Pflanzenschätze und Museumskäfer

Der Botanische Garten in Erlangen – ein grüner Schatz inmitten der Stadt. Was die wenigsten Besucher wissen: Hinter dem Gittertor zum Betriebshof, im unscheinbaren Verwaltungsgebäude, verstecken sich weitere pflanzliche Kostbarkeiten.

Die botanische Lehrsammlung bekommen Besucher des Gartens eher selten zu Gesicht und wenn, dann nur bei Führungen. Hier gibt es Bücher voll mit echten Flechten und Moosen, einen Dachbodenfund der besonderen Art und viel Eingelegtes. Denn im Verwaltungsgebäude wird seit 2013 die Sammlung des Botanischen Gartens restauriert. Die besteht aus historischen Pflanzenpräparaten, die teilweise 120 Jahre und älter sind. Die haltbar gemachten Gewächse dienten früher vor allem als Schauobjekte für Studenten an der Universität. Um den Erhalt der Naß- und Trockenpräparate, Pflanzenfossilien, Herbarien und Schaukästen kümmert sich seit seiner Pensionierung der ehemalige Technische Leiter des Gartens, Jakob Stiglmayr. Ein ganz besonderes Präparat erwartet Besucher bereits vor der Tür des Raumes, in dem der 72jährige seines Ehrenamtes waltet: eine getrocknete Welwitschia Mirabilis.

Der Dachbodenfund

Diese alte afrikanische Pflanze ist die einzige bisher entdeckte Art der Welwitschiagewächse und benannt nach ihrem Entdecker Friedrich Welwitsch. Als lebende Pflanze bildet sie an der Oberfläche nur zwei Blätter aus, die mit der Zeit immer breiter werden. Im Boden bohrt sich aber ihre lange, stammartige Wurzel tief in die Erde. Das große Exemplar im Schaukasten schenkte 1908 ein Erlanger Geograph dem Botanischen Garten. Was genau danach mit dem Präparat passierte, ist ungewiß. Beim Umzug des Botanischen Instituts ins Biologikum vor mehr als dreißig Jahren wurde das gute Stück auf dem Dachboden wiederentdeckt und ziert nun das Verwaltungsgebäude. Ein lebendiges Exemplar breitet seine Blätter im Gewächshaus aus. Die Welwitschie ist eine der Pflanzen, die unmöglich in ein Herbarium gezwängt werden können. Das sind Bücher, in denen gepreßte Pflanzen aufbewahrt werden. „Bei den Herbarien spricht man auch vom ‚dauerhaften Gewissen‘ der Botaniker“, so Stiglmayr. Deshalb fi nden sich in der Sammlung gleich mehrere der Bücher, zum Beispiel mit Moosen, Flechten oder Gräsern. Trotzdem besteht der Großteil der Sammlung aus Gewächsen, die nicht „herbarisiert“ werden können. So steht neben einem Glas, in dem sich eine ganze Kakaofrucht am Ast befindet, eine – mittlerweile ausgebleichte – Ananas. Daneben quetscht sich ein Riesenbovist geradeso ins Glas. Alle drei sind in einer Alkohollösung eingelegt, damit sie erhalten bleiben. Sie zählen zu den Naßpräparaten.

Hitze, Käfer und Alkohol

Bei der Restaurierung dieser Präparate gibt es einige Hürden, wie Jakob Stiglmayr feststellen mußte: „Die erste Hürde ist, das Glas zu öffnen. Bei manchen Gläsern gelang das nicht. Da fehlte die Flüssigkeit. Denn wenn man es öff nen möchte, muß man das Glas erst erhitzen“, erklärt der Experte. Dabei besteht die Gefahr, daß es bricht. Bei einigen Präparaten verfärbt sich auch die Flüssigkeit trüb und wird dunkel. Die wird dann einfach mit einem neuen Alkohol-Wasser-Gemisch ersetzt. Dazu kommt manchmal noch etwas Essigsäure. „Das Gemisch riecht etwas unangenehm, aber es ist bewährt und einfach herzustellen“, so Stiglmayr. Sobald der Deckel drauf ist, bleiben die Betrachter vom Geruch sowieso verschont. Doch auch Hölzer lassen sich nur schwer pressen. So finden sich Aststücke und Baumscheiben in einem Schrank. In einem Kästchen, feinsäuberlich beschriftet, warten Holzplättchen auf ihren Einsatz. Aber auch die Zapfensammlung mit 110 Arten ist dreidimensional viel schöner. Die Trockenpräparate sind am leichtesten zu restaurieren.

Die Behälter, in denen sich zum Beispiel Samen befinden, werden saubergemacht und gereinigt. Anschließend füllt Stiglmayr die Samen zurück und verschließt den Behälter – fertig. Außer, wenn sich Schädlinge darin eingenistet haben. Die Larven der Museums- oder der Berlinkäfer tummeln sich gerne in alten, trockenen Präparaten wie den vollen Samenbehältern. Sie zerfressen Samen, Pflanzen und das Papier der Herbarien. Dagegen hilft nur Kälte. Die Präparate werden deshalb eingefroren, um die Käfer abzutöten. Ist das Präparat dann gereinigt und käferfrei, bekommt es noch ein Etikett. Für manche Stücke kommt die Rettung allerdings zu spät. Wenn bei einem Naßpräparat die Flüssigkeit und damit auch die Pflanze ausgetrocknet ist, ist das Stück hinüber. Manchmal unwiederbringlich. „Man bekommt nicht alles gleich wieder, es sind auch seltene Sachen dabei“, führt der ehrenamtliche Restaurator aus.

Fast 1 000 Präparate hat Stiglmayr mittlerweile schon bearbeitet. Voraussichtlich wird die Restaurierung noch zwei bis drei Jahre dauern. Die fertigen Präparate werden für Ausstellungen auch an Museen verliehen. So fanden vor ein paar Jahren einige Stücke leihweise ihren Weg ins Germanische Nationalmuseum in Nürnberg für den Aufbau eines Naturalienkabinetts.

Außerdem werden die Exponate immer wieder für eigene Ausstellungen des Botanischen Gartens verwendet – auch bei der kommenden im Juni zum Thema Pfl nzenjäger und -sammler. So dienen die ehemaligen Studienobjekte nun als Museumsstücke und erfreuen in neuem Glanz und mit altem Charme die Besucher.

Info:
Führungen finden dreimal im Jahr statt. Jakob Stiglmayr führt persönlich durch die Sammlung.

Weitere Infos zu Führungen und Ausstellungen gibt es unter:
www.botanischer-garten.uni-erlangen.de