Ausgabe Juli / August 2020 | Fränkische Profile

„Deckname Antenne“

Seit 42 Jahren ist Eberhard Schellenberger die charakteristische Stimme und seit 1996 als Redaktionsleiter der maßgebliche Kopf des „Regionalstudios Mainfranken“ des Bayerischen Rundfunks in Würzburg. Nun geht er nach einem reichen Journalistenleben in den Ruhestand – und bleibt natürlich in Würzburg.

Autor: Eva-Suzanne Bayer | Fotos: Wolf-Dietrich Weißbach

Hat man einen Sprecher oder einen Journalisten eine Zeit lang im Funk gehört, zeichnet die Phantasie unweigerlich ein Porträt des Unsichtbaren. Trifft man ihn endlich persönlich, ertappt man sich oft bei Fehlschlüssen. Der markante Stimmträger entpuppt sich als farbloser Biedermann, die vermeintlich sanfte Seele ähnelt einem Türsteher und der imaginierte Latin Lover sieht aus wie ein Frettchen. Was freilich viel über die Vorurteile des gedanklichen Porträtisten aussagt. Bei Eberhard Schellenberger deckt sich der Ton so exakt mit dem vorgefaßten Bild, daß ich schwören könnte, ihn schon lange in natura zu kennen: groß, kräftig, besonnen und gleichzeitig temperamentvoll, absolut zuverlässig, bodenständig, ein Schalk in den Augen. Kurz, ein Franke, wie er im Buche steht, das der Realität nicht immer standhält. Wir treffen uns in seinem Büro im Studio Mainfranken im 9. Stock des Posthochhauses mit Blick über den Bahnhofsplatz und die Stadt, was für einen Journalisten ein durchaus symbolischer Standort ist. Mittendrin und doch mit gutem Überblick. Daß ein ausgefuchster Fragenkatalog bei so einem gewieften Journalisten (seit Kindesbeinen, wie sich herausstellt), Redakteur und Redaktionsleiter obsolet ist, bemerke ich schnell. Schellenberger weiß selbst zu genau, was ein Interviewer in dieser Situation wohl in petto hat und ganz wie von selbst gleitet das Gespräch in exakter Dramaturgie von einem Kernthema zum nächsten, angereichert mit vielen Geschichten.

„Würzburger Modell“

Geboren 1957 in Bamberg, aufgewachsen in Zeil am Main, hörte Eberhard Schellenberger gern Radio und schwallte seine gesamte Umgebung, wie er erzählt, schon als Kind mit nachgestellten Reportagen regelrecht voll. Später fi el ihm auf, daß der Rundfunk alles über die Welt, aber nichts über „seine“ Welt, die Haßberge, berichtete. Um zu erforschen, wieviel auch hier geschah, volontierte er am „Haßfurter Tagblatt“. Seine erste Radioreportage behandelte im Oktober 1978 ein amerikanisches Truppenmanöver „bei dem fast 5000 Fahrzeuge tagelang die Äcker umwühlten“. Während seiner Schulzeit im Internat am Bodensee arbeitete er bereits als Berichterstatter für den „Südkurier“ und die „Schwäbische Zeitung“. Damit war sein Berufsschicksal in die Bahnen gelenkt. 1977 war unter energischem Protektorat des Intendanten des BR Reinhold Vöth und dem Rundfunkratsvorsitzenden Willi Fritz, beide gebürtige Franken, als „Würzburger Modell“ die sich später sich zum „Regionalstudio Mainfranken“ mausernde „Welle Mainfranken“ eingerichtet worden. Drei Redakteure, eine Technikerin und eine Sekretärin nahmen sich der Belange im Regierungsbezirk Unterfranken („von Fladungen bis Aub im Ochsenfurter Gau, von Eltmann bis Alzenau“) an und verliehen der unterrepräsentierten Region Stimme, Gewicht und ein Identitätsforum. Die Bezeichnung „Mainfranken“ erhielt zuerst keinen einhelligen Beifall. Zu sehr war er mit brauner Wortbrühe übergossen. Doch der Begriff ist viel älter, hat kulturellen Ursprung und bürgerte sich schnell (wieder) ein. In dieser Gegend läge nicht alles am Main, bemängelten besonders die Rhön- Grabfelder. Aber, so Schellenberger: „Die Saale fließt schließlich auch in den Main. Und dem Main gefällt es gerade in Unterfranken so gut, daß er sich hin- und herschlängelt, um ja nicht so bald aus Unterfranken wegzumüssen.“

Sozusagen der BR in Würzburg: Eberhard Schellenberger (l) für den Hörfunk, Wolfgang Schramm für das BR-Fernsehen, im Februar 1997, beim 20jährigen Jubiläum des Studios.

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