Ausgabe Januar / Februar / März 2022 | Fränkische Profile

Der Dichter im Haselnußhain

Viel spricht man heutzutage vom sog. Multitasking und nennt es gern in einem Atemzug mit der Überlastung des modernen Menschen. Manch einer empfindet darüber jedoch die reine Freude.

Text: Gunda Krüdener-Ackermann | Fotos: Wolf-Dietrich Weissbach
Der Dichter im Haselnußhain
Fritz Stiegler mit einer Haselnuß. Ob er die anderen beiden, die ja eigentlich Aschenbrödel gehören, auch noch hat?

So einer ist Fritz Stiegler aus Gonnersdorf bei Cadolzburg. Das fränkische Urgestein würde wohl kaum zum Zen-Buddhisten taugen. „Ich kehre, also kehre ich und befreie mich im steten Einerlei einer solchen Arbeit allmählich vom Gedanken-Ballast in meinem Kopf!“ Ein solches Mantra wäre für ihn überhaupt nicht denkbar, ja eine Strafe.

Nein, er liebt es – das ständige Tun und Machen und dazu die tausend Ideen in seinem Kopf. Mistet er Pferdeboxen aus, tuckert er auf seinem Traktor feldauf, feldab …, dann springen ihn neue Gedanken förmlich an. Schnell! Stift und Papier! Aufschreiben! Bevor eine Inspiration, eine geglückte Formulierung wieder im Feuerwerk der vielen Geistesblitze verglüht. Mag Stiegler also mit jener ostasiatischen Geisteshaltung wenig anfangen können, so ist der Bauer mit Leib und Seele im Laufe der Jahre mit der seinen zwischenzeitlich zum anerkannten Schriftsteller geworden.

Vom Tabak zur Haselnuß

Fritz Stieglers Broterwerb ist aber zunächst einmal der Haselnußanbau, was per se schon etwas ungewöhnlich ist. In Bayern gibt es nur wenige seiner Spezies. Eigentlich waren die Stieglers im letzten Jahrhundert noch ganz normale Bauern mit fünfzehn Kühen im Stall. Das sollten in Zeiten boomender Massentierhaltung schon bald lächerlich wenige sein. Also versuchte man es ab 1992 mit dem Tabakanbau, der damals zu 80% von der EU subventioniert wurde. Eine feine Sache! Aber irgendwie paßte das Produkt nicht. Die Widersprüchlichkeit lag quasi in der Luft. Einerseits erklärte man Schülern beim Besuch auf dem Hof mit blumigen Worten den Tabakanbau. Im Nachgang mußte man jedoch mit erhobenem Zeigefinger die Youngsters davor warnen, ja nicht zur gesundheitsschädlichen Zigarette zu greifen. Außerdem war der Teergehalt der Blätter geradezu mit Händen zu greifen, wenn man nach der Arbeit die pechschwarzen Hände anschaute. Und obendrein: Kein einziger in der Familie Stiegler war Raucher. Die Trauer hielt sich also in Grenzen, als die Unterstützung durch die EU dafür Jahre später wegbrach. Nur Ersatz mußte man für den Tabak finden. Und zwar möglichst schnell. Zur Wahl standen Heilkräuter- oder Haselnußanbau. Man entschied sich für letzteren, ohne zu wissen auf welches arbeitsintensive Abenteuer und bislang unbekannte Terrain man sich damit einließ. Ohne den Funken einer Erfahrung machte man sich ans Werk. 45 Sorten wollten erprobt werden, von denen sich dreißig schon bald als frankenuntauglich erwiesen. Auch der gewollt biologische Anbau brachte die nächste Mammutaufgabe mit sich. Mit welchem Getier der Mensch bei Nüssen im Freß-Wettbewerb steht, davon macht man sich gar keine Vorstellung! Mit Eichhörnchen vielleicht? Eher weniger! Da ist zunächst einmal der putzige Feldhase, der aber nichts lieber zu fressen scheint als junge Haseltriebe. Also müssen die Sträucher mit Maschendraht geschützt werden. Als nächstes entdeckt man, daß ganze Mäuse-Clans fröhliche Urstände im Schutze des Wurzelwerks der Büsche feiern. Geschickt platzierte Erdlöcher lassen die köstlichen Nüsse direkt in deren unterirdische Vorratskammer kullern.

Der Dichter im Haselnußhain
Auch Hühner gehören zur Haselnuß-Farm.

Ein Huhn, ein Ei

Auch dieser illustren Gesellschaft muß man Einhalt gebieten. Und dann wäre da noch der Haselnußbohrer, ein Rüsselkäfer. Für seine Brut taugt nur das Beste: ein nahrhafter eiweißreicher Nußkern. Diesen Nußschmarotzer wiederum hält man effektiv vor allem mit seinen Freßfeinden in Schach. Mit Hühnern! Also gackern und flattern zwischenzeitlich rund 800 davon durch die Stiegler’schen Haselbusch-Pflanzungen und gehen dem Krabbeltier an den Kragen. Hühner aber legen wiederum Eier. In Hochzeiten bedeutet ein Huhn ein Ei. Und dann? Was tun mit dieser Eierschwemme von bester Bio-Qualität? Soviel Eierlikör und Nudeln kann man gar nicht fabrizieren, um die aufzubrauchen! Zum Glück gibt es da Abnehmer wie das Hotel Herzogspark in Herzogenaurach oder den Gourmetkoch Alexander Herrmann. Bisher war das jedoch nur ein Blick auf die Herausforderungen des Anbaus. Da wäre aber noch die Ernte und die Verarbeitung. Bis zur picobello gesäuberten schmackhaften Haselnuß ist es ein langer, aufwendiger Weg. An die zwölf Arbeitsgänge braucht es dazu. Alle Hände müssen da auf dem Hof mit anpacken. Vom ältesten, dem 90jährigen Opa, der akribisch jede einzelne Nuß vom Boden mit einem orthopädischen Strumpfanzieher aufpickt bis zum Jüngsten, dem neunundzwanzigjährigen Sohn Martin. Der macht es immer mehr „his way“. Er hat sich nämlich im Nuß-Business in den USA hightech- und marketingmäßig auf den neuesten Stand bringen lassen. Seine „GeNuss-Schmiede“ ist gut im Geschäft.

Somit kann Fritz Stiegler sich jetzt vermehrt seiner zweiten großen Leidenschaft widmen: dem Schreiben. Trotzdem fragt man sich, wann dazu überhaupt Zeit ist. Morgens schellt der Wecker um viertel nach fünf und kaum ein Arbeitstag endet vor halb sieben. Wenn schließlich andere Leute sich gemütlich vor den Fernseher setzen, fängt Stiegler an zu schreiben. Ja, den inneren Schweinehund gilt es da schon ab und zu überwinden, wie er zugeben muß. Aber Schreiben, seine Gedanken zu Papier zu bringen …, da kann er halt nicht anders. Schon früher in der Berufsschule war er es bald leid, die Langeweile eines drögen Unterrichts durch endloses Karteln totzuschlagen. Er begann seine ersten „Värschla“ zu schreiben, die bei seinen Mitschülern gut ankamen. Aus den Versen wurden kleine Bücher. Aber sich letztlich irgendwann einmal mit dem Etikett eines „fränkischen Mundartdichters“ zufriedenzugeben, hier und da mal a Witzla …

Der Dichter im Haselnußhain
Sortiert und gereinigt werden die Haselnüsse heute natürlich auch mit moderner Technik.

Liebesgeschichte zwischen einer fränkischen Bäuerin und einem französischen
Zwangsarbeiter

Nein, das wäre für Fritz Stiegler zu wenig gewesen. Immer auch war er ein politischer Mensch, einer der sich mit wachen Sinnen in seinem Alltag, in seiner Umgebung bewegte. Vom Hof aus der direkte Blick auf die Cadolzburg! Seit 1945 für lange Jahre eine Kriegsruine. Die jüngste Vergangenheit stand ihm wie ein immerwährendes Menetekel täglich vor Augen. Die Eltern und Großeltern erzählten bei Tisch ihre Geschichten von früher. Damals, als die Amerikaner im April 1945 von Gonnersdorf Richtung Burg vorrückten und die in Schutt und Asche legten. Aber warum? Was war da passiert? Die Fragen rund um NS-Zeit, Krieg und Zerstörung ließen Fritz Stiegler nicht mehr los. All dem wollte er auf den Grund gehen. Und so stieß er auf verstörende Berichte von Judenpogromen, Kriegsgefangenschaft und Zwangsarbeit. All das war direkt vor der Haustür passiert.

Im Laufe der Jahre sind so wunderbare Erzählungen entstanden wie die von „Mademoiselle Marie“. Eine Liebesgeschichte zwischen einer fränkischen Bäuerin und einem französischen Zwangsarbeiter aus Oradour-sur-Glane. Jenem Ort, an dem am 10. Juni 1944 die Waffen-SS ein schreckliches Massaker verübt hatte. Entstanden ist daraus ein Musical. Ein Musical? Kaum zu glauben! Ja, sogar ein Film. Ohne ins Sentimentale, Seichte abzurutschen, begeisterte das Stück 2015 bei den Cadolzburger Burgfestspielen. Eine besonders berührende Auszeichnung war bei einer Aufführung in jenem französischen Schreckensort Oradour für Stiegler der Dank von Robert Hébras, einem der wenigen Überlebenden des damaligen Massakers.

Zwischenzeitlich hat Fritz Stiegler unter vielem anderen die Librettos zu fünf Musicals geschrieben. Besonders stolz aber ist er auf seine bislang zwei Romane. Sein erster handelt von Valentina, einer ukrainischen Zwangsarbeiterin, die man nach Franken verschleppt hatte. Bevor Stiegler aber darüber zu schreiben beginnt, begibt er sich auf Spurensuche. Er will alles wissen. Durch diese seine Beharrlichkeit erfährt er vieles – Bestürzendes, aber auch Berührendes. Nur wenige Kilometer von Gonnersdorf entfernt das Arbeitslager Langenzenn. Zwischen 1943 und 1945 mit bis zu 700 Gefangenen. „Schlecht haben die schon ausgeschaut, die dort lebten.“ Aber gleich nach dem Krieg dann die unüberwindbare Mauer aus Schweigen und Verdrängen. Stiegler gibt sich damit nicht zufrieden. Das Schicksal von Valentina will er dem Vergessen entreißen. Ihr war es gelungen, bei einem Ernteeinsatz zu fliehen. Eine Bauernfamilie versteckte sie dann als deutsche Magd Irmgard. Über eine Zeitungsanzeige sollte Stiegler Jahrzehnte später sogar noch die echte Valentina ausfindig machen. Stundenlange Telefonate mußten geführt werden, denn Stiegler wollte alles haarklein wissen. Etwas Kummer allerdings bereitete ihm sein eigenes Fränkisch. Während Valentina, inzwischen Lehrerin in ihrer Heimat, ein astreines Hochdeutsch sprach, befürchtete Stiegler, daß sie sich mit seinen weichen „D“s und „B“s am anderen Ende der Leitung „a weng hard dun könnt!“ Auch aus diesem Buch entstand ein mehrfach ausgezeichneter Kurzspielfilm.

Der Dichter im Haselnußhain
Fritz Stiegler bei einer Lesung aus seinem Roman „Heiner“.

Fritz Stieglers neuester Roman: Heiner

Und jetzt sein neuester Roman „Heiner“. 333 Seiten dick, gerade im Volkverlag erschienen. Marion Voigt, die Lektorin dieses Romans spricht von einer Geschichte „wie einem Heimatmuseum“. Jeder Gegenstand, jeder Handgriff, jedes Detail aus Heiners Leben ist akribisch genau erkundet und entführt in die beengte Welt fränkischer Kleinbauern des letzten Jahrhunderts. Dieser Heiner, den Fritz Stiegler noch selbst kannte, wäre einer von jenen bald vergessenen Dörflern gewesen. Nichts Spektakuläres ist da in dessen Leben passiert und dennoch ist es eine berührende Erzählung, diese Geschichte seiner ungelebten Sehnsüchte. Ein Bündel Briefe, gefunden bei einem Umbau, geschrieben in akkuratem Sütterlin, sind es, die hinter den Vorhang dieses einsam-bescheidenen Lebens blicken lassen. Als junger Mann hat auch Heiner Träume, Pläne, verliebt sich in ein Mädchen. Aber die unumstößlichen Gesetze von Stand und Besitz in der grausam-engen Beschränktheit fränkischer Dörfer machen diese Liebe unmöglich. Gefühle – nichts als überflüssiger Luxus, wenn ihnen die ökonomische Grundlage fehlt! Wenn er nichts dagegen unternimmt, dann ist Heiner verdammt zum ewigen Knechtsein. Dieser Existenz will, ja muß er entfliehen. So begibt er sich auf die oft unbeholfene Suche nach einer Bäuerin, wie seine Briefe dokumentieren. So eine mit Hof will er heiraten, um zukünftig Herr über sein Leben zu sein. Nach etlichen vergeblichen Versuchen „glückt“ sein Vorhaben. Preis dafür aber wird seine innere Vereinsamung sein. Fortan wird er mit seiner Frau Tina sprachlos in einer „kalten Ehe“ vor sich hinleben. Fritz Stiegler interessiert jedoch nicht nur dieses beklemmende Einzelschicksal. Immer ist es die große Politik, die auch von den kleinen Leuten durch ihr Tun, aber auch ihr Schweigen, Stillhalten oder gar Mitmachen gestaltet wird. Nicht ablassen kann der Autor daher von der Frage, ob dieser junge Knecht Heiner nicht nur Opfer war. War er vielleicht doch auch Täter? Ist er damals nicht sogar mitgezogen mit dem braunen Mob? Damals ins benachbarte Wilhermsdorf, wo man schon im Oktober 1938 die Reichspogromnacht vorwegnahm. Es ist auch jene „Banalität des Bösen“, wie es die Philosophin Hannah Arendt ausdrückt, die Fritz Stiegler in dieser kleinen, beschaulichen Welt der einfachen Menschen hinter ihrem Vorhang des Schweigens zu erspüren versucht.

Mit diesem Ansatz wird Fritz Stiegler sicher auch in Zukunft immer wieder auf neue Schreibideen stoßen. Und beinahe „nebenbei“ wächst und gedeiht das Geschäft mit den knackigen Haselnüssen.

Der Dichter im Haselnußhain
Fritz Stiegler bei einer Führung durch seinen Haselnußhain.

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