Beispiel eine einzigartige Fastnachtstradition erhalten. Davon erzählt die üppige Sammlung geschnitzter Holzmasken und das Kostüm eines Spanmannes, zusammengesetzt aus tausend gehobelten Pappelspänen. Damit laufen die „Spiemoo“ am Fastnachtswochenende durch die Dörfer. Fürchten muß sich vor dem wilden Treiben niemand, aber eine Rhöner Attraktion sind die gruseligen Gestalten in jedem Fall.

Kunst und Kitsch

Bei so viel Schnitzkunst erstaunt es nicht, daß sich in Bischofsheim in der Rhön eine renommierte Staatliche Berufsfachschule für Holzbildhauer befindet. 1852 als „Holzschnitzschule“ gegründet, sollte diese Bildungsstätte ursprünglich begabten jungen Leuten in der einst strukturschwachen Region eine zusätzliche Einkommensquelle sichern. Aber auch im thüringischen Empfertshausen gibt es seit 1898 eine Schnitzschule. Jahrzehntelang trennte der Eiserne Vorhang eine gemeinsame Berufsausbildung, heute garantieren die beiden Einrichtungen den Fortbestand des Kunsthandwerks – wie typische Exponate im Rhönmuseum zeigen.

Museumsleiterin Eva-Maria König und Bezirkstagspräsident Stefan Funk bei der Führung durch das neuerwachte Museum
Museumsleiterin Eva-Maria König und Bezirkstagspräsident Stefan Funk bei der Führung durch das neuerwachte Museum

Wackelkopffigur Marktgängerin
Wackelkopffigur Marktgängerin

Zu dessen besonderen Schätzen zählt die Sammlung so genannter Rhön-Wackler. Der Clou an diesen oft in Heimarbeit fabrizierten kleinen Figuren war ein ausgeklügelter Mechanismus, der den Kopf und oft auch das Kinn der Püppchen zum Nicken brachte. Die Rhön-Wackler waren einst begehrte Souvenirs für die Sommerfrischler in Bad Kissingen, Bad Brückenau oder Bad Bocklet. Zu sehen gab es die Schnitzereien auf der Nürnberger Spielzeugmesse, auf Ausstellungen in München und 1868 sogar auf der Pariser Weltausstellung. Die bunten Sammlerstücke erzählen zudem viel über das einstige Leben in der Rhön, über die dortigen Moden und Bräuche, über die Händler und Musiker im 19. Jahrhundert. Und weil man im Rhönmuseum „fast alles berühren, bewegen und anfassen darf“, steht ein einsamer Rhön-Wackler außerhalb der schützenden Vitrine, um von Besucherinnen und Besuchern in Bewegung gebracht zu werden. Der Test gelingt: Ein kleiner Taps mit dem Finger und das fröhlich bemalte Männlein nickt brav und erstaunlich ausdauernd.

Wo es Kunst gibt, da gibt es auch Kitsch. In den Vitrinen lassen sich daher auch schauerliche Gegenstände betrachten, wie sie für Touristen angefertigt wurden: Aschenbecher, Kleiderhaken, Pfeifen und – man mag’s kaum glauben – sogar eine hölzerne Ludwig-II.-Büste gehört in den Fundus der Souvenirs. Ob sich jemals ein Käufer dafür fand, sei dahingestellt!

Neben dieser Dauerausstellung befindet sich im dritten Stockwerk Platz für zwei Sonderschauen. Hier werden in Zukunft jeweils im Wechsel aktuelle kunst- und kulturgeschichtliche Sachverhalte aufgegriffen, um immer wieder die Diskussion aktueller Themen anzustoßen. So wird das Rhönmuseum zu einem „inklusiven und diskursiven Ort mit offenen Türen“. Ein passendes Konzept für das Portrait vom „Land der offenen Fernen“.

Rhöner Hochzeitszug
Rhöner Hochzeitszug

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