Ausgabe März / April 2019 | Stadt-Land-Fluß

Wenn ­Melchancholie eine Landschaft hat

Nordbayerischer Kurier am 31. August 1982: „In wenigen Jahren wird man nur noch aus den Geschichtsbüchern ­erfahren können, was da an der Pegnitz einst war, und nur die alten Leute werden erzählen können, wie es war.“ Genau so kam es. Hermann Hollfelder und Martin Rost sind über siebzig Jahre alt. Sie wohnten in Fischstein und in Oberbrand. Ihre Dörfer sind ­verschwunden.

Autor: Andreas Hessenauer | Fotos: Wolf-Dietrich Weißbach

Genau hier stand unser Haus“, sagt Martin Rost, „und dort drüben das vom Kohl Michel, unserem Nachbarn.“ Rost hält ein altes Foto in der Hand. Dar­auf ein Einfamilienhaus mit hübschem Obstgarten. Der Garten ist jetzt eine verwilderte Wiese. Ein paar der Bäume stehen noch. Knorrig stemmen sie sich gegen den Verfall. Mehr ist nicht geblieben vom Weiler Oberbrand, in dem Rost seine Kindheit und Jugend verbrachte.

Wir schauen vom welligen Grashügelland hinunter zur Pegnitz. Dort lag einst Rauhenstein. Ein schmales Sträßchen schlängelt sich zu einem weiteren Nachbarort: Fischstein.

Die vielen Quellen in der Gegend wurden den drei Dörfern zum Verhängnis. Die wachsende Stadt Nürnberg brauchte Trinkwasser. Der kommunale Versorger EWAG, Vorläufer der heutigen N-ERGIE, wies 1960 ein Wasserschutzgebiet aus. Brand (Unter- und Oberbrand), Rauhenstein und Fischstein lagen in der Kernzone und hatten es plötzlich mit einschneidenden Auflagen zu tun: keine Düngung auf den Feldern und keine Baumaßnahmen mehr, auch nicht für Instandhaltung und Renovierung der Häuser. Es waren nur ein paar Sätze Beamtendeutsch, aber sie bedeuteten das Ende der Jahrhunderte währenden Besiedelung des Talabschnitts. Fischstein wurde im Jahr 1326 erstmals urkundlich erwähnt, als Standort eines Eisenhammers an der Pegnitz. Nach und nach entstanden um die Hammerwerke in Fischstein und Rauhenstein Dörfer, mit allem, was dazugehört. In Rauhenstein gab es einen Laden und ein Wirtshaus. Die Emissäre der EWAG wußten genau, wo sie die Hebel anzusetzen hatten: Die Wirtsleute wurden großzügig abgefunden, das Wirtshaus 1967 abgerissen. Der gesellschaftliche Mittelpunkt des Dorfes war verschwunden, nun hielten es auch die restlichen Dörfler nicht mehr lange aus. Von seinen Bewohnern verlassen, verkam das einst herrschaftliche Hammerhaus zur Ruine. 1987 rückten die Bagger an, kein Stein blieb auf dem anderen. Rauhenstein war Geschichte. In Fischstein wohnte zu diesem Zeitpunkt noch eine Handvoll trotziger Widerständler. Der Ort bot ein trostloses Bild: Zwischen Abrißlücken standen noch zwei, drei einsame Häuser. Das Letzte war das vom Ziegler Franz. Erst als über Achtzigjähriger verließ er es. Er verließ es im Sarg. Das war im Jahr 1991.

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