Ausgabe Mai / Juni 2021 | Landleben

Landfrust, Landlust

Das Land? Das Dorf? Sind es noch immer idyllische Bilder, die da die Phantasie von Städtern beflügeln? Wogende Getreide­felder ­gesprenkelt mit knallrotem Mohn und leuchtend blauen Korn­blumen. Das in ein Tal gekuschelte Dorf, überragt vom Kirchturm …? Oder ist man zwischenzeitlich eher desillusioniert?

Text: Gunda Krüdener-Ackermann | Fotos: Wolf-Dietrich Weissbach
Landfrust, Landlust
Mitunter wollen die „Landbewohner“ einfach nicht, wie sie sollen.

Der direkte Blick auf das ländliche Hier und Jetzt zeigt jedenfalls immer mehr Felder, die nach dem Vorbild durchrationalisierter LPGs zu gigantischen Flächen für Monokulturen geworden sind. Der kleine bis mittelständische Bauer sieht sich nur allzu oft mächtigen Agrarkonzernen gegenüber. Ein Kampf wie zwischen David und Goliath, nur bislang mit wenig Hoffnung für den Sieg des Schwächeren. Felder sind auf Maximalertrag zu trimmen. Mittels genmanipulierter Pflanzen, den Einsatz von Kunstdünger, insektenbefreit durch Herbizide und Pestizide, effizient beackert von digital vernetzten monsterartigen Maschinen. Dazu Kühe in Reih und Glied, lebenslänglich eingepaßt in Metallgestänge, verwaltet per Melk-Roboter und GPS, nach maximaler Ausbeute der Endverwertung in Schlachtfabriken zugeführt. Alles EU-subventioniert und nurmehr darauf ausgerichtet, dem (städtischen) Verbraucher die konkurrenzlos billigsten Lebensmittel auf dem Teller zu servieren.

Neuerdings droht das Land auch zum Erfüllungsgehilfen der vielbeschworenen Energiewende zu verkommen, unseres maßlosen Bedarfs an Strom: Windparks und endlose Solarpanels, alles andere als eine Augenweide inmitten oft menschenleerer Bilderbuchlandschaften. Und die Dörfer? Sind das zukünftig nurmehr Orte so wie in Brandenburg oder Meck-Pomm, die durch Überalterung der Bewohner, Wegzug der Jungen, Verfall der Häuser und Gehöfte, nahezu „bauern-befreit“ immer mehr veröden? Oder sind es heute eher Anhäufungen von Einfamilienhäusern, die sich als suburbane Siedlungen oft seelenlos und krakenhaft von den Städten in die Dörfer fressen? Und außerhalb der Ortschaften, draußen auf den Fluren dann eine Ansammlung von nüchternen landwirtschaftlichen Zweckbauten. Der traditionelle Bauernhof mitten im Dorf – ein Auslaufmodell?

Aufeinander angewiesen

Werner Bätzing, Das Landleben
Werner Bätzing, Das Landleben (Foto: Uli Ertle)

Die Beschreibung solcher Szenarien, fernab von jener städtisch oft imaginierten „Landliebe-Idylle“, muß man auch in dem Buch „Das Landleben – Geschichte und Zukunft einer gefährdeten Lebensform“ des Bamberger Kulturgeographen Werner Bätzing aushalten. Ja – so sein Fazit – das Land mag heutzutage durchaus gefährdet sein, aber – und das ist die gute Nachricht – es ist nicht chancenlos. Denn mit einem Blick auf die jahrtausendealte Geschichte von Stadt und Land zeigt Bätzing auf: Die beiden konnten noch nie und werden wohl auch in Zukunft mit ihrer je eigenen Lebensweise nicht ohne einander können. Interessant ist, daß sich beide Siedlungsformen vermutlich völlig eigenständig entwickelt haben.

Bereits in frühesten Zeiten war das Dorf ein autonomer Mi­krokosmos, der seine Vorratshaltung aus den es umgebenden Feldern bewerkstelligte und später auch seine Handwerks- und Dienstleistungen vor Ort selbst organisierte. Städte hingegen waren mitnichten aus den Fugen geratene Dörfer, sondern sie entstanden oft an Kult- oder an für den Handel topographisch günstigen Orten. Nahegelegene Dörfer übernahmen die dortige Versorgung, während die Städte mit ihren Märkten zu zentralen Umschlagplätzen für jene Agrargüter wurden. Die Landwirtschaft paßte sich bald konsumentenbezogen an die Städte an. Bestes Beispiel das Nürnberger Knoblauchsland. Ländlicher Gemüseanbau fast bis vor die Stadttore. Weiter draußen dann die Weiden für das Vieh, danach der Wald. Landwirtschaft in früheren Zeiten, das bedeutete viele kleine Felder begrenzt durch Raine und Büsche. Der Boden wurde optimal genutzt, aber immer mit Blick auf kommende Generationen ressourcenschonend. Etwa in Form der Dreifelder-Wirtschaft. Das war Kultur im ureigensten Wortsinne. Pflege! Nachhaltigkeit nennt man das heute. Und so stellt Bätzing klar: Kultivierung des Bodens, allzumal die traditionell-bäuerliche, ist alles andere als schlecht. Vielmehr steht sie in ihrer einstigen Kleingliedrigkeit für Artenvielfalt. Denn es ist mitnichten die unberührte oder aufgelassene Brache, die ökologisch wünschenswert ist. Sie steht nämlich in der Regel für Verbuschung und nur geringe Biodiversität.

Statisten für Schaubräuche

Bätzing betont, daß das Land dereinst ebenso innovativ wie die Stadt war. Auch dort gab es Handwerksbetriebe (allerdings nicht die zunftgebundenen), Nutzung von Wasserkraft … Manufakturen. Der Gegensatz: Hier Land – konservativ und rückständig, dort Stadt – kreativ und innovativ hat erst nach der industriellen Revolution Fahrt aufgenommen. Besonders als die Städte später mit ihren Mu­seen, Theatern und Bibliotheken zu Kulturzentren wurden. Zunächst schien aber das Land noch mithalten zu können, wenn auch anders: effiziente Agrarprodukte wie Mais, Kartoffeln und Zuckerrüben hielten Einzug. Hinzu kam die Erfindung des Mineraldüngers, die Einführung von Dampfpflügen, Dreschmaschinen und Traktoren. Dorfläden entstehen, Handwerker wie Schmiede, Schuster haben ihr Auskommen, Wirtshäuser sind der kommunikative Mittelpunkt und durch die allgemeine Schulpflicht hat jedes Dorf neben dem Pfarrer bald seinen eigenen Lehrer.

In den städtischen Industriezentren hingegen entsteht jetzt ein völlig anderes Wirtschaften, das in Zukunft an die Grenzen unseres Wachstums führen wird: die kurzfristige Nutzung von hocheffizienten und billigen Energieressourcen, ohne sich um deren Reproduktion zu kümmern. Dabei geraten alle Orte – insbesondere Dörfer – die nicht via Eisenbahn oder Dampfschiff für den Warentransfer erreichbar sind, mehr und mehr ins Abseits. Parallel dazu erfährt das Land einen enormen Aderlaß an Menschen: Abwanderungen in die städtischen Industriezentren oder nach Amerika. Traditionelle Handwerksbetriebe und Kleingewerbe verschwinden auf dem Land. Verschärft wird die ökonomische Situation durch billige Getreideimporte aus Übersee. In zunehmendem Maße wird der Bauer jetzt zum Unternehmer und kann – früher undenkbar – Konkurs machen.

Landfrust, Landlust
Auf dem Land kann es manchmal sehr einsam sein.

Wiederholt blickt Bätzing in seinem Buch auch aus der Perspektive des Städters aufs Land. So meint das städtische Bürgertum des 19. Jahrhunderts Verlorenes und Ursprüngliches auf dem Land zu entdecken. Die Dörfler reagieren darauf und bedienen städtische Sehnsüchte mit fast schon vergessenen Traditionen, jetzt aber nurmehr als Statisten von „Schaubräuchen an Sonn- und Feiertagen“. Zunehmend kommt dem Land die Aufgabe zu, die wachsende Orientierungslosigkeit der Städter im rasanten gesellschaftlichen Wandel zu kompensieren. Raus aus der Stadt, heißt das Motto. Man sucht die „schöne Landschaft“, in der man „Natur, gesunde Luft, Ursprünglichkeit“ zu finden hofft. Prototyp dafür sind die Schweizer Alpen, die zu Namensgebern für Hunderte europäischer Schweizen werden sollten: die Sächsische, die Fränkische …

Wenn es auch noch ein langer Weg sein wird, aber bereits Ende des 19. Jahrhunderts entwickeln sich Ideen wie Natur- und Heimatschutz und auch die Anfänge des Tourismus, der sich zwischenzeitlich zu einer unverzichtbaren Einnahmequelle vieler Landbewohner entwickelt hat.

Landfrust, Landlust
Ob die Zwerge von den städtischen Vorgärten mit aufs Land ziehen?

 

Regionalität als Gegentrend

Landfrust, Landlust
Amerikanische Verhältnisse kündigen sich mitunter auf ungewöhnliche Weise an.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dann der ehrgeizige Plan, in allen Teilräumen der BRD gleichwertige Lebensverhältnisse zu schaffen. Man denke an die Gebietsreform der 70er Jahre, durch die sich verschiedene Ortschaften oft nolens volens zu verwaltungsfreundlichen Einheiten zusammenraufen mußten. Die Städte werden zu Ober-, Mittel- und Unterzentren (gemäß der Bevölkerungsdichte steigern sich hier die Angebote für Lebensqualität). Es entstand eine Art Verteilungsschlüssel für ein Netz aus täglichem Bedarf, medizinischer Versorgung, Beschulung, kultureller Teilhabe usw. Maximal eine Stunde Fahrzeit – mit dem Auto versteht sich – soll zwischen den Oberzentren mit ihrem optimalen Angebot aller Lebensbereiche und dem Land liegen. Aber damit, das macht Bätzing deutlich, werden elementare Bestandteile des bisher multifunktionalen Landlebens zerstört. Ortskerne sterben, lokale Bäcker, Metzger, Lebensmittelläden, Dorfschulen … verschwinden.

Dennoch zeigt gerade der Blick auf Gegenwart und Zukunft, daß ländliche Gebiete nicht chancenlos sind, daß sie wiederbelebt werden können. Bereits in den 1980er Jahren liegen die Anfänge eines neuen ländlichen Selbstbewußtseins: Plötzlich hier die Restaurierung eines alten Backofens, dort die Pflege einer kleinen Hausbrauerei… In Zeiten der gleichmachenden Globalisierung mit ihrer Cola- und Burger-Kultur wird Regionalität zum Gegentrend. Dabei werden regionale Produkte in zunehmendem Maße selbst vermarktet, um dem ruinösen Preiskampf mit den Discountern zu entgehen. Ein weiteres Standbein ist der ökologische Landbau, der das wachsende Unbehagen an den Produkten der Agrarindu­strie aufgreift. Aber auch mittelständische Unternehmen siedeln sich zwischenzeitlich wegen des beinahe flächendeckenden Autobahnnetzes verstärkt in ländlichen Gebieten an. Rund 20 % der sog. Hidden Champions, Weltmarktführer für Nischenprodukte, produzieren auf dem Land. Und man entdeckt sie wieder die sog. Soft Skills des Landlebens. Im Gegensatz zur Anonymität der Großstadt kennt man hier einander, packt gemeinsam an bei der Nachbarschaftshilfe, der Freiwilligen Feuerwehr oder um das alte Dorfwirtshaus, den Dorfladen genossenschaftlich zu revitalisieren.

Landfrust, Landlust
Auch die Bullen werden gelegentlich in Reih und Glied gehalten.

Die Drucklegung von Bätzings Buch war 2020. Ob seine Betrachtungen bereits die aktuellen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das Verhältnis Stadt – Land vollumfänglich im Blick hatten, ist eher fraglich. In Zeiten von quarantäne-bedingtem Homeoffice, des Eingesperrtseins mit Kind und Kegel in der teuren, engen Stadtwohnung wächst die Sehnsucht nach dem Leben auf dem Land, umso mehr, wenn auch dort (bald?) das Internet funktioniert. Nicht mehr Stadtluft, sondern Landluft scheint frei zu machen. Ob das so stimmt, sei dahingestellt. In Juli Zehs Roman „Unterleuten“ sieht es etwas anders aus. Da kann man nachlesen, was es bedeuten kann, wenn bukolische Träumereien zugezogener Städter auf das Verhalten eines „ländlichen Prols“ treffen, der ungeniert seine Autoreifen neben dem ökologisch angebauten Gemüsebeet abfackelt. Stadt und Land – es bleibt weiter spannend.

Buchtipp:

Werner Bätzing, Das Landleben. Geschichte und Zukunft einer gefährdeten Lebensform.
Verlag C. H. Beck, 26 Euro.

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