Ausgabe September / Oktober 2021 | Fränkische Profile

Die sieben Leben der Ilse Schiborr

Von Franken nach Los Angeles und wieder zurück. In 94 Jahren sammelt sich jede Menge Leben an: Trauer, Verluste, unglaubliche Erfolge, Umzüge, große Lieben, laute Fanfaren und leise Zwischentöne. Ilse Schiborr hat das alles erlebt, durchlebt – und ist immer wieder auf die Füße gefallen.

Text: Claudia Haevernick
Mannequin Ilse Schiborr
Mannequin Ilse Schiborr

Die 94jährige ist eine Grande Dame, die sich ihrer selbst und ihrer Wirkung bewußt ist. „Ich denke, das ist zu viel Gegenlicht, soll ich mich lieber umsetzen?“ fragt Ilse Schiborr beim Fototermin aufmerksam. Wie oft sie in ihrem Leben bereits gefilmt und fotografiert wurde, kann sie nicht mehr zählen. An ihrer Gestik und Mimik erkennt man es sofort: Auf dem Sofa im dreizehnten Stock des Hochhauses in der Schwabenstraße, in dem sie seit 53 Jahren lebt, sitzt ein Profi. Die erste „Miss Würzburg“ der Nachkriegszeit.

Ihre ersten neun Lebensjahre verbrachte Schiborr in Nürnberg, dann zog sie zusammen mit ihren Eltern nach Würzburg, ihre Heimat, an der bis heute ihr Herz hängt. Tanzen, singen, schreiben und sportliche Betätigung – das waren von Beginn an ihre großen Leidenschaften, die sie auch noch bis ins hohe Alter begleiten. Vor dem Spiegel drehte sie schon als Kind erste Pirouetten, singt später im Tanzkurs zur Klavierbegleitung und sie liebt Zarah Leander. Die Diva aus Schweden mit der Baritonstimme verkörperte Leidenschaft, stand für pathetische Gefühlsausbrüche und kämpfte für die Liebe.

Falscher Schmuck und eine Schärpe

Das offizielle Foto der ersten Miss Würzburg 1948
Das offizielle Foto der ersten Miss Würzburg 1948

Die Liebe war auch ein zentrales Thema in Ilse Schiborrs Leben. Mit ihrem ersten Mann, dem Theaterschauspieler Gerd Ruthe bekam sie ihre beiden Töchter Helga und Simone. 1948, im ersten Jahr als junge Mutter, setzte sie auch ohne es zu wissen, den Grundstein zu ihrer Karriere als Mannequin, nur wenige Monate nach der Geburt ihres ersten Kindes. Gefangen im anstrengenden und monotonen Alltag der Nachkriegszeit, mit Mann, Kind und Mutter auf engstem Raum zusammengepfercht, wurde sie ausgerechnet an diesem Abend ermutigt auszugehen, sich abzulenken und sich zu amüsieren. In den Huttensälen wurde die erste Miss Würzburg der Nachkriegszeit gewählt. 

Die junge Frau leistete sich einen seltenen Friseurbesuch, zog ihr bestes Kleid an und schlüpfte in ihre Jacke, die aus einer alten Wehrmachtsdecke geschneidert war. Anstatt einer Eintrittskarte erhielt sie die Bitte, beim Wettbewerb mitzumachen. Nach mehreren Runden und tosendem Applaus wurde die junge Mutter zur Siegerin gekürt, es gab Blumen, falschen Schmuck und eine Schärpe, die Schiborr noch heute hat. Aber viel wichtiger: Es gab die Chance, Geld für die Familie zu verdienen, als Frau selbst für ein Einkommen sorgen zu können. Zu dieser Zeit eine absolute Seltenheit. Schiborr bekommt Verträge, kann an Modenschau-Tourneen des renommierten „Salon du Monde“ im In- und Ausland teilnehmen, mit den prunkvollen Kleidern, etwa aus dem Film „Die Dubarry“, für wenige Augenblicke in eine schillernde, bessere Zukunft entführen.

Die Sehnsucht nach Deutschland

Modeschau in und über den Huttensälen in Würzburg 1955
Modeschau in und über den Huttensälen in Würzburg 1955

Die visuellen Zeugnisse aus dieser Zeit sind atemberaubend, Ilse Schiborrs Schönheit ist voller Erhabenheit, ihr Gesicht zeitlos und universell. Sieht man diese Bilder, versteht man augenblicklich die Faszination, die sie ihr Leben lang auf Menschen ausgeübt hat. 

Mit einem Thema, das heute viele Frauen bewegt, wurde die junge Frau schon damals konfrontiert: Mit Kindern und Beruf erfolgreich zu jonglieren, alle Bälle in der Luft zu halten. Damals sicherlich noch schwieriger als heute. Schiborr litt sehr unter der zeitweisen Trennung von ihren Kindern. Ihre älteste Tochter blieb nach der Scheidung bei ihrem Exmann, eine Entscheidung, die sie ihr Leben lang schmerzte schmerzte, aber von Rechts wegen hinnehmen mußte. 

Mit ihrem zweiten Mann Jack, einem amerikanischen Sicherheitsexperten, verbrachte sie zehn Jahre in Kalifornien, Los Angeles. Bereits nach sechs Wochen, wie sie sagt, war ihr jedoch klar, daß die USA nicht das Land sein kann, in dem sie sich heimisch fühlt. Zu viel Fremdes, zu hart war der Zusammenprall beider Kulturen. Die Sehnsucht nach Deutschland, nach Würzburg, wurde immer stärker und so zog die Familie wieder nach Franken. „Der Ort, an dem wir beide zusammen hätten glücklich sein können, der hätte erst noch geschaffen werden müssen“, lächelt die ältere Dame und zuckt mit den Schultern. Jack ging zurück in die USA, 1975 ließ sich das Paar scheiden.

Die Liebe ihres Lebens

Ilse Schiborr
Auch mit 94 vollendet stilbewußt:
Ilse Schiborr beim Termin im September 2021

Ilse Schiborrs Augen leuchten, wenn sie über die Zeit als Mannequin spricht, über Mode, über ihre Freundinnen, Bekanntschaften, das Blitzlichtgewitter. Über das elegante „Café Falkenhof“, in dem sie nachmittgs Mode von sehr guten Würzburger Firmen vorführte. Über die vielen Reisen, außergewöhnliche Kleider, über ihre Enkel in den USA, ihre Bücher und Geschichten, die sie seit Jahren schreibt. Erlebnisse, die für sieben Leben ausreichen würden. Aber dieses Leuchten kann nicht mit dem mithalten, das sich einstellt, wenn sie über ihre große Liebe spricht, die sie 1977 heiraten durfte und die bis 2020, bis zu seinem Tod, an ihrer Seite blieb. Werner Schiborr kannte sie schon aus ihrer Jugend, von den Tanzkurzen, den Abenden, an denen sie gesungen hatte. Der Würzburger lebte seit Jahren, oft sogar in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft, ohne daß sie sich einander annäherten. Bis er endlich im gleichen Haus wohnte und sie sich im Aufzug wiedertrafen und von da den Rest ihres Lebens miteinander zu verbringen. Sie teilten ihre Geschichten, zeigten sich ihre Wunden, reisten viel und schufen über vier Jahrzehnte voller Gemeinsamkeit, Freundschaft und Liebe. Vielleicht das Größte und Wichtigste, das man in 94 Jahren erreichen kann. 

„Ich singe meine Lieder, die in neunzig von hundert Fällen von Liebe handeln. Weil nämlich neunzig von hundert Menschen Liebe wichtiger ist als Politik und alles andere“, um mit Zarah Leanders Worten zu schließen.

Im Bus auf der Fahrt zur nächsten Modeschau
Im Bus auf der Fahrt zur nächsten Modeschau

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