Ausgabe September / Oktober 2021 | Geschichte(n)

Vom Knieguß zur „Lebensfreude“

Wie ein Schonunger zum Marketing-Manager des Wasserdoktors und Pfarrers Sebastian Kneipp wurde.

Text: Ursula Lux | Fotos: Wolf-Dietrich Weissbach
Sebastian Kneipp Büste
Sebastian Kneipp Büste

Sie heißen „Lebensfreude“, „Gute Laune Muntermacher“ oder „Chill out“ und der Wasserdoktor und Kräuterpfarrer Sebastian Kneipp würde sich wohl die Augen reiben, wenn er sehen könnte, was aus seinen Produkten geworden ist. In diesem Jahr ist Kneipp in aller Munde, feiern seine Anhänger doch seinen 200. Geburtstag. Das Unternehmen, mit dem er seine pharmazeutischen und kosmetischen Produkte sowie einige natürliche Lebensmittel vermarktete, blickt auf eine 130jährige Geschichte zurück. Damals allerdings fehlten den Produkten noch weitgehend die blumigen Namen.

Während heutzutage fast jedes Kind, zumindest dem Namen nach, den im schwäbischen Stephansried bei Ottobeuren geborenen Naturheilkundler Kneipp und seine Wassertherapien kennt, wissen die wenigsten, daß es ein Unterfranke und gebürtiger Schonunger war, der seiner Marke zum Durchbruch verholfen hat. Daniela Harbeck-Barthel, nahm die Entstehung eines neuen Wasserspielplatzes mit Kneippanlage in Schonungen zum Anlaß, der Geschichte des Schonungers Leonhard Oberhäußer und seiner Verbindung zu Kneipp nachzuspüren. Harbeck-Barthel stammt aus dem Schonunger Ortsteil Waldsachsen, ist studierte Historikerin und arbeitet nach 15 Jahren als Leiterin des Pressearchivs der Nürnberger Nachrichten heute im Team des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände. Ihrer Heimatgemeinde blieb sie stets verbunden und hat beispielsweise 2013 die Ortsgeschichte von Waldsachsen herausgegeben.

Im Bahnhof geboren und in Schonungen aufgewachsen

Leonhard Oberhäußer Büste
Leonhard Oberhäußer Büste

Aber zurück zur Geschichte. „Ohne den in Schonungen geborenen Apotheker Leonhard Oberhäußer hätten die Rezepturen und Heilmethoden des Kräuterexperten vielleicht nicht so erfolgreich die Zeit überdauert“, glaubt die Historikerin. Daß Oberhäußer ein Schonunger wurde, verdankte er letztlich dem ehemaligen bayerischen Landtagsabgeordneten und Unternehmer Wilhelm Sattler. Der nämlich sorgte dafür, daß die erste Bahnstrecke zwischen Nürnberg und Würzburg über Bamberg – Haßfurt und Schweinfurt geführt wurde und Schonungen, wo Sattler Mühlen und Fabrikationsstätten betrieb, einen eigenen Bahnhof bekam. Oberhäußers Vater fungierte dort seit 1852 als Post- und Eisenbahn-Expeditor. Am 6. Juli 1854 kam der kleine Leonhard, der dritte Sohn der Eheleute Oberhäußer, im Bahnhofsobergeschoß zur Welt. Er und seine Familie blieben etwa 12 Jahre in der Gemeinde am Main, bis der Vater nach Steinach in die Nähe von Rothenburg ob der Tauber versetzt wird.

In Uffenheim besuchte Leonhard die Königliche Lateinschule, machte anschließend eine Lehre in der Marienapotheke in Rothenburg und studierte schließlich an der Universität in Erlangen Pharmazie. „Den frischgebackenen Pharmazeuten zog es wieder an den Main, aber nicht in seinen dörflichen Geburtsort, sondern in die lukrativere Stadt“, schreibt Harbeck-Barthel. 1877 zog er zunächst als Militärpharmazeut nach Würzburg, wo er sechs Jahre darauf, kurz vor seiner Hochzeit, dann die Engel-Apotheke am Oberen Markt erwarb. 1890 lernte Oberhäußer den inzwischen berühmten Pfarrer Kneipp kennen, der seit 1855 in Wörishofen lebte und dem Ort zu seinem Kurstatus verhalf.

„Kneipps Wissen um die Heilstoffe und ihre beste Anwendung einerseits und Oberhäußers Innovationsfreude andererseits waren zur rechten Zeit aufeinandergetroffen, denn der gebürtige Schonunger war ein neugieriger Mann, der selbst Pillen entwickelte und mit Heilstoffen experimentierte“, schreibt Harbeck-Barthel. Was die beiden vermutlich noch verband, war wohl ihre Liebe zur Naturheilkunde. In der Zeitschrift „Kneippblätter“ hieß es 1954 rückblickend über das erste Zusammentreffen der beiden: „L. Oberhäußer kam zum ersten Mal an einem kühlen Septembertag des Jahres 1890 in die Morgensprechstunde von Pfarrer Kneipp und zwar gerade, als dieser einem seiner reichsten Patienten … mit der Gießkanne einen kräftigen Guß verabreichte. … Als nächster Kranker kam ein armer Taglöhner an die Reihe, der, an schwerer Verstopfung leidend, von Kneipp jedoch nicht äußerlich mit Kaltwasser, sondern innerlich mit einer Naturarznei in Form von zwei Pillen, die er sofort schlucken mußte, versorgt wurde. Da die Wirkung zu unser aller Vergnügen … nicht ausblieb, verabreichte Kneipp auch an andere Personen … dieses rein pflanzliche Mittel.“ Genau diese Pillen gegen Darmträgheit sollten bald zum ersten Verkaufsschlager in Oberhäußers Kneipp-Apotheke werden.

Kneipp Heilmethode, Praktischer Wegweiser, historisch
Kneipp Heilmethode, Praktischer Wegweiser, historisch

Naturheilkunde – die gemeinsame Leidenschaft

In zahlreichen Treffen besprachen der 36jährige Apotheker und der knapp 70jährige Pfarrer und Naturheilkundler die Zusammenstellungen und besten Darreichungsformen von Tee, Pflanzensäften, Ölen und eben Pillen. Bei einem dieser Treffen kam es am 7. Juli 1891 in Würzburg zu einer ersten Übereinkunft. Kneipp erteilte Oberhäußer und seinem Berufskollegen von der Einhorn-Apotheke, dem Botaniker und Arzneikräuter-Experten Robert Landauer das exklusive und weltweite geltende Recht, seine pharmazeutischen und kosmetischen Produkte sowie die diätetischen Lebensmittel „mit dem Namen und dem Bilde des Herrn Pfarrer Sebastian Kneipp“ zu entwickeln, herzustellen und zu vertreiben. Es ist der Beginn einer Erfolgsgeschichte, alle Produkte, die nach den Rezepturen des Wasserdoktors hergestellt wurden, trugen damals auch das Konterfei Sebastian Kneipps. „Clever“ kommentiert dies Harbeck-Barthel, denn „damit autorisierten die Würzburger (Apotheker) nicht nur ihre Produkte als echt und ‚original Kneipp‘, sondern sie führen auch ein personalisiertes Markenzeichen mit hohem Wiedererkennungswert ein, das etwa 100 Jahre seinen Zweck erfüllen wird.“

Zu den Heilmitteln, die teils schon damals so blumige Namen hatten wie, „Atme leicht“ „Augentrost“ oder „Wangenrot“ gehörten Tees und Salben, Pulver, Tropfen, Pillen und Bonbons gegen Bronchial- und Verdauungsprobleme, aber auch gegen Gicht, Rheuma und Entzündungen. Unter „Toilettenmittel“ wurden Seifen aus Heublumen und Brennesseln, Mundwässer und Zahnpulver hergestellt. Es gab Hausapotheken in verschiedenen Größen, und zum Abschluß folgten Nährsalze, die Nahrungsergänzungsmittel der damaligen Zeit.

Auch nach Kneipps Tod am 17. Juni 1897 arbeitete Leonhard Oberhäußer weiter daran, dessen natürliche Heilmittel und ganzheitlichen Methoden bekanntzumachen. Oberhäußer übernahm den Versand der Kneipp-Mittel. 1919 übergab er das Unternehmen „Kneipp-Mittel-Zentrale“ seinem Sohn Hermann, der den Vertrieb der Kneipp-Produkte über die Familien-Apotheke hinaus ausbaute.

Vierzig Jahre nach Kneipps Tod verstarb auch Firmengründer Leonhard Oberhäußer am 1. Dezember 1937 in Würzburg. Die Würzburger würdigten den gebürtigen Schonunger 1990 mit einer Büste auf dem Gelände der damaligen Landesgartenschau. Harbeck-Barthel holte  ihn nun mit ihrer wissenschaftlichen Abhandlung für seine Geburtsgemeinde aus der Vergessenheit.

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