Ausgabe Mai / Juni 2010 | Natur & Umwelt

Piepshow vor dem Aus

Abriß der Kulturgeschichte eines bedrohten Allerweltsvogels

Text + Fotos: Wolf-Dietrich Weissbach

Vermutlich bleibt der Ausdruck Überflußgesellschaft gegenwärtig vielen im Hals stecken. Obwohl sachlich allemal gerechtfertigt, ist er aus der Mode gekommen; er paßt nicht recht zur Krisenstimmung. Wenn unbedingt Überfluß, dann an schlechten Nachrichten. Die sind natürlich selten ironisch wie: Der Bestand an komischen, schrillen und schrägen Vögeln ist nicht gefährdet; oft sind sie zwei- oder gar mehrdeutig, z. B.: Krisenmanager in der Krise; viele sind beängstigend und einige auf eine perfide Art beunruhigend, man weiß kaum, wie man darauf reagieren soll. So die seit einigen Jahren immer wieder verbreitete Meldung, die Spatzen stürben. Das tun sie in der Tat. Ihre durchschnittliche – in Städten übrigens höhere als auf dem Lande – Lebenserwartung liegt bei zweieinhalb Jahren, und rechnet man die Sterberate der Jungvögel mit ein, dann währt ein Spatzenleben im Durchschnitt gar nur neun Monate. Was nicht ausschließt, daß einzelne Exemplare zehn und mehr Jahre alt werden.

Doch das ist eigentlich nicht gemeint. Die beunruhigende Nachricht ist, daß die Spatzen in Mitteleuropa, und da besonders in den Städten, immer weniger werden, um bis zu dreißig Prozent in einem Zeitraum von zehn Jahren. (Weshalb der Haussperling in die Vorwarnliste der gefährdeten Arten aufgenommen wurde.) London ist inzwischen nahezu spatzenfrei, in Paris oder Warschau beobachtet man einen deutlichen Rückgang der Spatzenpopulation. Und ebenso sieht es in praktisch allen deutschen Städten aus – abgesehen von Berlin. In der Hauptstadt scheint der Passer domesticus, wie der Sperling beim Ornithologen heißt, noch immer halbwegs ideale Lebensbedingungen vorzufinden, und die Stadtverwaltung bemüht sich, daß es auch so bleibt. Andernorts beobachtet man das Geschehen zumeist nur mit gemischten Gefühlen.

Indikator für Lebensqualität

Nüchtern betrachtet sollte auch kein Grund zur Sorge vorliegen. Nach dem Buchfinken gehört der Spatz nach wie vor zu dem am häufigsten vorkommenden Brutvogel in Deutschland. Weltweit – und der Spatz ist weltweit verbreitet, von den Polargebieten, Teilen Nordsibiriens, Chinas, Südostasiens, Japans, Westaustraliens (hier wird bis heute konsequent eine Besiedelung verhindert), dem tropischen Afrika und Südamerika abgesehen – schätzen die Fachleute die Anzahl der Spatzen auf ca. 500 Millionen. Nur, daß es sie woanders noch gibt, in Fülle, wäre für uns ein schwacher Trost, wenn sich der Trend ungebrochen fortsetzte. Und es sollte nachdenklich stimmen, wenn der vermutlich älteste Kulturfolger, der seit rund 10 000 Jahren stets in der unmittelbaren Nähe von Menschen lebte, und zwar allen, oft groß angelegten Verfolgungen zum Trotz, genau in dem Moment bei uns keine Lebensgrundlage mehr fände, in dem er nicht mehr verfolgt und ihm sogar mit zunehmender Sympathie begegnet wird. Offensichtlich aber gelingt der modernen Welt ungewollt, was allen früheren Ausrottungsversuchen nicht glückte. Moderne und sanierte Gebäude bieten kaum noch Nischen und Hohlräume, die die Sperlinge als Brutplätze benötigen. Durch den Einsatz effizienterer Erntemaschinen verbleibt weniger verwertbare Nahrung nach der Ernte auf den Feldern. Eine offene Nutztierhaltung, z. B. Hühner, gibt es selbst auf dem Lande kaum noch. Der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft verringert das Angebot und die Qualität der „animalischen Nahrung“, sprich Raupen und Insekten, die die Spatzen zur Aufzucht ihrer Jungen benötigen. In den Städten und Vorstädten steigt permanent der Anteil versiegelter Flächen, so daß die Spatzen auch kaum noch Gelegenheit für ihr „Staubbad“ finden, mit dem sie ihr Gefieder von Parasiten befreien. Die Städte wurden und werden – sieht man von freilich nicht zu vergessenden Problemzonen ab – aufgeräumt und sauberer, aber auch für die Menschen, zu denen mit Verlaub selbst die Kinder zählen, keineswegs lebenswerter. Die zum größten Teil unsäglichen Fußgängerzonen in allen größeren und kleineren Städten seien dafür beredtes Zeugnis. Um es salopp auszudrücken: Wenn davon die Spatzen die Nase voll haben, darf man es ihnen wohl nicht verargen. In diesem Sinne kann man das Vorkommen von Spatzen als Indikator für Lebensqualität verstehen. Nicht zuletzt vermögen sie in Gartenlokalen und Straßencafés durch ihre Frechheit und Cleverness selbst die verbiestersten Zeitgenossen zu amüsieren.

Und clever sind sie übrigens sehr wohl, trotz des volkstüm-lichen Ausdrucks vom „Spatzenhirn“. Sie können nicht nur andere Vogelstimmen imitieren – im 18. Jahrhundert wurden deshalb Spatzen und Kanarienvögel zusammen in Käfigen gehalten – und sie schauen auch anderen gewisse Fertigkeiten ab. So wurde in den 1930er Jahren in England beobachtet, daß sie als erste den Meisen das Öffnen von Milchflaschen nachmachten. Selbst ihr Sozialverhalten, wo sie doch als so streitsüchtig gelten, ist erstaunlich. Sie adoptieren „Waisenkinder“, sie rufen ihren Schwarm herbei, wenn sie eine Nahrungsquelle entdeckt haben, und warten mit dem Fressen bis die anderen da sind, und sie sind, entgegen der allgemeinen Ansicht, monogam und treu. Allerdings etwas schamlos. Wenn’s zur Gruppenbalz geht, kennt der Haussperling kein Pardon. Rasant und lärmend wird ein Weibchen von acht bis zehn „Leidensgenossen“ gejagt, umringt und abwechselnd bestiegen, in der Regel ohne daß es wirklich zur Kopulation kommt. Interessant ist, daß das mit dem Weibchen verpaarte Männchen dabei immer in der Nähe bleibt. Welche Funktion die Gruppenbalz hat, wissen selbst die Fachleute bis heute nicht.

Aphroditens Lieblingsvögel

Erfolgsorientierter verhalten sich die Weibchen: Läßt es sich auf ein Männchen ein, inspiziert es zunächst den Nistplatz. In der fruchtbaren Phase ist es schließlich das Weibchen, das zur Kopulation auffordert und zwar mitunter 15 bis 20 Mal in der Stunde. Es ist dieses Balz- und Paarungsverhalten, das den Spatzen schon in der Antike zu großem Ansehen verhalf. Sie waren die Lieblinge der Aphrodite (wie der römischen Venus), der Göttin der Fruchtbarkeit, später der Liebe, der Schönheit und der sinnlichen Begierde. Laut der antiken Dichterin Sappho (um 600 v. Chr.) wurde die Göttin sogar mit ihrem goldenen Wagen von Spatzen über den Himmel gezogen (allerdings streiten sich die Gelehrten, ob nicht doch größere Vögel gemeint waren und es sich um einen Übersetzungsfehler handel).

Die Spatzen hatten zahlreiche Auftritte, wenn auch kaum tragende Rollen, in den Komödien des Aristophanes (ca. 450 bis ca. 380 v. Chr.), natürlich in „Die Vögel“ oder in „Lysistrate“; die Spatzen mußten dazu herhalten, das unkeusche Benehmen seiner Zeitgenossen auf’s Korn zu nehmen. Vögel und besonders die Spatzen galten in der Antike als Phallussymbol. Berühmt sind in diesem Zusammenhang die Gedichte des römischen Dichters Catull (87/86 bis ca. 50 v. Chr.), der in seinen Liedern die Trauer seiner Geliebten Lesbia über den Tod ihres lieben Spatzen beklagt. (Was moderne Philologen zu der Interpretation veranlaßt, der antike Autor würde seine eigene Impotenz öffentlich bejammern.)1 Auf jeden Fall gehören die Spatzen, wenn auch symbolisch und metaphorisch von der Antike an zu unserer Kulturgeschichte, und sie tauchen über die Jahrhunderte in der Literatur von Shakespeare (z. B. „Triolus und Cressida“, „Maß für Maß“) über Lessing („Der Sperling und die Feldmaus“) bis zu Christian Morgenstern („Der Sperling und das Känguruh“) und Wilhelm Busch (siehe Kasten) immer wieder auf. Freilich hat ihre literarische Bildung nicht verhindert, daß die Spatzen ebenfalls seit der Antike von Menschen (von Katzen sowieso) gejagt, was nicht ganz leicht ist, da Spatzen bis zu 60 Km/h schnell sind, und verfolgt wurden. Der Verzehr ihres Fleisches galt als förderlich für den Liebesdrang; nicht unbedingt sättigend, denn ein ausgewachsener Spatz bringt gerade einmal 35 Gramm auf die Waage.

Das mußte moralische Konsequenzen nach sich ziehen, die dann im christlichen Mittelalter recht zum Tragen kamen. Laut Karl Wilhelm Beichert  („Der Haussperling im Spiegel der Jahrhunderte“) prangerte dies im 14. Jhr. ein Konrad von Megenburg in seinem „Buch der Natur“ an, im 16 Jhr. ein Konrad Gessner in seinem Vogelbuch  und im 18. Jhr. faßte der französische Naturforscher Georges Louis Marie Leclerc Comte de Buffon (1707 –1788) alles, was er über den Körnerdieb wußte zu einer vernichtenten Charakterisierung zusammen: „Da sie (die Sperlinge) faul sind und viel fressen, so nehmen sie ihren Unterhalt aus schon ganz angefüllten Vorräthen, das heißt, sie leben von den Güthern eines anderen. Unsere Scheunen, Kornböden, Höfe, Taubenhäuser, mit einem Worte, alle Oerter, wo man Korn sammlet und ausschüttet, besuchen sie am vorzüglichsten. Und da sie eben so gefräßig als zahlreich sind, so thun sie mehr Schaden, als sie Nutzen stiften, denn ihre Federn taugen zu nichts, ihr Fleisch ist nicht wohlschmeckend, ihre Stimme beleidigt unsere Ohren, ihre Zudringlichkeit ist beschwerlich, ihr unverschämter Muthwillen ist lästig, sie sind überhaupt Geschöpfe, die man überall antrifft, und von denen man nicht weiß, was man mit ihnen machen soll und die so viel Verdruß verursachen, dass sie in gewissen Gegenden in die Acht erklärt und ein Preis auf ihr Leben ausgesetzt ist“ (Beichert,  2002)

Maos Krieg gegen die Spatzen

Die Spatzen wurden nun eindeutig als Nahrungskonkurrenten betrachtet. Der Schaden, den sie anrichteten, wurde im 18. Jhr. sogar ausgerechnet und beliefe sich in einem Land mit 100 Städten und 4 000 Dörfern auf  4 400 000 Reichstalern (ebenda). Vermutlich wurde erst von da an die Spatzenjagd systematisch betrieben. 1957 fand dies in China seinen unvergleichlichen Höhepunkt. Mao Tse-tung forderte sein ganzes Volk auf, mit lärmverursachenden Gerätschaften die Sperlinge so lange aufzuscheuchen bis sie vor Erschöpfung tot vom Himmel fielen. Dieser Krieg gegen die Spatzen war er­folgreich: Schätzungsweise zwei Milliarden Spat­zen ließen dabei ihr Leben. Und rächten sich posthum, indem im folgenden Jahr die Volksrepublik von ei­ner Insektenplage heim­gesucht wurde und Mao sich gezwungen sah, Spatzen vom sozialistischen Bruder Sowjetunion zu importieren. Bevor man sich über diesen „Schwachsinn“ allerdings empört muß man fairerweise derartige Maß­nahmen nur auf unsere Verhältnisse herunterbrechen. Allein 1950 wurden beispielsweise in Hessen 2,5 Millionen Spatzen vergiftet, ebenfalls aus dem Grunde, daß sie den Bauern das Getreide stahlen. Selbst von Vogelliebhabern wurden allerlei Gerätschaften und Methoden propagiert, wie die Spatzen auszurotten seien, da sich die Spatzensteuern früherer Zeiten offensichtlich nicht bewährt hatten. Friedrich der Große etwa hatte in Preußen eine Spatzensteuer eingeführt: Jeder Bürger mußte eine Anzahl Spatzenköpfe beim Staat abliefern.

Die Ernteerträge verbesserten sich jedoch nicht, da die getreideschädigenden Insekten explosionsartig zunahmen. Die Spatzensteuer wurde wieder abgeschafft. Solche Regelungen gab es dennoch fast in ganz Deutschland. Dabei hätte man es schon damals besser wissen können. 1771 veröffentlichte der Pastor Germershausen im „Wittenbergischen Wochenblatt“ eine,  zwar religiös ein­ge­kleidete, aber durchaus moderne Verteidigungsschrift für den Sperling. „Gottes Weisheit wisse wohl für das Gleichgewicht seiner Creaturen untereinander zu sorgen, und der Mensch tadle Gott, wenn er ein oder anderes Werk desselben aus der Schöpfung wegwünschet.“ (zitiert nach Beichert, siehe oben) Und er machte am Beispiel von Obstgärten um Potsdam deutlich, daß die Spatzen gerade in puncto Schädlingsbekämpfung sehr wohl nützlich sind. Die Zeiten haben sich geändert: Heute werden Spatzen bei uns nur noch gejagt, wenn sie das Unter­haltungsbedürfnis der Mas­sen stören. 2005 wurde in einer Messehalle in Leuwarden (Niederlande) ein Spatz erschossen, weil er den RTL Domino Day gefährdete, indem er 23 000 von vier Millionen aufgestellten Dominosteinen umwarf. Der öffentliche Protest gegen den Abschuß war riesig und wohl berechtigt. Nun sollte man allmählich darangehen, zu überlegen, ob und wie man die übrigen Spatzen retten kann. Wie wäre es mit einer „Spatzensteuer“ für Hausbesitzer, die keine geeigneten Nistplätze für den Passer domesticus an ihren Gebäuden schaffen?

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