Ausgabe Mai / Juni 2021 | Landleben

Schafe unter Strom

Von wegen Romantik: Der Beruf des ­Schäfers ist hart und dazu noch schlecht bezahlt. Die Schaf­beweidung von Photovoltaikflächen wäre ein ­Zukunftskonzept, das das Einkommen der Schäfer sichern könnte.

Text: Sabine Raithel | Fotos: Wolf-Dietrich Weissbach

Schafe unter StromDen gefilzten Schlapphut auf dem Kopf, ein Pfeifchen schmauchend und bequem auf den Schäferstab gestützt, beobachtet der Hirte in aller Ruhe seine Herde. Welche Romantik – und welche Symbolkraft! In der Kunst wird das Bild der ländlichen Idylle mit Hirtenszene als Pastorale bezeichnet (vom lateinischen „Pastor“: „Hirte“). In Renaissance und Barock wurden diese Darstellungen als ­Ideal ländlicher Einfachheit und Ruhe kultiviert; man findet sie ebenso im Rokoko, im Klassizis-mus, in der Frühromantik und der Romantik des 19. Jahrhunderts. Und dann natürlich das Schaf: Seit Jahrtausenden gilt es als Symbol des Lebens. In alten Kulturen war es Opfertier. Im Neuen Testament wird damit Jesus Christus symbolisiert: das Lamm Gottes („Agnus Dei“), das, wie schon bei Johannes 1,29 steht, „die Sünde der Welt ­hinweg nimmt“. Es hat also doch einen tieferen Sinn, das mit dem Schäfchen in Goldfolie und Glöckchen. Gut, soweit wäre das mit der Ruhe und Romantik geklärt. Die Realität sieht allerdings etwas anders aus. Da geht es ums Überleben. Und das hat nicht nur was mit dem Wolf zu tun. Weit lebensbedrohlicher sind für den Bestand der Schäferei das Fehlen zusammenhängender freier Flächen und die ausgesprochen schlechten Einkommensverhältnisse.

Schafe für den Export

Wir schauen uns bei einem Schäfer in Oberfranken um, und zwar bei Landwirt Daniel Stief in ­Buckendorf bei Weismain. Rund 200 Schafe und 500 Ziegen stehen hier in den Stallungen. In wenigen Wochen, sobald es die Temperaturen zulassen, grasen sie nicht nur wieder auf den Freiflächen und steilen Hängen bei Kronach, Ruppen und Marktrodach. Künftig sollen die Tiere auch rund um die Panele von Photovoltaik-Anlagen im Landkreis Kronach für ordentlich „gemähte“ Grünflächen sorgen. Ein Novum und ein Hoffnungsschimmer. Die Beweidung von Photovoltaikanlagen könnte eine Kehrtwende der prekären wirtschaftlichen Lage der Schäfer bedeuten.

Daniel Stief ist Sproß einer alteingesessenen Landwirtsfamilie in der Fränkischen Schweiz. Seit Generationen betreibt seine Familie den schmucken Hof in Weismain. Schon als 18jähriger hat sich Daniel Stief einige Schafe zugelegt. Aus der Leidenschaft für Tier und Natur hat sich die Wahl des Berufs ergeben und eine stattliche Schaf- und Ziegenherde entwickelt. Neben Buren-Ziegen und Dorper-Schafen züchtet Stief auch Cheviot-Schafe: vergleichsweise große Tiere mit bildhübschen, weißen Gesichtern und Hasenohren. Die weiblichen Schafe können ein Gewicht von bis zu 80 Kilogramm erreichen, die männlichen werden sogar bis zu 120 Kilogramm schwer. Kuriose Geschöpfe, die ein wenig an die liebenswert-frechen Comiczeichnungen von „Shaun das Schaf“ erinnern. Die Tiere sind gefragt. Daniel Stief exportiert seine Schafe bis nach Korea und Nepal.

Schafe unter Strom
Daniel Stief zählt seine Schäfchen … tut er natürlich nicht explizit. Er schaut nur täglich bei seiner Herde vorbei, ob alles in Ordnung ist.

550 Schaf- und 157 Ziegenhalter gibt es in Oberfranken

Der 32jährige ist Schäfer mit Herzblut. Nur so läßt es sich erklären, warum er diese Aufgabe so liebt und ihr auch treu bleibt. Die Arbeit ist hart und die Tage sind sehr lang. Urlaub und Verreisen? Fehlanzeige. Die Tiere wollen rundum gepflegt und versorgt werden; die Ställe müssen in Schuß gehalten, Freiflächen vorbereitet und kontrolliert werden, Zäune müssen gebaut und gewartet werden. Daniel Stief ist kein Wanderschäfer, ist also nicht mit Hut, Hund und Herde unterwegs, sondern arbeitet mit Weidehaltung: Seine Tiere weiden für einen bestimmten Zeitraum an einem festen Ort. Und weil es kaum noch ausreichend große, zusammenhängende Flächen für diese Form der Schafhaltung gibt, müssen die Tiere aufwendig vom Sommer- zum Winterplatz transportiert werden. Im Fall von Daniel Stief und seinen Tieren heißt das: von Weismain nach Kronach – und dann wieder zurück – 20 Kilometer einfache Fahrt. Daniel Stief hat noch einen Mitarbeiter eingestellt, der ihm bei der Arbeit hilft. Das kostet zusätzliches Geld. Nur mit dem Einkommen aus der Schäferei käme er nicht über die Runden. Deshalb arbeitet er nebenbei noch in der Industrie.

550 Schaf- und 157 Ziegenhalter gibt es in Oberfranken. In Bayern nimmt der Schafbestand seit Jahren beständig ab. Im Jahr 2011 wurden noch 2 400 Schafhaltungen mit insgesamt 284 100 Tieren gezählt. Die Zahl ist seitdem um 11,1 Prozent, die Zahl der Betriebe sogar um 15,2 Prozent zurückgegangen. Unregelmässige Arbeitszeiten bei Wind und Wetter und schlechte Bezahlung sind Gründe, warum der traditionsreiche Ausbildungsberuf des Schäfers für junge Menschen immer unattraktiver wird. In Deutschland gibt es derzeit noch neun Auszubildende; zwei davon aus Bayern. Wirtschaftlich erfolgreich arbeiten kann ein Landwirt erst ab einer Herdengröße von ca. 500 Tieren. Davon gibt es nicht mal eine Handvoll in Oberfranken. „Sie alle arbeiten rund um die Uhr, an 365 Tagen im Jahr. Immer nach der ‚Eh-da‘-Formel – will heißen: ‚Ich bin ja eh da auf dem Hof‘. Es gibt keine Trennung zwischen Arbeitszeit und Freizeit“, weiß Renate Baierlein. Sie ist Fachberaterin für Schaf-, Ziegen- und landwirtschaftliche Wildhaltung am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und For­sten Kitzingen, mit Sitz in Bayreuth. „Nahezu alle Schäfer arbeiten weit unter dem Mindestlohn. Die Erlöse schwanken und sind abhängig von den staatlichen Prämien. Rund 60 Prozent der Erlöse sind Zahlungen der öffentlichen Hand; davon wiederum etwa die Hälfte Einnahmen aus der Pflege von Naturschutzflächen.“ In Bayern gibt es eine aus Landesmitteln finanzierte Prämie von 30 Euro pro Tier und Jahr (für Herden ab 20 Tieren, die mindestens zehn Monate alt sind). Aber das reicht bei weitem nicht.

„Unsere Wolle ist Abfall“

„Nur 40 Prozent seines Einkommens kann der Schäfer aus seiner Arbeit selbst erwirtschaften“, so Renate Baierlein. Kein Wunder. Denn Schafwolle aus Deutschland – ein Produkt, das auf dem internationalen Markt gehandelt wird – ist so gut wie wertlos. „Unsere Wolle ist Abfall“, sagt Schäfer Daniel Stief – und man spürt, wie weh ihm dieser Satz tut. Und die Fleischproduktion? Das Kilo Schaffleisch bringt derzeit um die drei Euro. Vermarktet der Schäfer direkt, fallen ca. 25 Euro für die Fleischuntersuchung an, dazu kommt dann noch die Konfiskatentsorgung. Renate Baierlein: „Einkommen können die Schäfer faktisch nur noch im Bereich Landschaftspflege und Naturschutz erwirtschaften.“

Schafe und Ziegen gehören wohl zu den ältesten und ökologischsten Mitarbeitern in der Landschaftspflege. Sie fressen wildwüchsige Brombeeren ab, verhindern Verbuschung, schützen den Boden mit einer dichten Grasnarbe, sorgen für hochwertigen Dünger und tragen zur Biodiversität bei, indem sie u. a. mit ihrem wolligen Fell kleine Insekten, Pflanzensamen und Pollen verteilen. Die extensive Beweidung mit Schafen und Ziegen sichert Lebensräume für eine Vielzahl von Tier- und Pflanzenarten. Die Wiederkäuer grasen auch auf schlecht zugänglichen Restflächen und sogenannten „Sekundärnutzflächen“ – sorgen also da für Ordnung, wo herkömmliches landwirtschaftliches Gerät nicht so leicht hinkommt.

Für Renate Baierlein ist die Schafbeweidung von Photovoltaikanlagen ein sinnvolles Zubrot für die Schäfer. „Wir haben bereits junge Schäfer in Bayern, die – neben der Weidehaltung – noch die Elektrik der Anlagen überwachen bzw. Wartungsarbeiten übernehmen. Hier ergeben sich interessante Perspektiven.“

Darauf hofft auch Daniel Stief. Das Rugendorfer Energieunternehmen Münch Energie hat ihm ein mehrere Hektar großes Areal in Aussicht gestellt, das die „lebenden Rasenmäher“ künftig in Schuß halten sollen. „Die naturnahe und Ressourcen schonende Schafbeweidung ist alleine schon aus ökologischen Gründen für uns ganz klar die erste Wahl“, so Geschäftsführer Mario Münch. Münch, selbst Landwirtssohn, setzt in seinem Geschäftsmodell auf die enge Zusammenarbeit mit Landwirten, denen er ein attraktives Einkommen verspricht – zum einen durch die Nutzung von Freiflächen für Photovoltaik, zum anderen durch die Schafbeweidung. Photovol­taikflächen des Unternehmens in Gössersdorf und in Gumpersdorf werden bereits von Schafen beweidet. Zudem hat Münch mit der Integration von Insekten-Hot-Spots und der Entwicklung besonderer Blühmischungen, die für Insekten, Vögel und Wiederkäuer gleichermaßen anziehend sind, ein nachhaltiges Gesamtkonzept entwickelt.

Schafe unter Strom
Unter einer Photovoltaikanlage kann den Schafen zumindest nicht so einfach der Himmel auf den Kopf fallen.

Photovoltaikflächen sind Niederwild-offen – da kommt auch der Wolf durch

Damit die Blumen und Kräuter auch tatsächlich den Geschmack der langohrigen Cheviot-Schafe treffen, hat Münch bei der Entwicklung auf über 50, zum Teil selten gewordene, heimische Arten gesetzt. „Für uns als Betreiber der Anlage ist Schafbeweidung die optimale Lösung: Es gibt keine Staub­entwicklung oder eine Beschädigung der Anlage durch Steinschlag wie bei der Mahd. Der Pflanzenbewuchs rund um die Solarpanele wird in Schach gehalten. Durch die Schafbeweidung bleibt der Boden jedoch lebendig. Das aufwendige Mulchen wird in diesem natürlichen Kreislauf überflüssig. Für den Schäfer hat es den Vorteil, daß die Solarflächen weder gedüngt noch mit Pestiziden behandelt werden. Darüber hinaus dienen Solarflächen den Tieren als Unterstand und Schutz gegen ­Hitze und Sturm. Einziges Manko: Photovoltaikflächen sind in der Regel Niederwild-offen. Sprich: Da wo sonst auch Hasen hindurchhoppeln können – was gewünscht ist – da kommt auch der Wolf problemlos durch. Deshalb müssen die Zäune außen mit elektrischen Litzen nachgerüstet werden. Fachfrau Baierlein sieht die Betreiber von Photovoltaikanlagen in der Pflicht: „Die Kosten für die Pflege der Flächen, also die Dienstleistung des Schäfers sowie die seiner Schafe muß zwingend der ­Photovoltaikbetreiber übernehmen.“ Dem stimmt auch Mario Münch zu: „Uns ist es ein Anliegen, daß sich Photovoltaik für alle lohnt. Wenn der Schäfer noch zusätzliche Dienstleistungen übernimmt und beispielsweise dafür sorgt, daß Zäune und Grünflächen in Ordnung sind und eventuell kleinere Wartungsarbeiten an den Anlagen gemacht werden, kann er mit uns zwischen 500 und 750 Euro pro Hektar und Jahr dazuverdienen.“

Schafe unter Strom
Den Winter müssen die Schafe (hier Cheviot-Schafe) von Daniel Stief im Stall verbringen.

Die mageren Wiesen des Frankenwalds und die blühenden Flächen rund um die Photovoltaikanlagen sind ein Dorado für Schafe. Und die Landschaft braucht die Schafbeweidung. Fachfrau Renate Baierlein: „Voraussetzung für den Erhalt dieser Arbeit – und für das Überleben der Schäferei insgesamt – ist, daß die Arbeit fair honoriert wird. Das ist der Dreh- und Angelpunkt. Es braucht zudem neue, zukunftsweisende Konzepte, damit die Schäferei in Oberfranken wirtschaftlich ist und Zukunft hat. Ansonsten fürchte ich, daß das malerische Bild von grasenden Schafen an den Wegen und das von dem Wanderschäfer, der mit Stab und Hund seine Herde hütet, in Oberfranken bald Historie sein wird. Doch dann würde sich auch die Landschaft dramatisch verändern.“

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