Ausgabe September / Oktober 2022 | Natur & Umwelt

Wertvolle Hecken, ­wundervolles Gestrüpp

Hecken prägen Kulturlandschaften, sorgen für Wohlbefinden beim Betrachter, sind Refugium für bedrohte Tier- und Pflanzenarten – und wirksame Klimaschützer. Das hat der Agrarwissenschaftler Dr. Axel Don vom Thünen-Institut Braunschweig mit seinem Team im Rahmen des Projekts CarboHedge herausgefunden. 

Text: Sabine Haubner | Fotos: Wolf-Dietrich Weissbach

Hecken – für viele sind sie einfach nur lineare Landschaftselemente oder Gestrüpp. Landwirte empfinden sie oft als lästig, andere wiederum schätzen Hecken so sehr wie die Briten, die sie als Teil ihrer nationalen Identität betrachten: Ohne das malerische Netz aus dornenbewehrten Grünstreifen wäre die Insellandschaft nicht das, was sie ist. Welch prägende Beziehung sie zu Hecken hat, ist der Autorin erst beim Schreiben bewusstgeworden. Haus und Garten ihrer Kindheit sind ganz umhegt. Zwei Seiten begrenzen Blühsträucher und Einzelbäume, nach Süden gibt eine niedrige Ligusterhecke den Blick frei über das tief unten liegende Saaletal. Auf dem Kamm des Hanggrundstücks wuchert eine Naturhecke: wild gewachsenes Dickicht aus Schlehdorn, Holunder, Zwetschgenbäumen und Heckenrosen. Im Frühling ist es von einem weißen, honigsüßen Blütenschnee überzogen und Nachtigallen verströmen ihren Gesang in die laue Nacht.

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Strenggenommen kann man Hecken gar nicht richtig ernstnehmen. Kaum mehr als pubertäre Sträucher wachsen sie zwar vielleicht in die richtige Richtung, aber solange man sie bloß in der Blüte bewundert oder im Herbst nur die Hagebutten oder die Schlehen zupft, hat die Hecke – so wertvoll sie nicht zuletzt für unser Klima sein mag – ihren eigentlichen Sinn noch immer verfehlt.

Hecken haben zweifellos eine ästhetische und emotionale Wirkung – und können noch viel mehr. „Sie sind das Multifunktionalste, was man sich vorstellen kann“, weiß Dr. Axel Don vom Thünen-Institut für Agrarklimaforschung in Braunschweig. Sie schützen Ackerböden vor Winderosion, haben eine kühlende Wirkung – wertvoll in den Dürresommern der Klimakrise – und sind Lebensraum vieler wichtiger Tier- und Pflanzenarten. Der Geoökologe hat nun eine bislang vernachlässigte Funktion in den Fokus gerückt: Hecken sind auch aktive Klimaschützer. Der Wissenschaftler und seine Institutskolleginnen sind auf der Suche nach mehr Nachhaltigkeit und Klimaverträglichkeit in Land- und Forstwirtschaft an den Hecken hängengeblieben. „Wir haben festgestellt, daß sie effektiv Treibhausgase reduzieren.“ Seine Ausgangsfrage war: „Was hat die Hecke für eine Treibhausgasbilanz?“ Dazu habe es keine vernünftigen Untersuchungen gegeben, schon gar nicht zu Wurzeln und Humus.

Effektiver Kohlenstoffspeicher

In dieses Neuland gruben sich Axel Don und sein Team in den vergangenen eineinhalb Jahren buchstäblich ein. Ihr Projekt tauften sie CarboHedge, eine Wortschöpfung für die Hecke als Kohlenstoffspeicher. Zu Beginn erstellten sie eine Literaturstudie zu den bisherigen Studienergebnissen, dann starteten sie ihre eigenen Untersuchungen zur unterirdischen CO2-Speicherung. Die angehenden Heckenforscher wählten 22 Hecken an 20 Standorte über ganz Deutschland verteilt aus, von Bayern bis Schleswig-Holstein, darunter auch drei in Franken. „Wir wollten die ganze Vielfalt erfassen, was nur annähernd gelingen kann“, erklärt Don. Sie nahmen sich Hecken in unterschiedlichen Klimaregionen und auf verschiedenen Böden – von sandig-leicht bis lehmig-schwer – vor. Auch die Altersstruktur spielt eine Rolle. Die Bandbreite geht von jungen 15jährigen Hecken bis zu alten Knicks in Schleswig-Holstein. Diese Wallhecken können schon mal 300 Jahre auf dem Stock haben. Bei solchen historischen Exemplaren gebe es zwar keinen Zuwachs an Biomasse mehr, erklärt Sophie Drexler, „aber sie müssen dennoch erhalten werden, sonst geht das gebundene CO2 verloren“. Für den Klimaschutz relevant sind Neupflanzungen: Durch sie kann CO2 gebunden werden. Etwa 20 bis 30 Jahre wachsen Hecken auf. In dieser Zeitspanne binden sie ständig CO2, danach gibt es keinen Zuwachs mehr.

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Die Hecke stellt im europäischen Volksglauben eine Zwischenwelt, den Übergang von „kultiviertem Land“ zum Unheimlichen dar. „Heckensitzerinnen“, wie alte Frauen hier genannt wurden, besaßen die Macht, in der Hecke und über diese hinaus zu sein und Verbindung mit der „Anderswelt“ herzustellen.

Drosten des Humus

Projektleiter Don und sein Team konzentrierten sich auf Wurzelwerk und Humus. Dieser besteht zur Hälfte aus CO2, so der Agrarwissenschaftler. Ein ansehnlicher Speicher, was man so eigentlich nicht erwarten würde. Für Don aber keine Überraschung: Die Erforschung des Humus in der Landwirtschaft und dessen Rolle für den Klimaschutz sind schließlich sein Spezialgebiet und er wurde schon als ‚Drosten des Humus‘ bezeichnet. 

Die Klimawirkung ist auch abhängig von der Bodenzusammensetzung. „Je toniger, desto mehr CO2 ist im Boden gespeichert“, weiß Sophie Drexler. Auf tonigem Lehm steht etwa eine Hecke in Merkershausen bei Bad Königshofen (Unterfranken), die von Sträuchern wie Holunder, Schlehe und Wolligem Schneeball dominiert wird. Als 15jährige gehört sie wie eine andere fränkische Hecke in der Ackerflur von Leidendorf (Mittelfranken) zu den jungen Exemplaren.

Mit drei von 22 Hecken ist Franken überproportional vertreten. „Dort gibt es durchaus mehr Hecken als in anderen Gegenden“, bestätigt Sophie Drexler. Aber längst nicht so viele wie in Schleswig-Holstein, das mit 46 000 Kilometer Deutschlands größten Bestand an lebenden Zäunen präsentiert. Die fränkische Auswahl im Projekt CarboHedge ist dem Engagement der örtlichen Landschaftspflegeverbände zu verdanken, über die Drexler an die Hecken kam.

Mammutaufgabe mit Potenzial

Projektleiter Don kann schon jetzt überraschende Ergebnisse liefern: „Hecken erzeugen genauso viel CO2-bindende Biomasse pro Hektar wie der Wald.“ Das liegt offenbar an den fein verästelten und dicht verwobenen Ästen und Zweigen und den guten Wuchsbedingungen in der Agrarlandschaft. 

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Dichtes Dornenineinander – Traumabwehr für schlafende Königstöchter und aktiver Klimaschützer.

Die Menge der Biomasse ist auch abhängig von der Zusammensetzung. Bäume im Verbund bedeuten, die Hecke bildet mehr davon. Aber auch die Arten bieten unterschiedliche Parameter, etwa die Hasel. „Wir haben entdeckt, daß sie unheimlich massive Wurzelstöcke hat, die wir für unsere Untersuchungen nur mit Hilfe eines Baggers ausgraben konnten.“ Für die Bodenproben im Heckenbereich mußte das CarboHedge-Team mit schwerem Gerät anrücken und die Metallzylinder einen Meter tief in den Boden hämmern. „Mitten in einer Brombeer- oder Schlehenhecke ist das alles andere als angenehm“, betont Don. 

Eine Plackerei, der weitere folgten. „Gestern haben wir gefeiert, weil alle 3 934 Bodenproben getrocknet und gesiebt waren“, verrät Don. Das nächste halbe Jahr ist der ebenfalls sehr aufwendigen Analyse gewidmet.

„Wir sehen jetzt schon ein Riesenpotenzial.“ Eine auf Ackerland neu angepflanzte Hecke von 720 Meter Länge könne langfristig die gesamten Treibhausgasemissionen kompensieren, die ein Durchschnittsdeutscher innerhalb von zehn Jahren emittiert, so Don. Die Projektergebnisse werden nach Auswertung der Datensätze in Empfehlungen an Besitzer landwirtschaftlicher Flächen und zuständige Behörden einfließen. Derzeit nähmen Hecken mit rund 50 000 Hektar circa 0,2 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche ein. Wieviel Hecke hätte denn Deutschland nötig? „Verdoppeln wär‘ schon mal gut. Dann hätten wir zumindest die Menge, die vor der Flurbereinigung dawar.“

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Wildes Astgewirr in Ufernähe. Das Natur­ornament trägt schimmernden Moospel. Ausgesprochen edel.

Buschwerk auf Befehl

Die Intensivierung in der Landwirtschaft zerstörte zwischen 1953 und 1976 großflächig Heckennetze, die bis dahin jahrhundertlang die Kulturlandschaft prägten. Die sprichwörtliche englische Empfehlung “Love your neighbour, but pull not down your hedge” hätte solches verboten. Sie verweist auf den Ursprung der malerischen Gehölzstrukturen. Die klare und bewehrte Abgrenzung des Eigentums zu dem des Nachbarn verhinderte Begehrlichkeiten. Solche lebenden Zäune wurden im 18. Jahrhundert von den Landesherren angeordnet. In Schleswig-Holstein etwa befahl 1766 der dänische König Christian VI. jedem Bauern, seine Ländereien zur Besitzabgrenzung dauerhaft mit lebendigem Buschwerk statt mit Holzzäunen einzukoppeln. Das Hauptmotiv war Holzeinsparung. 

In Gegenden mit wenig wertvollem Boden oder mühsam zu bearbeitenden Lagen blieben die Heckennetze erhalten, wie etwa in der Rhön. „Im Bischofsheimer Ortsteil Unterweißenbrunn haben wir eine extrem hohe Dichte von Hecken auf Grundstücksgrenzen“, ist von Dieter Weisenburger von der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Rhön-Grabfeld zu erfahren. Es ist eines der heckenreichsten Gebiete Bayerns. Die fruchtbare Beckenlandschaft des Grabfeldes hingegen wurde vieler Hecken beraubt.

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Der Flügelflagel gausert
Durchs Wirawaruwolz,
Die rote Fingur plausert
Und grausig gutzt der Golz.
(Christian Morgenstern)
… vielleicht sind es auch nur Hagebutten.

Heckenparadies

Ähnlich ist die Lage im unterfränkischen Landkreis Haßberge. „Unser Hecken-Schwerpunktgebiet ist am Haßbergtrauf“, erklärt Claus Haubensack von der Unteren Naturschutzbehörde am Landratsamt Haßberge. „Da ist die Landschaft sehr hügelig und nicht so gut zu bewirtschaften.“ Im fruchtbaren Maintal und im Hofheimer Becken jedoch seien viele Hecken in den 50er und 60er Jahren verschwunden. 

Otto Elsner, Gebietsbetreuer beim BUND Bayern Haßberge und Biologe, lebt am Haßbergtrauf. Der Fachmann für Botanik kennt sich bestens aus mit der Artenzusammensetzung der Hecken. In der wärmebegünstigten Landschaft bilden Schlehen, Wildrosen, Hartriegel und Weißdorn die malerischen Dickichtstreifen. „Manchmal sind sie auch mit Schleierpflanzen überzogen, etwa mit der Weinrebe oder – da hätt‘ ich noch was extrem Seltenes – der Weißen Zaunrübe.“ Elsner schwärmt weiter, von der Deutschen Mispel. „Sie ist ein Relikt aus der Zeit vor der Züchtung größerer Obstsorten.“ Unseren Vorfahren dienten die Gehölzstreifen also auch als Nahrungsquelle – und als Holzlieferant. Elsner weiß, daß das Reisig, das beim Stockhieb anfiel, in den Haßbergdörfern zum Anzünden der Brotbacköfen verwendet wurde. Ein Loblied der Hecke stimmt Niels Baumann, Geschäftsführer des Landschaftspflegeverbandes Würzburg (LPV), an. Er bezeichnet sie als „doppelten Waldrand“, denn sie biete auf zwei Seiten Saumstruktur, welche sie als Lebensraum und Vernetzungsstruktur innerhalb intensiv genutzter Flächen so wertvoll mache. „Sie ist der entscheidende Rückzugsraum der Arten, das fängt bei den Insekten an und hört beim Niederwild auf.“

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Der Rote Hartriegel spielt nicht nur als geschickter Weber dichter Hecken eine wertvolle ökologische Rolle – mit seinem kräftigen Rot ist er im tristen Winter ein Hingucker.

Attraktiver fördern

Der LPV fungiert als Bindeglied zwischen den Akteuren im Naturschutz – Landwirten, Grundbesitzern, Kommunen und Behörden – und koordiniert die Pflege der mainfränkischen Kulturlandschaft. Eine seiner Aufgaben ist die Beratung zu Fördermitteln. Baumann weiß, daß die für Hecken maßgeblichen Töpfe, etwa die Landschaftspflege- und Naturpark-Richtlinien (LNPR), derzeit für Landwirte nicht attraktiv genug sind, um sie zu Neuanlagen zu animieren. „Man muß schauen, daß man die Fördersätze so gestaltet, daß der Erlös aus der Heckennutzung dem aus der landwirtschaftlichen Produktion entspricht“, so Baumanns Vorschlag. 

Axel Don ist optimistisch, was die Zukunft der Hecken anbelangt. „Mit dem Klimaschutzaspekt werden sie einen neuen Stellenwert bekommen.“ Etwa zur Kompensation klimaschädlicher Emissionen aus der Landwirtschaft. Da ist der Gesetzgeber gefragt – und der könnte sich an der Geschichte inspirieren. Schließlich wurden Hecken schon früher angelegt, wenn der Befehl von oben kam.

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Es war nicht etwa der Lattenzaun, der dem Gestrüpp seine Bedeutung als lebender Zaun nahm, sondern der Stacheldraht, der 1873 in den USA erfunden wurde.

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