Ausgabe Januar / Februar / März 2022 | Landleben

Schlammschlacht um die Karpfen

Richtig ernst wird’s um 9 Uhr morgens. Grauer Novembertag. Drei Grad. Nieselregen. Die Stimmung ist gut unter den 60 Fischern, die aus ganz Mittelfranken zusammengekommen sind, um ehrenamtlich beim Abfischen des Großen Dutzendteiches im Süden Nürnbergs zu helfen.

Text: Maria Inoue-Krätzler | Fotos: Wolf-Dietrich Weissbach
Schlammschlacht um die Karpfen
Das Abfischen des Großen Dutzentteiches in Nürnberg hat Kultcharakter.

Acht Männer postieren sich mit einem Schleppnetz auf dem Steg, der ein 30 mal 30 Meter großes, von Holzbrettern abgegrenztes Areal vor einer Abflußschleuse umgibt. Jetzt ziehen die Männer das Netz zusammen, immer fester. Schwanzflossen und Rückenflossen großer Karpfen kommen zum Vorschein. Das Wasser brodelt. Immer hektischer wird das Leben unter der Wasseroberfläche, während sich das Netz weiter zuzieht.

Weitere Fischer kommen hinzu und stellen sich mit ihren hüfthohen Gummistiefeln ins Wasser, den Kescher in der Hand. Sie holen Fisch um Fisch aus dem Wasser.

Jedes Jahr im Herbst werden die Nürnberger Stadtweiher abgelassen, um die Karpfen, die hier im Frühjahr vom mittelfränkischen Fischereiverband eingesetzt wurden, zu „ernten“. Nicht für die Pfanne, sondern um sie in andere Gewässer, wie den Main-Donau-Kanal, den Wöhrder See im Nürnberger Stadtzentrum, den Happurger Stausee oder den Brombachsee umzusetzen.

Der Nürnberger Weiheraufseher Klaus Kleinschroth sorgt dafür, daß die Pegelstände im Teich stimmen – seinen Namen hat der Teich übrigens von den Rohrkolben, die man im Mittelhochdeutschen „Dutze“ nannte. Über Wehre und Schieber regelt der Weiheraufseher den Zu- und Abfluß des Wassers. Die Institution gibt es – übrigens deutschlandweit einmalig – in Nürnberg seit 1495. Bereits im Mittelalter wurden in dem künstlich angelegten Großen Dutzendteich Karpfen gefangen. Und weil unter den Weiherbesitzern teils blutige Fehden entbrannten, kaufte die Stadt die Weiher im Jahr 1497. Ein Gemälde aus dem 18. Jahrhundert zeigt das „Nachfischen“ am Großen Dutzendteich. Es hatte sich nach dem bestimmten Standespersonen und Dienstleuten vorbehaltenen „Ratsfischen“ seit dem 16. Jh. zu einer Art Volkssport entwickelt.

Schlammschlacht um die Karpfen
Die Karpfen mögen geschockt sein: Sie dürfen aber weiterleben! Zum Beispiel im Main.

Knietief im Wasser stehen, im schlammigen Wasser

Bis in die 1870er Jahre kamen die Nürnberger am Dutzendteich zu dieser heiteren Schlammschlacht zusammen. Später hatte bis in die 1950er Jahre eine Privatfirma im Herbst die Karpfen für die Gastronomie aus dem Teich geholt. Danach hat der Fischereiverband Mittelfranken e.V. das Abfischen am Dutzendteich übernommen.

Beim Abfischen der Karpfen sind die Rollen klar verteilt. Da sind die Fischer, die mit ihren Keschern knietief im Wasser stehen, die Träger, die den Fang an Land bringen, diejenigen, die sich um die Sortierung der Fische kümmern, sie in großen Becken wässern; weitere Männer laden die Fische in belüftete (Sauerstoffversorgung) Transportbassins auf Lastautos.

Einige Fischer kommen aus alter Gewohnheit, auch wenn sie nicht mehr aktiv beim Abfischen mitwirken. Andere sorgen für das leibliche Wohl der Fischer. Vorstände der Fischereivereine sind vor Ort. Und natürlich schaut Jörg Zitzmann, Präsident des mittelfränkischen Fischereiverbandes beim Abfischen zum Saisonende vorbei.

Möwen, Teichhühner, Enten und Graureiher betrachten das Geschehen aus sicherem Abstand, und warten geduldig an dem ausgelassenen Teich, bis die größte Hektik vorbei ist.

Vor der Schleuse sind die Fischer in Aktion: Ein tiefer Stoß ins Wasser, dann den Fang in einen Plastikbottich kippen. Träger schleppen die Fische nach oben. Hier nehmen Marco Schopper und Hans Padberg den Fang entgegen und bugsieren – im Akkord – die Fische in ein Wässerungsbassin.

„Die Fische sind jetzt noch voller Schlamm und Brackwasser. Würde man so einen Fisch gleich mit nach Hause nehmen und in der Badewanne wässern, würden sich wohl einige Zentimeter Schlamm absetzen“, erklärt ein Fischer. Michael Thon und Adrian Pongartz stehen an der Ladefläche eines Pickups und befördern die Fische in große Behältnisse mit der Aufschrift, „lebende Fische“. Danach fahren sie sie zu ihrem Bestimmungsort.

Schlammschlacht um die Karpfen
Ganz offensichtlich: Es ist Ernst – für alle Beteiligten.

Extratank für die Hechte

Verbandsgewässerwart Norbert Himmer hält ein Notizbuch in den Händen und macht eine genaue Strichliste. Er notiert, wieviele Fische gefangen wurden, und in welches Gewässer diese abtransportiert werden. In erster Linie sind das Karpfen. Aber auch Rotaugen und Hechte gehen in die Netze der Fischer. Es ist richtige Knochenarbeit. Um die 300 bis 400 Kilo habe er heute bereits bewegt, sagt ein Fischer vom Fischereiverband Roth und Umgebung, nach gut einer Stunde Arbeit am Dutzendteich. Er wärmt sich an einem Feuer auf, über dem ein Kessel mit Glühwein brodelt.

Was war bisher sein größter Fang? „Das war ein 16-Kilo-Karpfen.“ Seine Augen leuchten, während er erklärt, wie er den Brocken aus dem Main-Donau-Kanal geholt hatte. Am Abend danach habe er einige Runden spendieren müssen. „Aber das ging schon in Ordnung. Schließlich gelingt einem so ein Fang im Leben nur einmal“, erklärt er.

Währenddessen geht die Aktion am Teich weiter: André Willert ist ein 90 Zentimeter großer Hecht ins Netz gegangen. Der aber wehrt sich und kommt wieder frei. Doch im Kampf zwischen Hecht und Fischer gewinnt der Fischer. Er entläßt den Hecht, trotz dessen Gegenwehr, schließlich in einen Extra-Wassertank. Drei, vier Hechte dieser Größe wird er am Ende gefangen haben. „Das kommt nicht so oft vor. Aber im Grunde freuen wir uns über kleinere Hechte, die wir dann in den anderen Gewässern aussetzen und dort groß werden lassen“, sagt er.

Schlammschlacht um die Karpfen
Carmen Hassler (M), die einzige Frau unter den Fischern, die den Dutzendteich leeren,
schleppt wie alle anderen die viele kilo-schweren Körbe zu den Behältnissen für den Abtransport.

Carmen Hassler ist die einzige Frau, …

… die beim Abfischen mit anpackt. Freilich genauso tatkräftig wie ihre männlichen Kollegen. Körbeweise trägt sie Fische zum Wässerungsbassin. „Ich bin über meinen Freund zum Fischen gekommen. Der macht das schon sein ganzes Leben lang. Ich bin seit fünf Jahren dabei und angle gern. In der Natur zu sein hilft beim Abschalten und Herunterkommen“, sagt sie und setzt ihre kraftraubende Tätigkeit fort. Karl-Heinz Petschner dokumentiert das Abfischen für Verein und Verband fotografisch. Motive bekommt er viele vor die Linse: Fischer, die mit ihren Keschern knietief im Wasser stehen, andere, die mit Karpfen befüllte Bottiche tragen. Viele Fischer haben schlammverspritzte Gesichter. Das kommt von den Flossenschlägen der Karpfen im schlammigen Wasser. Die ersten Lastautos mit ihren Bassins voller lebender Fische sind bereits losgefahren. Im Wasser jagen immer noch zehn, zwanzig Männer mit Keschern nach Karpfen, während ihre Kollegen den Fang zum Wässern und dann zum Abtransport tragen. Der jüngste unter ihnen ist der zehnjährige Fabrice, der hier mit seinen älteren Brüdern mit dem Kescher im Wasser steht und unermüdlich Karpfen fängt.

Geruhsamer geht es am Brotzeittisch zu. Rolf Albrecht und Fritz Seeliger haben bereits am Vorabend ganze Arbeit geleistet. Sie haben Gelbwurst, Rotwurst und Göttinger geschnitten und mit je einer Salzgurke zu Versperpäckchen zusammengepackt. Am Feuer wärmt man sich mit Glühwein, Weißwürsten oder Wiener Würsten. Auch Nico und Tobias reiben sich am Feuer die Hände warm. Die beiden 17jährigen gehen gerne an der Rednitz angeln. Einen Hecht hat Tobias bereits an den Haken bekommen, Nico einen großen Waller. Roland Stahls Anfänge waren ganz bescheiden. „Ich habe mit einer umgebogenen Stecknadel meine ersten Fische gefangen. Da war ich fünf Jahre alt. Seitdem läßt mich das Angeln nicht mehr los“, sagt der Siebzigjährige. Seit über 50 Jahren kommt er zum Abfischen an den Dutzendteich.

Schlammschlacht um die Karpfen
Heinz Franz und Julius Schöner entlassen im Dutzendteich gefangene Karpfen nahe der Fürther Staustufe in den Main. Und sie tun das behutsam und mit Freude.

Fünf Tonnen Karpfen

Unterdessen haben sich Zaungäste eingestellt und beobachten das Abfischen voller Interesse von der Straße aus. „Zuschauer haben wir immer viele“, sagt Roland Stahl. Er hat noch miterlebt, wie die Firma Krug hier Fische für die Gastronomie fing und zusätzlich Fische für alle zum Verkauf anbot. „Es war ein großes Volksfest! In Holzbottichen von drei Metern Durchmesser schwammen die Fische, die sich die Käufer teils selber herausholen konnten“, erinnert er sich. Er bereitet den Fisch, den er angelt, auch selber zu. Er weiß, wie man einen Karpfen so filettiert, daß im Fisch keine Gräten steckenbleiben. Er kennt ein Rezept für Fischklößchen, und er räuchert Saiblinge, die er zuvor in einer Kräuterlake aus Wacholder, Senfkörnern und Lorbeer eingelegt hatte.

„So wie andere intensiv Fußball spielen, so betreibe ich das Angeln“, sagt Jakob Kögel. Der 25jährige Nürnberger ist Angler durch und durch. Praktisch jedes Wochenende ist er irgendwo im Umkreis von 200 Kilometern zum Angeln unterwegs. An manchen Tagen sucht er dabei gleich drei oder vier Gewässer auf. Auch im Urlaub wird geangelt, und die Ziele werden nach Angelmöglichkeiten ausgewählt.

„Jetzt ist der Dutzendteich leer“, sagt Norbert Himmer und strahlt. Es ist elf Uhr. Nach zwei Stunden ist die Arbeit getan. Alles scheint glatt gelaufen zu sein. Die Fischer sind ein wenig erschöpft, aber glücklich. Man hat sich getroffen. Mit Kollegen gesprochen. Gemeinsam gearbeitet. „Das hier ist unser Fest!“ sagt Norbert Himmer und strahlt. Er ist sehr zufrieden mit dem Tag. „Der Dutzendteich ist der letzte Weiher, den wir abfischen. Er ist der größte. Und damit schließen wir die Saison ab“, erklärt er.

Über fünf Tonnen Karpfen haben die Fischer am Ende aus dem Großen Dutzendteich geholt. Guter Durchschnitt, verglichen mit den Vorjahren. Und angesichts des eher kalten, regnerischen Sommers sogar ein erfreuliches Ergebnis. Hechte waren diesmal nicht so viele dabei. 950 Stück. Das ist eher wenig. Denn es gab auch schon Jahre, in denen die Fischer 1800 oder sogar 3000 Hechte aus dem großen Dutzendteich geholt hatten. Dennoch sind die Fischer sehr zufrieden. „Das wird gefeiert, und jeder hat sich hier eine Brotzeit verdient“, sagt Norbert Himmer.

 

Informationen rund ums Abfischen am Dutzendteich gibt Diplom-Biologe Hans Padberg, der hauptamtlich beim Fischereiverband Mittelfranken arbeitet. Er angelt, seit er acht Jahre alt ist und hat sich während seines Biologiestudiums in Rostock auf Ichthyologie, also Fischkunde, spezialisiert: Im April werden K3-Karpfen mit einem Gewicht von 600 bis 800 Gramm in die städtischen Weiher eingesetzt. Da dort das Nahrungsangebot sehr groß ist, haben die Fische im Herbst ein Gewicht zwischen 3 und 3,5 Kilo erreicht und werden dann als K4-Karpfen klassifiziert.

Für Fischer oder Teichwirte sind die Weiher also von hohem wirtschaftlichen Nutzen. Man setzt eine Tonne lebende Fische ein und holt 5 Tonnen Fische am Ende des Jahres heraus. In einem natürlichen Gewässer würden die Karpfen im gleichen Zeitraum höchstens je ein Kilo an Gewicht zulegen.

Karpfen haben übrigens von Hechten, die mit im Gewässer sind, nichts zu befürchten. Die entsprechen nicht deren Beuteschema. Die Hechte setzt man in die Weiher ein, damit sie kleine Weißfische, wie Rotaugen und Rotfedern oder Gründlinge dezimieren, die mit dem Wasser der Bachzuläufe in die Weiher gelangen. Diese Aufgabe hätten sie dieses Jahr bestens erfüllt. Denn nur sehr wenige Weißfische haben die Fischer beim Abfischen in ihren Keschern gefunden.

Warum das Abfischen in so rasantem Tempo geschehen muß? Normalerweise haben die Fische im Dutzendteich eine Fläche von 33 Hektar zur Verfügung. Beim Abfischen reduziert sich die Fläche durch das Ablassen von Wasser auf maximal 30 mal 30 Meter. Da will man die Fische nicht unnötig lange dem Stress in dieser beengten Situation aussetzen.

Der Gesundheitszustand der Karpfen sei übrigens bestens. Hans Padberg hat einige der gefangenen Exemplare vom Gesundheitsdienst Bayern untersuchen lassen. Dabei zeigte sich, die Karpfen sind kerngesund.

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