Ausgabe Juli / August 2021 | Wissen & Können

Regina regit lignum

(Die Dame bestimmt das Holz) Der Film „Das Damengambit“ beschert einer Firma in ­Weisendorf bei Erlangen eine Riesennachfrage nach ihren Qualitätsschachbrettern.

Text: Gunda Krüdener-Ackermann | Fotos: Wolf-Dietrich Weissbach
Corinna Ulbrich
Corinna Ulbrich

In Zeiten der vielleicht gerade auslaufenden Corona-Pandemie gab es zwei Dinge in Hülle und Fülle: Zeit, oft als Langeweile diffamiert. Und dazu eine im Laufe der Monate zunehmende Schlappheit, dem Virus zu trotzen. Exponentiell, hieß es, breite der sich aus. Na ja, was immer das heißt, so schlimm wird das schon nicht sein, oder?

Für beide Probleme sollte man sich ein Schachbrett zu Hilfe nehmen. Das mit der Ausbreitung des Virus etwa, läßt sich mit den vierundsechzig schwarz-weißen Spielfeldern ganz leicht (?) veranschaulichen. Über den Umweg einer Geschichte vielleicht! Der Erfinder des Schachspiels, mag er ein Inder oder ein Perser gewesen sein, sollte für seinen genialen Coup fürstlich belohnt werden. Bescheiden mutet der Wunsch des Mannes an, als er sich ausgehend von einem Reiskorn nur immer die doppelte Menge auf dem nächsten Spielfeld wünscht. Der Wesir, der für die Entlohnung zuständig war und irgendwann das gigantische Ausmaß dieses Wunsches realisierte, raufte sich am Ende wohl verzweifelt die Haare. Wer hätte das gedacht? Was für eine unvorstellbar riesige Menge Reis ergab sich da! Mathematisch genau 264-1 (in Zahlen: 9.223.372.036.854.775.808 Körner oder noch deutlicher: 376 Millionen Güterzüge à 30 Waggons voller Reis). Einfach nicht machbar! Nun, was interessiert uns das Beschaffungsproblem jenes Wesirs aus fernen Tagen? Aber diesen Vorgang der beängstigend raschen Vermehrung nennt man exponentielles Wachstum. Und so mathematisch exakt würden sich Corona-Viren maximieren, würde man denen nicht durch alle nur denkbaren Maßnahmen Einhalt gebieten. Bleibt man beim Schachbrett, dann wären bereits zwischen Feld e5 und f5 alle Bundesbürger infiziert. Ein unschöner Gedanken.

Widmen wir uns daher lieber jener erstgenannten, weit harmloseren Begleiterscheinung der Pandemie: der Langeweile. Da entdeckten doch mit einem Mal einige – und es sollten immer mehr werden, (zum Glück nicht exponentiell wachsend) über die Netflix-Serie „Das Damengambit“ die ideale Möglichkeit, anspruchsvoll die Zeit totzuschlagen. Schachspielen wurde plötzlich die Wahl der Stunde. Das filmische Faszinosum des Schachgenies Elizabeth Harmon, eines amerikanischen Waisenkindes, ließ Computerspiele wie World of Warcraft und Konsorten beinahe alt aussehen. Plötzlich war wieder ein Brettspiel angesagt, das lange Zeit eher das Image eines angestaubten Herrenhobbys hatte. Ganz ohne Joystick etc., sondern einfach nur manuell, wurden jetzt massenhaft sechzehn bzw. zweiunddreißig Figuren mehr oder weniger taktisch klug über die schwarzweißen Felder geschoben.

Edelschachbretter in Handarbeit

Firmenchef Gottfried Ulbrich
Firmenchef Gottfried Ulbrich

Eine völlig ahnungslose Dame im fränkischen Weisendorf bei Erlangen, wurde von dieser plötzlichen Schachmania allerdings glatt überrollt. Lange schon hatte sie für qualitätsbewußte Kunden Schachfurniere in bester Handwerkstradition produziert. 4 000 bis 6 000 Stück pro Jahr. Und mit einem Mal? Was war da los? Die Bestellungen nahmen kein Ende. Und das während der Pandemie, mitten im ersten Lockdown. Eigentlich hatte man sich auf einen massiven Einbruch der Nachfrage eingestellt. Die Spielwarengeschäfte waren doch geschlossen und allerorten hakte es mit dem Vertrieb. Zum Glück hatte Corinna Ulbrich, Chefin des einzigen manuellen Herstellers von Spielbrettern in Deutschland, aber unverzagt weiterproduziert. Quasi auf Vorrat für bessere Zeiten. Aber mit einem Mal waren die Auftragsbücher so voll, daß die Firma Ulbrich Spieledesign mit ihrer Produktion kaum mehr hinterherkam. Einen solchen Hype hatte es zuvor noch nie gegeben, obwohl man bereits in dritter Generation im Geschäft ist. Schon früher war Schach immer mal wieder medienwirksam thematisiert worden, etwa 1993 in dem amerikanischen Filmdrama „Das Königsspiel – ein Meister wird geboren“. Erinnert sei auch an die weltweite Aufmerksamkeit für Ausnahmespieler wie den Amerikaner Bobby Fischer (1943 bis 2008) – Weltmeister von 1972 bis 1975 –, der ob Bauer, Läufer oder Dame, seine Figuren bevorzugt auf Ulbrich-Brettern bewegte. Dennoch hielt sich damals die Nachfrage in Grenzen. Über den Grund für den aktuellen Run auf die schwarzweißen Bretter wurden Corinna und ihr Mann Gottfried, der eine Schreinerei betreibt, schließlich durch einen niederländischen Geschäftspartner aufgeklärt.

Alle wichtigen Arbeiten zur Herstellung der Schachbretter erledigt Corinna Ulbrich selbst.
Alle wichtigen Arbeiten zur Herstellung der Schachbretter erledigt Corinna Ulbrich selbst.

Die Furnierholzstreifen werden miteinander verklebt.
Die Furnierholzstreifen werden miteinander verklebt.

Gamification

Und seitdem weiß man im Hause Ulbrich, daß wohl die dreifache Menge des letzten Jahres an Schachintarsien zu produzieren ist. Dennoch ist eins weiterhin klar: Solche handgefertigten Edelfurniere sind nichts für den Massengeschmack und sollen das auch gar nicht sein. Händler, die hohe Qualität und Wertigkeit von Produkten schätzen, kommen an den Ulbrich’schen Schachbrettern allerdings nicht vorbei. Schlechte Erfahrungen mußte man hingegen mit dem Vertrieb durch den Mega-Online-Versandhändler Amazon machen. Da wird bei den Bestellungen nicht nur eben mal so gekleckert, nein, da wird richtig geklotzt. Beeindruckend große Stückzahlen werden da geordert. Für das mit Herzblut hergestellte, ganz besondere Produkt interessiert sich dort aber niemand. Es geht um Masse und um den Preis. Im Klartext: um den Gewinn für Amazon. Da das Marktpotential dieser „schwarzweißen Dinger“ in Vor-Coronazeiten für den Marktgiganten noch nicht absehbar war, dümpelten die feinen Bretter auf irgendwelchen nachgeordneten Online-Seiten vor sich hin. „Das Zeug“ verkaufte sich so natürlich nicht, blockierte als Ladenhüter unnötig Lagerfläche. Also zurück damit zum Produzenten! Obwohl von Amazon immer wieder lauthals bestritten, muß sich der Lieferant dazu verpflichten, seine selbstverständlich unbezahlte(!) Ware zu vernichten. Ein ruinöses Geschäftsgebaren, von dem sich vermuten läßt, daß damit schon vielen kleinen feinen Firmen der Garaus gemacht wurde. Zumindest den Ulbrichs ist es gelungen, in zähen, unschönen Verhandlungen, ihre Schachbretter vor dem Schredder zu bewahren.

Auf Perfektion legt Corinna Ulbrich größten Wert.
Auf Perfektion legt Corinna Ulbrich größten Wert.

Im Rückblick hat sich jedoch gezeigt, daß Firmengründer Rudolf Ulbrich, einst Kaufhausbesitzer im sudetendeutschen Reichenberg, den richtigen Riecher hatte. Ihn hatte nach der Ankunft in der neuen fränkischen Heimat die Frage bewegt: Was könnten die Menschen in der Nachkriegszeit am besten brauchen? Womit ließe sich die eigene Familie ernähren? Vielleicht mit Holzprodukten? Über den einen oder anderen Umweg landete man letztendlich bei Spielbrettern: für Mühle, Backgammon, Mensch-ärgere-dich-nicht – und natürlich Schach – alles für zu Hause, aber auch in Versionen für unterwegs.

Heute ist es Corinna Ulbrich, Schreinerin und studierte Holztechnikerin, die mit ruhiger Hand aus hauchdünnen Holzbrettern die Oberflächen der Spielbretter fertigt. Mit einer eigens dafür umgebauten Papierschneidemaschine werden die gerade mal sechs Millimeter dicken Blätter in Streifen geschnitten, danach gepreßt, damit die Streifen plan sind, die letztlich hell-dunkel kariert aneinandergeklebt werden – und das – darin liegt die handwerkliche Kunst – absolut fugenlos. Vorangegangen war dem Ganzen bereits eine sorgfältige Holzauswahl. Dabei achtet die Dame auf Astlöcher, Maserung, Faserverlauf und natürlich das richtige Holz.

Bretter für Paul Wunderlich und Man Ray

Das Man-Ray-Schachbrett könnte offensichtlich auch auf dem Rand bespielt werden.
Das Man-Ray-Schachbrett könnte offensichtlich auch auf dem Rand bespielt werden.

Früher wurden Edelhölzer wie etwa Makassar oder Palisander aus Ostindien, Madagaskar, Brasilien dazu verwendet. Kann man auf diese Hölzer nur bedingt im Instrumentenbau verzichten, so ist bei der Herstellung von Spielbrettern Schluß mit dem Raubbau in tropischen Wäldern. Darüber wacht zumindest hierzulande der Bund Naturschutz. Denn nicht allein das Fällen solcher Urwaldriesen ist problematisch, sondern Bulldozer und schweres Gerät walzen auf ihrem Weg zur Baumernte alles „überflüssige Grünzeug“ nieder, das ihnen in die Quere kommt. Billigend in Kauf nimmt man dabei die immensen Kollateralschäden für die dortige Flora und Fauna. Die Ulbrich’schen Schach-Intarsien werden heutzutage ökologisch verträglich aus Hölzern mit so wohlklingenden Namen wie schwarze Elsbeere, Vogelaugenahorn, tibetanischer Apfel oder Roseneiche gefertigt. Sind die Schachintarsien schließlich fertig, werden sie nach Österreich verschickt, um sie auf das Trägermaterial zu montieren. Wer letztlich auf Qualität und Ästhetik zählt, greift zum Schachbrett aus dem fränkischen Weisendorf. Sogar in manchem Hollywoodfilm haben Corinna und Gottfried Ulbrich eines ihrer Schachbretter entdeckt. So richtig stolz sind sie jedoch auf drei ganz besondere Aufträge. Für Künstlereditionen von Schachfiguren sollten sie Bretter kreieren. Für die des Neo-Surrealisten Paul Wunderlich.

Und für den Objektkünstler und Maler Man Ray. Noch heute ein ästhetisches Highlight sind dessen klassisch geometrische Figuren auf der randlosen Ulbrich-Kreation: Schwarzweiße Felder, die über die Brettkante laufen. Schließlich gab es sogar noch einen „wahrhaft königlichen“ Auftrag: den Nachbau der sog. Augsburger Schachkassette, die im Original für Figuren aus echtem Meißener Porzellan gedacht ist.

Bei all dem gilt jedoch im fränkischen Weisendorf in Abwandlung der Schachregel: Regina regit colorem, die Dame bestimmt die Farbe ihres Feldes, Regina regit lignum. Die Dame bestimmt das Holz. Ob es dem weltberühmten Bobby Fischer wohl gefallen hätte, daß Corinna Ulbrich heute sein Brett fertigen würde? Er, der das weibliche Geschlecht in jeder Hinsicht für schach-untauglich hielt.

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