Ausgabe September / Oktober 2021 | Literatur

Szenen einer deutschen Ehe.

Rosmarie Waldrops grandioser Kitzingen-Roman „The Hanky of Pippin’s daughter“ liegt erstmals in deutscher Übersetzung vor.

Text: Markus Mauritz | Fotos: Wolf-Dietrich Weissbach

Rosmarie WaldropsSoviel Fernsicht ist selten. Vom Schwanberg aus betrachtet, sieht das Maintal aus, als halte man einen Schluck Wasser in seinem Handteller. Eine Perspektive, die zu allen Zeiten Menschen anzog – wegen des Überblicks oder um sich in Kriegszeiten in Sicherheit zu bringen. Mit der Steigerwaldanhöhe ist zudem die Geschichte Kitzingens eng verbunden. Der Sage nach hat nämlich Hadeloga von dort oben ein Taschentuch fallen lassen. Hadeloga war die Tochter Karl Martells. Möglicherweise war sie aber die Tochter Pippins. Väter wissen selten über ihre Vaterschaften genau Bescheid. Der Wind trug das Stück Stoff rund acht Kilometer hinaus in die weite Landschaft, bis es an einem Weinstock hängenblieb. Ein Schäfer Namens Kitz fand das feine Tuch, und zu dessen Ehre nannte man das Kloster, das an jener Stelle erbaut wurde, Kitzingen. Aber wahrscheinlich war in Wirklichkeit alles ganz anders.

Unglücklich verheiratet und zudem unglücklich verliebt

Sicher ist hingegen, daß auf dem Schwanberg seit Jahrhunderten ein trutziges Schloß steht. Die Nazis beschlagnahmten den Prachtbau, um dort eine NS-Schule zu errichten. Nach dem Krieg waren bis 1949 US-Soldaten hier untergebracht, und anschließend wurde das repräsentative Anwesen bis 1957 als Altenheim genutzt. In diesem Altenheim verbringt Frederika Seifert, geborene Wolgamot, ihre letzten Lebensjahre. Frederika Seifert ist die zentrale Figur in Rosmarie Waldrops bereits 1986 erschienenem Roman „The Hanky of Pippin’s daughter“, der jetzt unter dem Titel „Pippins Tochters Taschentuch“ erstmals auf Deutsch vorliegt. 

In ihren jüngeren Jahren war Frederika ausgesprochen attraktiv und voller Lebenslust. „Gierig“ war sie, „wie eine Raubkatze“, heißt es. Eigentlich stammte sie aus Berlin und langweilte sich in der fränkischen Provinz. Ihre wahren Wünsche blieben ein Leben lang unerfüllt. Wirklich wohl fühlte sie sich nur dann, wenn die Familienausflüge sie in Burgen oder Schlösser führten. Schon kurz nach ihrer Hochzeit mit einem eher langweiligen Mathe-Lehrer sucht sie sich einen Liebhaber. Neun Monate später bringt sie die Zwillinge Dora und Andrea zur Welt. Die Vaterschaft bleibt während des Romans ungeklärt – ganz wie die von Hadeloga!

Alles das erfahren wir ausschließlich aus Briefen, die Frederikas in den USA lebende jüngste Tochter Lucy Harris an ihre Schwester Andrea nach München schreibt. Hinzu kommen ein paar Fragmente aus Schriftstücken des betrogenen Ehemanns, die Lucy für Andrea kopiert. Frederika Seifert selbst bleibt stumm. Sie kommt an keiner Stelle zu Wort, um uns ihre Sicht der Dinge mitzuteilen. Alle drei Töchter haben längst den Kontakt zu ihrer Mutter verloren, und von Dora wissen wir nur, daß sie seit 1946 mit einem „Schullandesrat“ namens Karl verheiratet ist, daß sie gemeinsam mit ihm fünf Kinder hat und daß sie die Natur liebt. 

„Pippins Tochters Taschentuch“ kann man als Familienroman lesen, als die Geschichte einer unglücklich verheirateten und zudem unglücklich verliebten Frau, als eine Dreiecksgeschichte aus einer untreuen Ehefrau, einem gehörnten Ehemann und einem lebenslustigen Liebhaber. So gesehen geht es um die großen Themen Liebe, Leidenschaft und Verrat. „It‘s not a pretty story. No credit to the family – Es ist keine hübsche Geschichte. Macht der Familie keine Ehre“, schreibt Lucy gleich zu Beginn des Romans an ihre Schwester.

Apropos: Macht der germanischen Götter

Buchcover der amerikanischen Ausgabe von Rosmarie Waldrops Roman
Buchcover der amerikanischen Ausgabe von Rosmarie Waldrops Roman

Aber zugleich ist „Pippins Tochters Taschentuch“ ein deutsches Portrait. Der Roman beginnt im Jahr 1926, als die nicht mehr ganz junge Frederika Josef Seifert heiratet – in Bayreuth, wo alles „wagnerianert“. In der deutschen Idylle wurde immer schon antisemitisch gedacht und national gefühlt. Schritt für Schritt bewegt sich das Bildungsbürgertum auf den Abgrund zu. Frederikas Kleid ist bereits in den 1920er Jahren „hitlerbraun“, Josef tritt frühzeitig „der Partei“ bei – und hat „den Jargon schnell drauf“, wie Lucy seinen alten Briefen entnimmt. Die Kinder führt Josef zu einer „Wotan-Eiche“, von der freilich nur mehr ein Baumstumpf zu sehen ist, weil der heilige Bonifatius den Baum schon zu Beginn des 8. Jahrhunderts demonstrativ gefällt hatte, um die Ohnmacht der germanischen Götter zu beweisen.

Josef trauert über diese Tat, als tue es ihm leid, daß die Germanen einst christianisiert wurden. „His own church was the woods and fields – Seine Kirche waren die Wälder und Fluren“, schreibt Lucy über ihren Vater. Eine anti-zivilisatorische Projektionsfläche, der die heutigen neuen Rechten auch wieder anhängen. Nur dumm, daß es sich bei den 1927 geborenen Zwillingen Dora und Andrea möglicherweise um „Kuckuckskinder“ handelt.

Der leibliche Vater scheint ein gewisser Franz Huber zu sein: weltgewandt, charmant und manchmal ein bißchen leichtfüßig. Nonchalant geht er mit einem lässigen „Ach was!“ über Bedenken hinweg. Bei allem Gegensatz der Charaktere handelt es sich bei Franz Huber aber um Josefs Kriegskameraden, der ihm an der Westfront einst das Leben gerettet hatte. Das hindert Josef nicht daran, zunächst einen Vaterschaftsprozeß gegen Franz anzustrengen und sich dann im Januar 1930 nach Kitzingen versetzen zu lassen, um dem Gerede seiner Bayreuther Kollegen zu entgehen. Franz fehlen „die deutschen Werte“, wie Josef Seifert süffisant anmerkt. „He liked the French. The Jews are like that. They don‘t have our feeling about the fatherland. No real roots – keine echten Wurzeln“: Franz ist Jude, und das eröffnet Josef Seifert später die Chance, sich des Nebenbuhlers durch die politischen Zeitläufte zu entledigen. Franz verschwindet in einem der deutschen Lager, um nie mehr aufzutauchen.

Tastende Sprache

Unterdessen beginnt in Deutschland die Zeit, in der Häuser billig zu kaufen sind, die „Ordnung wieder hergestellt“ wird, und alle als Marxisten gelten, die „nicht in der Partei sind“. 

Wie Lucy Harris in ihrem Roman war auch die Autorin ihrem späteren Ehemann in die USA gefolgt. Als Rosmarie Sebald 1935 in Kitzingen geboren, lernte sie mit 19 Jahren in der mainfränkischen Kleinstadt Keith Waldrop kennen. Sehr schnell verband die Studentin und den jungen GI die Liebe zur Musik und zur Literatur. 1958 emigrierte Rosmarie in die Staaten, dort heiratete das Paar. Rosmarie Sebald studierte Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Musik in Würzburg, Freiburg, Aix-Marseille und Michigan, wo sie 1966 promovierte. Keith Waldrop studierte ebenfalls in Aix-Marseille und promovierte 1964 zum Ph.D. an der University of Michigan. 1968 begann er an der Brown University auf Rhode Island zu lehren. Und auch Rosmarie Waldrop unterrichtete an verschiedenen amerikanischen Universitäten.

Darüber hinaus machten sich die Waldrops rasch einen Namen im literarisch interessierten universitären Umfeld. Gemeinsam übersetzten sie zunächst deutsche und französische Lyrik ins Englische, bevor sie anfingen, eigene Werke zu schreiben. 1961 gründeten die Waldrops mit der „Burning Deck Press“ einen der maßgeblichen, amerikanischen Avantgarde-Verlage und leiteten ihn bis zum Jahr 2017. Die Publikationsliste Rosmarie Waldrops umfaßt rund fünfzig Bücher: Gedichte, Prosa, Übersetzungen. Ihr Werk wurde mit zahlreichen Auszeichnungen gewürdigt, darunter den „Chevalier des Arts et des Lettres“ und den „PEN Award for Poetry in Translation“. Zudem ist sie Mitglied der „American Academy of Arts and Science“. 

Wieviel Autobiographisches in Rosmarie Waldrops Kitzingen-Roman steckt, läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Den deutschen Zivilisationsbruch beschreibt sie jedenfalls mit dem Wissen und dem Einblick einer Zeitzeugin. Rosmarie Waldrop seziert die deutschen Verhältnisse schonungslos, aber ohne anzuklagen. Die Figuren ihres Romans muß sie gar nicht erst entwickeln, sie sind unveränderlich wie die Figuren eines Spielbretts. Die Spannung entsteht durch die tastende Sprache, mit der sich Rosmarie Waldrop ihrem Thema nähert, es von allen Seiten ausleuchtet und am Ende wie „Pippins Tochters Taschentuch“ fliegen läßt.

Vexierspiel mit klassischen Zitaten

Rosmarie Waldrop: Pippins Tochters Taschentuch
Rosmarie Waldrop: Pippins Tochters Taschentuch.
Aus dem Englischen von Ann Cotten. Suhrkamp Verlag Berlin 2021

Ein so großartiger Roman wie „The Hanky of Pippin’s daughter“ braucht auch eine großartige Übersetzerin. Die in den USA geborene deutschsprachige Schriftstellerin Ann Cotten hat den Roman kongenial ins Deutsche übertragen. Sie bleibt mit ihrer Übersetzung ganz dicht am Original, verleiht dem deutschen Text aber eine wunderbare Leichtigkeit, so daß auch die Übersetzung ein süffiges Lesevergnügen bleibt. Um so bemerkenswerter, daß Ann Cotten an ein paar wenigen Stellen sehr rigoros in den Text eingreift. So ersetzt sie Shakespeare-Zitate durch Stellen aus Schiller-Gedichten. Aus dem berühmten Satz „our state to be disjoint and out of frame“ (Hamlet, 1. Akt, 2. Szene) wird dann unvermittelt „Leergebrannt ist die Stätte, wilder Stürme raues Bette“ aus der Ballade „Das Lied von der Glocke“. An anderer Stelle heißt es im Original: „wrung from me … by laboursome petition…“ (Hamlet, 1. Akt, 2. Szene), in der Übersetzung steht aber nicht: „mir abgerungen … durch mühevolle Bittstellerei“ oder eine ähnlich Formulierung, sondern: „Mit des Jammers stummen Blicken / fleht sie zu dem harten Mann“, zwei Zeilen aus dem weniger bekannten Gedicht „Der Alpenjäger“. Woanders fügt sie das zum geflügelten Wort gewordenen „Laßt wohlbeleibte Männer um mich sein“ (Shakespeare: The Tragedy of Iulius Cæsar) ein, das wohl jeder Leser und jede Leserin schon oft gehört haben dürfte, das aber in Rosmarie Waldrops Originaltext nicht vorkommt. 

Dieses Vexierspiel mit klassischen Zitaten macht Ann Cottens Übersetzung nicht besser, aber auch auf keinen Fall schlechter. Vor allem ändert es nichts daran, daß die deutsche Ausgabe von Rosmarie Waldrops Roman zur rechten Zeit erscheint. Denn schon wieder sind die Demokratie-Verächter auf dem Vormarsch. Schon wieder sind allerorten rechte Symbole zu se-hen und rechte Sprüche zu hören, schon wieder wächst die Intoleranz, werden Minderheiten gejagt, Andersdenkende ausgegrenzt, abstruse Verschwörungstheorien ausgetauscht, antisemitische Losungen gegrölt und Synagogen angegriffen. Schon wieder blicken wir in den Abgrund. Diese Einsicht gewinnt, wer die Welt vom Schwanberg aus betrachtet.

Die Anfrage unseres Autors beim Suhrkamp-Verlag, warum die Übersetzerin Ann Cotten die Shakespeare-Zitate durch Sätze aus Schiller-Gedichten ersetzt hat, wurde von der für Internationale Literatur im Suhrkamp-Taschenbuchverlag zuständigen Nicole Herrschmann beantwortet: „ … Tatsächlich hat die Übersetzerin ganz bewusst und auch in enger Abstimmung mit der Autorin die Schiller Zitate verwendet. Es ging darum,  zu 100% zu berücksichtigen, dass die Übersetzung in einem anderen kulturellen Feld als das Original zu Hause ist. Deshalb, so fanden Autorin und Übersetzerin, bedurfte es eines anderen Referenzrahmens und der Wechsel von Shakespeare zu Schiller wurde vollzogen – auch mit dem Ziel, die Lektüre damit vielleicht ergonomischer zu gestalten. Außerdem, so ließ mich der Lektor wissen, hatten Ann Cotten und Rosmarie Waldrop ein großes Vergnügen daran, dass Schillersche Werk auf der Suche nach den passenden Zitaten zu durchpflügen.“

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