Zum Stand der Dinge

Jetzt wäre Gelegenheit, einmal ganz konkret für die Demokratie einzutreten. Ein Hilferuf!

Wo die Vernnft nicht weiter weiß, träumt sie von Ungeheuern.

Sie haben es wieder getan! Eine ganze Seite über die Gefahren für die Medien und die Folgen für uns; ach was: ein ganzes Buch „Gesellschaft“ am 2./3. Mai 2020! Jetzt weiß wirklich jeder SZ-Leser: Die Pressefreiheit ist ziemlich wichtig für die Demokratie. Schon die Ouvertüre „Licht ins Dunkel“ auf Seite 43 war geradezu suspekt erhellend.
Ohne nun jemanden den skeptischen Kammerton zu verhehlen: Aber ja … Es gilt das Fenster auszureißen und, wie Sigmar Gabriel (damals SPD-Bundesvorsitzender) am 3. Mai 2016 sogar schriftlich dem Berufsverband der Digitalpublisher und Zeitungsverleger, den lieben Nachbarn im Wohnhaus gegenüber laut zuzurufen: „Ohne freie Presse kann es keine Demokratie geben.“

Das meint immer zugleich die „Meinungsvielfalt“, die jedoch im besagten SZ-Text ausdrücklich nicht vorkommt. Zudem befremdet es im Widerhall vielleicht, daß solche „Binse“ (wie „Schalte“ ein trendiges Kurzwort im Branchenjargon) in einer der beiden angesehensten Tageszeitungen Deutschlands so ausgewalzt wird – ohne nur einen neuen Gedanken. Sollten die geneigten Leser noch nie Detaillierteres über Trump, Orban, Erdogans Angriffe auf Journalisten, nichts über die Ermordung von Reportern auf Malta oder in der Slowakei, nichts über die blutbefleckten Verhältnisse in Turkmenistan, Nordkorea, Irak, Algerien, Jordanien, Simbabwe, China erfahren haben? … Dann könnte es wohl sein, daß sie nur wenig von dieser hahnenfiedrigen Erregungsgemeinschaft in den deutschen Volksvertretungen wissen, der es allerdings immer wieder gelingt, mit den Medien Blinde Kuh zu spielen. Nicht zuletzt mittels gezielter Provokationen und „Zeitungsenten“ – so nannte man Fake-News zu den Zeiten, aus denen die AfD noch heute ihr ideologisches Rüstzeug bezieht.

Kandierte Gedankenhülsen

Da möchten Anika Blatz, Christoph Koopmann und Carina Seeburg (in der SZ schreibt man neuerdings gerne verklumpt) mit einer Auflistung von verbalen und tätlichen Angriffen auf Journalisten seitens AfD-Führern und deren mutmaßlichen Sympathisanten offensichtlich gegenhalten. So wird man in ihrem Text keine Aussagen über besagte Vorgänge finden, die nicht im Faktencheck gestählt und, wo es um astreine Meinung geht, juristisch imprägniert sind. Selbst formal ist der Artikel so stilsicher komponiert, als hätten die Autorinnen bei Barbara Hans am Lehrstuhl für Journalistik der Universität Hamburg studiert. Da ist nichts falsch oder schwer verständlich! Die Argumentation ist vielleicht mitunter etwas bresthaft und nicht frei von „kandierten Gedankenhülsen“ (Karl Kraus). Beispiel?! „Kein seriöser Journalist in Deutschland läßt sich von irgendeinem Politiker sagen, was er zu schreiben oder aufzunehmen hat. Das wissen Höcke und seine Glaubensbrüder natürlich. Sie wollen mit solch vagem Geraune vom >Gefühl< der >irgendwie< gesteuerten Medien ganz bewußt Mißtrauen säen.“
Aber unterscheidet sich nun ein solches Glaubensbekenntnis in seiner Schwerkraft tatsächlich grundsätzlich von dem zuvor Inkriminierten, in denen AfD-Parteichef Meuthen etwa „Hass und Hetze gegen uns“ beklagt? Reicht es, um in Äquivokationen aus Parlament und Aufmarsch und dem nachfolgenden Überfall z.B. auf ein ZDF-Team einen kausalen Zusammenhang zu ersehen? Eigentlich wohl schon, allerdings nur für den, der ihn (den Kausalnexus) auch detaillierter zu begründen wüßte. Ach, und rühren die AfD-Vorwürfe nicht vielleicht doch etwas in einer offenen Wunde, z.B. der Monopolisierung der Medienlandschaft?
Mit anderen Worten: Die ufklärungsbesorger, also die seriösen Journalisten, sollten sich vielleicht mehr Mühe geben, denn ganz offensichtlich reichen die Schwüre aufs Berufsethos so wenig wie eifrige Faktenchecks, die zu überzeugen, die man vom Guten überzeugen will, überzeugen müßte! Daß die Presse Bindeglied zwischen Volk und gewählten Volksvertretern sein will oder soll oder kann, was sich auch in unterschiedlichen Meinungen manifestieren müßte, wird inzwischen von viel Volk ebenso in Frage gestellt wie: Die Presse mache die politische und gesellschaftliche Diskussion transparent. Man hat eben gegenwärtig oft den Eindruck, daß sich selbst diejenigen, die sich über die Presse breit und umfassend informieren (wollen oder können), etwa in der Corona-Infodemie mit (bisweilen erstaunlichem) Schwachsinn infizieren – vielleicht, weil das seriöse Nachrichten- und Meinungsan= gebot nicht so breit und glaubwürdig ist, wie es, sagen wir mal: für einen „herrschaftsfreien Diskurs“ sein sollte.

Der formatierte User

So vermag etwa die echt entrüstete Herleitung von Straftaten gegen Journalisten aus virtuellen Attacken in den sozialen Medien (Twitter, Facebook usw.) das eigentliche Problem mitunter gar zu verklären. Es wird ein „totaldemokratisches, ja geradezu anarchistisches System“ gepriesen, das ermöglicht, daß jeder jederzeit mitreden kann; es wird der „unschätzbare Gewinn“ hervorgehoben, „weil so viele Sichtweisen wie nie zuvor ihren Weg in das Bewußtsein der Öffentlichkeit finden und den Diskurs enorm bereichern“. Was eigentlich kein Wert an sich sein sollte, zumal der Diskurs eben gerade nicht „enorm bereichert“ wird. (Manchmal reicht es gerade mal für den Nannen-Journalistenpreis.)
Andererseits – so klagen die Autorinnen – „brechen sich Hass und Hetze so schnell und machtvoll Bahn wie nie zuvor. Auch Nachrichten verbreiten sich rasend – egal, ob richtig oder falsch. Fakten werden vermischt mit Meinungen und Spekulationen.“ Der Zusammenhang des einen mit dem anderen wird von Autorinnen aber nicht erklärt, sondern nur behauptet.
Die Idee, beides (der Gewinn und die Hetze) könnte hinsichtlich der Wirkung dasselbe sein, erscheint offensichtlich als abwegig. Ebenso, daß sich Filterblasen, also das Phänomen, daß „User“, ohne sich dies (immer) bewußt zu sein, nur auf Internetseiten verkehren, die ihr Weltbild bestätigen, sogar beinahe zwangsläufig aus dem ganz persönlichen Zeitkontingent des Nutzers ergeben könnten und nicht nur, weil Webseiten versuchen – was natürlich wichtiger ist -, algorithmisch vorauszusagen, welche Informationen der Benutzer auffinden möchte. Daß der Nutzer auf Zeitersparnis, auf Effektivität trainiert und zusätzlich formatiert wird, widerstrebt den Narrativen von Selbstbestimmung und Mündigkeit, was ja selbst der Fachmann für sich in Frage stellen müßte.
Dabei muß man nur die Augen etwas zukneifen, um scharf zu sehen, daß rein formal jeder Tweet, jeder Post, jede Mail, jede Meldung auf dem Bildschirm – wenigstens zunächst – für den Nutzer „gefühlt“ den gleichen Stellenwert hat. Wollte man jedes Mal einen Faktenchecker heimsuchen, was – wie angedeutet – ein gerüttelt‘ Maß an Argwohn voraussetzte, beschritte man damit stets und sehr zeitaufwendig seinerseits zu überprüfende Metaebenen. (Und außerdem: Man kann auch mit einer Aneinanderreihung von Wahrheiten lügen.) Sowohl inhaltlich wie formal konterkarierte schon dies womöglich den „überwältigenden Gewinn“ des „totaldemokratischen Systems“. Sogar der kompetente User surft also stets zwischen Skylla und Charybdis. Entweder er verpaßt den Weltuntergang (wie er von Italo Calvinos Qfwfq erfahren könnte, wäre das kaum von Vorteil) oder er geht unentwegt irgendwelchem Fake auf den Leim und arbeitet so eifrig am Weltuntergang mit.

Randfleckiges Empörungspoem

Das ist es doch ziemlich, wenn man befürchtet, daß in der Flut von Falschmeldungen und Verschwörungstheorien ein Millionenheer von Freunden verlernt, Gerüchte, Lüge und Wahrheit auseinanderzuhalten. Offene Briefe, wie jüngst von über 100 Ärzten und Gesundheitsexperten an die großen Social-Media-Konzerne in der New York Times, doch bitte Desinformationen über das Coronavirus auf Plattformen wie Facebook und Youtube konsequent zu bekämpfen, mögen für Aufsehen sorgen, haben genau besehen dennoch etwas geradezu Rührendes. Gleichwie die Überzeugung der Autorinnen, den Falschinformationen mit „gutem Journalismus“, mit „der Wahrheit verpflichteten Journalismus“ (woran wäre der wohl zu erkennen?), freilich jetzt verstärkt in den Online-Versionen der Tageszeitungen, begegnen zu können; die 12- bis 19jährigen seien mit gedruckten Tageszeitungen nämlich nicht mehr zu erreichen (als wäre das jemals der Fall gewesen!). Nun ist es jedoch ohnehin nicht sonderlich klug, Pressefreiheit, Meinungsvielfalt, Populismus und Corona in einem Waschgang durchzuwalken, ohne wirklich konkret zu werden. In Sachen Corona beispielsweise suggeriert das randfleckige Empörungspoem von Anika Blatz et altera nämlich, es gäbe überhaupt nur zwei Positionen: Die richtige des seriösen Journalismus und die falsche der Verschwörungstheoretiker. Etwas platt! Um mit einer Figur aus G. K. Chestertons „Pater Brown“ zu sprechen: Es gibt aber doch viele Methoden eine Katze zu häuten!
Vielleicht sollte man das Coronavirus nicht allein als tödliche Gefahr für die Menschheit, sondern – jedenfalls in Deutschland – auch als perfiden Angriff (von Außerirdischen?) auf Pressefreiheit und Meinungsvielfalt verstehen. Die Attacken auf Journalisten seitens zerebral unterversorgten, wenn nicht überhaupt anenzephalen Zellansammlungen sollten strafrechtlich verfolgt und gesellschaftlich natürlich ernstgenommen werden, stellen aber „noch“ keine allzu große Gefahr für die Presse, die Pressefreiheit, die Meinungsvielfalt dar. Weit gefährlicher scheint, daß in der Folge der Corona-Pandemie und den Bemühungen, diese einzudämmen, der für die Medien überlebenswichtige Anzeigenmarkt nahezu völlig zusammengebrochen ist. Und es nähme nun wunder, wenn sich ein ausgesprochen digitalaffiner Virus nicht noch disruptiver als zur Zeitungskrise 2002 um den Medienwandel und die Medien= konzentration kümmerte. Wenn es also stimmt, daß „Keine Demokratie (…) sich ein Marktversagen auf dem Mediensektor leisten“ (Jürgen Habermas) könne, wird für Pressefreiheit und Meinungsvielfalt entscheidender, wie sich die überhaupt noch vorhandenen Lokalzeitungen, -zeitschriften und anspruchsvolleren Magazine, denen genau bedacht allesamt wie den großen, überregionalen Zeitschriften und Zeitungen das Prädikat „systemrelevant“ zugesprochen werden müßte, durch die Krise schleppen.

Die Schule der Demokratie

Nach wie vor scheint vielen, vor allem politisch Verantwortlichen nicht klar zu sein (vielleicht haben sie es auch nur vergessen), daß die lokalen und regionalen Zeitungs- und Zeitschriftenredaktionen das Epizentrum des demokratischen Niedergangs sind. Es ist so banal, daß man jede diesbezügliche Erläuterung vor Scham am liebsten polyalphabetisch verschlüsseln möchte. Demokratie, das lehrt man vermutlich auch heute noch in den Schulen, muß ebenfalls erlernt werden.
Um Lesen zu lernen, muß man sich erst mit dem Alphabet rumquälen, muß Erlebnis- und Besinnungsaufsätze schreiben, bevor man sich – vielleicht als aufgewecktes Bürschchen – mit dem Oberlehrer streiten kann, der am Ende doch recht hat. Es bedarf der öffentlichen Diskurse auf verschiedensten gesellschaftlichen und politischen Ebenen … und dann bedarf es der Vermittlungsinstanzen. Das ist im Grunde seit Jahrhunderten so, nicht erst in demokratischen Gesellschaften, da aber ganz besonders. Ganz früher sprach man vom „Meister“, dann vielleicht nur vom Lehrer, der erst in der Erinnerung zum leuchtenden Vorbild erwuchs, und schließlich auch vom Reporter, Journalisten, von Kommentatoren aus den verschiedensten Wissensbereichen. Ergibt beispielsweise eine repräsentative Umfrage, daß eine ordentliche Mehrheit der Bevölkerung mit dem Handeln und den Entscheidungen der Politik in Sachen Corona einverstanden ist, zugleich aber beklagt, daß sie das Gefühl hat, keinerlei Einfluß darauf nehmen zu können, dann dürfte das jedenfalls in einer Demokratie ein klarer Hinweis – in diesem Fall zum Glück für die Politik – auf das Versagen, wenn nicht überhaupt das Fehlen von Vermittlungsinstanzen sein.
Das ist auch auf der lokalen Ebene so, allerdings müßte mehr ins Detail gegangen werden, um den Wert von Vermittlung, von Medien zu verdeutlichen. Wir registrieren es alle, ob kommunalen Entscheidungen eine breite Diskussion in der Bürgerschaft vorausging oder einfach Tatsachen geschaffen wurden. Und womöglich merken wir auch, ab wann solche Themen uns gar nicht mehr interessieren und warum. Hier wird nicht nur an die Umgestaltung eines ehemaligen, innerstädtischen Parkplatzes oder das Schaffen von Fahrradwegen gedacht, sondern auch an das kulturelle Leben. Auch im Bereich von Kunst und Kultur fehlen seit geraumer Zeit (kritische) Vermittler, nicht nur um die Arbeit von Künstlern den Menschen zu erklären, sondern vielleicht auch nur ganz schlicht um Kunstvereinigungen demokratisch zu kontrollieren, aber das wäre ein eigenes Thema.

Ausgestorben!

Vom Fehlen stadtbekannter Journalisten

Viel deutet jedenfalls darauf hin, daß überall dort, wo die Medien, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr funktionieren, Gesellschaften offensichtlich regelrecht auseinanderbrechen. Man weiß schon aus dem Mittelalter (z.B. von Nikolaus von Kues / 1401 – 1464), daß Kulturen zerfallen, wenn sie keinen einheitsstiftenden Gedanken mehr haben.
Plötzlich stehen sich Gegner und Befürworter von Klimaschutz, Flüchtlingshilfe, Eurobonds, Mundschutz, Händewaschen und dergleichen unversöhnlich gegenüber. Solche Konstellationen scheint es jedenfalls gegenwärtig in den USA, in Frankreich, in Großbritannien zu geben, und in all diesen Ländern läßt sich ein Zusammenhang mit der Medienlandschaft herstellen. Das legen die entsprechenden Kenner der Verhältnisse nahe.
Im Lokalen und Regionalen freilich läßt sich das Fehlen und/oder Versagen der Medien einerseits leicht feststellen, andererseits aber nur schwer, eigentlich nur in ausführlichen Studien aufzeigen. Man kann nur behaupten, daß z.B. die lokalen Journalistenpersönlichkeiten fehlen, die vielleicht allein schon aus ihrer gesellschaftlichen Stellung und obwohl sie womöglich selbst im weitesten Sinne im heimischen Nepotismus verstrickt waren, trotzdem ganz automatisch, wenn man so will: unbewußt einer Meinungsvielfalt und damit der Pressefreiheit dienten. Wo es wenigstens noch zwei (1912 gab es in Nürnberg 9 Tageszeitungen) unterschiedliche Tageszeitungen und evt. noch unabhängige Zeitschriften, z.B. Stadtillustrierte gab, und somit die Kontrolle der „Mächtigen“ zumindest halbwegs gewährleistet war, eigentlich immer alles „herauskam“, entstand eher nicht, was man heute als „Verschwörungsmentalität“ der Bevölkerung bezeichnet, also jene Haltung der Menschen, die offensichtlich niemand mehr richtig in den Griff zu bekommen scheint. Wir ersticken in Verschwörungstheorien und Fake-News. Und der seriöse Journalist (es gibt ihn nach wie vor, und wenn er nur Heribert Prantl heißt), das Korrektiv verblaßt, liegt nur noch wie ein hauchdünner Schleier über dem Wunschbild von einer halbwegs funktionierenden Gesellschaft.
Kurzum: Jetzt, gerade durch die Pandemie ausgelöst, wäre wohl eine (letzte) Gelegenheit auch für Lokalpolitiker, die Meinungsvielfalt, die Pressefreiheit, die Demokratie zu retten. Oberbürgermeister, Stadträte, aber auch Geschäftsleute, Geistliche, Verbandsfunktionäre oder schlicht Bürger hinsichtlich ihres Leseverhaltens: Helfen Sie den wenigen, noch vorhandenen, anspruchsvolleren Medien! Langfristig helfen Sie sich damit selbst.■

Ceterum censeo europam esse servandam a furore teutonico.

 

Tags:

Comments are closed.