Ausgabe März / April 2021 | Kultur

Champagner, gleich aus der Flasche …

Wie eine Seilschaft die Kunst beflügelt. (Überarbeitete Version)

Text + Fotos: Wolf-Dietrich Weissbach

Zweifellos ist unsere Welt bis ins Innerste (Mesosphäre) verdorben. So mochte wache (woke) Zeitgenossen kaum noch verwundern, daß sich Mitte Fe­bruar über Nacht die Welt selbst bei Margetshöchheim (Lkr. Würzburg) mit einer Schicht Schimmel überzog. An den Rändern drängten grüne, gelbe, rote, schwarze Flecken aus dem samtigen Belag, der sich – news from heaven – dem Kenner allerdings schnell als Schnee enttarnte, einem in unseren Breiten exotischen Aggregatzustand bloßen (?) Wassers. So gegenherzig wollten die vermutlich längst entnervten Spender des Lichts wohl doch nicht sein, in dem Moment, in dem alles wieder gut zu werden „drohte“, strikt auf dem abgelaufenen Verfallsdatum zu bestehen.

Und es wird doch – sehen wir mal vom Virus ab – alles wieder gut? Trump golft; Putin jagt mit Elon Musk in der Taiga Ziegenmenschen; Duerte wird versehentlich von Drogenfahndern erschossen; Jaroslaw Kaczyński verläuft sich in einer Gravitationsschleife seines Landsmannes Stanislaw Lem und wird prompt von seiner Mutter abgetrieben; usw. usf.

Bei uns sieht es selbstredend nicht so rosig aus. Zwar wird Friedrich Merz endlich doch Bundeskanzler, muß aber aufgrund von haltlosen, unbewiesenen Korruptionsvorwürfen (angebliche China-Connection) gleich wieder zurücktreten. Im Verlauf der parlamentarischen Wirren kann die AfD nur noch durch den – mittels Volksentscheid abgesegneten – Anschluß Deutschlands an Österreich (Kanzler Kurz) an der Machtergreifung gehindert werden.

Das Unmöglichkeitstheorem

Matthias Braun in Randersacker
Kunst mit Witz? Die Arbeit von Matthias Braun in Randersacker ist vor allem intellektuell umstritten.

Die Stärken der Deutschen liegen ja selten im Politischen; mit geringfügigen Entgleisungen schon eher im Kulturellen. Und da führen nicht zuletzt die noch unter einer Kanzlerin und einem bayerischen König verabschiedeten Corona-Hilfspakete für die Künstlerschaft, etwa der Neustart Kultur mit seiner expliziten Ausrichtung auf die Digitalisierung (Stichworte: 3D-Druck, Augmented Photoshop), zu einer nicht für möglich gehaltenen Blüte der Kultur, vor allem der bildenden Künste. Der Boden war freilich bestens bereitet. Schon vor Jahrzehnten hatte die geistige Elite in ihren Verbänden Strukturen vorgezeichnet, die sich in Krisenzeiten erst so richtig bewähren sollten. Schauspieler, Musiker, Dichter, Denker, Künstler hatten als erste aus der verkorksten Geschichte gelernt. Endlich, möchte man anfügen. Schließlich hatte bereits der Aufklärer und Philosoph Marie Jean Antoine Nicolas Caritat, Marquis de Condorcet (1743-1794) herausgefunden, daß mit der Demokratie etwas grundsätzlich nicht stimmte. Allerdings war das sogenannte Condorcet-Paradoxon schnell wieder vergessen. Eigentlich, bis der amerikanische Ökonom Kenneth Arrow in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zum nahezu gleichen Ergebnis gelangte. Wie der Philosoph Amartya Sen in seinem – für einen Nobelpreis- und Friedenspreisträger natürlich angemessen – von der eigenen Güte und intellektuellen Bescheidenheit berauschten Werk „Die Idee der Gerechtigkeit“ (2009) ausführt, handele es sich bei Arrows Unmöglichkeitstheorem um (ich zitiere) „ein mathematisches Resultat von bemerkenswerter Eleganz und Überzeugungskraft; es demonstriert, daß kein Verfahren gesellschaftlicher Entscheidung, das – in Arrows plausibler Charakterisierung – als rational und demokratisch zu beschreiben wäre, alle Bedingungen gleichzeitig erfüllen kann, die von sozialen Entscheidungen eine vernünftige Sensibilität für die Wünsche der Mitglieder einer Gesellschaft verlangen – selbst wenn einige dieser Bedingungen sehr milde sind.“ Es scheint, „rationale demokratische Entscheidungen sind unausweichlich zum Scheitern verurteilt“. Oder, um es etwas sozialdemokratischer auszudrücken: Demokratische Willensbildungsprozesse generieren keineswegs zwangsläufig vernünftige und gerechte Ergebnisse.

Rotationsprinzip

Dierk Berthels Siegerarbeit „Apfel­hälften“
Gute Kunst regt zum Nachdenken an! Etwa: Was wäre der Welt erspart ge­blieben, wenn Eva den Apfel vom Baum der Erkenntnis gerecht geteilt hätte? Oder: Wie wäre der Trojanische Krieg ausgegangen, wenn Paris Hera und Athene je eine Hälfte des goldenen Apfels gegeben hätte. Fragen über Fragen, provoziert von Dierk Berthels Siegerarbeit „Apfel­hälften“ beim Kunstwettbewerb in Margetshöchheim.

Was nun ohne Aufenthalt in eine verdammt vertrackte Situation führt. Die gerne zur Schau gestellte Moralität westlicher Demokratien verlangt die Ächtung, die Mißbilligung oder gar Strafverfolgung von Korruption, Lobbyismus, Vetternwirtschaft, obwohl gerade dies ihren Bestand sichert und vorrangig dem Gemeinwohl dient. Man sollte strenggenommen von systemrelevanter Heuchelei sprechen. Ob auf kurzem Wege, Millionen deutsche Menschen mit Filtermasken versorgt werden müssen und dies eben dank der Vermittlung u.a. der Töchter von Franz-Josef Strauß und Gerold Tandler, wenn auch hochpreisig, ermöglicht werden kann oder ob in der Koalition von CDU und SPD Spitzenjobs bei Bahn, Bafin oder KfW an wirklich qualifizierte Persönlichkeiten zu vergeben sind, es geht darum, Berechenbarkeit und Verläßlichkeit zu wahren und damit dem Wählerwillen gerecht zu werden, auch wenn der eine oder andere persönlichen Vorteil daraus zieht. (Mandeville: „Private vices, public benefits.“) Vorrangig geht es auf jeden Fall um das Wohl aller.

In puncto Kunst und Kultur ist der Benefit aller zudem ein durch und durch geistiger. Will sagen: Vor allem in der moralisch ohnehin stabilen Provinz spielen finanzielle Erwägungen keine Rolle. Hier geht es wirklich einzig und allein um künstlerische Qualität, was sich am Berufsverband Bildender Künstler in Unterfranken beispielhaft aufzeigen läßt. Viele Jahre war die Leitung des BBK in den bewährten Händen des deshalb inzwischen auch in die Führung des Landesverbandes ausgewählten Bildhauers Dierk Berthel, dem es in Zusammenarbeit mit einigen Vertrauten, wie dem Architekturgestalter Matthias Braun und dem pensionierten Lehrer, Maler und Bildhauer Jürgen Hochmuth, gelungen ist, vor allem mittels Wettbewerben zur Kunst am Bau ein erstaunliches, künstlerisches Niveau regelrecht zum Markenzeichen der Region zu machen. Gelungen ist dies mit einem schwer zu beanstandenden Rotationsprinzip. Frei nach dem Schriftsteller Arno Schmidt darf man diesbezüglich feststellen: „Der Mensch kann die aller Täuschung entkleidete Wirklichkeit (sowieso) nicht ertragen.“ Mindestens einer des Trios in der jeweiligen Wettbewerbsjury spielt als ausgewiesener Experte seine Kompetenz und seinen Einfluß aus; der andere gewinnt dann den Wettbewerb und versa vice.

Künstlerische Qualitätssicherung

Architekturgestalter Matthias Braun
Der Architekturgestalter Matthias Braun

Ein solches Verfahren drängt sich geradezu auf, da etwa das Amt für Ländliche Entwicklung, die Bauämter der Bezirksregierungen, die Kommunen, statt umständlich Kunstwettbewerbe breit bekanntzumachen, der Einfachheit halber direkt an den Berufsverband herantreten und somit die übrigens gut bezahlten Juroren aus der Künstlerschaft eben BBK-Mitglieder sind. Es gilt folglich nur sicherzustellen, daß die ihrer Verantwortung gerecht werden und beispielsweise den beliebten Winzermännles einerseits oder allzu abstrakten Gebilden, die niemand versteht, den Garaus zu machen. Es ist dies vor allem natürlich eine Frage der Integrität, künstlerisch wie hautnah-persönlich. Speziell Berthel scheint diesbezüglich verzehrend mit sich zu ringen. Während seine Wettbewerbsarbeiten stets sehr volksnah, eingängig, auf Anhieb verständlich auftreten, gelingt es dem Künstler in seinen freien Arbeiten, wie sie sich in diversen Ausstellungen präsentieren, bislang nicht, eine ebenso sinnausweisende Formensprache zu entwickeln. Ganz offensichtlich fehlt dem begabten Bildhauer auf der freien Wildbahn ein zähmendes Korrektiv, eine regulative Idee, wie dies in einer marktwirtschaftlich eingerichteten Welt pekuniäre Verheißungen notwendig sein müssen. Merkte man dem Schaffen Berthels dieses „verzehrende Ringen“ um den rechten künstlerischen Ausdruck jedoch nicht an, müßte man bei seinen Arbeiten, sei es nach der einen oder der anderen Seite, von kultureller Verschmutzung, von Fake Art sprechen, da es dann entweder den Muschelkalkschäfchen oder den abstraktisierenden Konfigurationen an künstlerischer Stimmigkeit und Glaubwürdigkeit gebräche.  Das – natürlich aufs Fränkische heruntergebrochene – dreimal-größte (trismegistos) Künstler-Trio um Berthel, Braun, Hochmuth geht dennoch den schweren Weg, sich immer wieder neu zu erfinden und wieder infrage zu stellen und sich so den Anforderungen der Öffentlichkeit behutsam anzuschmiegen. Und dies in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich. Das vorerst letzte Beispiel gelungener, künstlerischer Qualitätssicherung wird in naher Zukunft in Margetshöchheim am Main zu bewundern sein.

Dierk Berthel, 2012
Dierk Berthel, 2012 als man ihm auch noch eine Karriere als Gitarrist zutrauen konnte.

Den entsprechenden Wettbewerb aus dem vergangenen Jahr gewann mit einem 1. Preis (es wurden allerdings noch zwei weitere erste Preise vergeben) Dierk Berthel (siehe Bild vom Modell „Apfelhälften“), in der Jury Matthias Braun und Jürgen Hochmuth (Juryvorsitz). Weitere Beispiele? Wettbewerb Dettelbach 2019: 1. Preis Matthias Braun, in der Jury Dierk Berthel (Vorsitz), Jürgen Hochmuth; Gemeinschaftsausstellung „Bildhauerei heute – Triennale IV. Fokus Franken“ in der Kunsthalle Schweinfurt, 2018, in der Jury und zugleich in der Ausstellung: Dierk Berthel; zu den weiteren Erfolgen Berthels zählen ein Denkmal für drei Lämmer (Bild) in Wiesenfeld bei Lohr am Main 2017; 2015 in Gauaschach mit einem Denkmal für vier Milchkannen (Bild). Feine Kunst umgarnt die Mainmetropole: 2012 Markt Höchberg bei Würzburg, 1. Preis Matthias Braun, in der Jury Dierk Berthel und Jürgen Hochmuth; 2013 Brunnen für den Marktplatz in Randersacker am Main, 1. Preis Matthias Braun, in der Jury Dierk Berthel; 2013 Wettbewerb Thüngersheim, Georg Anton Urlaub-Grundschule, 1. Preis Matthias Braun, in der Jury Dierk Berthel. Sieht man sich die Liste ihrer Wettbewerbserfolge (die sich vermutlich noch ergänzen ließe) und die entsprechenden Arbeiten an, wird klar, daß Matthias Braun und Dierk Berthel ganz offensichtlich den Ruf der unterfränkischen Bildhauerkunst maßgeblich prägen. Daß beide nun nach höheren Weihen trachten und sich neuerdings bayernweit engagieren, ist nur konsequent und wird uns gewiß noch viele bezaubernde Kunstwerke, seien es drei Lämmchen, vier Milchkannen mit einer Gans oder eine Badewanne für Baltasar, bescheren. Da ist noch viel Musik drin. Weiterer Künstler, selbst guter, bedarf es eigentlich nicht.

Berthels Arbeiten sind eingängig
Berthels Arbeiten sind eingängig, klar, verständlich, keineswegs intellektuell verquast; das gilt jedenfalls für die Arbeiten, die er im ländlichen Raum präsentiert. In seinen Ausstellungen gelingt es ihm bisher nicht, an seinen erfolgreichen Arbeiten wie etwa den Milchkannen in Gauaschach anzuknüpfen.

 

Thomas Reuter, verdammt echt aussehende Raben an einer Mauer
Gewonnen hatte den Wettbewerb der Gemeinde Höchberg 2012 der Architekturgestalter Matthias Braun, realisiert wurde jedoch der Wettbewerbsbeitrag von Thomas Reuter, verdammt echt aussehende Raben an einer Mauer. Reuter war vor Dierk Berthel bis 2011 BBK-Vorsitzender in Unterfranken.

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