Ausgabe November / Dezember 2015 | Frankens Städtepartner

Auf den Spuren Unamunos

Seit 35 Jahren besteht die Städtepartnerschaft zwischen dem fränkischen Würzburg und dem spanischen Salamanca. Mit einer Bürgerreise versuchte der Würzburger Oberbürgermeister Christian Schuchardt im September 2015 der Verbindung wieder Leben einzuhauchen.

Text + Fotos: Wolf-Dietrich Weissbach
Für Bibliophile ein Traum! Für Touristen ist der historische Bibliothekssaal der Universität Salamanca allerdings nicht zugänglich.

Es irritiert: Das Wahrzeichen von Würzburgs wunderschöner, spanischer Partnerstadt ist ein aus vorchristlicher Zeit stammendes, seit dem Mittelalter kopfloses, steinernes Viech (Verraco) an der von den Römern unter Kaiser Trajan errichteten Brücke über den Tormes, bei dem sich die City-Biographen mit den Stadthistorikern nicht einmal einigen können, ob sie es als Eber oder Stier verkaufen sollen. Die keltische Provenienz – seit dem 6. Jh. v.Chr. hatten sich auf dem altkastilischen Hochflächen um das spätere Salamanca die Ackerbau betreibenden, keltischen Volksstämme der Vettonen und Vaccäe niedergelassen – spräche wohl für den Eber; die spanische Volksseele aber verneigt sich lieber vor dem Stier.

So war das mit der Verkehrsinsel freilich nicht gemeint, obwohl … Etwas außerhalb der Stadt werden auf einer Farm die Stiere für die Arena trainiert. Kann man besuchen!

Hier muß die Arena in der Nähe sein.

Den gibt es unmißverständlich an Bronze gebunden auf einer Verkehrsinsel am anderen Ende der Stadt. Unweit der Stierkampfarena, mitsamt seinen Tötern (Matador auf Deutsch) – versteht sich. Und  es gibt ihn, wiederum nicht weit davon, vor der Zentrale des Roten Kreuzes, aus Kunststoff, lebensgroß in Sanitäterkluft, einen Rollstuhl schiebend.

Das Wahrzeichen von Würzburgs wunderschöner, spanischer Partnerstadt ist ein aus vorchristlicher Zeit stammendes, seit dem Mittelalter kopfloses, steinernes Viech (Verraco).

Die Römerbrücke bei Tag.

Das bezeugt Sinn für Humor, wenn nicht gar für Satire. Auch neben der besagten Römerbrücke steht eine Skulptur, die das nahelegt. Das Werk des Bildhauers Agustin Casillas zeigt den Protagonisten des 1552 anonym erschienenen Schelmenromans Lazarillo de Tormes („Das Leben des kleinen Lazarus vom Tormes: und von seinen Geschicken und Widrigkeiten“ / Reclam, 2007) in Begleitung eines Blinden. In dem Roman, der den „Aufstieg“  des Lázaro aus ärmlichsten Verhältnissen in der  Universitätsstadt Salamanca zum „respektablen“ Posten eines städtischen Ausrufers in der damaligen spanischen Hauptstadt Toledo – wobei er allerdings seine Ehre verliert – erzählt, spielen Brücke und Verraco eine kleine Rolle. (Figurative Bronzeskulpturen von einigen wenigen Bildhauern, oft neueren Datums, stehen in Salamanca bis in die Außenbezirke übrigens unübersehbar viele.)

Einer der schönsten Stadtplätze Spaniens

Die Römerbrücke ist jedenfalls ein hervorragender Ausgangspunkt für einen Stadtrundgang. Vom Tormesufer aus hat man einen herrlichen Blick auf die beiden Kathedralen und die historische Altstadt, die 1988 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde – seit der Romantik des 12. Jh. bis zur Moderne sind alle in Spanien anzutreffenden Baustile in Salamanca traut vereint. Vor allem in der Abendsonne ist der Anblick, den die Stadt, das Zentrum der Gelehrsamkeit bietet, überwältigend. Der salmantinische Sandstein aus Villamayor, aus dem nahezu alle historischen Gebäude der Stadt errichtet sind, leuchtet dann rotgolden. Allerdings muß man, um in die Altstadt zu gelangen, sich erst etwas nach oben arbeiten. In den Gassen direkt über dem Fluß herrscht zwar kaum Autoverkehr, aber sie sind steil.

Der Plaza Mayor, dem zentralen Platz der Stadt mit dem Rathaus. Er gilt als einer der schönsten Stadtplätze Spaniens.

Verlaufen kann man sich in Salamanca jedoch nicht; alle größeren Straßen führen mehr oder minder direkt ins Zentrum und damit von einer Sehenswürdigkeit zur anderen und natürlich immer zur Plaza Mayor, dem zentralen Platz der Stadt mit dem Rathaus. Er gilt als einer der schönsten Stadtplätze Spaniens. Rund 4400 Quadratmeter, viereckig und umgeben von dreistöckigen Fassadenfronten über Arkadengängen. Angeblich seien in früheren Tagen die jungen Mädchen im Uhrzeigersinn und die jungen Männer entgegengesetzt unter den Bögen herumspaziert, wobei es immer für einige Momente zu den gewünschten Begegnungen kam. Heute ist dies nicht mehr notwendig – man begegnet sich auf Facebook. Gleichwohl scheint die Plaza Mayor vor jungen Leuten geradezu überzuquellen.

Die Römerbrücke bei Nacht.

Der Mitte des 18. Jh. (weitgehend) fertiggestellte Platz ist nach wie vor der Treffpunkt Salamancas schlechthin. Für Einheimische jeden Alters, für Studenten und Touristen. Dafür war er auch gedacht. Der Architekt Alberto Churriguera (1676-1750) wollte einen Platz für die Bürger schaffen, auf dem sich alle unabhängig von sozialer Stellung begegnen konnten. Bis ins 19. Jh. fanden auf der Plaza Mayor natürlich auch Stierkämpfe statt. Heute trinkt man hier seinen Kaffee, beobachtet das bunte Treiben oder geht gleich ins Café Novelty um mit Gonzalo Torrente Ballester (1910-1999) über seinen Don-Juan-Roman zu diskutieren. Der spanische Schriftsteller sitzt nämlich immer noch in seinem Lieblingscafé herum und läßt sich inspirieren – allerdings in Bronze. Oder man bewundert einen Stadtreiniger mit seinem Leichtkehrgutaufsitzsauger, der unermüdlich um die Plaza Mayor kurvt, um Papierabfall, Zigarettenkippen, alles, was in einer Stadt einfach weggeworfen wird, aufzusaugen (Der Würzburger OB war von dieser Maschine richtig begeistert.).  Man läßt sich von der traditionellen, spanischen Musik uniformierter Studentengruppen mitreißen oder man findet gar unter den an den Arkadenbögen angehefteten Medaillons das Konterfei des Diktators Francisco Franco, der in den 1930er Jahren sein Hauptquartier in Salamanca eingerichtet hatte.

Allegorie auf die Ausschweifung

Demungeachtet wird man als Besucher schnell vom Charme und vom großstädtischen Flair der altberühmten Universitätsstadt eingefangen. Im Gegensatz zu Würzburg (ca. 125 000 Einw.), mit dem seit 1980 auf Betreiben des damaligen Würzburger Uni-Präsidenten Theodor Berchem eine Partnerschaft besteht und das durchaus in vielerlei Hinsicht mit der Provinzhauptstadt Salamanca in der autonomen Region Kastilien-León vergleichbar ist, ist Salamanca (ca. 145 000 Einw.) tatsächlich eine (kleine) Großstadt – Würzburg eher eine große Kleinstadt. Die Universität der Stadt, deren Dozenten Seminare offensichtlich nicht selten sogar in Straßencafés abhalten, ist dem Image dabei gewiß zuträglich. Zählt die 1208 als „Estudio General“ von Alfonso IX. gegründete Universität inzwischen doch selbst wieder zu den beliebtesten ganz Europas. Eine der ältesten, nach Bologna und Paris, ist sie ohnehin. Allein die Bibliothek und natürlich der ursprünglich gotische, 1749 umgestaltete, historische Bibliothekssaal, dessen Schränke ca. 40000 Bücher und etwa 3500 Handschriften beinhalten – was Touristen allerdings nur durch eine verglaste Tür bestaunen dürfen -, ist eine Reise wert. Das Gebäude wurde zwischen 1415 und 1433 errichtet, die berühmte, platereske (spätgotischer, spanischer Baustil) Hausfassade wurde jedoch erst 1534 angefügt. Über den beiden Eingangstüren reihen sich auf drei, von Pilastern unterbrochenen Feldern aufs feinste ausgeführte Steinmetzarbeiten. Am rechten Pilaster im ersten Feld sitzt auf einem Totenkopf ein Frosch, eine Allegorie auf die Ausschweifung. Touristen „haben“ Glück, wenn sie ihn selbst entdecken.

Der platereske Stil in Perfektion ist am Eingangstor der Iniversität von Salamanca zu bewundern ...
... und hier kann man auch den Frosch auf dem Totenkopf entdecken, die Allegorie auf die Ausschweifung.
Miguel de Unamuno (1864-1936)

Der Fassade gegenüber befindet sich der Patio de las Escuelas, ein rechteckiger Platz in dessen Mitte das Standbild des Augustinermönchs Fray Luis de León (1527–1591) steht. Wie der bei uns bekanntere Apostel der Indianer, der Dominikaner Bartolomé de Las Casas (1484–1566) in den spanischen Kolonien, hat sich auch Luis de León als Theologe an der Universität von Salamanca für die Menschenrechte der Indios eingesetzt. Er gehört zu den herausragenden Persönlichkeiten, die in Salamanca studierten oder lehrten. Darunter Miguel de Cervantes (1547–1616), der Schöpfer des Don Quichotte, und sein großer Bewunderer, der bei uns inzwischen wieder weitgehend vergessene Miguel de Unamuno (1864–1936), der in den 1920er Jahren in Deutschland beispielsweise von Thomas und Heinrich Mann sehr geschätzt wurde; und ebenfalls darunter der peruanisch-spanische Schriftsteller und Nobelpreisträger Jorge Mario Pedro Vargas Llosa, der im September 2015 mit der Ehrendoktorwürde der Universität Salamanca geehrt wurde – wie übrigens auch schon Hans-Dietrich Genscher.

Der in Bilbao geborene Miguel de Unamuno, Professor für Altgriechisch, Rektor der Universität Salamanca und europaweit bedeutender Dichterphilosoph ist übrigens eine der schillerndsten Gestalten der spanischen Geistesgeschichte. In seinen Werken (Romane wie „Nebel“, Essays wie „Plädoyer des Müßiggangs“ oder „Wie man einen Roman macht“, Theaterstücke, Gedichte) beschreibt er die Widersprüchlichkeit der menschlichen Existenz, was Unamuno selbst auch geradezu mustergültig verkörperte, in dem er sich beispielsweise der Eindeutigkeit politischer Strömungen widersetzte. Die Rechten sahen in ihm einen sozialistischen Hitzkopf, die Linken und Anarchisten (zu seiner Lebzeit in Spanien sehr stark) warfen ihm Mystizismus vor. Bewußtsein und Handeln war ihm eins, weshalb er sich stets in das politische Geschehen einmischte, was ihm Verbannung, Exil, Amtsenthebungen einbrachte. So wurde er 1924 wegen seiner Kritik an der präfaschistischen Diktatur von Primo des Rivera nach Fuerteventura verbannt, von wo er nach Paris floh.

Das Kloster San Esteban.

Nach Riveras Ablösung erfolgt 1930 Unamunos Rückruf an die Universität und die Wiedereinsetzung in sein Amt. Er verlor es jedoch erneut, als er kurz nach dem Beginn des spanischen Bürgerkriegs 1936 engste Vertraute Francos verärgerte, da ihm klar geworden war, daß es Franco um den Erhalt der Monarchie ging. Am 31. Dezember 1936 starb Miguel de Unamuno und es blieb ihm erspart, mitzuerleben, daß General Franco für 40 Jahre eine brutale Diktatur einführte, die nicht nur – dank Neutralität wie im Ersten Weltkrieg – den Zweiten Weltkrieg überstand, sondern vor allem Machtstrukturen aus Adel, Klerus und Großgrundbesitz derart festigte, daß sie nach Ansicht der neuen politischen Kraft in Spanien, PODEMOS, noch im heutigen, demokratischen Spanien wirksam sind.

Eine schöne Geste

Origineller Schrott – zu Luft und auf der Erde am Stadtrand von Salamanca.

Von all dem merkt der auf Städtepartnerschaft gestimmte Teilnehmer einer Bürgerreise aus Würzburg eher nichts. Allenfalls berichtet der oder die ReiseführerIn, daß sich um die Stadt westlich des kastilischen Scheidegebirges schon Hannibal, die Römer, die Westgoten, die Mauren, Bourbonen, Habsburger, Nationalisten, Anarchisten, Rechte und Linke geprügelt haben, vom Platzen der Immobilienblase 2008 ist jedoch nie wirklich die Rede. Und man sieht auch nichts von Wirtschaftskrise oder hoher Arbeitslosigkeit. Man müßte in Außenbezirke um die Rohbauten von Reihenhäusern zu sehen, die Straßen, Bushaltestellen, Spielplätze, Straßenbeleuchtung von Stadtvierteln zu entdecken, die vermutlich nie gebaut werden. In der Stadt selbst aber stürzen die Häuser nicht ein. Im Gegenteil, es wird gebaut, eine neue Klinik zum Beispiel. Der Bauwahn in den 1990ern wie schließlich die Krise haben der Stadt ganz offensichtlich nicht geschadet. Ob die Absicht des Würzburger Oberbürgermeisters Christian Schuchardt, die in den Jahren etwas eingeschlafene Städtepartnerschaft mit Salamanca zu beleben, aufgeht, bleibt natürlich abzuwarten.

Vor allem die sakralen Bauwerke in Salamanca verschlagen einem den Atem.

Regularien einer Städtepartnerschaft. Würzburgs OB Christian Schuchardt und sein Amtskollege, der Alcalde Alfonso Fernández Manueco.

Die rund vierzig Würzburger Bürger wurden vom Alcalde, Alfonso Fernández Mañueco, freundlich, nicht überschwenglich, im Rathaus empfangen. Der Würzburger OB trug sich ins Goldene Buch ein und wurde mit Titeln bedacht, die so ehrenvoll-historisch sind, daß niemand mehr recht wußte, was sie eigentlich bedeuten. Aber es war eine schöne Geste. Dann zogen sich die beiden Stadtväter zu einem Gedankenaustausch im kleinen Kreis zurück.

Schüler der Würzburger Sing- und Musikschule bei ihrem gemeinsamen Konzert mit Studenten des Conservatorio Profesional de Musica de Salamanca auf der Plaza Major.

Schließlich gab es noch am Tag vor der Rückreise das Konzert, das Schüler der Sing- und Musikschule Würzburg mit Studenten des Conservatorio Profesional de Música de Salamanca unter ihren Leitern Christoph Reuter und Sergio Fuentes eingeübt hatten, das mehr offizielle Zuhörer aus Salamanca verdient hätte.

Und da wären noch die Tapas in der Bar Casa Paca an der Plaza del Peso in Salamanca unbedingt zu empfehlen.

Für das spanische Edel-Fastfood (Tapas) ein bestens bekannter Geheimtip: die Bar Casa Paca. Allerdings braucht man Glück, um einen Platz zu bekommen.

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