Das Nürnberger Christkind

Es ist die alte Stadt Nürnberg nicht mehr, Die ich heut seh, da ich nun wiederkehr Nach Krieg und Brand und nach viel schwerer Zeit. Wo ist der Glockenchor und sein Geläut. Sankt Sebald und die ganze Schar Von Türmen, die ihm Heimat war?

So lautet der Prolog, den das Nürnberger Christkind am 3. Dezember 1948 spricht, als es auf einem Holzpodest vor der stark beschädigten Frauenkirche steht. Sein Blick schweift über die von der Dunkelheit gnädig verhüllte Trümmerwüste der Stadt. Zum ersten Mal nach den verheerenden Kriegsjahren und nach dem zermürbenden Hungerwinter von 1947 wird er wiedereröffnet, der Christkindlesmarkt, „dies Städtlein in der Stadt, aus Holz und Tuch“. Dicht gedrängt stehen die Menschen, Frauen mit zu dünnen Mänteln, Männer, schlackernde Hosen um die mageren Beine – so sie noch beide haben, Kinder, die klammen Füße in kratzende Wollstrümpfe und zu enge Schuhe gezwängt. Aber aller Augen leuchten. Endlich spricht das Christkind wieder, nachdem es im ersten Kriegswinter 1939 mit der knappen Meldung „Der Nürnberger Christkindlesmarkt muß heuer ausfallen“ mundtot gemacht worden war. Welch glanzvollen Auftritte hatte es doch ab 1933 gefeiert, auf dem Adolf-Hitler-Platz (so hieß damals der Hauptmarkt)! Im Scheinwerferlicht, mit schmetternden Fanfaren, Kinderchor, Kirchenglokken … Ergreifend feiern, das konnten sie, die Nazis. Das Christkind, nun personifiziert von einer Schauspielerin, war bei dieser gefühlvollen Ins­zenierung ein wichtiger Baustein.

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