Ausgabe November / Dezember 2021 | Kultur

Ungerecht, wie die (Kunst-)­Geschichte manchmal ist.

Max Liebermann kennt man, Paul Signac auch und Van Gogh ­sowieso. Curt Herrmann sollte man kennen, nicht nur weil er in eine Reihe mit den Genannten gehört, sondern auch, weil er viele seiner Werke im fränkischen Pretzfeld malte. Und weil ein Teil davon dort bis heute zu sehen ist.

Text: Michaela Moritz | Fotos: Wolf-Dietrich Weissbach

Eigentlich war er ein Berliner. Als er 16 Jahre alt war, zog seine Familie dorthin, und der junge, damals schon eigenwillige Mann verließ die Schule noch vor dem Abitur und meldete sich in einem Maleratelier an, im selben, in dem der sieben Jahre ältere Max Liebermann studiert hatte (der einer der bedeutendsten deutschen Impressionisten werden sollte). Curt Herrmann trat dort 1873 ein, da war er 19 Jahre alt.

Curt Herrmann: Selbstporträt
Curt Herrmann: Selbstporträt

Daß er außerordentlich talentiert und noch dazu fleißig war, kann man an einem Selbstporträt sehen, das zu dieser Zeit entstand. In perfekter Rembrandtscher Manier malte er sein eigenes Konterfei. Rund zehn Jahre lang lernte er das malerische Handwerk von Grund auf, dann schien ihm Berlin wohl etwas zu preußisch-konventionell. Das liberale, fortschrittliche Künstlerleben pochte zu dieser Zeit in München, und er schrieb sich an der dortigen Akademie ein. Was ihn interessierte, war der neuen Stil der Zeit: das Freiere, Flüchtigere, Skizzenhaftere, das aber umso mehr die Atmosphäre, das wechselnde Licht einfängt. Diese Inspirationen sog er in sich auf. Ein Ölbild mit weißen Mohnblumen zeugt von seiner neuen Freude am Luftig-Leichten. Er begann, aus dem Studio hinaus in die Landschaft zu gehen.

Gleichzeitig musste er natürlich ans Geldverdienen denken. Nach Beendigung seines Studiums arbeitete er einige Jahre als Portraitmaler. Was ihm auf Dauer nicht gefiel, denn er mußte sich sehr nach dem Geschmack seiner Auftraggeber richten und fühlte sich eingeengt. 

München, Rom, Paris und eben auch Berlin

So ging er 1893 nach Berlin zurück und eröffnete eine Zeichen- und Malschule für Damen. Und nun kommt Franken ins Spiel. Denn 1895 meldete sich in dieser Schule eine gewisse Sophie Herz an. Die junge Frau war 23 Jahre alt und stammte aus der jüdischen Familie Kohn-Herz. Ihr Großvater, Joseph Kohn, war Hopfenhändler und Bankier in Nürnberg gewesen. Aus Markt Erlbach kommend, war er der erste Jude (gewesen), der in Nürnberg nach der Vertreibung der Juden im Mittelalter wieder das Bürgerrecht erhalten hatte. Als Sommersitz für seine Familie hatte er 1852 das Schloß in Pretzfeld erworben, einem Dorf im Wiesenttal nördlich von Forchheim (Oberfranken).

Eine sichtlich geliebte Ehefrau; gemalt von ihrem Mann.
Eine sichtlich geliebte Ehefrau; gemalt von ihrem Mann.

Erbin des Schlosses war seine Tochter Lina geworden, die den Mannheimer Rechtsanwalt Dr. Joseph Herz geheiratet hatte. Nach dem frühen Tod ihres Mannes hatte sie sich das Schloß zum festen Wohnsitz erwählt. Lina Herz war der Kunst sehr zugetan, förderte Künstler und betätigte sich als Sammlerin. Ihrer Tochter Sophie ließ sie neben einer umfassenden allgemeinen Ausbildung auch Malunterricht in München, Rom, Paris und eben auch in Berlin zukommen.

Daß sich Sophie dann dort ausgerechnet in ihren Mallehrer verliebte, der nur wenig jünger war als Lina selbst, und dass dieser dann auch ernsthaft um Sophies Hand anhielt, fand sie wohl anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, aber da sie eine Frau von offenem und großzügigen Geist war, arrangierte sie sich damit und lud die beiden bald auf Schloß Pretzfeld ein. Curt Herrmann war frisch verliebt und sofort begeistert von der Landschaft und malte ein wunderschön zartes Bild von seiner Zukünftigen im weißen Kleid am Ufer der Wiesent. 1897 heirateten die 25jährige Sophie Herz und der 43jährige Curt Herrmann.

Die Hochzeitsreise ging unter anderem nach Paris. Dort lernte Curt Herrmann den Architekten und Designer Henry van de Velde kennen, der ihn wiederum mit den damaligen Vertretern des Neoimpressionismus und Pointilismus bekanntmachte, unter anderen Paul Signac. Zurück in Berlin begann eine große Zeit der Entfaltung.

Wohnung als Gesamtkunstwerk

Das Ehepaar ließ seine dortige Wohnung von Henry van de Velde einrichten, dessen Markenzeichen es war, komplette Wohnungsinterieurs mit Möbeln, Tapeten, Teppichen, Stoffen, Geschirr als Gesamtkunstwerk zu gestalten, was Ehepaar Herrmann sehr begeisterte und womit sie zugleich diesen belgischen Designer unterstützten, denn sie verschafften ihm damit seinen ersten Auftrag in Deutschland. Die beiden begannen auch, Gemälde zu sammeln, vor allem französischer Künstler. 1898 wurde Curt Herrmann Gründungsmitglied der „Berliner Secession“, die maßgeblich den deutschen Impressionismus begründete. Und als Maler war er offen für alle Malstile und Moden, die ihm um die Wende zum 20. Jahrhundert begegneten.

In „japanischen“ Stillleben entdeckte er den Reiz der Reduktion und Eleganz und erfand sich dafür einen herbstlaubartigen Rotton. Anhand eines Bootsmotivs auf der Spree entwickelte er die Sensibilität für das Spiel des Lichts im Freien. Betrachtet man die Bilder, die in den folgenden Jahren entstanden, fühlt man sich bald an die flirrenden Pinselstriche Monets erinnert, bald an die farblich gewagten Pünktchen Signacs, bald an das Plakative eines frühen Gauguin, bald an die zerfurchten Himmel van Goghs oder die Andeutungen Picassos. Er malte Ölbilder, Aquarelle und Pastelle – die Ölbilder oft so leicht wie Aquarelle.

Das wunderbare Treppenhaus im Schloß
Das wunderbare Treppenhaus im Schloß

Bei Curt Herrmann verbinden sich zwei für einen Maler wichtige Merkmale: handwerkliche Könnerschaft und weiter Horizont. Er limitierte sich nicht auf einen Stil und hielt nicht fundamentalistisch an einer Schule fest, sondern war immer offen für neue Weisen, das gefühlte Erleben einer Szenerie malerisch zu übersetzen.

1902 veranlaßte er eine Ausstellung mit Werken französischer Neoimpressionisten und machte diese so in Deutschland bekannt. Er rief auch einen Hilfsfond für Künstler ins Leben. Die Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff, Ernst Ludwig Kirchner, Otto Müller und andere hätten sich ohne ihn vermutlich nie zu bedeutenden Künstlern entwickeln können. Als sich 1914 die Berliner Secession spaltete, ging er zur „Freien Secession“, zu der neben Max Liebermann und Henry van de Velde auch Ernst Barlach, Max Beckmann und Käthe Kollwitz gehörten, und wurde deren Präsident.

Henry van de Velde
Im Schloßmuseum werden neben Gemälden von Curt Herrmann auch einige Arbeiten von Henry van de Velde gezeigt.

Die Weltstadt im Schloß

Immer wieder aber weilten er, seine Frau und sein Sohn Fritz bei Lina Herz auf Schloss Pretzfeld, und geht man wiederum seine Gemälde durch, so kann man den Eindruck haben, daß er hier zur Ruhe kam und aus einem freudig-heiteren Seelenbedürfnis zum Pinsel griff. Ortskundige erkennen auf seinen Bildern das Walberla und die Vexierkapelle bei Reifenberg. Er malte die Dorfstraße von Pretzfeld und den Schloßpark, natürlich immer wieder das Schloss selbst, die Außenansicht wie auch Innenräume, und sogar eine der Bediensteten beim Vorbereiten von Blumen für einen festlichen Anlaß.

Auch der inzwischen zum Freund der Familie gewordene Henry van de Velde war mehrmals Gast in Pretzfeld. Er fühlte sich hier „wie in einer Schule des Glücks und Wohlergehens“ – was wohl nicht zuletzt mit den Speisen zu tun hatte, die hier serviert wurden. Genauso schätzte er jedoch die Ruhe und den Mangel an großstädtischen Ablenkungen. Im Mai 1923 wird er schreiben: „Je länger ich dort (Pretzfeld) bin, entdecke ich neue, reizvolle Motive und Gefühle… Das Gefühl, hier gewissermaßen künstlerisch gefangen zu sein, schärft das Auge immer mehr für die intimen Reize, die ja schließlich unerschöpflich sind, wenn man eine Gegend liebt und mit dem Herzen bei der Arbeit ist.“

An der inspirierenden Atmosphäre auf dem Schloss war aber wohl auch Lina Herz nicht ganz unschuldig. Denn ein anderer Künstlergast schrieb: „Bei Lina Herz herrschte ein Niveau, auf dem man schon die Weltstadt unter sich fühlte.“ 

Die Schlossherrin war aber nicht nur unter Künstlern, sondern auch im Dorf Pretzfeld hoch geschätzt. Hatte sie doch1894 einen Kindergarten gestiftet, den ersten im Wiesenttal, sowie eine Winterschule für Mädchen. 1918 verlieh man ihr den Titel der Ehrenbürgerin und entzog ihr diesen auch in der Zeit des 3. Reiches nicht. 

Eine edle Adresse. Schloß Pretzfeld
Eine edle Adresse. In Schloß Pretzfeld gibt es Wohnungen, Ateliers und kleine Firmen.

Die weitere Geschichte ist traurig

Der Sohn des Künstlers als Schüler (oben) und Leutnant
Der Sohn des Künstlers als Schüler (oben) und Leutnant

Auch Curt Herrmann bekam 1918 einen Titel. Die Berliner Akademie erklärte ihn zum Professor. Die Universität Marburg verlieh ihm 1924 die Ehrendoktorwürde zu seinem 70. Geburtstag. Aber offenbar gingen ihm die Streitigkeiten unter den verschiedenen Künstlergruppen immer mehr auf die Nerven, und vielleicht gab es auch andere Dinge, die ihn in Berlin wurmten. 1919 jedenfalls zogen sich Curt und Sophie Herrmann ganz nach Pretzfeld zurück. Und es scheint, dass damit auch ein Rückzug in die Innerlichkeit begann. Ab 1920 faszinierten den nun 66-Jährigen immer mehr die Blumen. Immer näher ging er auf ihre Blüten und Farben zu. Manchmal scheint er wie eine Biene in ihnen zu versinken, seine Striche verwischen sich ins Abstrakte. Und noch einmal einige Jahre später ist es klar, dass er an Depressionen leidet. Wiederholt muß er sich in der Heil- und Pflegeanstalt in Erlangen behandeln lassen. Zugleich hat er ein Augenleiden, und 1923 gibt er die Malerei auf. Seine letzten sechs Lebensjahre waren von Krankheit geprägt.

Auch alles Weitere der Geschichte ist traurig. Zwei Jahre nach Curt Herrmanns Tod geht Sophie Herrmann freiwillig aus dem Leben. Was nur ein Gutes hatte: Sie musste nicht miterleben, als SA-Leute und aufgehetzte Hitlerjungen in der Pogromnacht 1938 das Schloß stürmten. 100 Bilder wurden entwendet, zahlreiche Fenster zerschlagen, die barocken Kachelöfen zerstört, der Weinkeller geplündert und ein Knabenakt in Forchheim auf dem Marktplatz verbrannt, der den Nazis als „entartet“ galt.

Henry van de VeldeAuch Fritz Herrmann musste es zum Glück nicht erleben, zumindest nicht hautnah. Er war mit seiner Familie 1937 nach England geflohen. Lina Herz war bereits 1934 gestorben.

Das Schloss blieb im Besitz der Familie. Fritz hatte zwei Söhne, die wiederum Kinder hatten. Diese, die Urenkel Sophie und Curt Herrmanns, sind jetzt die Eigentümer.

Und zum Glück entgingen etliche Dinge der Zerstörung durch die Nazis. Der grüne Samtsessel, der auf dem Knabenakt-Bild zu sehen war, ist noch vorhanden. Zwei Porzellan-Perlhühner, die Curt Herrmann malerisch verewigt hatte. Ein von Henry van de Velde gefertigtes Schränkchen. Und vor allem eine große Auswahl von Gemälden. Man kann sie im Schloss besichtigen, wo sie museumsdidaktisch nicht auf perfektem Stand, aber eben doch präsentiert sind. Und das reicht, um zu ermessen, welch bedeutender Künstler dieser Curt Herrmann war, und wie ungerecht die (Kunst-)Geschichte manchmal ist, dass sie seinen Namen nicht in aller Munde brachte.

In den übrigen Trakten des Schlosses können heute – ganz im Geiste von Lina Herz – Künstler und andere Kreative Ateliers und Räumlichkeiten anmieten. Sogar wohnen kann man dort. Und der Schloßpark – schön wie eh und je und mit herrlichem Blick auf die Reifenberger Anhöhe – steht Spaziergängern immer zum Flanieren und Auf-einer-Bank-Sitzen offen.

Der Schloßpark ist nicht riesig, aber auf jeden Fall einen Spaziergang wert.
Der Schloßpark ist nicht riesig, aber auf jeden Fall einen Spaziergang wert.

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