Ausgabe September / Oktober 2021 | Landleben

Eine Arche für Anna und Alois

In Deutschland stehen über 100 vom Aussterben ­bedrohte Nutztier-Rassen auf der „Roten Liste“. Das oberfränkische Kleinwendern ist Bayerns erstes Arche-Dorf. Bedrohte Arten wie das Sechsämter-Rotvieh, das Coburger Fuchsschaf oder das Deutsche Reichshuhn haben hier ein Refugium.

Text: Sabine Raithel | Fotos: Wolf-Dietrich Weissbach
Anna, ein Coburger Fuchsschaf
Anna, ein Coburger Fuchsschaf, mag Grün, war aber nicht wahlberechtigt.

Ein seltenes Landidyll: Auf einer der sattgrünen Fichtelgebirgswiesen steht eine Herde außergewöhnlicher, rotbrauner Kühe. Fast alle haben weiße Schwanzspitzen und helle Hörner. Beinahe wäre das berühmte „Sechsämter-Rotvieh, das als Rasse wohl schon seit über 3000 Jahren als „Keltenvieh“ existiert, ausgestorben. Deshalb startete der Naturpark Fichtelgebirge im Jahr 2012 ein Rettungsprojekt: In Kleinwendern wurde mit Unterstützung der Unteren Naturschutzbehörde und des Bayerischen Umweltministeriums eine Weide eingerichtet und eine kleine Herde Roten Höhenviehs aus der nahen Oberpfalz angesiedelt. Das war der Grundstein für ein bundesweit einzigartiges, bürgerschaftliches Gemeinschaftsprojekt. 

Wenn Ulrike Wunderlich durch das beschauliche Kleinwendern spaziert, dann wird sie oft nicht nur von drei Hunden und einer Katze begleitet (nur einer der Hunde gehört ihr), sondern auch von Anna. Sie ist die jüngste (tierische) Bewohnerin im Archedorf Kleinwendern und sie liebt es, mit den Hunden zu spielen. Dann purzeln sie übereinander weg, rollen, toben und rennen voller Lebensfreude gemeinsam über die Wiesen. Anna ist ein viermonatiges Coburger Fuchsschaf. „Sie wurde von ihrer Mutter nicht angenommen und wird mit der Flasche aufgezogen“, berichtet Ulrike Wunderlich. Anna hört auf ihren Namen und wenn sie gerufen wird, dann kommt sie freudig angerannt. „Schafe brauchen ja viel Auslauf. Anna genießt es, mit uns spazieren zu gehen und mit den Hunden herumzutollen.“

Das berühmte „Sechsämter-Rotvieh“ wäre beinahe ausgestorben.
Das berühmte „Sechsämter-Rotvieh“ wäre beinahe ausgestorben.

Kuriose Menagerie unterschiedlichster Hühner, Gänse und Enten

Ulrike Wunderlich mit einem jungen Kaninchen
Ulrike Wunderlich mit einem jungen Kaninchen

Ulrike Wunderlich ist Sprecherin des Archedorfs und führt interessierte Besucher durch den 80 Einwohner zählenden, malerischen Ort. Kleinwendern ist ein bißchen wie Astrid Lindgrens Bullerbü. Wie zufällig hingewürfelt schmiegen sich liebevoll gestaltete Bauerngärten und hübsche fränkische Fachwerkhäuschen in die hügelige Fichtelgebirgslandschaft. Idylle pur. Nachdem das Rote Höhenvieh nach Kleinwendern umgezogen war, haben einige Anwohner – mit viel Idealismus und Leidenschaft – damit begonnen, selten gewordene Nutztierarten zu halten. Ulrike und Heinz Wunderlich züchten seither Rheinische Schekken, eine mittelgroße Kaninchenrasse, die um 1900 in Nordrhein-Westfalen entstand. Kleinwenderns Bürgermeisterin Anita Berek hat ihr Herz an eine Herde Thüringer Waldziegen verschenkt. Jörg Berthold, Mike Franke und Ronny Ledermüller sind die stolzen „Pflegeeltern“ von Anna und einer ganzen Herde Coburger Fuchsschafe. Jörg Berthold hält zudem eine kuriose Menagerie unterschiedlichster Hühner, Gänse und Enten. Ronja Wunderlich und Sascha Hahn haben sich auf die Zucht von drolligen Lachshühnern spezialisiert. Und der einzige Vollerwerbslandwirt unter den Tierliebhabern, Rudi Küspert, züchtet in seinem Bioland-Betrieb das besagte Rote Höhenvieh. 

Bei einem Spaziergang trifft man auf kuriose Laufenten, die mit aufrechtem Gang auf der Suche nach leckeren Nacktschnecken sind. Ein Deutscher Reichshahn stolziert wie ein General um seine Hühnerschar herum. In einem Gehege wartet bereits ein Thüringer Ziegenbock namens Loisl (eigentlich Alois) neugierig auf die nahenden Besucher. Umringt von seinem Ziegen-Harem – u.a. stehen hier Lotte, Lena und Lilli – zeigt er freundlich aber bestimmt, wer hier der Chef ist. Seine Statur ist durchaus imposant. „Die Thüringer Waldziege ist heute die einzige als eigenständig erachtete Ziegenrasse Deutschlands“, berichtet Ulrike Wunderlich.

Lachshühner
Lachshühner

Erstes Archedorf in Bayern

Wo immer der Mensch lebt und Land- und Forstwirtschaft, Fischerei oder Jagd betreibt, greift er in die Natur ein. Als die Menschen vor Jahrtausenden die Landwirtschaft nach Europa brachten, veränderten sie die Umwelt dauerhaft – sie machten die Landschaft vielfältiger und förderten die Artenvielfalt. Bis vor wenigen Generationen war die Landwirtschaft ein positiver Faktor für die Artenvielfalt. Das ist heute anders. Düngemittel, Massentierhaltung, Übernutzung, Vermüllung der Umwelt und Klimawandel sind nur einige der von Menschen gemachten Killer der Artenvielfalt.

Ein Ende der Abwärtsspirale ist nicht in Sicht. In ihrer aktuellen Roten Liste vom 25. März 2021 erfaßt die Weltnaturschutzunion IUCN fast 37 500 Tier- und Pflanzenarten als bedroht. Das sind mehr als jemals zuvor. In Deutschland stehen über 100 Rassen auf der „Roten Liste der gefährdeten Nutztierrassen“ der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. (GEH). Und um genau diese Arten, die auf der Verliererseite der Evolution stehen, geht es in dem 1995 ins Leben gerufenen Arche-Projekt. Ziel ist es, „diese Rassen in der landwirtschaftlichen Produktion zu halten, ihr Leistungspotential und ihre besonderen Eigenschaften gezielt zu nutzen und so deren langfristige Erhaltung zu gewährleisten“, so die GEH. Im Jahr 2019 wurde Kleinwendern zum ersten Archedorf in Bayern ernannt. 

Die Naturschützerin Ulrike Wunderlich macht sich indes begründete Sorgen um das behutsam entwickelte Idyll. „Wir sind stolz auf die Anerkennung. Andererseits sind wir jetzt gefordert, mit viel Fingerspitzengefühl dafür zu sorgen, daß wir nicht von schaulustigen Touristen überrannt werden, die mit ihren Autos zu uns fahren und hier Tiere streicheln wollen.“ Sie betont: „Selbstverständlich sind uns interessierte Gäste willkommen – aber wohl dosiert. Wer es richtig machen will, der läßt das Auto stehen und wandert von Bad Alexandersbad aus zu uns.“ Und wer es ganz richtig machen will, der kommt am besten zum Archefest, das in Kleinwendern zeitgleich zur „Kerwa“ mit heimischem Bier und leckeren „Knäikäichla“ gefeiert wird.  

„Am Ende sind wir mit unserem Engagement noch lange nicht“, so die engagierte Archedorf-Aktivistin. „Da gäbe es schon noch selten gewordene Pferde- und Hunderassen, die gut zu uns in Kleinwendern passen würden …“.

Auch Menschen fühlen sich im Arche-Dorf gut aufgehoben.
Auch Menschen (Jette und Thomas) fühlen sich im Arche-Dorf gut aufgehoben.

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