Ausgabe Januar / Februar / März 2022 | Landleben

Beglückende Zeitreise

In Friesenhausen (Ortsteil von Aidhausen, Lkr. Haßberge) …

Text: Sabine Haubner | Fotos: Wolf-Dietrich Weissbach
Beglückende Zeitreise
Was es hier nicht gab, gab es vermutlich gar nicht – oder so ähnlich! Wer würde auch heute nicht gerne in so einem Geschäft einkaufen?
Beglückende Zeitreise
Andrea Meub, die „Inhaberin“ des „Gemischtwarenladens Jakob Schmidt“ in Friesenhausen.

Den Metallgriff gedrückt, die moosgrüne Kassettentür ein paar Zentimeter aufgestoßen, die alte Ladenglocke ausgelöst: Ein helles „Ringring“ und schon sind wir in einer anderen Welt. Einer sehr beglückenden. Als Andrea Meub vor acht Jahren das erste Mal seit ihrer Kindheit den „Gemischtwarenladen Jakob Schmidt“ in Friesenhausen (Lkr. Haßberge) wieder betrat, war das für sie „wie Weihnachten“. Der Verkaufsraum mit der konservierten Vergangenheit gleicht einer großen Schatulle für kostbare Momente lange vergangener Tage.
Allein die historische Ladeneinrichtung, die um 1900 entstanden ist, versetzt in Staunen. Regale und Vitrinen aus Kirschholz füllen die Wände, daneben grüne Schubladenschränke für ein komplexes Sortiment. Eingefroren 1976, als die damalige Besitzerin Lina Schmidt starb, läßt es die Grenzen zwischen den Zeiten verschwimmen. Da passen bauchige Nachttöpfe gerade so ins Regalfach, die schon vor 70 Jahren Ladenhüter waren. Im Nachbarfeld läßt der Name „flott – kord crepp“ einer Packung Toilettenpapier auf den samtweichen Körpereinsatz des Produktes in der Hippieära schließen.

Zeitreise durchs Sortiment

Der Besuch des alten Dorfladens ist auch ein Streifzug durch die Markengeschichte. Über das „strahlendste Weiß meines Lebens“ freut sich eine blondgelockte Hausfrau auf einem Reklameaufsteller aus den 50er Jahren. Sie verdankt es dem Waschmittel Sunil. Man könnte fast meinen, die uralten weißen Mädchenkleider und Laibchen aus lochgestickter Baumwolle, die auf Kleiderbügeln in luftiger Höhe von der Decke baumeln, seien von Andrea Meub damit frisch gereinigt worden.

Beglückende Zeitreise
Alles noch so, wie es einmal war. Jedenfalls weitgehend.

Das Herzstück des Ladens ist die schwere Verkaufstheke aus Eichenholz. An der linken Hälfte ist sie mit Vitrinenaufsätzen versehen, die kostbarere Gegenstände vor schnellem Zugriff schützten, etwa eine silberne Taschenuhr – die Zeitreise geht mehr als 100 Jahre zurück – oder ein altes Lederportemonnaie. Den Dreh- und Angelpunkt des Verkaufstisches markiert eine gußeiserne Säule mit blütenverziertem Kapitell und eine daneben placierte alte Kaufmannswaage. Hier spielte sich alles ab, wanderten Dinge des täglichen Bedarfs von Anispulver über Kaffee, Strumpfhalter, Zigaretten und Seife bis hin zu Farbpigmenten über die Verkaufsschranke. Von Lina Schmidt wurden sie aus großen Vorratsgläsern oder Fässern gefischt, aus den Glasschränken hinter der Theke genommen oder in den anschließenden Räumen des Hauses besorgt, Wohnung, Lager, dort ging alles ineinander über.

Eistörtchen fürs Freggerle

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… ohne Glasfassade und Leuchtreklame.

An der Waage mit Tütenhalter und Gewichten wurden auch kurzfristige Kinderträume wie eine Tüte Bonbons oder – im Fall von Andrea Meub – Eistörtchen erfüllt. Sie wohnte im Nachbarhaus – und tut das noch heute – und wurde von ihrer Mutter oft mehrmals am Tag geschickt, um Zucker, ein paar Salzheringe oder sonst sofort Benötigtes zu holen. Zwischendurch waren auch ein paar Eistörtchen drin. „Sie hat sie im Schubladen gehabt und mit der Schaufel Stück für Stück in ein Tütchen gefüllt“, für das kleine Mädchen die reinste Folter. Es trieb Lina Schmidt an, „mach‘ schneller“, doch die zarte Dame ließ sich nicht aus ihrem Rhythmus bringen.

Ein kleines Ritual. Ein anderes lief folgendermaßen ab: Die Ladenbesitzerin hat in den hinteren Lagerräumen zu tun, Andrea Meub betätigt Tür und Glocke und duckt sich vor der Theke. Lina Schmidt kommt in den Verkaufsraum vor und wundert sich laut „na, da is doch gar känner“. Auftritt Andrea Meub: Sie springt hoch und Lina Schmidt schimpft: „Du Freggerle, du elends!“ Böse oder grantig hat sie die Ladenbesitzerin aber nie erlebt. „Sie war immer total zufrieden, gut gelaunt und freundlich.“ Und immer schick angezogen.

Das Zurückbeamen in die Kindheit funktionierte nicht gleich perfekt, als das erwachsene Nachbarsmädchen fast 40 Jahre später die Haustür aufschloß, um den Dornröschenschlaf des Kolonialwarenladens zu beenden. „Jeder Raum war voll mit Schachteln. Man kam fast gar nicht rein.“ Die spontane Reaktion ihres Vaters Julius Häpp, als er das Inventar sah: „Lauter altes Gelump, des schmeiß mer raus.“ Die Tochter hielt ihn zurück: „Moment mal, das ist doch alles schön, das lassen wir da.“ Ein wichtiger Moment für das weitere Schicksal des alten Kolonialwarenladens. Wenngleich die entscheidenden Weichenstellungen in der Vorgeschichte zu finden sind.

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Begann hier unser heutiger Konsumrausch?

Abriß abgewehrt

Als Lina Schmidt mit Mitte 70 starb, hinterließ sie weder Mann noch Kind. Julius Häpp zeigte Interesse am Nachbarhaus, doch die Erben wollten es nicht veräußern. Sie schlossen den Laden zu und ließen alles, wie es war. Ein konservatorisches Glück. Erst 2013 stand das Haus zum Verkauf. Julius Häpp wollte nun endlich zuschlagen. Es gab noch einen anderen Interessenten, der aber plante, das Haus abzureißen, ist von Bernhard Joos von der Unteren Denkmalschutzbehörde im Landratsamt Haßfurt zu erfahren. Er erkannte den dringenden Handlungsbedarf und stieß die Denkmalschutzprüfung an. Mit Erfolg. Da sei das Interesse des Abreißwilligen schnell reduziert gewesen, so Joos. Also nahmen sich Andrea Meub und ihr Vater des Gebäudes an.

Eine spätere Bauuntersuchung ergab, daß der zweigeschossige Fachwerkbau mit Satteldach im Jahr 1700 als Wohnhaus errichtet wurde. Ein repräsentativer Bau mit Zierelementen wie der aufwendig geschnitzten Schreckmaske an einem Eck. Ab 1820 diente das Haus als katholische Schule mit Wohnung für den Lehrer und Mesner. Damals wurde dem Zeitgeschmack folgend die Fachwerkfassade überputzt. Um 1890 werden die Eltern von Lina Schmidt die neuen Besitzer und eröffnen ihren Gemischtwarenladen. „In solchen Kolonialwarenläden gab es alles, von den Gewitterkerzen über Riemenwachs bis zum Melissengeist, die volle Bandbreite des dörflichen Bedarfs“, weiß Klaus Reder, Bezirksheimatpfleger in Unterfranken. „Da kamen ruckzuck 10 000 verschiedene Artikel zusammen.“ So viele gingen wohl auch durch die Hände von Familie Meub/Häpp. Jede Schachtel wurde geöffnet und man wußte vorher nie, „kommt einem da ein Lebewesen entgegen“ oder enthält sie einen noch unverkauften Artikel. Zu Anfang mußte viel aussortiert werden, Julius Häpp fuhr sieben Container zum Bauhof. Die Leute im Dorf schüttelten die Köpfe, Andrea Meub bekam oft zu hören: „Du bist ja verrückt.“ Sie selbst stellte sich die Frage „was ham‘ wir da nur gemacht?“ und hatte eigentlich nicht vor, aus Haus und Laden später ein Museum zu machen. Doch sie konnte wohl schon nicht mehr anders. „Sie hat sich von dem Charme dieser Sammlung umgarnen lassen“, meint Reder.

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Plastikmüll war hier kein Problem

Gespür für Geschichte

Nur so läßt sich der unvorstellbare Aufwand erklären – und mit einem Gespür für die Geschichte. Zusammen mit ihrer Mutter Else nahm die neue Ladenherrin jeden Gegenstand mit nach Hause zum Waschen und Säubern. Parallel dazu liefen Instandsetzung, maßgeblich von ihren Vater gestemmt, und die Sichtung noch unbekannter Ecken, wie den Lagerraum im 1. Stock. Andrea Meub geht die steile Treppe voraus und zeigt Unglaubliches. Von einem an der Decke befestigten Hakenbrett baumeln noch zwei kümmerliche Schinkenreste, „total dürr und von Mäusen abgenagt“. In den Regalen lagern große Himbeersirupflaschen und alter Weihnachtsbaumschmuck. Am Boden steht ein Bottich mit Peitschen, eine Kiste mit Roßhaarsträngen und Rinderstriegeln, eine Schachtel mit Altarkerzen, eine alte Milchzentrifuge und ein Schwung uralter Lederschuhe, mindestens Nachkriegszeit.

In einem anderen Wohnraum der Etage zeigt Andrea Meub, wie sie beim Restaurieren der Wände vorgegangen ist. An einem Stück hat sie die verschiedenen Schichten nebeneinander offengelassen. An der Oberfläche war eine rosafarbene Stofftapete, dann kam die nächste Tapetenschicht und darunter Putz mit aufgerolltem Dekor. „Ich hab‘ immer Stück für Stück mit der Spachtel die Wände freigelegt. Man muß halt schön langsam machen“, beschreibt sie ihr Vorgehen. Und für das Muster recherchierte sie bei einem alten Verputzer. Der hatte noch historische Gummirollen in seinem Fundus, die geeignet waren.

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Probewohnen vor 100 Jahren

Außergewöhnlich

„Die Qualität, mit der sie das gemacht hat, ist bemerkenswert“, bescheinigt Bezirksheimatpfleger Reder. „Sie ist sehr behutsam vorgegangen und hat sich immer von den Denkmalpflegebehörden beraten lassen.“ Christian Schmidt vom Landesamt für Denkmalpflege lobt das Engagement der Eigentümerin als „außergewöhnlich und vorbildlich“, vor allem bei der Umsetzung der denkmalpflegerischen Empfehlungen bei der Instandsetzung.

Dafür wurde sie 2020 mit der bayerischen Denkmalschutzmedaille ausgezeichnet, im Jahr zuvor hatte sie den Staatspreis „Dorferneuerung und Baukultur“ erhalten für die Rettung dieses Objektes von kulturhistorischem Wert. Bezirksheimatpfleger Reder kennt nichts Vergleichbares. Sammlungen von alten Ladeneinrichtungen freilich, aber nicht in dieser Authentizität und Stimmigkeit. 2016 öffnete die Besitzerin Neugierigen zur 1200-Jahrfeier von Friesenhausen die Ladentüre. „Die Leute haben mir die Bude eingerannt und gesagt: Das habt ihr klasse gemacht.“ Damals hat sie entschieden, den alten Dorfladen dauerhaft zu beleben. Sie öffnet ihn alle vier bis sechs Wochen und bietet im Garten Kaffee und Kuchen auf Spendenbasis an. Ein bißchen Zeit, auszuruhen und das Paradies Kolonialwarenladen zu genießen? Wenn sie der romantische Garten des Ladenhauses mit seinen üppig blühenden Rosen und Stauden dazu verleitet, auch hier hat sie bei Anlage und Pflege viel Gespür bewiesen, sitzt sie gerade mal zwei Minuten und findet wieder eine neue Arbeit. Und es zieht sie jeden Tag in den Laden. „Dann lauf ich mal durch und entdecke Zeug, was ich vorher noch gar net gesehen hab‘.“

Bei einer Überraschung dürfen wir dabei sein. Aus der Gewürzvitrine nimmt sie eine Großpackung Vanillezucker. Ob der wohl noch riecht? Andrea Meub hat es selbst noch nicht getestet. Sie öffnet ein Tütchen und nimmt einen tiefen Atemzug: Das Aroma ist noch immer betörend. Daß unser Geruchssinn besonders eng verwoben ist mit unseren Gefühlen und Erinnerungen, erfährt die Ladenbesitzerin auch, wenn sie ältere Menschen durch ihr Reich führt. Dann hört sie oft: „Des riecht hier noch wie früher. Da fühlt mer sich ja gleich 50 Jahr jünger.“ Es sind auch diese Momente, die sie mit Zufriedenheit erfüllen. „Es ist nix daran verdient, aber es geht mir net darum. Es geht mir um den Spaß der Leute und den eigenen.“

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Charmante Werbung gab es auch schon, eigentlich schon sehr lange. Das ist aber ein eigenes Thema.

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