Ausgabe März / April 2019 | Natur & Umwelt

Im Land der Tratschbasen und Rüttelflieger

Plecotus austriacus – ein Graues Langohr hat ihn angesehen, ganz unvermittelt, Auge in Auge, mit neugierigem Abschätzen, ein paar intensive Augenblicke lang, die zu den ganz besonderen im Leben gehören. Christian Söder ist auf diese Weise unwiderruflich den Fledermäusen verfallen und macht inzwischen das Kitzinger Land komplett zum Fledermaus-Land mit eigenem Flatterhaus in Hellmitzheim.

Autor: Antje Roscoe

Vielleicht war es die Leichtigkeit, mit der so ein Langohr kopfüber im Gebälk eines alten Pfarrhauses hängt, gepaart mit der forschenden Neugierde und einer gewissen Unverfrorenheit, als so zartes Wesen seinem unbesonnenen großen Feind, dem Menschen, die Stirn zu bieten? „Aber wenn noch nicht alles in dir verloren ist, dann berührt dich das“, beschreibt Söder seine persönliche Erweckung zum Entdecker und Liebhaber dieser nachtaktiven Flattertiere. Wohl wissend, daß „dieser Blick“ und vor allem die „Un­verfrorenheit“ keiner biologisch-wissenschaftlichen Analyse stand hält, so war es doch die erste Ahnung von „einer Welt, von der ich noch nichts mitbekommen hatte“. Wie besonders die Begegnung war, läßt sich erahnen, wenn man weiß, daß das Graue Langohr normalerweise nicht zu sehen ist. Es hängt in Spalten des Gebälks versteckt und ist ein ganz ruhiger Mitbewohner. In Südeuropa und klimatisch bevorzugten, warmen und trockenen Lagen wie dem Maintal ist es zu finden. Geschätzt, nur eine Handvoll winziger Kolonien im Landkreis Kitzingen machen es hier zu etwas sehr Besonderem. Außerdem hat es einen faszinierenden Flug, an dem man es gut erkennen kann. Es gilt als „Rüttelflugspezialist“, kann wie Drohnen und Hubschrauber in der Luft stehen und Spinnen und Falter von der Hauswand klauben.

Christian Söder

Der genaue Gegensatz zur unauffälligen Spezies ist Myotis myotis, das Große Mausohr. „Das sind die Tratschbasen schlechthin. Die quatschen die ganze Zeit. Wenn Sie die in größerer Zahl im Haus haben, das merkt man“, sagt Söder. Sie bevorzugen allerdings Schlösser und Kirchen, alte Gebäude, die schon lange da sind und einen großen Dachstuhl haben, wo sie in festen Wochenstuben-Gemeinschaften zu mehreren Dutzend abhängen und die Jungen fliegen lernen können. Sie hängen frei im Gebälk und sind gut zu zählen – denn selbst die Neugeborenen fühlen sich nur Kopf nach unten wohl, was der Anatomie ihrer Beine geschuldet ist. Und geflogen wird nicht mit Flügeln, sondern mit den Händen. Geguckt mit den Ohren. Um die 1000 Exemplare in mehreren Kolonien fand der Fledermaus-Projektleiter Söder zuletzt beim jährlichen Zensus. Das ist eine ordentliche Zahl und doch relativ wenig im Vergleich zu Kolonien, die in Gebieten mit mehr Wald leben. In der Rhön beispielsweise kann eine einzige Schlafstatt schon 1000 Exemplare aufweisen, denn das Lieblingsfutter des Großen Mausohrs sind Laufkäfer aus dem Wald.

Größere Zusammenhänge in unserer „Mitwelt“

Am entgegengesetzten Ende der Größenskala befindet sich die Zwergfledermaus (Pipistrellus pi­pistrellus). Sie sind es auch, die bei den Fledermaus-Nächten am Dorfweiher in Hellmitzheim oder der Internationalen Batnight Ende August mit dem Detektor zu hören und wahrzunehmen sind. Mit dem Sehen ist es zwar so eine Sache in der Nacht und bei Fluggeschwindigkeiten von 30 – 50 Stundenkilometern. Aber im Flatterhaus in der Dorfmitte gibt es Anschauung und originale Geräuschkulissen. Es ist ein kleines, inter­aktiv aufgebautes Museum – tagsüber frei zugänglich – in einem historischen Bauernhaus, das gleichzeitig Bürgerhaus ist. Und bei den Kinderführungen hilft die kleine Stofffledermaus namens Hellmine Langohr aus. Im vierten Jahr läuft das Projekt nun und hat eine ungeahnte Resonanz entwickelt. Getragen und personell unterstützt vom Landesbund für Vogelschutz (LBV), ist auch der Landkreis Kitzingen eingestiegen, um seinem Ruf als Fledermaus-Land gerecht zu werden. Mehr als 30 Führungen haben die Erwartungen schon im ersten Jahr übertroffen. Zum anderen ist das Flatterhaus nur das Initial für das Naturgeflatter, für viel größere Zusammenhänge in unserer „Mitwelt“. Es ist für Söder der besser passende, den Menschen einschließende Begriff, anstatt von einer abstrakten „Umwelt“ zu sprechen. Von den Fledermäusen jedenfalls kommt man recht schnell zu den Nachtfaltern in den erstaunlichsten Farben und Arten, weiteren nachtaktiven Insekten sowie nächtlichen Blühpflanzen, Pfützen, Tümpeln und Weihern, an denen verschiedene Arten ihr Futter finden würden, wenn es denn welches gibt. So gut wie alle heimischen Fledermäuse sind auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten zu finden.

So kümmert sich der Initiator und Projektleiter des Flatterhauses als Fachberater für Fledermausschutz im Auftrag des Landesamtes für Umweltschutz auch um Gärten, Streuobstwiesen und die potentiellen Lebensräume von Fledermäusen, von der Ruine Speckfeld bei Markt Einersheim über Kirchtürme bis zu alten Kellern, die gerne als Quartier für die Winterruhe aufgesucht werden. Er berät, wie das Haus, das Dorf, die Landschaft fledermausfreundlich wird. Er bittet, die Schallfenster am Kirchturm nicht zu schließen und in der Wassertonne ein Brettchen als Rettungsfloß schwimmen zu lassen.

Sind genug Fledermäuse vorhanden, erübrigen sich Insekten-Klebefallen, an denen die Winzlinge hängen bleiben. So zart sind sie!

Die Fledermaus ist ein wahrhaft fabelhaftes Tier

Klassische Kulturfolger sind die Fledermäuse. Sie leben in enger Verbindung mit den Menschen – und halten uns unter anderem Mücken, Wickler, Wanzen und Spanner vom Hals. Auch die Weinberge werden abgesucht, von der Fransenfledermaus (Myotis nattereri), dem Braunen (Pelcotus auritus) und Grauen Langohr. Söder arbeitet gerade an der Kooperation der Winzer, um noch mehr Erkenntnisse zu bekommen. Denn genaugenommen wissen wir sehr wenig, sagt er. Sie brauchen Unterschlupf und Orientierung. Die vielgestaltige Kulturlandschaft am Maindreieck bietet sie. Greife, Katzen und Marder krallen sich gelegentlich die kleinen, dunklen Gestalten, ansonsten ist der Mensch mit Holzschutzmitteln, mit Insektiziden und Pestiziden sowie hermetisch geschlossenen Gebäuden ihr größtes Problem. Dem aktuell beklagten Verlust von Insekten wird nun logischer Weise auch ein Fledermaussterben folgen, erwartet Söder. Seine Nachweise zu Fundstellen und Populationen wird helfen, die Entwicklung einzuordnen. Die vor ca. 30 Jahren begonnene Kartierung zu Vorkommen im Landkreis Kitzingen weist inzwischen mehr als 2000 Fundstellen aus und hat wenigstens lokal begrenzt eine Datenlage erschlossen, mit der sich Veränderungen nachweisen lassen. Unvermutet groß ist vor allem der Artenreichtum: Von den 23 in Bayern nachgewiesenen Arten mit Wochenstuben sind 18 im Landkreis gefunden worden – exklusive der berühmten Exemplare am Grabmal der Familie Herold auf dem Alten Kitzinger Friedhof. Hier handelt es sich wohl eher um ein kulturgeschichtliches Phänomen. Es gibt diese reichlich und überwiegend okkulten Charakters. Die Fledermaus ist nicht zuletzt auch ein wahrhaft fabelhaftes Tier, das das Gruseln personifiziert und unsere Phantasiewelt enorm bereichert.

Tatsächlich vorhanden sind so exklusive Arten wie die Nymphenfledermaus (Myotis alcathoe), die Naturwälder mit alten Baumhöhlen braucht, wie sie im Kitzinger Klosterforst und dem Limpurger Forst noch in Resten zu finden sind. Die Nordfledermaus (Eptesicus nilssonii), eine mehr in Rhön und Steigerwald zu vermutende Glattnase, konnte in Obernbreit über die Genetik des Kots belegt werden. Mit wissenschaftlich gesicherten Daten läßt sich eben argumentieren, auch wenn kaum jemand die Flattertiere richtig sehen kann. So hat unlängst das hauseigene Langohr in quietschgelber Sommertracht dem leidenschaftlichen Lobbyisten verraten, daß es sein Futter an der Nachtkerze abgestaubt hat. Unter dem Elektronenmikroskop konnte der Pollen eindeutig zugeordnet werden. Solche Erkenntnisse treiben Söder um und führen zu neuen Aktionen, über deren Strahlkraft er dann manchmal erstaunt ist. So gibt es nun in Kooperation mit dem Landschaftspflegeverband Kitzingen eine Samenmischung aus des nächtens blühenden Wildblumensorten. Mit ihnen sollen Gärten für Nachtfalter und damit für Fledermäuse attraktiv werden. Und leider ist sie auch schon wieder vergriffen. Der Hortus nocte, der Garten für Nachtschwärmer in den Grabengärten von Mainbernheim, ein ebensolches Folgeprojekt, kann aber Anschauung liefern.

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