Ausgabe Mai / Juni / Juli 2005 | Natur & Umwelt

Tierisch gut drauf – der Nürnberger Tiergarten

Zerklüftete Felsformationen aus rotem Sandstein, idyllische Auen, jahrhundertealte Bäume, Bachläufe und Weiher – der Nürnberger Zoo auf der „Insel im Lorenzer Reichswald“ gilt als der schönste Landschaftszoo Deutschlands. Auf etwa 70 Hektar Fläche leben 2600 Tiere aus allen Teilen der Erde, darunter viele, die vom Aussterben bedroht sind. Ein einzigartiges Zusammenspiel von Tierwelt und Natur.

Text: Anne Kolb | Fotos: Wolf-Dietrich Weissbach

Eisbären

Auf einem Seil, das vom Tierhaus zur Freianlage gespannt ist, rennen aufgeregt ein paar Totenkopfäffchen herum. Ein paar andere hängen faul von den Zweigen herunter, trinken aus dem Weiher oder jagen gerade in den Bäumen nach Insekten. Die aus den „Pippi-Langstrumpf-Geschichten“ bekannten Äffchen verdanken ihr Dasein im Nürnberger Zoo eigentlich einem Zufall: Die Zollfahndung war einem Schmuggler auf die Spur gekommen, der 50 Jungtiere illegal einführen wollte. Die beschlagnahmten Tiere kamen in den Tiergarten, wo sie aufwuchsen und es inzwischen affengeil finden.

Der Tier- und Naturschutz ist inzwischen eine der dringlichsten Aufgaben der Zoologischen Gärten weltweit. Der Nürnberger Tiergarten beteiligt sich seit vielen Jahren am Europäischen Erhaltungszuchtprogramm (EEP) für mehr als 30 Tierarten.

Südamerika, aber nicht schlechter“, sagt Dr. Helmut Mägdefrau, Biologe am Nürnberger Tiergarten. Sie können sich frei bewegen, auch mal ausbüchsen – das tun sie aber meistens nicht. Denn solange das soziale Klima in der Gruppe stimmt, bleiben sie ganz freiwillig in ihrem Gehege. Nur mit dem Nachwuchs klappte es zunächst nicht, weil die Affenfrauen ihre männlichen Artgenossen wegen der gemeinsamen Kinderstube nicht als Geschlechtspartner akzeptierten. Erst ein Austausch mit fremden Männchen aus dem Stuttgarter Zoo brachte wieder Schwung in die affige Beziehungskiste. Daß geschlechtsreife Tiere an andere Zoos ausgeliehen oder Tiernachwuchs verschenkt wird, um den Erhalt von bedrohten Tierarten zu ermöglichen, gehört heute längst zum Alltag der Zoomanager. Der Tier- und Naturschutz ist inzwischen eine der dringlichsten Aufgaben der Zoologischen Gärten weltweit. So beteiligt sich der Nürnberger Zoo seit vielen Jahren am Europäischen Erhaltungszuchtprogramm (EEP) für mehr als 30 Tierarten und koordiniert inzwischen die Zuchtprogramme für Seekühe, Weißnackenkraniche und Schabrackentapire. In den letzten Jahren hat sich der Tiergarten zudem aktiv an Wiederansiedelungsprojekten mit Urwildpferden, Luchsen, Steinböcken und Bartgeiern beteiligt.

Für die Besucher des Nürnberger Tierparks bringt das echte Highlights. Sie können Tiere in ihrer natürlichen Umgebung sehen, die längst als bedroht gelten: Asiatische Löwen, Urwildpferde („Przewalskipferde“) oder Sibirische Tiger. Aber auch einheimische Tierarten wie Steinböcke oder Seeotter werden im Nürnberger Tiergarten gezüchtet und später ausgewildert. Zu den Stammgästen im Freigelände des Zoos zählen inzwischen die Störche, die immer seltener in freier Natur zu sehen sind. Seit fast 30 Jahren machen sie auf dem Weg nach Afrika dort Station und nisten auf hohen Baumstümpfen. Einigen gefällt es im Tierpark so gut, daß sie zu „Hockenbleibern“ wurden und ihre Verwandten alleine in den Süden ziehen lassen.

Ein Wellnesscenter für Zootiere? Zerklüftete Felsformationen aus rotem Buntsandstein, hohe Eichen, Wasserläufe und grüne Weidelandschaften schaffen eine eindrucksvolle Kulisse, die sich je nach Lebensbedingungen für die mehr als 240 verschiedenen Tierarten wandelt. Der 1939 auf einer bewaldeten Felslandschaft im Lorenzer Reichswald („am Schmausenbuck“) erbaute Tierpark – der alte Zoo mußte dem Reichsparteitagsgelände am Dutzendteich weichen – gilt als der schönste Landschaftszoo Deutschlands. Mit knapp 70 Hektar großzügiger Wald- und Wiesenlandschaften mit Weihern und ehemaligen Steinbrüchen, die zu naturnahen Gehegen umgestaltet wurden, zählt er auch zu den größten Tierparks Europas. Zwölf Kilometer Spazierwege ziehen sich durch den Park, allein der äußere Ringweg zählt über 3,5 km Länge. Nicht nur die Nürnberger lieben „ihren“ Tierpark: Über eine Million Besucher kommen pro Jahr aus dem ganzen Bundesgebiet.

 

Zu den Publikumslieblingen zählen die Eisbären, Pinguine und Seelöwen im Aquapark, einer mit Felsreliefs, Naturböden und einem Wasserfall naturnah gestalteten Freianlage. Große Glasfronten in den Unterwassergängen eröffnen spektakuläre Einblicke in die Tauchkünste der Eisbären und der anderen Aquapark-Bewohner. Sichtlich wohl fühlen sich in der neuen Anlage auch die einheimischen Fischotter, die sich zur Freude der Zuschauer erst mal auf die Hinterpfoten stellen und ihre Umgebung mustern, bevor sie sich kopfüber ins Wasser stürzen. In Europa sind die Fischotter bis auf wenige Bestände nahezu ausgerottet. Reservate entlang der Donau sollen bald helfen, sie vor dem Aussterben zu retten.

Verschiedene Säugetiere im Zoo gemeinsam zu halten, ist wegen möglicher Aggressionen eher unüblich. In Nürnberg hat man es dennoch gewagt: Große Tümmler (Delphine) und kalifornische Seelöwen, beides lernfähige Tiere, leben in seltener Eintracht in einem Becken des Delphinariums. Zoologen der Uni Erlangen protokollierten, daß einige Tiere es kaum abwarten konnten, Kontakt aufzunehmen und zu spielen. Ob sich die beiden Tierarten dabei wirklich verstehen und kommunizieren, bleibt der Phantasie der Zuschauer und weiterer Forschung überlassen. Die Meeressäugetiere sind die eigentliche Attraktion des Tiergartens. Mit fünf in Nürnberg groß gewordenen Delphinen und 14 Seekühen ist der Zoo in der Aufzucht führend in Europa. Die Tiere werden durch die artgerechte Haltung sogar älter als ihre Artgenossen in der Natur. Wußten Sie schon, daß einzelne Delphine bei näherer Betrachtung völlig unterschiedliche Gesichtszüge haben? Oder wollen Sie einmal beobachten, wie Delphinkälber unter Wasser gesäugt werden? Im 1971 eröffneten Delphinarium kann man durch riesige Unterwasserfenster Delphine und Seelöwen aus nächster Nähe studieren. Täglich werden bis zu vier 30minütige Vorstellungen geboten, in denen vor allem die Großen Tümmler durch ihren Spieltrieb, Gelehrigkeit und eindrucksvolle Sprünge begeistern. Delphine brauchen Platz, um sich wohl zu fühlen. Und die bei den Besuchern äußerst beliebten Vorstellungen sollen möglichst nicht Aufzucht und Forschungsaufgaben beeinträchtigen. Deshalb wird derzeit an einer Freiluftanlage, der Lagune 2000 gebaut, die im Jahr 2006 öffnen wird: Sie faßt drei Millionen Liter Salzwasser, bei einer Länge von 50 Metern und einer Wassertiefe bis zu 6 Metern und wird eine marine Unterwasserlandschaft nachempfunden. Bis zu 2500 Besucher sollen auf der Tribüne Platz finden.

Doch auch unter Affen, Elefanten oder Löwen gibt es ganz alltägliche Probleme. Etwa: ungezügeltes Sexleben oder Empfängnisverhütung per Pille. Da der Tiergarten ja der Erbauung der Zuschauer dienen soll, dürfen die Zoomanager es nicht zulassen, daß überzählige Jungtiere, wie in der freien Natur üblich, von ihren Eltern oder konkurrierenden Rudeltieren getötet oder gefressen werden. Oder an Krankheiten sterben, aus den Revieren verdrängt werden oder schlicht verhungern. Die Geburtenkontrolle per Empfängnisverhütung ist nicht unproblematisch – Löwinnen erkrankten durch die „Pille“ an Krebs und mußten eingeschläfert werden. So müssen überzählige Tiere (keine Babys), die nicht an andere Zoos abgegeben werden können, in Ausnahmefällen im Tierpark getötet werden.

„Wir stehen da in einem Dilemma“, sagt Tierpark-Biologe Helmut Mägdefrau. „Wir wollen uns bei der Haltung der Tiere möglichst an der Freiheit und Natur orientieren. Und unterliegen doch gleichzeitig kulturellen Maßstäben und Grenzen.“ Das heißt in der Praxis: Anders als in der freien Wildbahn ist für die Zootiere Futter, medizinische Versorgung und Revier in ausreichendem Maß garantiert. Dadurch werden alle Jungtiere groß. Es sind schlicht zu viele. An solche menschlichen Eingriffe hat die Evolution eben nicht gedacht. Zudem brauchen Raubtiere und Greifvögel Nahrung. Und so bleibt es den Besuchern mitunter auch nicht erspart, den Löwen bei ihren rauhen Tischsitten zuzusehen: Seit 1997 bekommen die Raubkatzen hin und wieder einen ganzen Büffel, Hirsche oder eine Antilope zum Fraß vorgesetzt. Etwa eine Woche braucht das Rudel, um ein Futtertier bis auf die Knochen abzunagen. Im Zeichen artgerechter Raubtierhaltung heißt das: Die Tiere sind sinnvoll beschäftigt.

Apropos Futter: Die 2600 Tiere im Nürnberger Zoo fressen eine ganze Menge, auch wenn viele von ihnen ihr Futter selbst suchen oder jagen. Etwa 150 000 Küken, einige hundert Rinder und ganze Wagenladungen voller Gemüse und Obst werden im Jahr gebraucht, Kost für rund 1000 Euro am Tag. Wer mithelfen will, die Zootiere satt zu bekommen, kann für sein Lieblingstier eine Futterpatenschaft übernehmen: für 30 Euro im Jahr wird ein Chinchilla, eine Mongolische Rennmaus oder eine Silbermöwe satt. Mit 50 Euro kann man für einen Präriehund oder ein Chamäleon Pate stehen. Und wer etwas mehr anlegen kann, ist mit 1000 Euro als Futterpate eines Kamels oder für 2500 Euro einer Giraffe oder eines Löwen dabei. Diese Spenden helfen nicht nur dem Zoo, der wie jede städtische Einrichtung zur Zeit mit Etatkürzungen zu kämpfen hat. Für eine Patenschaft ab 500 Euro bekommt der Spender eine Familien-Jahreskarte für Tierpark und Delphinarium geschenkt. Und kann sich dann bei einem Spaziergang durch den Nürnberger Zoo selbst davon überzeugen, daß die Bewohner dort einfach tierisch gutdrauf sind. ■

Weitere Infos: Tiergarten Nürnberg Am Tiergarten 30, 90480 Nürnberg Telefon: 09 11/54 54 6 Telefax: 09 11/54 54 802 Internet: www.tiergarten-nuernberg.de

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