Ausgabe Januar / Februar 2010 | Kultur

Verführerische Selbsterfahrung

Im Burlesque-Tanz verwirklicht Brittina Krech ihre Kindheitsträume – im Alltag ist „Sweet Chili“ Sekretärin.

Text: Andrea Himmelstoß | Fotos: Wolf-Dietrich Weissbach
Sweet Chili

Wie es angefangen hat? Ach, als Zehnjährige habe ich zur Whitney Houston-Platte mitgezappelt, dann kam Dirty Dancing. Aber ich habe das erst einmal eine Weile mit mir herumgetragen, bevor die Leidenschaft für das Tanzen so richtig ausbrach.“ Heute tanzt Brittina Krech. Wann immer sie dazu kommt. Und auch auf der Bühne. Sie ist in den unterschiedlichsten Tanzkulturen zu Hause, liebt einen ausdrucksstarken Tango ebenso wie pulsierenden Salsa und hat doch eine Vorliebe: Burlesque – die große Kunst der lasziven Verführung.

Den Tanz als Leidenschaft und Mission

Doch nach den heimischen Tanzversuchen ging es erst einmal in die Disko. Die Bühne mußte auf Brittina Krech alias Sweet Chili noch warten. „Damals habe ich schon gemerkt, daß die anderen eher losgingen, um neue Menschen kennenzulernen. Aber ich wollte immer nur das eine: tanzen.“ Und nebenbei gab es noch das ganz normale Leben. Brittina Krech wurde an der Ostsee geboren und kam 1989 mit ihren Eltern in den Westen. Eigentlich war Stuttgart das Ziel der Übersiedler, doch das Auto ging unterwegs kaputt und so endete der Umzug der Familie in der Oberpfalz. In Eschenbach i. d. Oberpfalz machte sie ihre Mittlere Reife und zog dann wegen einer Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin nach Nürnberg. Sehr brav lebte sie in einem Mädchenwohnheim. „Mit Nonnen. Besuch mußte angemeldet werden.“ Mit den Fremdsprachen im Gepäck wollte sie Stewardeß werden. „Aber die haben mich nicht genommen.“ Aus dem Wohnheim wollte sie raus, also suchte sie sich ganz pragmatisch einen Job über eine Zeitarbeitsfirma. Der erste Einsatz führte sie zu einem großen fränkischen Konzern, wo sie noch heute arbeitet. „Am ersten Tag mußte mir mein Chef zeigen, wie das Fax funktioniert“, lacht die 29jährige heute. Aber sie hat‘s gelernt – wie vieles andere – und wurde übernommen.

Ihre Liebe zum Tanz führte sie während dieser Zeit in einen Salsa-Kurs. „Ich hatte das Gefühl, endlich angekommen zu sein, belegte immer mehr Kurse, war auf vielen Salsa-Festivals und habe auch dort immer weitergelernt. Beim Salsa war ich der Überflieger und brauchte viel Input und auch Einzelunterricht.“ Dann kamen der Flamenco, traditioneller indischer Tanz, HipHop, Body Percussion und auch klassischer Ballettunterricht. Brittina Krech tanzte und tanzte und tanzte. Sie war auf der Suche nach ihrem Ausdrucksmittel. Und das fand sie in New York. „Nachdem sich ein anderer Reiseplan zerschlagen hatte, habe ich mir im Mai 2008 kurzerhand einen Traum erfüllt und bin für vier Wochen nach New York geflogen. Dort wird ein anderer Salsa-Stil getanzt, und in dieser Richtung wollte ich mich weiterbilden. Und dann kam der Gedanke, ich könnte es doch

eigentlich mal mit Striptease versuchen. Ich liebe diese Stadt und habe gemerkt, sexy sein, das kommt gut an.“

An der New Yorker School of Burlesque

Ein Nummern-Girl kündigt den Auftritt an.

Die Anmeldung an der New Yorker School of Burlesque war in der kurzen Zeit zwar schwierig, hat aber geklappt. „Das Genre Burlesque kannte ich aus einer Fernsehreportage, den tänzerischen Hintergrund aber eher weniger. Ich nahm Unterricht bei Jo Weldon, einer New-Burlesque-Stripperin, die mit viel Phantasie einen humorvollen Stil tanzt. Sie hat mir innerhalb von ein paar Stunden viele Tricks beigebracht. Es war eine tolle Erfahrung, daß hier Wissen von Frauen an Frauen weitergegeben wird. Auch die New Yorker Burlesque-Szene war spannend. Die Acts waren total gut.“ Erinnerungen an den Moderator im blauen Bunny-Kostüm, an Varieté mit Feuerschluckern und schönen Burlesque-Tänzerinnen lassen Brittina Krechs Augen noch ein wenig mehr glänzen als sonst, wenn sie an ihre Zeit in New York zurückdenkt. Für die Tänzerin ist Tanz nicht nur Leidenschaft, sondern ein Stück weit auch zwanglose Mission. An der Volkshochschule begann sie, Unterricht zu geben. „Das war ein frauenspezifisches Angebot, und das Konzept ging auf. Nur die erste Stunde, die war ganz furchtbar. Ich war sehr aufgeregt und sagte mir, daß ich das nie wieder machen werde. Doch die anderen Kurse waren schon ausgeschrieben.“ Mit der Erfahrung kam dann aber sehr schnell die Freude am Unterrichten. Später suchte sie sich Räume für eigene Kurse und wurde auch Dozentin in der Nürnberger Tanzfabrik. Seit Oktober 2009 finden ihre Kurse auch in den Räumlichkeiten der Leipersberger Ballettschule im Nürnberger Stadtteil Eberhardshof statt. Neben ihrem Vollzeitjob als Sekretärin gibt Brittina Krech an vier Tagen die Woche Unterricht. „Ich freue mich darüber sehr – aber eine Herausforderung ist das Pensum natürlich.“ Super Stretch steht dann auf dem Programm, ein Mix aus Yogaübungen, Ballett und klassischem indischen Tanz, im Kurs für „Glamour Girls“ wird vom Posing, Lauftraining bis zur Körperspannung bei Tänzen wie Salsa, Swing, CanCan, Charleston und Broadway viel ausprobiert, und im Burlesque-Kurs für Anfängerinnen kann jede Frau die Verführungskunst des Burlesque-Tanzes erlernen. Und zwar ohne sich zu entkleiden: Alle Accessoires werden auf der Trainingskleidung getragen. „Jede gestaltet ihren eigenen kleinen Show-Act. Da muß die Musik genauso stimmen wie das Outfit und die Bewegungsabläufe. Und klar, daß die Frauen auch lernen, sich auf der Bühne zu präsentieren – wo immer diese Bühne auch sein wird.“

Mit der Federboa im Parkcafé

Sweet Chili läßt die Luft raus.

Nach dem Training mit der Gruppe trainiert dann nicht mehr Brittina Krech, sondern Sweet Chili. Und zwar mit ihren „Hot Peppers“. Im Juli hatte Sweet Chili mit ihren Tänzerinnen und mit neuen Nummern Premiere mit der ersten Burlesque-Varieté-Show im Parkcafé Nürnberg. Wenn erst der eine, dann der andere Fuß hinter dem Paravent hervorlugt, wenn zwei rot behandschuhte Hände zu sehen sind, wenn sie dann hervorkommt hinter dem Paravent, dann ist Brittina Krech alias Sweet Chili in ihrer Welt. Dann gehört die Bühne ihr, und wer zuschaut, freut sich darüber. Das neckische Spiel mit der roten Federboa entlockt dem Publikum bewundernde Pfiffe und wenn nach der Boa auch die Handschuhe mit koketter Miene ausgezogen werden, dann seien jedem seine Phantasien erlaubt. Doch mehr ausgezogen – wird nicht. Selbst wenn Sweet Chili mit Pasties auftritt, jenen mit Pailletten geschmückten Winzigkeiten, bleibt die Grenze zur Nacktheit gewahrt. Eine Burlesque mit Sweet Chili ist ein kokettes Spiel, aber keineswegs ein pornographischer Strip. Was vielleicht, aber auch nur vielleicht, dadurch belegt wird, daß sich viele begeisterte Frauen im Publikum befinden. Wer vermutet, daß Frauen nicht zur Zielgruppe der Tänzerin gehören, ist nämlich schwer im Irrtum. Denn gerade sie sind es, denen Sweet Chili Burlesque nahebringen möchte. Sie weiß, wie viel Spaß die Frauen in ihren Kursen haben: „Es ist toll, wenn man bei den Frauen die Entwicklung sieht. Wie sie das Gefühl bekommen, daß es toll ist, sexy zu sein. Meist ist das Eis schon nach 15 Minuten gebrochen, selten dauert es etwas länger. Weil es Spaß macht, die Verführerin aus sich herauszuholen, kommen am Ende oft ganz tolle Acts dabei heraus. Viele wollen fortlaufende Kurse, einfach weitermachen.“ Das aber wäre für Brittina Krech nicht Burlesque. „Burlesque ist etwas ganz Individuelles. Ich kann nur den Raum geben, Tricks zeigen und Mut machen. Ich sage ihnen: Wenn ihr denkt, daß ihr sexy seid, dann seid ihr es auch.“

Ein wenig frivol, ein wenig kokett und ein wenig unschuldig

Manche Kursteilnehmerinnen machen aus ihrer ganz persönlichen Show ein Geschenk zum Hochzeitstag. Andere nehmen nur für sich am Kurs teil. „Tanz ist Selbsterfahrung. Auch Burlesque-Tanz.“ Und Kunst. Denn für Sweet Chili ist nicht entscheidend, was man tut, sondern wie man es tut. „Das Wichtigste ist, daß man etwas mit Herzblut und Freude macht. Und wenn dann noch das Können dazukommt, dann ist es Kunst.“ Mit dieser Haltung konnte sie am Ende auch ihre Familie überzeugen: „Meine Mutter hat lange gebraucht, aber heute ist sie richtig stolz auf mich. Und mein Vater findet es auch gut.“ Viele Pläne für die Zukunft, Wünsche und Träume hat die Burlesque-Tänzerin. Ein eigenes Studio, bezahlbar, Jugendstil, am besten mit Stuck und Plüsch – das wäre perfekt. Doch noch ist die Zeit nicht reif: „Pionierin ist ja auch eine nette Rolle“, sagt sie. Und ist stolz, diese Burlesque-Kunst von New York nach Nürnberg gebracht zu haben. Spätestens dann, wenn ihre Luftballon-Nummer die Zuschauer in ihren Bann zieht, sind alle froh darüber, daß sie diese Pionierarbeit übernommen hat. Inmitten einer Wolke aus Ballons schwebt sie auf die Bühne. Ein wenig frivol, ein wenig kokett und ein wenig unschuldig. Und alles wartet gespannt.

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