Ausgabe Juli / August 2022 | Kultur

„Vöööllig loosgelööst …“

Seit rund vierzig Jahren gibt es das Nürnberger Kindertheater Rootslöffel. Zwischenzeitlich ­haben sich schon Generationen von Kindern von der eigentlich total durchschaubaren fiktionalen Welt des fast leeren ­Theaterraums, ausgestattet mit minimalsten Requisiten, auf eine Traumreise mitnehmen lassen. In Schlösser, fremde Länder, ja auf ganz andere Planeten…

Text: Gunda Krüdener-Ackermann | Fotos: Wolf-Dietrich Weissbach
Frizz Lechner und Thomas Herr verlassen ihr Raumschiff, um einen fremden Planeten zu erkunden.
Frizz Lechner (l.) und Thomas Herr verlassen ihr Raumschiff, um einen fremden Planeten zu erkunden.

Kaum zu glauben! Aber mehr braucht es nicht auf der Bühne als eine handelsübliche Klobürste oder eine aus Pappkartons zusammengekleisterte Rakete. Und ab geht es für Kinder ins weite Land der Phantasie voller abenteuerlicher Geschichten. Da wird die Klobürste zum Hightech-Mikrophon, und mit der Papprakete kann man ganz selbstverständlich hinaus ins Weltall, zu anderen Sternen düsen. Was schon in den Anfangszeiten des Theaters, also in den 80er Jahren funktionierte – man kann nur staunen – das funktioniert heute immer noch. Selbst bei Kids, die sonst oft stundenlang in der pausenlos bunt aufploppenden Spielewelt von Computer und Smartphone rumdaddeln, verfängt und begeistert die Illusion dieser minimalistischen Theaterwelt. Soviel an die Adresse unverbesserlicher Kulturpessimisten! Zwei, die das nämlich besser wissen, quasi durch „Feldstudien“, sind Thomas Herr und Frizz Lechner. Seit rund vierzig Jahren bespielen sie ihr kleines Kindertheater Rootslöffel (das „oo“ bitte wie „u“ aussprechen!) mitten im Nürnberger Stadtteil Gostenhof. Vom Straßentheater kommend, blieben die zwei trotz „festem Haus“ auch immer mobil, hatten Requisiten und Kostüme ständig startbereit, und sorgen seitdem für Zuschau- und Mitmachspaß, wo immer man den haben will. Aber die Herren – sie werden nun auch mal nicht jünger – wollten eigentlich allmählich die Rumschlepperei von Ort zu Ort reduzieren.

„Raus aus dem Kuschel-Alltag, Herr Schneider!“
„Raus aus dem Kuschel-Alltag, Herr Schneider!“

… für Toleranz, Freundschaft, Mut und Gerechtigkeit

Dann jedoch kam Corona. Da sollte sich das Konzept der Mobilität sehr bewähren. Denn in Grundschulen und Kindergärten quasi in weitgehend „virus-freier geschlossener Gesellschaft“ war man direkt vor Ort spielbereit. So konnte man wenigstens etwas Abwechslung in die lange weitgehend hermetisch abgeriegelte Welt der Kinder bringen. Damit kam das kleine Theater, das auch mit anderen unabhängigen Künstlern arbeitet, in diesen turbulenten Zeiten finanziell ganz gut über die Runden. Das Herzstück aber ist und bleibt natürlich das kleine Hinterhoftheater. Für Omas und Opas mit Bandscheibenproblemen sind die dortigen spartanischen Holzbänke vielleicht etwas suboptimal. Aber schmerzende Rücken sind schnell vergessen, wenn man sich hineinziehen läßt in die Welt der Kinderstücke, von denen viele die beiden kongenialen Schauspieler selbst geschrieben haben. Nichts weniger wollen sie, als damit Herz und Kopf ihrer Zuschauer für Toleranz, Freundschaft, Mut und Gerechtigkeit öffnen.

Wie das bis heute immer wieder gelingen kann, davon überzeugen die begeisterten Erzählungen von Frizz Lechner und Thomas Herr. Auch nach Jahren sind manche Highlights für die beiden noch total präsent. In der Vergangenheit bis heute wurde und wird das Rootslöffel-Team von verschiedenen kommunalen Trägern für Sommerferienprogramme gebucht. Unvergessen bleibt hier der Einsatz in Dulsberg, einem Hamburger Brennpunktviertel. Multikulti versteht sich. Sage und schreibe 10 000 Kinder durchliefen damals das Ferienprogramm. Kinder, die oft am Rande leben, die wenig Aufmerksamkeit bekommen, die nicht selten Probleme machen. Die städtischen Veranstalter des Events rieben sich verwundert die Augen. Keine Platzverweise? Keine disziplinarischen Schwierigkeiten? Jeden Tag waren die Kinder pünktlich und zuverlässig „am Set“. Man spielte ganz einfach Theater, bastelte Kostüme und Requisiten. Für jeden gab es was zu tun, eine Rolle zu übernehmen. Ob im „Tanz der Vampire“ oder in der „Mini-Playback-Show“. Auch für Kinder, die im Deutschen nicht so fit waren, gab es eine Rolle. Im Indianer-Tanz etwa (Leider political incorrect! Aber wer mag, kann das Ganze auch „Native-Americans-Tanz“ nennen!). Hier wurde besagte Klobürste zum Mikrophon, der Federballschläger zur mega-coolen E-Gitarre. Alle Kinder waren mit Feuereifer bei der Sache.

Kinder 2022: Begeistert und gespannt ganz ohne Bildschirm.
Kinder 2022: Begeistert und gespannt ganz ohne Bildschirm.

Under cover in Namibia

Denn es ging um was. Am Abend war Vorstellung vor 350 Zuschauern! Vor Müttern und Tanten mit und ohne Kopftuch, vor Vätern, Geschwistern und Onkels. Dunkel- oder hellhäutig, Muslime, Christen, was auch immer. Die Aufregung, auch bekannt als berufsbedingtes Lampenfieber, war riesig. Die Vorstellungen waren ein voller Erfolg. Es mag ein wenig pathetisch klingen, aber wie wenig braucht es eigentlich, um Kinder zu begeistern, ihnen den Weg in ein Miteinander zu ermöglichen …?! Und natürlich auch den Eltern zu zeigen, was in ihren Kindern steckt, worauf sie stolz sein können. 

Von einem weiteren Highlight erzählt Frizz Lechner. Ein Aufenthalt in Namibia, dort eigentlich „under cover“, entwickelte für ihn eine ungeplante Eigendynamik. Wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind kam Frizz plötzlich zur Aufgabe, einen Workshop mit schwarzen Kindern auf die Beine zu stellen. Und die Finanzierung? Kein Problem. Vor Ort organisierte das Goethe-Institut die nötigen Gelder. Und damit 500 kleine schwarze Südafrikaner aus ihrem Township1 zum Veranstaltungsort kommen konnten, wurden sie kurzerhand auf Kosten der Old Mutual Versicherung in Bussen dorthin transportiert. Auch diese Veranstaltung war ein voller Erfolg. Und quasi gratis die Erkenntnis für die Theatermacher, daß sie mit ihrem Konzept über alle sprachlichen Barrieren hinweg Kinder weltweit begeistern können.

1 Township: separate Wohnviertel für People of colour außerhalb der südafrikanischen Metropolen. Oft Barackenviertel mit hoher Kriminalität.

„Sternenhimmel, Sternenhimmel …“

Zurück nach Nürnberg in die Troststraße. Trotz Corona ging dort der Theaterbetrieb weiter. Wenn auch recht abgespeckt, versuchte man doch die Besucher familienweise mit entsprechenden Abständen zu plazieren. Die aktuellen Highlights waren und sind Stücke wie „Sternenhimmel“. Hier kommt auch die besagte Papprakete zum Einsatz. Ein Zwei-Personen-Stück, das das Hin und Her zwischen Herrn Müller und Herrn Schneider zum Thema hat. Herr Müller hat einfach die Schnauze voll von diesem blöden Planeten Erde. Haie gibt es hier, Erdbeben und eklige Sumpfmonster. Nichts wie weg! Herr Schneider hingegen fläzt tiefenentspannt auf seinem Liegestuhl. Ab und zu ein Erdbeereis oder eine kleine Tour auf seinem Fahrrad mit der blauen Klingel… Wie schön! Aber letztendlich werden beide handelseinig und steigen in die Rakete. „Völlig losgelöst“ düsen sie hinaus ins Weltall. Dazu als besonderer Gag galaktische Begleitmusik mit Songs der Neuen Deutschen Welle. Die Texte wurden jedoch passend umgeschrieben von Thomas Herr. Neben der Handlung begeistern die Ohrwurm-Songs der Achtziger nicht nur die Kids, sondern ihre Eltern können ganz nebenbei in nostalgischen Gefühlen schwelgen.

Den Krieg in der Ukraine konnte 2021 wahrlich noch niemand vorhersehen. Aber mit dem Stück Robinson & Crusoe haben die Theatermacher ganz neu ein veritables Antikriegsstück im Programm. Zwei Soldaten von verfeindeten Planeten landen wegen technischer Probleme ihrer Raketen am selben Ort. Der eine von ihnen, äußerlich „wunderbar fremd“, gespielt von dem dunkelhäutigen irakischen Kurden Irfan Taufik. Wie zu erwarten, gelingt es den beiden Soldaten, die sich einander nur mit Händen und Füßen verständigen können, allein durch Aufeinanderzugehen, gemeinsames Agieren, durch Überwindung ihrer Feindschaft, sich aus ihrer verfahrenen Lage zu befreien. Was für eine frohe Botschaft in diesen dunklen Zeiten!

In Nürnberg und anderswo hofft man natürlich, daß in Zukunft noch jede Menge neue Mitmach- und Zuschau-Stücke der Gostenhofener Theatermacher folgen werden – mit so ähnlich wunderbaren Figuren wie Carlos, dem Schuhputzer, oder Bohnenstang und Dickbauch oder auch dem wenig vertrauenswürdigen Dr. Frankenstein … Und wer den direkten Kontakt möchte: rootsloeffel@t-online.de oder Telefon 0911-289052

Weg mit der Rakete? Oder lieber nicht? Wer hat die besseren Argumente?
Weg mit der Rakete? Oder lieber nicht? Wer hat die besseren Argumente?

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